Korallenriffe schützen

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Neben Seegraswiesen, Mangroven- und Regenwäldern gehören Korallenriffe mit ihrer überwältigenden Artenvielfalt zu den wichtigsten und produktivsten Ökosystemen der Erde. Riffbildende tropische Korallen (u. a. Steinkorallen, Feuerkorallen oder die Blaue Koralle) sind eine symbiotische Lebensgemeinschaft aus koloniebildenden, festsitzenden Nesseltieren (Cnidarien) und einzelligen, Fotosynthese betreibenden Algen (Zooxanthellen). Sie versorgen die Korallenpolypen mit Energie in Form von Zucker und erhalten im Gegenzug Schutz und mineralische Nährstoffe. Außerdem sind sie verantwortlich für das farbenprächtige Spektakel, das man in einem intakten Riff bewundern kann.

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Korallenriffe schützen


Korallen errichten die größten Bauwerke der Erde

Gemeinsam mit anderen Kalk abscheidenden Organismen bauen winzige Korallenpolypen gigantische Bauwerke: Korallenriffe. Das größte von ihnen ist das berühmte, 2.300 Kilometer lange Große Barriereriff (Great Barrier Reef) an der Nordostküste Australiens. Es besteht aus über 2.900 einzelnen Riffen. Die UNESCO erklärte es 1981 zum Weltnaturerbe. Sogar vom Weltraum aus ist es zu sehen.

Korallenriff in der Phoenix Islands Protected Area (PIPA)

Die Artenvielfalt in Korallenriffen ist noch lange nicht ausreichend erforscht. Foto: pipatrust.org

Zwar bedecken tropische Korallenriffe lediglich 0,1 Prozent des Meeresbodens. Dennoch sind sie Kinderstube und Lebensraum für mindestens ein Viertel alles bislang bekannten Meerestierarten. Und die Artenvielfalt in Korallenriffen ist noch lange nicht ausreichend erforscht.

Zahlreiche Ökosystemleistungen für den Menschen

Diese skurrilen, ungemein kreativen Baumeister der Ozeane sind nicht nur von überragender Bedeutung für den Erhalt mariner Biodiversität. Sie dienen darüber hinaus in vielfältiger Weise auch uns Menschen, versorgen uns mit „Dienstleistungen“ von enormem Wert. So spült beispielsweise der Tourismus jedes Jahr große Summen in die Kassen der Länder, die noch über halbwegs intakte Riffstrukturen verfügen.

Küstenschutz, Erholung, Tourismus sowie Fischerei profitieren von intakten Korallenriffen. Gleichzeitig sind sie eine (noch) unerschöpfliche Quelle für Arzneimittel, wie z. B. neue Antibiotika und sind Symbolorte kultureller und spiritueller Werte.

Weltweit sollen mehr als 500 Millionen Menschen in 90 Ländern direkt oder indirekt von den Ökosystemleistungen der Korallenriffe profitieren.

Weltweite Korallenriffkrise

Korallen gibt es seit über 400 Millionen Jahren. Doch innerhalb weniger Jahrzehnte hat es der Mensch geschafft, dass die Existenz von tropischen Korallenriffen heute in Frage steht. Nach Berechnungen von Experten der UNEP (Umweltprogramm der Vereinten Nationen) sind zwischen 1870 und 2019 weltweit bereits 50 % aller Warmwasserkorallenriffe verloren gegangen (UNEP-Plattform „Oceans and seas“). Es besteht die akute Gefahr, dass dieses Meeresökosystem in naher Zukunft aus den Ozeanen verschwindet.

Der Druck auf Riffsysteme kommt aus unterschiedlichen Richtungen. Angefangen von destruktiver Fischerei wie Dynamit- oder bodenberührender Fischerei, Plastikvermüllung, Baumaßnahmen an Küsten, gezielte Befischung von Raubfischen, Suche nach Rohstoffen, Abholzung von sedimentfilternden Mangrovenwäldern, bis hin zu Meeresverschmutzung, Überdüngung, Overtourism und Massenauftreten von Fressfeinden wie dem Dornenkronenseestern.

Schwerwiegender sind jedoch die Folgen der Klimakatastrophe. Denn dem tödlichen Trio aus zunehmender Ozeanversauerung, sinkenden Sauerstoffkonzentrationen und steigenden Wassertemperaturen haben die kleinen Baumeister langfristig nicht viel entgegenzusetzen.

Korallen im Hitzestress

Bei längeren Phasen mit Wassertemperaturen oberhalb von 29 Grad beginnen Korallenpolypen ihre Mitbewohner, die Zooxanthellen, abzustoßen. Dadurch verlieren sie ihre Farbe. Sie bleichen aus, verhungern und sterben, wenn die Wassertemperatur nicht rechtzeitig wieder sinkt.

Korallenbleiche: Korallen verhungern bevor sie bleichen und sterben.

Korallenbleiche in einem Riff im Roten Meer in der Nähe von Jeddah, Saudi Arabien. © Anna Roik

Im Sommer 2019/20 traf das Great Barrier Reef die dritte Hitzewelle innerhalb von fünf Jahren. Die folgende Korallenbleiche war massiv. Erstmals starben Korallen in allen drei Teilbereichen des Riffsystems. Diesmal erwischte es auch den bislang weitgehend intakt gebliebenen kühleren, südlichen Teil des Barriereriffs. Niemals zuvor starben so viele Korallen im Great Barrier Reef.

Da Hitzewellen durch die Erderhitzung in immer kürzeren Intervallen und in steigender Intensität auftreten, bleibt den Korallen kaum Zeit zur natürlichen Regeneration.

Wisschenschaftler warnen vor dem Aussterben der Korallen

Auf dem Weltkorallenriffkongress (International Coral Reef Symposium/ICRS) 2021 warnte Professor Christian Wild von der Universität Bremen gemeinsam mit vielen anderen internationalen Wissenschaftlern: „Wir befinden uns in einer weltweiten Korallenriffkrise. Global sind 30 Prozent aller Korallenriffe schon verloren, 40 Prozent massiv bedroht und nur noch weniger als 30 Prozent in einem vergleichsweise guten Zustand“. Selbst das Erreichen des 1,5 Grad Ziels könnte für viele Riffe nicht genug sein. Die Zukunft der Korallenriffe hängt in der Schwebe.

Kaltwasserkorallen: Juwelen in der Tiefe

Kaltwasserkorallen - Lophelia pertusa.

Kaltwasserkorallen wie diese Kolonie von Lophelia pertusa können keine Symbiose mit Fotosynthese betreibenden Zooxanthellen bilden. Sie sind bei der Ernährung ganz auf sich allein gestellt. Image courtesy of Lophelia II 2009: Reefs, Rigs, & Wrecks

Korallen leben nicht nur in warmen, lichtdurchfluteten tropischen Küstengewässern. Auch dort, wo es sehr dunkel und sehr kalt ist, an den Rändern der kontinentalen Schelfe, zwischen 40 und 3.000 Metern Tiefe, gibt es Riffe. Hier bauen Kaltwasserkorallen. Sehr langsam zwar, aber sie haben Zeit. Die vorherrschende riffbildende Art im Nordostatlantik ist die zu den Blumentieren (Anthozoa) gehörende Steinkoralle Lophelia pertusa.

Trotz magerer Wachstumsraten von 4 bis 25 Millimetern pro Jahr errichteten Lophelias in Tausenden von Jahren vor Norwegen ein Unterwasserbauwerk mit einer Fläche von über 130 Quadratkilometern. Folglich ist dieses Riff größer als Manhattan.

Über 8.500 Jahre verbringen Blumentiere damit, wundervolle Kaltwasserriffe zu bauen. Doch Grundschleppnetzfischer benötigen nur wenige Stunden, um sie komplett und unwiederbringlich zu vernichten. Denn wo Kaltwasserkorallen zerstört wurden, wachsen sie nicht mehr nach. Ein Lebensraum für unzählige Meeresbewohner verschwindet. Über das Ausmaß der bereits angerichteten Zerstörungen ist wenig bekannt. In norwegischen Gewässern, so schätzen Wissenschaftler, sollen bereits 30 bis 50 Prozent aller bekannten Kaltwasserkorallenriffe zerstört sein. Eine Tragödie. Sie spielt sich im Verborgenen ab.


Weltkorallenriffkongress ICRS

Das Internationale Korallenriff-Symposium (ICRS) ist die mit Abstand wichtigste Veranstaltung, die sich mit den Korallenriff-Ökosystemen beschäftigt. Hier treffen sich seit 1967 normalerweise alle vier Jahre Menschen aus Wissenschaft, Küstenmanagement, Umweltschutz und Politik und stellen ihre aktuellen Forschungsergebnisse vor. Vom 19. bis 23. Juli 2021 organisierte die Universität Bremen virtuell das ICRS 2021. Es war die weltweit größte Korallenriffkonferenz. In seiner über 50-jährigen Geschichte fand das ICRS jetzt erstmalig in Bremen, Deutschland und Europa statt.

Doktorfisch im Fischernetz

Überfischung gehört zu den großen lokalen Stressfaktoren, die Korallenriffe gefährden. Insbesondere die Entnahme der pflanzenfressenden Arten, wie dieser gefangene Doktorfisch, schädigt das Riff. Steinkorallen und Algen kämpfen in jedem Riff um die Siedlungsplätze. Werden die Algen nicht von pflanzenfressenden Fischen abgeweidet, verlieren die Korallen den Kampf und die Riffe veralgen. Ägypten, Sinai, Dahab, Rotes Meer, Stellnetz auf dem Riffdach. Copyright/Quelle: Heinz Krimmer/www.ICRS2020.de

Strategiepapier zur Lösung der Korallenriffkrise

Auf der ICRS 2021 VIRTUAL wurde ein bedeutendes Strategiepapier mit dem Titel „Rebuilding Coral Reefs: A Decadal Grand Challenge” der Öffentlichkeit vorgestellt. Es richtet sich weltweit an Entscheidungstragende aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. „Wir wollen darin die Dringlichkeit von Maßnahmen deutlich machen, die zum Schutz und zur Wiederherstellung von Korallenriffen nötig sind“, sagt Dr. Sebastian Ferse vom Organisationskomitee. Er ist Wissenschaftler am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen.

Das Strategiepapier bietet eine Zusammenfassung der relevantesten und neuesten natur- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse. Somit liefert es die Grundlage für Diskussionen und Verhandlungen zu Umwelt- und Naturschutz, Klimakrise und nachhaltiger Entwicklung auf lokaler und globaler Ebene.

Wir ermöglichten Masterstudentin Laura Niewendick, die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit über die Widerstandsfähigkeit von Korallen in Zeiten der globalen Klimakatastrophe auf dem ICRS 2021 vorzustellen. Die ICRS 2022 ist in Präsenz geplant.


Abgeschlossene Förderungen Korallenschutz