Umweltkatastrophe in Vietnam

Küstengewässer auf Jahrzehnte zerstört – Massives Fischsterben – Hunderttausende verlieren Lebensgrundlage

Ende Juni sollte die Roheisengewinnung im erst Ende 2015 in Betrieb genommenen Stahlwerk Formosa Steel Ha Tinh in Vietnam beginnen. Doch bereits in der Pilotphase kam es zu einer Umweltkatastrophe, die die Küste verseuchte, die Lebensgrundlage vieler Fischer und Aquafarmer zerstörte und auch der Tourismusbranche tiefe Einschnitte bereiten wird.

Massives Fischsterben

Auf einem über 200 km langen, sich über vier vietnamesische Provinzen (Ha Tinh, Quang Binh, Thua Thien-Hue, Quang Tri) erstreckenden Küstenabschnitt setzte Anfang April ein massives Fischsterben ein. Insgesamt 277 Tonnen Fische aus Hoch- und Tiefsee wurden tot angeschwemmt bzw. starben in den zahlreichen Fischfarmen in diesem Gebiet, wie vietnamesische Medien berichten.

Polizeigewalt gegen Demonstranten in Vietnam.

Polizeigewalt gegen Demonstranten: Bei der jungen Mutter im Bild oben handelt es sich um die in Vietnam sehr bekannte Aktivistin Hoang My Uyen aus Saigon, die nach diesem Gewaltakt der Polizei von staatlichen Medien beschimpft wurde: sie habe ihre 6-jährige Tochter für politische Zwecke missbraucht. Ursprünglich engagierte sie sich für arme Menschen, stellte täglich gratis Brötchen für Obdachlose vor ihren Laden.

Proteste werden von der Polizei brutal unterdrückt

Doch die Regierung unternahm nichts zur Aufklärung oder zum Schutz der Bevölkerung, öffentlich wurde das Ganze ohnehin erst nur auf Facebook am 6. April. Stattdessen ließ man Kundgebungen und Proteste – mitunter brutal – zerschlagen und Demonstranten festnehmen.

Obwohl Formosa Steel von Anfang an im Verdacht stand, schloss der vietnamesische Umweltminister Vo Tuan Nhan auch knapp 3 Wochen später einen Zusammenhang mit dem Betrieb des Stahlwerks kategorisch aus. Nach Meinung von in Deutschland lebenden Vietnamesen, die sich Hilfe suchend auch an uns wandten, leitet die Fabrik Abwässer ungeklärt über ein 2 km langes Rohrsystem in 17 m Tiefe ins Meer ein.

Enorme Umweltschäden für mindestens 50 Jahre

Das Meerwasser ist mit Phenol, Cyanid und Eisenhydroxid verseucht, wie die schließlich nicht zuletzt aufgrund des zunehmenden Drucks durch nationale und internationale Proteste mit der Untersuchung beauftragten in- und ausländischen Experten herausfanden.

Die aus ungeklärten Abwässern von Formosa Steel stammenden Gifte haben das marine Ökosystem zerstört. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es mindestens 50 Jahre dauern wird, bis es sich wieder erholt hat.

Entschuldigung und Entschädigung

Formosa Steel Ha Tinh entschuldigte sich Ende Juni für den Vorfall. Aufgrund eines mehrtägigen Stromausfalls habe die Kläranlage nicht ordnungsgemäß funktioniert. Neben umwelttechnischer Aufrüstung und Transparenz soll das Stahlwerk eine Entschädigung von umgerechnet etwa 500 Millionen USD für die Betroffenen sowie für Säuberungsmaßnahmen versprochen haben.

Hilflose Hilfsmaßnahmen

Auch die Regierung will den in Not geratenen Menschen etwa mit Umschulungen und Maßnahmen zur Arbeitsplatzbeschaffung helfen. Zum Teil sollen sie zum Arbeiten auch nach Südkorea, Japan und Deutschland entsandt werden.

Vietnamesische Fischer.

Vietnamesische Fischer sollen zum Arbeiten auch nach Südkorea, Japan und Deutschland entsandt werden.
Foto: PublicDomainPictures

„In den nächsten Jahren werden die Betroffenen ihren Lebensunterhalt in anderen Bereichen verdienen müssen. Später können sie zum Leben und Arbeiten wieder in ihre Heimat an der Küste zurückkehren“, wird Arbeits- und Sozialminister Doan Mau Diep in einem Artikel der Nachrichtenplattform VietnamNet zitiert. Eher realitätsfremd wirkt sein Vorschlag für Küstenfischer, einfach auf Hochseefischerei umzusatteln.

Vorerst keine Betriebserlaubnis

Dr. Trinh Van Tuyen, Wissenschaftler am Institute of Environmental Sciences, fordert die umgehende Modernisierung von Formosas Kläranlagen und empfiehlt, von der Koksnasslöschung auf die umweltschonende Kokstrockenkühlung umzustellen. Zudem müssten die behördlichen Kontrollen verschärft werden, wie er in besagtem Artikel erklärt. Die für Ende Juni vorgesehene Erteilung der Betriebserlaubnis soll Formosa erst erhalten, wenn die Umweltschutzauflagen erfüllt sind, berichtet VietNamNet.

Leider kein Einzelfall

Fehlende oder mangelhafte Kläranlagen sind in Vietnam keine Ausnahme. Übliche Praxis sei es, zwei Abwasserleitungen zu betreiben – eine offizielle zum Vorzeigen bei Routinekontrollen und eine für den alltäglichen Betrieb, wenn keine Kontrollen zu befürchten sind, wie Michael Zschiesche vom Unabhängigen Institut für Umweltfragen e.V. in seiner Studie „Umweltschutz in Vietnam“ aus dem Jahr 2012 erläutert.

Es gäbe zwar inzwischen eine Unmenge an Vorschriften und Gesetzen zum Umweltschutz, doch mit deren Umsetzung scheint es noch stark zu hapern.

DSM fordert Umsetzung der Umweltschutzmaßnahmen

Es bleibt abzuwarten, inwieweit es sich bei den angekündigten Umweltschutzmaßnahmen nicht nur um leere Versprechen handelt. Wir werden die Vorgänge im Auge behalten und in einem Schreiben an den vietnamesischen Umweltminister mit Nachdruck auf die Umsetzung der Umweltschutzmaßnahmen drängen.
Ulrike Kirsch, Juli 2016

There is still no justice, no compensation for the victims of the Formosa environmental disaster. Formosa must be held accountable.

Petition: Resolving The Formosa Environmental Disaster – „Dead Sea“, artist Nguyễn Văn Tiến

Weitere Informationen

Video auf YouTube: Mother’s Day Protests Vietnam – Compilation of various footage taken by people attending the rallies around Vietnam on May 8, 2016.