Pottwal Todesfalle Nordsee

13 Pottwale strandeten zwischen Januar und Februar 2016 vor Schleswig-Holstein

An dem, was die 13 jungen männlichen Pottwale, deren spektakuläre Strandungen und trauriger Tod vor Schleswig-Holstein für ebenso große Aufmerksamkeit wie offene Fragen sorgte, im Magen hatten, sollen sie bei ihrem Ausflug in die Nordsee mit tödlichem Ausgang zwar nicht gestorben sein. Aber sonderlich gesund dürften verschluckte Fischernetze, Plastikabdeckungen aus dem Motorraum eines Ford oder ein kaputter Eimer auch nicht sein.

Die Pottwale waren gesund und gut genährt
Laut eines Berichts der Kieler Nachrichten vom 24. März sollen die zwischen zehn und 15 Jahre alten Pottwalbullen, die beim Kaiser-Wilhelm-Koog und vor Büsum angespült wurden, samt und sonders an Herz- und Kreislaufversagen gestorben sein. Die mächtigen, 10 bis 12 Meter langen und 12 bis 18 Tonnen schweren Meeressäuger waren jung, gesund und nach ersten Untersuchungsergebnissen gut genährt. Es konnten weder extremer Parasitenbefall, Infektionen, noch Schraubenverletzungen oder akustische Traumata der für die Orientierung der Tiere lebenswichtigen Ohren festgestellt werden, wie sie z.B. nach Sprengungen von versenkter Alt-Munition, seismischen Test zur Erdgas- und Erdölsuche, oder Rammarbeiten für Offshore-Windkraftanlagen auftreten.

Gestrandete Pottwale, Perkins Island, Tasmanien.

Pottwalstrandungen sind keine Seltenheit. Am 23. Januar 2009 strandeten über 50 Pottwale am Strand von Perkins Island an der Mündung des Duck River nahe Smithton im Nord-Westen von Tasmanien.
Foto: Tim Alexander/Tasmanian Aquaculture and Fisheries Institute/Marine Photobank

Vom eigenen Körpergewicht erdrückt
Bislang konnten Forscher der Tierärztlichen Hochschule Hannover nur ein allgemeines Herz- und Kreislaufversagen als Todesursache einkreisen, verursacht durch das Eigengewicht der auf Grund gelaufenen Wale. Sie wurden von ihrem eigenen Körpergewicht erdrückt, bis das Herz versagte, ein langsamer und qualvoller Tod.

Gut genährte Giganten folgen der falschen Fährte
Anhand der Analyse des Mageninhalts der Tiere sind sich die Wissenschaftler relativ sicher erklären zu können, warum die Pottwale überhaupt in die Nordsee schwammen, ein für sie extrem gefährliches Gewässer. Laut Bericht der Kieler Nachrichten fand der Meeresbiologe Uwe Piatkowski vom Geomar Helmholtz-Zentrum die Reste von rund 55 000 Nordischen Köderkalmaren in den Mägen der Pottwale. Diese Tintenfischart lebt hauptsächlich in den Überwinterungsgebieten der Pottwale, in der Norwegischen See.

Todesfalle Nordsee
Auf Grund der warmen Wassertemperaturen zu Anfang des Jahres und starker Stürme wird nun vermutet, dass in einer Art mariner Kettenreaktion Wassermassen aus der Norwegischen See mitsamt den bei den Pottwalen so beliebten Kalmaren in die Nordsee gedrückt wurden und die jungen und die noch unerfahrenen Pottwalbullen wiederum der verlockenden Beute in die tödliche Gefahr folgten.

Statt den Rückweg in die Azoren zu nehmen, sind sie „falsch abgebogen“. In der an den meisten Stellen nur 50 bis 100 Meter tiefen Nordsee mit ihrem vielfach sandigen Untergrund haben die Extremtieftaucher unter den Meeressäugern massive Probleme mit ihrem Echoortungssytem, sie navigieren quasi im Blindflug.

Ob sämtliche Irrläufer ihren Ausflug in die Nordsee mit den Tod bezahlt haben, ist nicht bekannt. Eindeutig dagegen ist, dass die Tiere früher oder später gravierende gesundheitliche Probleme durch den verschluckten Plastikmüll bekommen hätten.
Ulrich Karlowski
Foto oben: Junger Pottwalbulle vor Dominica: Peter G. Allinson, M.D. 2009/Marine Photobank.