Entsorgtes oder verloren gegangenes Fischfanggerät (Abandoned, lost or otherwise discarded fishing gear/ALDFG) hat einen stetig wachsenden Anteil im Stressorenmix der globalen Meeresverschmutzung. Hierunter fallen Netze und Netzreste, die als herrenlose Geisternetze „weiter fischen“ können, Leinen und Taue jeglicher Art, Bojen, Reusen, Angelhaken und nicht wiedergefundene Fischsammler (FADs). Letztere sind eine Kombination mehrerer Fischereimüll-Gefahrenquellen. Denn sie sind, je nach Bauart, aus Objekten wie Bambus, Bojen, Netzen, Schnüren und Leinen unterschiedlicher Länge gefertigt.
ALDFG stellt eine enorme ökologische und wirtschaftliche Bedrohung dar. Die Ausrüstung fischt im Meer weiter (Geisternetze/Ghost Fishing), tötet Meerestiere, schädigt marine Ökosysteme wie Korallenriffe, Seegraswiesen oder Mangroven und gefährdet die Schifffahrt.
Wie viele Netze und anderes Fanggerät gelangen in die Meere?
Die Schätzungen über die Menge an Fanggeräten, die jährlich marine Ökosysteme belasten und Meerestiere gefährden und töten, gehen weit auseinander.

Was auch immer stimmt, die Dimensionen sind schwindelerregend.
Eine umfassende Untersuchung aus dem Jahr 2022 kommt zu dem Ergebnis, dass jährlich bis zu 2 % aller weltweit genutzten Fanggeräte verloren gehen oder absichtlich entsorgt werden (ALDFG).1
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mehr als 25 Millionen Reusen und Fallen
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218 km² Grundschleppnetze
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fast 3.000 km² Stell- oder Kiemennetze
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über 75.000 km² Ringwadennetze
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fast 740.000 km Langleinen
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mehr als 25 Millionen Reusen und Fallen
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zwischen 9 und 18 Milliarden Langleinen-Haken
Wie stark sind Haie und Rochen gefährdet?
Bislang gibt es kaum Erkenntnisse, inwieweit Haie und Rochen durch Verheddern in herrenlosem Fischereigerät und Geisternetzen gefährdet sind. Das gilt in besonderem Maße für Spitzenprädatoren wie Weiße Haie oder Makohaie.
Wissenschaftler gehen davon aus, dass herrenloses Fischereigerät und Geisternetze eine ernste, bislang unterschätzte Bedrohung für Haie darstellen. Selbst seltene und bedrohte Arten sind akut betroffen.

Situation im Mittelmeer
Laut einer Studie aus dem Jahr 2019 gelangen jedes Jahr zwischen 2,6 und 3,35 Tonnen Fischereigerät ins Mittelmeer.2 Dennoch gibt es auch für das Mittelmeer bislang nur wenige Erkenntnisse über das Ausmaß von Hai-Verstrickungen.
Tunesien: erste dokumentierte Fälle
Ein Forscherteam aus Frankreich, Italien und Tunesien berichtete im Juni 2026 in der renommierten wissenschaftlichen Fachzeitschrift Cahiers de Biologie Marine (CBM) über zwei Exemplare bedrohter Haiarten und ihren tödlichen Kontakt mit herrenlosem Fischfanggerät. Es sind die ersten dokumentierten Fälle für tunesische Küstengewässer.3
Es handelte sich um einen ca. 1 m großen weiblichen Kurzflossen-Makohai (Isurus oxyrinchus) und um einen ausgewachsenen Weißen Hai (Carcharodon carcharias). Sowohl Kurzflossen-Makohaie als auch Weiße Haie sind laut Roter Liste der Weltnaturschutzorganisation IUCN im Mittelmeer vom Aussterben bedroht. Beide Arten haben mit anhaltend starken Bestandsverlusten zu kämpfen. Nicht nur im Mittelmeer.
Der Kurzflossen-Makohai starb durch die Verhedderung mit einer Monofilament-Langleine. Dagegen lebte der Weiße Hai noch. Er war allerdings schwer verletzt durch ein altes, verrottetes Seil, das sich tief in die Muskulatur eingeschnitten hatte. Das geschwächte Tier dürfte nach der Sichtung im Golf von Gabès nicht mehr lange gelebt haben.
Wissenschaftler gehen davon aus, dass herrenloses ALDFG-Fischereigerät in tunesischen Küstengewässern etwa 38 % des Meeresmüll-Gesamteintrags ausmacht.4
Geisternetze als multiple Gefahrenherde
„Herrenlose“ Fangnetze, sogenannte Geisternetze, setzen marine Ökosysteme in mehrfacher Hinsicht unter Druck. Meerestiere (Fische, Krabben, Schildkröten, Robben, Seevögel, Delfine, Haie, Rochen oder Wale) können sich verheddern und sterben.
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass an der belgischen und niederländischen Nordseeküste immer mehr tote, verletzte oder in Resten von Fischernetzen verhedderte Robben stranden.

Etwa 90 Tage nach dem Verlust eines Fischernetzes ist dessen Fangeffizienz je nach Netzart und Maschengröße auf etwa 5 % gesunken. Das kann dann über 2 Jahre so weitergehen. In größeren Tiefen soll die Fangeffizienz flottierender Geisternetze sogar zwischen 20 bis 30 % betragen.
Laut Umweltbundesamt (UBA) sind Fischereimüll (Geisternetze oder Taue) sowie Abfälle aus der Schifffahrt gemeinsam mit Verpackungsmaterialien für das Leiden von mehr als einer Million Seevögeln und den Tod von weiteren circa 100.000 Meereslebewesen jährlich verantwortlich. Für mindestens 136 Arten von Meereslebewesen ist bekannt, dass sie sich regelmäßig in Fischereimüll verheddern und strangulieren, darunter mindestens 43 Prozent aller Wal- und Delfinarten.
Fatale Fehler
Zahlreiche Meerestiere verwechseln in der Wassersäule treibende Netzreste oder Schnüre mit Nahrung. Sie verschlucken sie und sterben später an den Folgen. Mit einem Magen voller Plastik oder verstopfter Speiseröhre.

Im Februar 2026 strandete ein Pottwal bei Aalbæk (Dänemark) am Kattegat. 11,9 kg Fischereinetze und anderer Plastikmüll verstopften seine Speiseröhre.
Seevögel verwechseln Netzreste, hauptsächlich sogenannte Dolly Ropes (Scheuerschutzfäden) von Grundschleppnetzen, mit Algen und nutzen sie zum Bau ihrer Nester. Sie bringen sich und ihren Nachwuchs damit in Todesgefahr.
In über 95 % der Nester der Basstölpelkolonie auf dem Lummenfelsen in Helgoland findet man Fischereimüll (Dolly Ropes, Leinen, Schnüre und Netzreste). Eltern und Küken können sich darin verfangen und strangulieren.
Auch wenn Tiere nicht unmittelbar sterben, kann verschluckter Fischereimüll im Magen-Darm-Trakt Entzündungsprozesse verursachen. Diese senken die Resilienz der Tiere. Zumeist besteht Fischereimüll aus langlebigen Kunststoffen. Bei deren Fertigung kommen verschiedenste giftige Chemikalien zum Einsatz.
Metallene Angelhaken wiederum lösen beim Verschlucken schwere innere Verletzungen aus.
Zerstörungen an Ökosystemen durch Geisternetze
Geisternetze verhaken sich an Korallen oder Mangroven und zerstören diese, wenn sie durch starken Wellengang losgerissen werden.

Allgemeine Umweltbelastungen durch Geisternetze und Fischereimüll
Die (teuren) Netze sind auf Langlebigkeit und Haltbarkeit auch unter extremen Bedingungen wie ständigem Einsatz im Meerwasser ausgelegt.5 Meist fertigt man sie aus einem Mix mit bis zu vier verschiedenen Kunststoffen: Polypropylen (PP), Polyethylen (PE), Polyamid (Nylon) und PET. Das macht es schwierig, geborgene Geisternetze zu recyceln.
An Stränden im Globalen Süden angespülte Geisternetze und anderer Fischereimüll von verloren gegangenen Fischsammlern (FADs) stellen die betroffenen Küstenstaaten vor kaum zu bewältigende Entsorgungsprobleme.

Mikroplastik
Es kann bis zu mehrere Hundert Jahre dauern, bis Geisternetze und anderer Fischereimüll durch Wellenschlag, UV-Einstrahlung und Salzwasser verottet sind. Aus Kunststoffen gefertigtes Fanggerät wird im Zuge dieses Prozesses zu Mikroplastik fragmentiert.
Was tun gegen Geisternetze und anderen Fischereimüll?
Es gibt viele unterschiedliche Schätzungen über die Menge an Geisternetzen und anderem verloren gegangenen Fanggerät.
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Eine ältere Schätzung der Welternährungsorganisation (FAO) und des UN-Umweltprogramms (UNEP) spricht von jährlich rund 640.000 Tonnen.
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Laut der Studie „Global estimates of fishing gear lost to the ocean each year” von Kelsey Richardson et al. aus dem Jahr 2022 sind es dagegen eher 220.000 bis 260.000 Tonnen Kunststoffabfälle aus der Fischerei.
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Es gibt auch Schätzungen (WWF und andere Organisationen), die von bis zu einer Million Tonnen pro Jahr sprechen.
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Fischernetze allein sollen rund 10 Prozent des Plastikmülls in unseren Ozeanen ausmachen.
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Im Großen Pazifischen Müllstrudel sollen Geisternetze und Leinen bis zu 46 % des Plastikmülls ausmachen.
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In die Ostsee sollen jedes Jahr zwischen 5.000 bis 10.000 Netze und Netzreste gelangen.
Sowohl das Internationale Übereinkommen zur Verhütung der Meeresverschmutzung durch Schiffe (MARPOL)6 als auch die EU-Fischerei-Kontrollverordnung verbieten die Entsorgung von Fischereigerät im Meer. Theoretisch müssten die Fischer ihre Verluste den Behörden melden. Da die bei einer Bergung entstehenden Kosten jedoch den Fischereien in Rechnung gestellt werden können, sind Meldungen von Geisternetzen seitens der Verursacher eine Rarität.
Eine Reduzierung dieser Form der Meeresverschmutzung wäre die verpflichtende Rückverfolgbarkeit von Netzen und Reusen und Schulungen für Fischer zur sachgemäßen Entsorgung. Recycelbare Fanggeräte oder aus Biokunststoffen gefertigte Netze sind derzeit keine Alternative.
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Mit gutem Beispiel voran geht man in Norwegen. Dort wurden Fischereigesetze erlassen, die über europäische und deutsche Vorgaben hinausgehen. So sind Fischer z. B. verpflichtet, bei Verlust nach ihren Fanggeräten zu suchen.
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Ansonsten bleibt angesichts wenig ausgeprägter nationaler oder internationaler Vorschriften wie der UN-Plastikkonvention, vorerst nur das Bergen von Geisternetzen und anderem Fanggerät.
HELMCOM, Reduzierung von Geisternetzen in der Ostsee
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Regional Action Plan on Marine Litter: Engaging fishers and stakeholders in reducing the input of ALDFG from recreational fisheries.
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Fazit
- Geisternetze und verlorenes Fanggerät tragen erheblich zur Meeresverschmutzung bei und gefährden marine Ökosysteme.
- Bis zu 2 % aller weltweit genutzten Fanggeräte gehen jährlich verloren oder werden entsorgt, was zu tödlichen Folgen für Meerestiere führt.
- Geisternetze stellen eine besondere Gefahr dar, indem sie sich in Tieren verheddern und deren Lebensraum schädigen.
- Eine Lösung zur Reduzierung der Meeresverschmutzung wäre die verpflichtende Rückverfolgbarkeit von Fanggeräten und angemessene Schulungen für Fischer.
- Norwegen hat fortschrittliche Gesetze erlassen, um den Verlust von Fanggeräten aktiv zu verhindern.
- Kelsey Richardson et al., Global estimates of fishing gear lost to the ocean each year. Sci.Adv. 8,eabq0135 (2022).DOI:10.1126/sciadv.abq0135, https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.abq0135 ↩︎
- Ruitton S., Belloni B., Marc C. & Boudouresque C. 2019. Ghost Med: Assessment of the impact of lost fishing gear in the French Mediterranean Sea. Langar H. & Ouerghi A. (eds) Proceedings of the 3rd symposium on the conservation of coralligenous and other calcareous bio-constructions.
Tunis: RAC/SPA Publishers, pp. 100-106. ↩︎ - Ziani, Nicolas & Enajjar, Samira & Saïdi, Béchir & Micarelli, Primo & Reinero, Francesca & Bradai, Mohamed. (2026). First data on the impact of ghost gears on the white shark and the shortfin mako in Tunisian waters. Cahiers de Biologie Marine. 67. 67-70. DOI:10.21411/CBM.A.CF2056E. ↩︎
- Boussellaa W., Bradai M., Mallat H., Enajjar S., Saïdi B. & Jribi I. 2024. Ghost Gear in the Gulf of Gabès (Tunisia): An Urgent Need for a Conservation Code of Conduct. Sustainability,16: 8003. Doi:10.3390/su16188003 ↩︎
- Deutscher Bundestag, AZ WD 8-3000 – 038/19: Einzelfragen zu Fischernetzen aus Kunststoff ↩︎
- BSH: MARPOL-Übereinkommen ↩︎
Zuletzt aktualisiert:
Autor: Ulrich Karlowski
Titelbild: Fuchshai in einem Geisternetz, © Richard Salas/Marine Photobank
Weiterführende Informationen
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- Meeresverschmutzung und ihre Folgen
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