PCB verursachte Zwitterbildung bei Eisbären

Ursache ist die Hintergrundbelastung der Umwelt durch in der Vergangenheit eingesetzte Gifte

In der Nähe der Svalbard-Insel (Spitzbergen) in der Barentssee entdeckten norwegische Wissenschaftler 2008 sieben weibliche Pseudohermaphroditen-Eisbären. Die Tiere wiesen sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane auf. Die Forscher gehen davon aus, dass die Zwitterbildung auf PCB-Anreicherungen (polychlorierte Biphenyle) im Fett der Bären zurückzuführen ist.

Hormonell wirksame Gifte werden über Fischnahrung aufgenommen
Die Zoologen Andrew Derocher vom norwegischen Polarinstitut in Tromsø und Oystein Wiig von der Universität Oslo fingen für ihre Untersuchungen zur Populationsdynamik und zu Giftstoffanreicherungen ungefähr 450 Eisbären ein und markierten diese. Sie stellten fest, dass die sieben Pseudohermaphroditen genetisch gesehen Weibchen sind – einige hatten bereits Junge – jedoch vor ihrer Vagina auch einen kleinen Penis haben. Andrew Derocher hat für das Auftreten der Eisbärem-Pseudozwitter eine, seiner Meinung nach, völlig eindeutige Erklärung. Zwar können bei vielen Arten zum Beispiel Nebennieren- oder Eierstocktumore der Weibchen eine Entwicklung anormaler Geschlechtsorgane bei den Föten auslösen. Doch seien solche Fälle eher selten. Und es ist bekannt, dass die sehr stabilen PCBs, die wie DDT zur Stoffgruppe der persistenten organischen Verbindungen gehören, durch die Luft über weite Entfernungen getragen werden, bei Kälte kondensieren und so in der Fischnahrung der Bären landen.

TBT aus Antifouling-Farben mit starker hormoneller Wirkung
Der Fund reiht sich in eine Reihe von Untersuchungen über Schadstoffe mit Geschlechts beeinflussenden Auswirkungen auf die Tierwelt ein. So ist nach einer Studie des Berliner Umweltbundesamtes das in Antifouling-Farben enthaltene TBT (Tributylzinn-Antibewuchsmittel in Schiffsanstrichen) direkt verantwortlich für den Rückgang der Schneckenpopulationen in der Nordsee. Schon eine TBT-Konzentration von 2 Milliardstel Gramm pro Liter Wasser führt zur „Vermännlichung“ (u.a. Penisbildung) bei weiblichen Schnecken und verursacht Unfruchtbarkeit. Auch bei Fischen häufen sich die Effekte: Flundern und Forellen aus schadstoffbelasteten Küstengewässern der Nordsee oder Flüssen zeigen vermehrt Geschlechtsdeformationen, Zwittrigkeit und Verweiblichung. Geschlechtsverschiebungen bei Zandern in der Havel, Barschen der Unterelbe und Klieschen in der Nordsee werden ebenfalls mit hormonell wirkenden Chemikalien in Verbindung gebracht.

Am Beispiel der Pseudohermaphroditen-Eisbären zeigt sich die Problematik der hormonellen Wirksamkeit von PCB. Durch PCB, DDT und andere in der Vergangenheit eingesetzte Gifte ist eine Hintergrundbelastung der Umwelt entstanden, die niemals wieder entfernt werden kann.
Ulrich Karlowski
Foto Eisbären: Mark Cosgriff/Marine Photobank.