Artenschutz und Artenvielfalt der Meere

Südafrika: Hainetze vernichten seltene Delfine und Haie

In Hainetz ertrunkener Bleifarbener Delfin Richards Bay. Foto: Shanan Atkins

Grausame Todesfallen für Delfine und Haie

Bade- und Surfstrände erfreuen sich an den Küsten von Südafrika oder Australien großer Beliebtheit. Der Bade-Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die umliegenden Städte und Gemeinden. Für Meerestiere wie Delfine, Haie, Meeresschildkröten und größere Fische hört der Spaß allerdings spätestens dann auf, wenn sie auf einen vor Haiangriffen geschützten Strand zuschwimmen. Der Ausflug endet für sie nicht selten tödlich. In Südafrika besonders an den Stränden der an Mosambik angrenzenden Provinz KwaZulu-Natal.

"Bather protection": Todesfalle Stellnetze zum Schutz vor Haien
Etwa 400 Meter vor der Küste lauert eine tödliche Gefahr aus jenseits der Brandung parallel zur Küste ausgebrachten Stellnetzen. Sie sind jeweils etwas über 200 Meter lang, sechs Meter hoch und sollen, knapp unter der Wasseroberfläche verankert, Menschen vor Haiangriffen schützen. Und schützen heißt hier, dass die in diese Kiemennetze schwimmenden Haie, darunter auch immer wieder Exemplare vom Aussterben bedrohter Arten, sterben müssen - wenn sie nicht rechtzeitig befreit werden.

Viele küstennah lebende Delfine sterben in Hainetzen
Doch nicht nur Haie zahlen einen hohen Preis. Wobei dieser sowohl beim Zuschwimmen auf die Küste als auch beim Verlassen zu zahlen ist, denn es ist nur allzu leicht, seitlich an den Stellnetzen vorbei oder unterhalb von ihnen durchzuschwimmen. Für küstennah lebende Delfinarten, wie z. B. die vier Arten Buckeldelfine, die samt und sonders als bedroht gelten, können Hainetze sogar zum Zusammenbruch einer Population, vielleicht sogar zum Verschwinden der Art, beitragen.

Toter Bullenhai in Hainetz Provinz KwaZulu Natal.Toter Bullenhai in Hainetz Provinz KwaZulu-Natal.
Foto: Fiona Ayerst/Marine Photobank
Dies haben die Meeresbiologin Shanan Atkins vom Endangered Wildlife Trust aus Johannesburg und Kollegen in einer 8-jährigen Langzeitstudie festgestellt. Die Wissenschaftler konzentrierten sich dabei auf die bei Badenden und Surfern sehr beliebte Richards Bay in der Provinz KwaZulu-Natal, in der jedes Jahr besonders viele Bleifarbene Delfine (Sousa plumbea) in Hainetzen sterben müssen.

Richards Bay hat eine hohe Attraktivität für Bleifarbene Delfine
Das 6-köpfige Team aus südafrikanischen und einem australischen Wissenschaftler identifizierte 109 Bleifarbene Delfine mittels Fotoidentifikation individuell. Insgesamt fanden im Untersuchungszeitraum 417 Beobachtungsaktionen statt, bei 272 von ihnen wurden 384 Delfingruppen gesichtet.

Die Forscher konnten so den Großteil der Bleifarbenen Delfine erfassen, die während des Untersuchungszeitraums entweder die Richards Bay regelmäßig auf ihren Wanderungen durchschwammen oder sich ständig dort aufhielten. Wobei die Zahl residenter Tiere sehr klein im Vergleich zur Zahl durchwandernder blieb. Meist verweilten die Delfine nur für ein oder zwei Tage, bevor sie weiterzogen. Aber: Sie kommen immer wieder! Die Bucht hat eine sehr hohe Attraktivität für Bleifarbene Delfine mit fatalen Folgen für die gesamte Küstenpopulation dieser Art in der Provinz KwaZulu-Natal.

Hainetze: Todesfallen auch für Delfine
In der Provinz KwaZulu-Natal sind 37 Strände mit Hainetzen ausgerüstet, doch 60 Prozent der in Hainetzen sterbenden Bleifarbenen Delfine lassen ihr Leben in einer einzigen Bucht: Richards Bay. Obwohl hier nur 5 Prozent der 23,4 Kilometer Stellnetzlänge des 320 Kilometer langen Küstenstreifens von KwaZulu-Natal stehen.

So starben während der Studie von Shanan Atkins mindestens 35 Delfine in Richards Bay (25 Männchen, 9 Weibchen, bei einem war das Geschlecht nicht mehr feststellbar), darunter auch 9 Tiere, die das Forscherteam individuell identifiziert hatte. "Die Hainetze in der Richards Bay führen zu einer kontinuierlichen Schwächung der Population," schreibt Shanan Atkins.

Hainetze - Eine Sonderform der Fischerei zur Haibekämpfung
In KwaZulu-Natal werden Anti-Haimaßnahmen vom "KwaZulu-Natal Sharks Board" (KZNSB) koordiniert, das auch die Fangrate der Netze akribisch dokumentiert. Die Aufzeichnungen zeigen, dass sich ein Drittel der Tiere auf strandseitigem Weg in den Netzen verfangen, also ausgerechnet dann, wenn sie die Bucht wieder verlassen wollen!

Toter Bullenhai in Hainetz Provinz KwaZulu Natal.Toter Bullenhai in Hainetz Provinz KwaZulu-Natal.
Foto: Fiona Ayerst/Marine Photobank
Die Haischutz-Stellnetze agieren wie eine kommerzielle Fischerei, nur, dass der Fang nicht genutzt wird. Besonders schlimm an dieser Fangmethode ist deren Beifangrate. Stellnetze haben eine doppelt so hohe Beifangrate wie Schleppnetze oder anderes Fanggerät. Dies spiegelt sich auch in den offiziellen KZNSB-Statistiken gefangener und verendeter Meeresstiere aus den letzten 30 Jahren wider. Die Zahlen sind erschreckend:

33 000 Haie (darunter 25 000 für Menschen völlig harmlose Tiere), über 2200 Schildkröten, fast 8500 Rochen und 2500 Delfine! Neben Bleifarbenen Delfinen verenden auch viele Indopazifische Große Tümmler (Turisops aduncus) sowie Langschnäuzige Gemeine Delfine (Delphinus capensis).

Einfache Rechnung: Weniger Haie = Weniger Haiangriffe
De facto sollen durch Haischutzmaßnahmen die Populationen der großen Haiarten geschwächt werden. Delfinbeifänge sowie Beifänge kleiner und für den Menschen harmloser Hai- und Rochenarten werden als bedauerlicher Kollateralschaden in Kauf genommen. Seit 2010 soll die durchschnittliche jährliche Fangrate in KwaZulu-Natal bei 524 Haien liegen.

Immerhin lässt das KZNSB seit 1989 mittlerweile alle Haie, die noch lebend in den Netzen gefunden werden, wieder frei. Darunter auch potenziell für Menschen gefährliche Arten wie Sambesi- oder Bullenhaie (Carcharhinus leucas), Weiße Haie (Carcharodon carcharias) und Tigerhaie (Galeocerdo cuvier). Nach Angaben des KZNSB kommen so jedes Jahr durchschnittlich immerhin 15,7 Prozent der gefangenen Haie mit dem Leben davon.

Auch die Statistiken des australischen "Shark Meshing (Bather protection) 2014-2015 Annual Performance Report" lesen sich wie ein "Who‘s who" bedrohter oder geschützter Arten:

Von insgesamt 189 Meerestieren, die sich binnen eines Jahres in australischen Hainetzen verhedderten, stammten 145 (77 %!) von Nicht-Zielarten. Bei 23 Beifängen handelte es sich um geschützte (3 Gemeine Delfine, alle tot) oder bedrohte Arten: 10 Weiße Haie, 4 Suppenschildkröten (3 ertrunken, eine befreit), 4 Sandtigerhaie (tot), 1 Echte Karettschildkröte (tot) und eine nicht identifizierte Meeresschildkröte, die befreit wurde. Australien unterhält ein aufwendiges Beobachterprogramm, sodass auch immer wieder Tiere lebend aus den Netzen befreit werden können. Das war im Zeitraum 2014 bis 2015 bei 73 Gelegenheiten der Fall. Fast die Hälfte aller Fänge waren für den Menschen völlig harmlose Rochen (45%).

Delfine in der ökologischen Falle
Bleifarbene Delfine.Bleifarbene Delfine. Foto: L. KaczmarczykIn Richards Bay schwimmen die Bleifarbenen Delfine geradewegs in ein Dilemma. Die Bucht ist, wahrscheinlich wegen ihres guten Nahrungsangebots, sehr attraktiv, birgt gleichzeitig ein enorm hohes Gefahrenpotenzial. Die KwaZulu-Natal-Population erleidet so kontinuierlich, durch natürliche Vermehrung nicht zu kompensierende Verluste, die eines Tages zu ihrem Verschwinden führen könnten.

Denn es ist ja nicht nur die Richards Bay, die diesen scheuen und stark auf Küstenlebensräume angewiesenen Delfinen das Überleben erschwert: Überfischung, Beifangverluste in der kommerziellen Küstenfischerei, Störungen durch Wassersportler oder die Zerstörung der Lebensräume kommen als zusätzliche Faktoren hinzu.

Die letzten ihrer Art in Südafrika
Nach Angaben von sousaproject.org (SouSA - Protecting South Africa’s humpback dolphins) leben nur noch weniger als 1000 Bleifarbene Delfine entlang der Küste des Landes. Damit sind sie die am stärksten vom Aussterben bedrohte Meeressäugerart ganz Südafrikas! Man unterscheidet zwei Populationen, die sich genetisch leicht voneinander unterscheiden. Die eine hält sich vornehmlich in einem Gebiet auf, das von der Ostseite der am Kap der Guten Hoffnung gelegenen False Bay bis in die Algoa-Bucht bei Port Elizabeth reicht. Die zweite lebt entlang der Küste von KwaZulu-Natal. Man schätzt, dass es dort nicht mehr als 200 von ihnen gibt.

Lösungsansätze
Shanan Atkins und ihre Kollegen untersuchten auch, wie sich die Delfinbeifänge in der Richards Bay vermindern ließen. Der Königsweg ist hier schwierig zu finden. Zur Senkung von Beifängen in der Fischerei werden allgemein 4 Strategien angewandt: (1) Verminderung der Fangaktivitäten, dauerhaft oder zeitlich begrenzt; (2) Versetzung der Netze an andere Standorte; (3) Einsatz von Vergrämungstechnologie (z. B. Pinger); (4) Änderung der Fangmethode.

Die Länge aller Stellnetze in der Richards Bay beträgt 1,1 Kilometer. Das ist vergleichsweise viel. Nur an drei anderen derart geschützten Stränden in KwaZulu-Natal gibt es noch mehr Stellnetze. "Die Netze zu reduzieren oder sie zu bestimmten Zeiten abzubauen sind für die Delfine, die die Bucht das ganze Jahr über anschwimmen, keine langfristig wirksamen Optionen", schreiben die Wissenschaftler.

Das Versetzen der Netze, weg von den Nahrungsgründen der Delfine, kommt aufgrund von Infrastrukturproblemen nicht in Frage.

Auch von Pingern (akustischen Signalgebern) - es wurden 10- und 3-kHz-Geräte in der Bucht getestet - zeigten sich die Bleifarbenen Delfine weitgehend unbeeindruckt. Die Signale scheinen sie eher in die Netze zu locken, denn sie davon abzuschrecken. Ebenfalls wirkungslos blieb der Versuch mit versteiften Netzen, da diese ihre Steifigkeit nach 24 Stunden Einsatz verlieren. Hainetze bleiben jedoch 10 Tage im Wasser, bevor sie ausgetauscht werden.

Drumlines / Köderhaken: Ein zweischneidiges Schwert
Mit sogenannten Drumlines, an einer Boje befestigten, beköderten Haken konnte vor Australien und Brasilien die Delfinbeifangrate im Vergleich zu Stellnetzen gesenkt werden. Auch in der Richards Bay wurde ein Stellnetz, in dem besonders viele Bleifarbene Delfine starben, halbiert und durch einige Drumlines ergänzt. Doch locken die Köder gerade die Tiere an die Küste, die man hier nicht haben will: Haie - und diese sterben am Köderhaken einen langsamen und grausamen Tod, wenn sie nicht rechtzeitig befreit werden.

Elektrozäune und Shark-Spotter
Hai Warnschild Strand von Muizenberg, Südafrika mit Hai Spotter Hinweis.Hai Warnschild Strand von Muizenberg, Südafrika mit Hai Spotter Hinweis.
Foto: Kathleen Reaugh/Marine Photobank
"Um Haiangriffe zu vermeiden, muss man die Haie nicht töten. Es gibt umweltverträglichere Methoden", plädieren Shanan Atkins und ihre Kollegen für den Einsatz von "Elektrozäunen", am Meeresgrund verankerten Elektrokabeln, von denen unter schwachem Strom stehende Drähte ausgehen, die bis an die Oberfläche reichen und die elektrosensiblen Haie abschrecken. Diese werden vom KZNSB bereits erprobt. Auch der Einsatz von "Shark Spottern", die die Menschen rechtzeitig vor nahenden Haien warnen, hat sich z. B. vor Kapstadt bereits bewährt.

Ob diese Methoden auch in Richards Bay eingesetzt werden können, lässt sich noch nicht abschließend sagen. Hohe, sich kreuzende Wellen und sandiger Untergrund erschweren Verankerungen am Meeresgrund, das trübe Wasser behindert die Sicht für "Shark Spotter".

Das Forscherteam plädiert daher dringend für die schnelle Bildung einer Evaluierungsgruppe, die Maßnahmen untersuchen soll, wie man in der Bucht allen Beteiligten gerecht werden kann.

Als erste Reaktion auf die Studie hat das KZNSB zugesagt, zwei weitere Hainetze, die durch ihre hohen Delfinbeifangraten aufgefallen sind, zu entfernen und dafür Drumlines anzubringen. Ziel muss aber sein, in der Richards Bay, aber auch an anderen "geschützten" Stränden entlang der Küste von KwaZulu-Natal schnellstmöglich nicht-tödliche Vergrämungsmethoden zu installieren.

Haiangriffe sind extrem selten
Waren Haiangriffe bereits vor der Installation der Hainetze in den 1960er-Jahren ein sehr seltenes, wenn auch natürlich in jedem Fall ein sehr tragisches Ereignis, so wurden seit 1999 an den geschützten Stränden keinerlei Angriffe mehr registriert. Für das KZNSB ein klarer Erfolg seiner "Haischutzmaßnahmen". Für Meeresschützer ist dies allerdings eher ein Indiz für bereits drastisch reduzierte Bestände der großen Haiarten. Es gibt einfach nicht mehr genug von ihnen.

Natürlich müssen Menschen weiterhin vor Haiangriffen geschützt sein, gleichzeitig aber dürfen Delfine, Haie und andere Meerestiere diesen Schutz nicht länger mit dem Leben bezahlen müssen.

Viel Zeit bleibt weder den vom Aussterben bedrohten Weißen Haien noch den stark bedrohten Bleifarbenen Delfinen!
Ulrich Karlowski, 2016

Weitere Informationen

Endangered Wildlife Trust

SouSA - Protecting South Africa’s humpback dolphins

Australien: Umweltminitser erlässt Sondererlaubnis für tödliche Hainetze