Fischsterben Vietnam: Küste verseucht

Keine Lösung für Säuberung in Sicht

Ein massives Fischsterben in Vietnam sorgte Anfang April für Entsetzen. Auf einem über 200 km langen, sich über die vier vietnamesischen Provinzen Ha Tinh, Quang Binh, Thua Thien-Hue, Quang Tri erstreckenden, verseuchten Abschnitt der Küste wurden schätzungsweise 277 Tonnen Fische angeschwemmt bzw. starben in den zahlreichen Fischfarmen, wie vietnamesische Medien berichteten. Als Verursacher wurde Ende Juni das Stahlwerk Formosa Steel ausgemacht. Aufgrund eines mehrtägigen Stromausfalls habe die Kläranlage nicht ordnungsgemäß funktioniert, gab man auf einer Pressekonferenz bekannt. Die ungeklärten Abwässer sollen das Meer mit den Umweltgiften Phenol und Cyanid sowie mit Eisenhydroxid verseucht haben, wie vietnamesische Medien berichten.

Mangelhafte Untersuchungen

Zur Untersuchung der Umweltkatastrophe hatte die vietnamesische Regierung auch internationale Experten zu Rate gezogen. Doch leider wurde deren Aufgabe darauf eingeschränkt, zu den von einheimischen Wissenschaftlern der Vietnam Academy of Science and Technology (VAST) erstellten Berichten Stellung zu nehmen und eine oberflächliche Besichtigung vor Ort vorzunehmen, wie der beteiligte deutsche Experte Dr. Friedhelm Schroeder berichtet. Eigene Probenentnahmen oder Untersuchungen waren nicht möglich, bedauert der Chemiker, der 25 Jahre Mitarbeiter des Helmholtz-Zentrums Geesthacht war und jetzt als wissenschaftlicher Berater tätig ist.

Umweltschäden für mindestens 50 Jahre

Vietnamesische Wissenschaftler gehen davon aus, dass es mindestens 50 Jahre dauern wird, bis sich das zerstörte Ökosystem an der Küste wieder erholt hat. Eine derart lange Regenerationszeit hält auch Dr. Schroeder – zumindest für die geschädigten Korallenriffe – nicht für ausgeschlossen, ursächlich dafür allerdings sieht er nicht den Einzelfall der jetzigen Katastrophe, sondern generell den praktisch nicht vorhandenen Umweltschutz in Vietnam.

Fischmarkt in Vietnam.

Fischmarkt in Vietnam.
Foto: Paul Morris

„Das gesamte betroffene Küstengebiet steht voller Fabriken, die ihre Abwässer größtenteils ungeklärt ins Meer leiten“, erklärt er und kritisiert, dass man bei der Ursachenerforschung andere mögliche Verursacher völlig außer Acht gelassen habe. Vorstellbar sei auch, dass das Immunsystem der Fische durch die dauernde Umweltbelastung schon so geschwächt ist, dass nun ein „kleinerer“ Auslöser genügt habe, an dem sie dann starben.

Grundsätzliches Problem

„In Vietnam werden industrielle und kommunale Abwässer größtenteils ungeklärt in die Umwelt geleitet. Die meisten Gewässer sind stark mit Schad- und Nährstoffen belastet“, ist das traurige Fazit des deutschen Wissenschaftlers.

Fehlende oder mangelhafte Kläranlagen sind in Vietnam keine Ausnahme. Übliche Praxis sei es, zwei Abwasserleitungen zu betreiben – eine offizielle zum Vorzeigen bei Routinekontrollen und eine für den alltäglichen Betrieb, wenn keine Kontrollen zu befürchten sind, wie Michael Zschiesche vom Unabhängigen Institut für Umweltfragen e.V. in seiner Studie „Umweltschutz in Vietnam“ aus dem Jahr 2012 erläutert. Inzwischen gibt es zwar umfangreiche Umweltschutzregularien, doch anscheinend nur eine lasche Umsetzung.

Passt Formosa Steel ins selbe Bild?

Während in Deutschland lebende Vietnamesen, die sich Hilfe suchend auch an uns wandten, erfahren haben wollen, dass Formosa Steel seine Abwässer ungeklärt über ein 2 km langes Rohrsystem in 17 m Tiefe ins Meer einleitet, bestätigt Dr. Schroeder Formosa eine moderne Kläranlage mit automatischer Messstation, er habe sie selbst in Augenschein nehmen können.

Hilfe und Entschädigung angekündigt?

Medienberichten zufolge soll Formosa neben umwelttechnischer Aufrüstung und Transparenz eine Entschädigung von umgerechnet etwa 500 Millionen USD für die Betroffenen sowie für Säuberungsmaßnahmen versprochen haben.

Auch die vietnamesische Regierung verspricht Hilfe für die Geschädigten durch Umschulungen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Doch leider steht zu befürchten, dass die Menschen in ihrer Not auch weiterhin mit vergiftetem Fisch Handel betreiben, solange keine konkreten Hilfsmaßnahmen ergriffen werden.

Katastrophales Katastrophenmanagement

Anstatt die Öffentlichkeit von der Umweltkatastrophe zu informieren und die Bevölkerung vor den Gesundheitsgefahren zu warnen, zerschlug die vietnamesische Regierung Proteste mitunter brutal und ließ Demonstranten festnehmen. Anstatt den Schutz von Umwelt und Bevölkerung ernst zu nehmen und entsprechende existierende Gesetze in der Praxis umzusetzen, wird wieder nur nach halbseidenen Lösungen gesucht.

Vietnamesischer Fischer holt sein Netz ein.

Es steht zu befürchten, dass die Menschen in ihrer Not auch weiterhin mit vergiftetem Fisch Handel betreiben.
Foto: falco

Eine schnelle Lösung des derzeitigen Problems wird es nach Meinung von Dr. Schroeder jedoch nicht geben, denn dafür müsste als erstes die wirkliche Ursache herausgefunden werden. „Ohne weitere Messdaten bleibt die Feststellung der Ursache weiterhin im Reich der Spekulation“, bedauert er. Zumal Lösungen zur Säuberung natürlich auch nur einen Sinn ergeben, wenn man die genaue Ursache kennt.

Immerhin beschloss man im Juni, an der Küste ein Monitoring-System einzurichten, mit dem kontinuierlich Umweltdaten erfasst werden sollen.

Radikales Umdenken erforderlich

Um Umwelt und Bevölkerung besser zu schützen, muss ein radikales Umdenken bei den Verantwortlichen stattfinden.

Daher fordern wir von der vietnamesischen Regierung:

  • detaillierte Untersuchungen des Vorfalls unter Einbeziehungen ausländischer Experten
  • Ergreifung von Säuberungsmaßnahmen auf Grundlage der Untersuchungsergebnisse
  • Bestrafung des oder der Verursacher
  • angemessene Entschädigung für die betroffene Bevölkerung
  • landesweite Einführung moderner Kläranlagen
  • strenge Kontrollen von Umweltvorgaben und Ahndung von Verstößen

Ulrike Kirsch, Juli 2016

There is still no justice, no compensation for the victims of the Formosa environmental disaster. Formosa must be held accountable.

Petition: Resolving The Formosa Environmental Disaster – „Dead Sea“, artist Nguyễn Văn Tiến

Weitere Informationen

Video auf YouTube: Mother’s Day Protests Vietnam – Compilation of various footage taken by people attending the rallies around Vietnam on May 8, 2016.