Meeresschildkröten – Projekt in Nicaragua

2011 unterstützte die Stiftung ein Projekt des Eine-Welt-Haus Jena und der Jenaplanschule für bedrohte Meeresschildkröten im Naturreservat Chacocente in Nicaragua.

Nur sieben Meeresschildkrötenarten gibt es weltweit. Sechs davon sind zum Teil vom Aussterben bedroht. Die Gefahren sind vielfältig:
Die Meeresreptilien sterben als Fleisch- und Schildplattlieferanten, sie verenden kläglich in Fischernetzen als Beifang, ihre Strände werden durch den Bau von Hotelanlagen zerstört, die Nester werden wegen der als Delikatesse geltenden Eier geplündert…

Schutzprojekt im Naturreservat Chacocente
Vier Arten von Meereschildkröten findet man regelmäßig an der nicaraguanischen Pazifikküste: die laut Roter Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutzunion IUCN gefährdete Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea), die stark gefährdete Suppenschildkröte (Chelonia mydas agassizii), die vom Aussterben bedrohte Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata) sowie das größte Meeresreptil der Welt, die bis zu 600 kg schwere Lederschildkröte(Dermochelys coriacea), die ebenfalls am Rande der Ausrottung steht.

Um diesen faszinierenden Meerestieren eine Chance auf ein langfristiges Überleben zu geben, unterstützten wir ein Schutzprojekt, das von der deutschen Organisation „Eine-Welt-Haus“ mit Sitz in Jena ins Leben gerufen wurde.

Jedes Jahr zwischen August und Dezember kommen schätzungsweise 20.000 bis 25.000 Meeresschildkröten zur Eiablage an die Pazifikküste von Nicaragua. Zum Bau ihrer Nester – 55.000 bis 60.000 Stück (!) – bevorzugen sie einen nur etwa 800 m langen Strandabschnitt im Naturreservat Chacocente.

Nach der mehrwöchigen Brutzeit schlüpft der Nachwuchs und macht sich auf den Weg ins Meer. Doch kaum haben die Minischildkröten das Licht der Welt erblickt, lauern allerlei natürliche als auch menschengemachte Gefahren auf sie. Man schätzt, dass weniger als 1% aller geschlüpften Tiere das geschlechtsreife Alter erlangt. Sie sind willkommene Beute für Fressfeinde wie Möwen, Krabben und Raubfische oder finden aufgrund von künstlichem Licht, wie bei Hotelanlagen, nicht den Weg ins Meer und verenden.

Doch selbst ihre Brutstätten sind nicht sicher: Ca. 30% des heranwachsenden Nachwuchses in Chacocente fällt Eierdieben zum Opfer. Mangels anderer Einnahmequellen plündern manche Einheimische Meeresschildkröten-Nester, um die Eier auf dem Markt zu verkaufen.

Ranger besitzen noch nicht einmal Gummistiefel, Taschenlampen oder Fahrräder!
Effektiver Schutz der Panzerträger ist in Nicaragua, dem zweitärmsten Land auf dem amerikanischen Kontinent, nicht im erforderlichen Maße möglich. Es fehlen die Mittel, um die Parkranger auch nur mit dem Notwendigsten auszurüsten. Sie besitzen noch nicht einmal Gummistiefel, Taschenlampen oder Fahrräder!

Davon konnten sich Anna Puffe aus der Jenaplanschule und ihre MitschülerInnen im Rahmen eines Schüleraustauschs im Jahr 2009 selbst überzeugen. Das Engagement der Einheimischen für die bedrohten Tiere trotz fehlender Mittel weckte in ihnen den Wunsch, ihren Partnern in Mittelamerika zu helfen: „Wir möchten dazu beitragen, dass sich die Tierbestände wieder stabilisieren, dass die Arbeitsbedingungen der Naturschützer sich verbessern und dass den „Eierdieben aus Not“ Alternativen aufgetan werden können“, erklärt Anna ihr Engagement.

Neben der dringenden Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Ausrüstung der Parkranger von Chacocente soll eine Aufzuchtstation errichtet werden. Sie kombiniert aktiven Schutz der Meeresreptilien mit praktischer Umweltbildung.

Station als Anschauungsobjekt für Einheimische und Touristen
Ganz bewusst will man die Brutstation nicht im Verborgenen aufbauen, sondern etwa 30 Kilometer entfernt von Chacocente in der Nähe von Hotels und Restaurants. So kann die Station als Anschauungsobjekt für Einheimische und Touristen gleichermaßen dienen. Der Weg der Meeresschildkröten ins Leben kann „live“ mitverfolgt werden, gleichzeitig können wichtige Naturschutzinhalte vermittelt werden. Zudem sorgt man auf diese Weise dafür, dass der unberührte Charakter des Naturreservats erhalten und die Besucherzahlen gering bleiben.

Die Betreuung der Station übernehmen ausgebildete Angestellte des nicaraguanischen Umweltministeriums MARENA. Doch sollen Biologiestudenten, Schüler, Jugendliche und andere Einwohner in die Arbeit integriert werden.

Dazu ist eine ministeriumsübergreifende Kooperation vorgesehen: „Das Tourismusministerium wirbt für nachhaltigen Tourismus, das Erziehungsministerium schickt Schüler und Studenten im Rahmen der Umwelterziehung und des ökologischen Jahres in die Station. Dabei sollen die Jugendlichen nicht nur lernen, sondern auch in die Bewachung der Station und Hilfsarbeiten mit einbezogen werden“, erklärt Dr. Ralf Hedwig, Projektleiter und Vorsitzender des Eine-Welt-Hauses in Jena. Die wissenschaftliche Begleitung erfolgt durch die private Universität UCA, die einzige Universität in Nicaragua, an der man Biologie studieren kann.

Es ist geplant, Eier von schlecht zu überwachenden und für Diebe leicht zugänglichen Stellen direkt nach der Ablage zu entnehmen und mit dem Boot zur Brutstation zu transportieren. Nach der Brutzeit – die je nach Art zwischen 45 und 70 Tage dauert – schlüpfen die jungen Meeresschildkröten und wandern ins Meer.