Wichtiger Erfolg für den „letzten Ozean“

Größtes Meeresschutzgebiet der Welt in der Antarktis mit Fragezeichen

Noch ist das antarktische Rossmeer – der „letzte Ozean“ – weitgehend unberührt. Die Chancen stehen gut, dass es so bleiben könnte. Ende Oktober gelang der Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis (CCAMLR) ein historischer Durchbruch: Nach zähen, über fünfjährigen Verhandlungen mit 24 Staaten und der EU wurden rund 1.550.000 Quadratkilometer des antarktischen Rossmeeres zum größten Meeresschutzgebiet der Welt erklärt, eine Fläche ungefähr viermal so groß wie Deutschland! Immerhin.

Sicherlich ist dies ein historischer, ein großartiger Erfolg für unzählige Meerestierarten wie Wale, Adelie- und Kaiserpinguine, Weddell-Robben, Krill und auch für den durch hemmungslose Tiefseelangleinenfischerei stark überfischen Schwarzen Seehecht. Die CCAMLR konnte hier nach langen, zermürbenden Verhandlungen zuletzt auch China und Russland überzeugen und einen bahnbrechenden Durchbruch erzielen.

Ross Sea Marine Protected Area.

Ross Sea Marine Protected Area.

Fragezeichen

Größtes Manko und recht ungewöhnlich im Zusammenhang mit der Einrichtung von Schutzgebieten ist eine Befristung auf 35 Jahre. Nach deren Ablauf soll erneut beraten werden. Da Natur- und Meeresschutz nur langfristig funktionieren kann, ist eine derartige Befristung ebenso befremdlich wie im Sinne nachhaltiger Schutzvorhaben sinnlos. So ist das riesige Schutzgebiet eine hoffnungsvolle Option, dass in 35 Jahren kein Sinneswandel bei einer der maßgeblichen Nationen stattgefunden hat.

Fischerei in Teilgebieten erlaubt

Unmittelbar schwerwiegender als die Zeitklausel ist, dass auf rund einem Viertel des Gebiets weiterhin Tiefseelangleinenfischerei zum Fang des Schwarzen Seehechts betrieben und nach Krill gefischt werden darf. Der größte Teil des neuen Schutzgebiets bleibt als etwa 1,12 Millionen Quadratkilometer große No-Take-Zone allerdings tabu.

Unklar ist auch, wer das alles überwachen soll, die Einhaltung des gigantischen No-Take-Gebietes, die Quoten der eingeschränkten Fischerei auf Krill und den Schwarzen Seehecht. Und wie mit illegal operierenden Piratenfischern verfahren werden soll, so sie denn dingfest gemacht werden.

Unüberwindliche Nutzungsinteressen

Meeresschutz auf Zeit in einem prinzipiell für die Fischerei und die Ausbeutung von Bodenschätzen interessanten Gebiet ist wohl das Maximum, zu dem sich die Staatengemeinschaft derzeit aufraffen kann. Mehr ist nicht drin.

Was alles nicht geht, zeigte sich Ende Oktober auf der 66. Tagung der Vertragsstaaten der Internationalen Walfangkommission (IWC) im slowenischen Portorož. Der Versuch einiger Länder aus Lateinamerika, ein Walschutzgebiet im Südatlantik einzurichten, scheiterte zum wiederholten Male. Seit 1998 gelang es nie, die hierfür notwendige Dreiviertelmehrheit auf einer IWC-Tagung zusammenzubekommen.

Zehn Prozent der Meere bis 2020 unter Schutz?

Das antarktische „Schutzgebiet mit Verfallsdatum“ bringt die Staatengemeinschaft ihrem Ziel, bis 2020 zehn Prozent des Meeres unter Schutz zu stellen, ein gutes Stück näher. Weitere Einschränkungen fischereilicher Nutzung in großen Meeresgebieten, so dringend notwendig sie auch sein mögen, dürften angesichts zu erzielender Profite und des Nahrungsbedarfs einer ständig wachsenden Weltbevölkerung allerdings immer schwieriger zu erreichen sein. Dabei besteht nicht der geringste Zweifel, dass Meeresschutzgebiete entscheidend sind für die Bewahrung der ökologischen Vielfalt der Meere, für die Regeneration erschöpfter Fischbestände und für die Eingrenzung der Folgen des Klimawandels.
Ulrich Karlowski, November 2016