Meeresverschmutzung

Nach Schätzungen der UN geraten jedes Jahr rund 400 Millionen Tonnen Schadstoffe in die Ozeane. Darunter Chemikalien, Düngemittel und Ackergifte aus der Landwirtschaft, Kunststoffe, giftige Schwermetalle, Ewigkeitsgifte, Arzneimittel, Kosmetikprodukte, Krankheitserreger, etwa 1 Million Tonnen Rohöl, radioaktive Substanzen und vieles andere mehr. Für den Weltbiodiversitätsrat IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) ist die Meeresverschmutzung der viertstärkste Motor des Artensterbens in den Meeren. 

Noch zerstörerischer als die Verschmutzung der Meere ist die Klimakatastrophe, Überfischung und eine grundsätzlich veränderte Meeresnutzung. Darunter fallen unter anderem die Zerstörung natürlicher Küstensysteme und Flussdeltas, der Ausbau mariner Aquakultur sowie die desaströse Grundschleppnetzfischerei.

Abfall und Umweltgifte gefährden dabei nicht nur Milliarden von Meeresorganismen und Meeresökosysteme. Auch die Gesundheit und Existenzgrundlage jener Menschen, die auf das Meer als Nahrungs- oder Einkommensquelle angewiesen sind, steht auf dem Spiel.

Mit den von uns unterstützten Projekten gegen die Verschmutzung der Meere verfolgen wir die UN-Nachhaltigkeitsziele 1 (Bekämpfung der Armut), 12 (verantwortungsvoll konsumieren und produzieren) sowie das UN-Nachhaltigkeitsziel 14 (Leben unter Wasser). Gemeinsam mit unseren Partnern zeigen wir nachhaltige, ressourcenschonende und integrative Lösungen gegen die Verschmutzung der Meere auf.

Umweltgifte Ewigkeitsgifte

Oftmals wird der Schaden, den in die Meere eingetragene Umweltgifte in biologischen Systemen anrichten, erst nach Jahrzehnten sicht- und messbar. Dies gilt besonders für die langlebigen hochtoxischen bioakkumulierenden organischen Schadstoffe (persistent organic pollutants; POPs), aber auch für andere Umweltgifte. „Paradebeispiel“ sind hier die zum sog. „Dreckigen Dutzend“ zählenden und durch das Stockholmer Übereinkommen seit Langem weltweit geächteten DDT und PCBs.

Es benötigte z. T. über 40 Jahre vom Bekanntwerden der verheerenden Wirkung dieser Umweltgifte bis zu deren Verbot. Doch wird es „eine Ewigkeit“ dauern, bis sie vollständig aus den Nahrungsnetzen verschwunden sein werden. Deshalb nennt man sie auch Ewigkeitsgifte.

Hierunter fallen u. a. Polybromierte Diphenylether (PBDE) oder per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS), eine Stoffgruppe aus mindestens 10.000 giftigen Chemikalien. Letztere sollen in der EU ab 2025 mit vermutlich langen Übergangsfristen verboten werden. PFAS sind bereits überall. Nachweise gibt es für die Antarktis, für Eisbären und Pinguine. Das Ausmaß der PFAS-Umweltverseuchung erinnert an die globale Verseuchung mit DDT. Mittlerweile findet man diese Ewigkeitsgifte auch in unserem Trinkwasser und in Mineralwässern. Seit mindestens 20 Jahren weiß man von den Risiken. Doch statt über umweltverträgliche Alternativen nachzudenken, läuft die chemische Industrie Sturm gegen ein PFAS-Verbot.

The Forever Pollution Project ↗
Journalists tracking PFAS across Europe

Meeresverschmutzung durch Erdöl

Im Frühjahr 2010 explodierte die schwimmende (Halbtaucheranlage) Bohrinsel „Deepwater Horizon“. Innerhalb von 3 Monaten flossen aus dem Bohrloch in 1.500 m Tiefe etwa 700.000 Tonnen Rohöl in den Golf von Mexiko. Es war der größte Ölunfall aller Zeiten. Seine Umweltauswirkungen sind bis heute spürbar. Nur während Zweiten Golfkriegs in Kuwait gelangte noch mehr Öl in kurzer Zeit ins Meer.

Meeresverschmutzung durch eine Ölkatastrophe: Die brennende Ölplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko, 2010. Foto: US-Coast Guard
© US-Coast Guard

Doch Meeresverschmutzung durch ausgetretenes Rohöl ist immer da. Sie entsteht nicht nur infolge spektakulärer Ereignisse wie bei Schiffsunfällen, Explosionen von Bohrinseln oder Kriegen.

Schleichende Ölpest

Jedes Jahr gelangen etwa 1 Million Tonnen Rohöl schleichend in die Meere. Sie entweichen während des regulären Schiffsbetriebs (etwa 35 %, darunter auch illegale Tankreinigungen). Mit etwa 45 Prozent haben der Routinebetrieb von Bohr- und Förderinseln sowie industrielle und kommunale Abwässer den größten Anteil an der Meeresverschmutzung mit Öl.

Katastrophal ist die Ölverseuchung des Nigerdelta. Dort gibt es massive Umweltschäden durch Pipelinelecks, Anschläge auf Pipelines, Sabotage und Öldiebstahl. Feuchtgebiete, Mangrovenwälder und der Lebensraum unzähliger Menschen sind vergiftet oder zerstört. Böden und Gewässer sind mit giftigen Kohlenwasserstoffen verseucht. An manchen Stellen ist Öl bis zu 5 Meter tief in den Boden eingedrungen oder hat das Grundwasser erreicht. Als eine Folge der Meeresverschmutzung im Nigerdelta sind in der Region Erträge aus dem Fischfang stark zurückgegangen.

Etwa 5 Prozent der Meeresverschmutzung durch Öl stammt aus natürlichen Quellen (Risse und Spalten im Meeresboden oberhalb von Lagerstätten oder Schlammvulkanen). Kleinere Mengen kommen aus der Atmosphäre durch den Eintrag flüchtiger Ölbestandteile aus Verbrennungsprozessen an Land. Andere Ölverschmutzungen lassen sich nicht näher zuordnen, da die Verursacher unentdeckt bleiben.

Ölverschmierte Meeresschildkröte
Ölverschmierte junge Atlantik-Bastardschildkröte nach der Ölkatastrophe der Deepwater Horizon 2010. Foto: NOAA

Plastik im Meer

In acht von zehn Fällen stammen Schadstoffe im Meer aus Quellen an Land. Besonderes Gewicht bei der Meeresverschmutzung hat dabei der Eintrag von Kunststoffen (Plastikmüll). Rund drei Viertel des Mülls in den Ozeanen besteht mittlerweile aus derartigen Abfällen. Weltweit wird der unkontrollierte Verbleib von Kunststoffabfällen auf 78 Mio. Tonnen oder 22 % des globalen Aufkommens geschätzt (OECD, 2022). 2019 wurden aus Deutschland ca. 0,38 Mio. Tonnen Kunststoffabfälle in Nicht-OECD-Staaten verbracht (UBA, 2022 b). Nach Schätzungen des Umweltbundesamtes (UBA) beträgt der unkontrollierte Verbleib deutscher Kunststoffabfälle im ungünstigsten Fall ca. 10 % dieser Menge.

Kunststoff-Pellets nurdles

Kunststoff-Pellets (engl. nurdles) sind Basismaterial für fast jedes neu produzierte Plastikprodukt. Entsprechend riesig ist die weltweite Produktion und ihr Beitrag zur globalen Meeresverschmutzung.

Globale Plastikpest: verloren gegangene Kunststoff-Pellets (engl. nurdles) am Strand.
© Sören Funk/Unsplash

Während der gesamten Wertschöpfungskette gehen kontinuierlich Unmengen von Pellets verloren (Produktion, Transport, Umladen, Entladen beim Kunden). Schätzungen sprechen von ca.160.000 Tonnen Kunststoffgranulat, die allein in der EU jedes Jahr in die Umwelt gelangen.

Der Transport erfolgt meist in Schiffscontainern, von denen immer wieder welche über Bord gehen. Im Januar 2024 verlor ein Frachter vor der portugiesischen Küste sechs Pellet-Container, anschließend verseuchten Milliarden Plastikkügelchen die spanische Küste Galiciens. 2019 gingen in der Nordsee 342 Pellets-Container über Bord. 2020 verlor ein Frachter dort 10 t Pellets, die dann an den Küsten von Dänemark, Schweden und Norwegen angespült wurden. Pellets haben schwerwiegende Umweltfolgen, u. a.:

  • Seevögel, Fische und andere Meerestiere verwechseln die Kügelchen mit Nahrung. Größere Mengen können Magen und Darm verstopfen. In der Folge verhungern die Tiere.
  • Die langlebigen Pellets bestehen aus verschiedenen aus Rohöl gewonnenen giftigen Chemikalien. Diese akkumulieren in den Nahrungsnetzen und führen zu Schädigungen des Immunsystems und sinkender Fortpflanzungsrate bei Prädatoren wie Thunfischen und Meeressäugern.
  • Pellets sind Transportmittel für gefährliche Bakterien, wie E coli oder Cholera.

Als Mitglied des europäischen Meeresschutz-Dachverbandes Seas at Risk setzen wir uns bei den Institutionen der EU für verbindliche Maßnahmen sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene zur Vermeidung von Pellet-Verlusten ein.

Kunststoffabfälle aus Deutschland

Im Jahr 2019 betrug der Anteil Deutschlands am weltweiten Aufkommen von Kunststoffabfällen 353 Mio. t (1,8 %). Rund 1,1 Mio. Tonnen (9,4 %) aller deutschen Kunststoffabfälle wurden exportiert.

Gering verunreinigte Kunststoffabfälle dürfen im Ausland entsprechend der dort geltenden Regeln verwertet werden. Eine intensive Überwachung durch deutsche Behörden findet dabei nicht statt. Bei Ländern außerhalb der OECD gibt es daher keine absolute Gewissheit über die sachgemäße Verwertung des exportierten deutschen Plastikmülls. Aus wilden Deponien, durch Littering (Wegwerfen oder Liegenlassen) oder offene Verbrennung gelangen deutsche Kunststoffabfälle in die Umwelt.

Die Tiefsee ist eine bedeutende Plastikmüll-Senke

Mindestens 700 Arten von Meerestieren können durch Kontakt mit Plastikabfällen in tödliche Gefahr geraten. Plastikmüll findet sich inzwischen überall. Im arktischen Eis. In der Tiefsee. Selbst im über 11.000 Meter tiefen Marianengraben, der bislang bekannten tiefsten Stelle der Weltmeere.

Die Tiefsee gilt als bedeutende Senke für Plastikmüll. Wissenschaftler gehen mittlerweile davon aus, dass schwimmender Plastikmüll weniger als 1 % des weltweiten Plastikbestands in den Ozeanen ausmacht. Der weit überwiegende Teil sinkt auf den Meeresboden.

Plastikmüll in der Nordsee

Laut einer im April 2023 veröffentlichten Studie1 von Forschern der Carl von Ossietzky-Universität in Oldenburg stammt der meiste Plastikmüll in der Nordsee aus der Fischerei und von Kommunen. Besonders hoch ist der Anteil der größeren Städte an der Meeresverschmutzung in der Nordsee.

Deutschland ist mit einem Anteil von 47 bis 61 Prozent einer der Hauptverursacher küstennaher Einträge von Plastikmüll. Auf der offenen Nordsee seien die Müllmengen aus Deutschland dagegen vernachlässigbar. Dort sind die Niederlande mit einem Anteil von 15 bis 23 Prozent einer der Hauptverursacher, gefolgt von Großbritannien und Frankreich.

Die Wissenschaftler empfehlen Aufklärungskampagnen und Teilverbote von Einwegplastik, um die Meeresverschmutzung durch Plastikabfälle in der Nordsee in den Griff zu bekommen. Sie weisen außerdem auf strengere Lagerbedingungen in Häfen hin. Hafenbetriebe sind für acht Prozent der Kunststoffabfälle in der Nordsee verantwortlich. Ebenso sollte man Kampagnen zur Verbesserung des Bewusstseins für die Gefahren der Verschmutzung der Meere durchführen. Und man müsste die Fischerei stärker einbeziehen als bisher.

Man schätzt, dass schon heute 90 Prozent aller Seevögel Plastik im Magen haben. Bei Meeresschildkröten sind es 52 Prozent. Aber auch bei vielen abgemagerten Walen und Delfinen, die gestrandet sind, wurde ebenfalls Plastik im Verdauungstrakt gefunden.

Dr. Melanie Bergmann, Meeresbiologin am Alfred-Wegener-Institut

Informationen zu Plastik im Meer

Nach Angaben des world ocean review landen jährlich zwischen 8,2 und 12,2 Millionen Tonnen Plastikteile im Meer. Das entspricht etwa drei Prozent der weltweiten Gesamtproduktion.

Nährstoffeinträge – Überdüngung

Eine wesentliche Rolle bei der Verschmutzung der Meere spielen Nährstoffeinträge aus der industrialisierten Landwirtschaft oder ungeklärte kommunale Abwässer.

Von dem zu viel an Nährstoffen wie Stickstoff oder Phosphor sowie den durch die Klimakrise verursachten steigenden Meerestemperaturen profitieren mikroskopisch kleine Algen. Sie gehören zum Phytoplankton und sind die Grundlage aller marinen Nahrungsnetze sowie der ozeanischen Sauerstoffproduktion.

Bei günstigen Wachstumsbedingungen kommt es zur Massenvermehrung. Es bilden sich Algenblüten, auch Algenpest genannt. Im Sommer 2010 bedeckten Blaualgen (Cyanobakterien) in der Ostsee eine Fläche, die der Größe Deutschlands entsprach.

Algenblüten – Todeszonen – Toxische Algenpest

Dichte Algenteppiche dämpfen den Lichteinfall (Küstenverdunklung). Unter dieser Lichtkonkurrenz leiden Meeresboden-Ökosysteme wie Seegraswiesen oder Korallen.

Noch gravierender ist das Entstehen von Sauerstoffminimumzonen (Oxygen Minimum Zones, OMZ) oder Todeszonen ganz ohne Sauerstoff. Sie entstehen, wenn abgestorbene Algen auf den Meeresboden sinken und die nachfolgenden Zersetzungsprozesse viel oder allen in der Wassersäule vorhandenen Sauerstoff verbrauchen.

Einige Algenarten können für Meerestiere tödliche Toxine bilden. Menschen sind ebenfalls gefährdet. Bei einer Red Tide oder durch das Algentoxin Domoinsäure (Muschelvergiftung) kann es zu einem tödlichen Verlauf kommen.

Mit der Zunahme der Meeresverschmutzung durch Nährstoffe nimmt die Anzahl der Algenblüten zu. Im Jahr 2020 umfasste die von Algenblüten betroffene Meeresfläche 31,47 Millionen km². Das entspricht einem Anstieg von 13,2 Prozent gegenüber 2003. Davon entfiel mehr als die Hälfte auf die Küsten Europas und Nordamerikas. Am häufigsten traten Algenblüten in Afrika und Südamerika auf.

Bioinvasoren und pathogene Keime

Ein Meilenstein gegen die globale Meeresverschmutzung ist das 2017 in Kraft getretene Internationale Übereinkommen zur Kontrolle und Behandlung von Ballastwasser und Sedimenten von Schiffen der Internationalen Schifffahrtsorganisation (IMO).

Damit wird die weitere massive Einschleppung von bioinvasiven Organismen und pathogenen Keimen über Ballastwassertransporte verhindert.

Beitragsübersicht Meeresverschmutzung

Quellen:
world ocean review, SZ, UBA, RiffReporter, BfN, Ressourcenbericht für Deutschland 2022 (UBA), u. a. m.
1 Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg, Fachartikel: Frontiers in Marine Science, doi: 10.3389/fmars.2023.1148714