Roter Thun: Giganten auf der Roten Liste

Rote Thunfische sind gewaltige Raubfische

Bei einer Länge von bis zu 5 Metern kann ein ausgewachsenes Exemplar 700 Kilogramm und mehr auf die Waage bringen. Doch derart große Exemplare sind heute eine Rarität: Die räuberischen Giganten stehen wegen ungehemmter Raubfischerei auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten.

Der Rote Thun wird auf dem Altar der Sushi-Manie geopfert
Innerhalb von nur 30 Jahren sind die einst riesigen Bestände zusammengebrochen. Am schlimmsten hat es die Populationen im West-Atlantik getroffen. Ihr Bestand ist seit den 1970er-Jahren auf gerade noch 10 Prozent seiner ursprünglichen Größe gesunken, bei anhaltend fallender Tendenz. Die Hauptursachen liegen zum einem in einem geradezu katastrophalen Fischereimanagement und zum anderen im weltweiten Sushi-Hype. Japan ist weltweit der wichtigste Abnehmer. Für Dosenthunfisch wird Roter Thun dagegen nicht verwendet, viel zu kostbar ist hierfür der selten gewordene Fisch.

Noch vor 100 Jahren allerdings wurde das streng schmeckende Fleisch allerhöchstens Hunden oder Katzen zugemutet. Zum Speisefisch – und einer begehrten Delikatesse – wurde der Rote erst in den vergangenen 50 Jahren.

„Ferrari“ unter den Fischen
Rote Thunfische (Thunnus thynnus) gehören mit den beiden verwandten Arten Südlicher Blauflossenthunfisch (Thunnus maccoyii) und Nordpazifischer Blauflossenthunfisch (Thunnus orientalis) zu den Blauflossenthunen. Seinen Namen verdankt Thunnus thynnus dem stark dunkelroten Fleisch. Die Roten sind enorm schnelle Schwimmer und erreichen Reisegeschwindigkeiten von bis zu 70 km/h bei Spitzengeschwindigkeiten von 80 km/h. Eine Atlantikdurchquerung kann der Riesenfisch in nur 40 Tagen schaffen. Seine bevorzugte Jagdbeute sind Makrelen und Sardinen.

Sie gehören fast zu den Warmblütern
Ein ungewöhnlich stark entwickeltes, meist neben den Muskelpaketen befindliches Blutgefäßsystem, auch Wundernetz genannt, ermöglicht es ihnen, ihre Körpertemperatur gegenüber der umgebenden Wassertemperatur relativ konstant zu halten. Wenn sie es so richtig eilig haben, sollen bis zu 15 Grad über der Umgebungstemperatur drin sein. Es sind die einzigen Knochenfische, denen dieses Kunststück gelingt.

Junge Weibchen legen pro Laichsaison im Schnitt 500.000 Eier. Alte und große Thunfischweibchen sogar bis zu zehn Millionen. Die Larven schlüpfen nach nur drei Tagen mit einer Größe von drei Millimetern. Nach einem Monat sind die kleinen Thunfische bereits etwa 3,5 Zentimeter groß. Ihre Lebenserwartung soll bis zu 20 Jahren reichen, dürfte heute aber wegen massiver Überfischung kaum noch erreicht werden.

Die Raubfische nehmen, was sie erwischen, und sie erwischen fast alles
Rote Thune jagen wie Wölfe, im Verband. Sie kesseln ihre Beute ein, indem sie sich ihr rasend schnell im Halbkreis nähern und sie dann umschließen. Eine Jagdtechnik, die auch von verschiedenen Delfinarten gerne angewandt wird.

Obwohl ihr Stoffwechsel an die Hochgeschwindigkeitsjagd angepasst ist, fressen Thunfische je nach den Umständen alles, was sie an Tieren finden, bald flinke Makrelen, bald am Grund lebende Flundern, ja sogar Schwämme. Bradford Chase von der Massachusetts Division of Marine Fisheries fand in den Mägen von Thunfischen aus dem Meer bei New England an erster Stelle Heringe, aber auch vielerlei andere größere und kleinere Fische, von Haien bis zu Seepferdchen, von Rochen bis zu Plattfischen sowie die verschiedensten Tintenfische, Krebse und anderes.

Kurz: Thunfische nehmen, was sie erwischen, und sie erwischen fast alles, was da im Wasser oder am Boden schwimmt oder treibt, krabbelt oder haftet. Dafür benutzen sie hauptsächlich ihren Gesichtssinn.

Weite Wege
Der Rote Thun verteilt sich im Wesentlichen auf zwei Lebensräume, den Westatlantik und den Ostatlantik, außerdem soll es noch eine dritte, südliche Population vor der Küste von Südafrika geben. Sie schwimmen gerne in Schwarmverbänden und sind oft mit anderen Thunfischarten (Albacore, Gelbflossen- und Großaugenthune oder Skipjack) vergesellschaftet.

Während sich die Bestände des West- und Ostatlantiks bei der Nahrungssuche vermischen, schwimmen die Fische zur Fortpflanzung auf getrennten Wegen, um in ihre Laichgebiete zurückzukehren. Rote Thune haben feste Laichplätze und sind deshalb auf ihren jährlichen Wanderungen dorthin berechenbar und vergleichsweise leicht zu befischen. Während die Population aus dem Westatlantik sich zwischen April und Juni im Golf von Mexiko ablaicht, zieht es die des Ostatlantiks von Juni bis August ins Mittelmeer. Auf dem Weg zu ihren Laichgebieten legen sie mehr als 5800 Kilometer zurück und durchqueren dabei den gesamten Atlantik. Bei ihren Wanderungen bleiben die Tiere die meiste Zeit dicht an der Oberfläche, wo die Wassertemperatur mit 12 bis 16 Grad relativ warm ist.

Zu grosser Traube gebunüdelte gefrorene Thunfische werden aus einer Ladeluke gezogen.

Foto: George Stoyle/Marine Photobank.

ICCAT = International Conspiracy to Catch All Tuna
Zuständig für die „Bewirtschaftung“ der Bestände des Roten Thunfisches sind die Internationale Kommission zum Schutz des Atlantischen Tunfischs (ICCAT, International Commission for the Conservation of Atlantic Tunas) sowie die EU. Doch zu den dringend notwendigen Maßnahmen zum Wiederaufbau der Bestände, einer drastischen Senkung der Fangquoten für Roten Thun, konsequenter Überwachung sowie einem Fangstopp während der für den Erhalt der Art so wichtigen Laichzeit konnten sich bislang weder EU noch ICCAT durchringen. Kritiker bezeichnen die ICCAT aufgrund ihres eklatanten Versagens mittlerweile denn auch als „International Conspiracy to Catch All Tuna“.

Japan importiert mehr Roten Thun als eigentlich möglich ist
Angesichts des Ausmaßes der illegalen Fischerei gerät die Festlegung der jährlichen Fangquoten durch die ICCAT – Voraussetzung für ein effektives Fischereimanagement – immer mehr zur Farce, wie die DSM und andere Meeresschützer kritisieren. Einerseits gelingt es einigen Fischereien gar nicht mehr ihre Quote zu erfüllen. 2005 konnten US-Fischer im Westatlantik lediglich 27 Prozent und 2006 nur noch 10 Prozent der ihnen zustehenden Quote für Roten Thun fangen. Andererseits wird die Datenlage zur Berechnung der Fangquoten immer unzuverlässiger.

Die Wissenschaftler der ICCAT stützen sich für ihre Berechnungen auf die gemeldeten Fangmengen der Fischer. Und deren Ehrlichkeit nimmt rapide ab. So wird weitaus mehr Roter Thunfisch nach Japan importiert als aufgrund der erlaubten Fangmengen eigentlich möglich ist.

Ohne ein radikales Umdenken bei EU-Fischereiministern und ICCAT, das bislang nicht in Sicht ist, ist absehbar, dass beim Sushi oder an der heimischen Frischtheke der Rote Thun schon bald nicht mehr zu finden sein wird.
Ulrich Karlowski
Foto oben: Thunfischschwarm: NOAA/Marine Photobank