Meeresschutz und Renaturierung von Ökosystemen mit Mission Förde in Flensburg

Mission Förde, ein Naturschutzverein mit meeresschutzbewegten Menschen aus allen Lebensbereichen, hat eine ambitionierte Mission: die Renaturierung der Flensburger Förde. Doch nicht nur dort. Mission-Förde-Taucher halfen auch im dänischen Vejle Fjord bei der Anpflanzung von rund 2.500 m² Seegraswiesen.

Projektinhalte

  • Renaturierung von Seegraswiesen an der dänischen und der deutschen Förde-Küste.
  • Renaturierung von Steinriffen in der Förde.
  • Hafenputz im Flensburger Hafen, Clean-ups an Ostsee-Ständen.
  • Untersuchungen zur Verbesserung der Wasserqualität und zum Schutz bedrohter Arten.
  • Datenerfassungen und Beurteilung des ökologischen Zustands der Flensburger Förde.
  • Workshops und Aufklärungskampagnen, Meeres­forschungs­anhänger als mobiles Forschungslabor für Schulen.

Fakten zum Projekt

Projektname
Meeresschutz und Ökosystem-Renaturierung
Projektregion
Ostsee, Flensburger Förde (Dänemark, Deutschland)
Laufzeit
Seit Juli 2024/unbegrenzt
Partnerorganisation
Mission Förde e.V.
Preise und Auszeichnungen
UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen: Hervorragendes Beispiel 1
Beitrag zu den UN-Nachhaltigkeitszielen (SDGs):
SDG 4, SDG 12, SDG 13, SDG 14

Am Kipppunkt: die Flensburger Förde

Deutschlands nördlichste Ostsee-Förde, die wir uns zur Hälfte mit dem Königreich Dänemark teilen, steht kurz vor dem ökologischen Kollaps. Jahrzehntelanger Raubbau hat das Meeresleben in dem 40 bis 50 km langen Seitenarm der Ostsee fast vollständig vernichtet. Der Flensburger Förde geht es schlecht, sehr schlecht sogar. Das müssen auch das schleswig-holsteinische2 und das dänische3 Umweltministerium unumwunden zugeben.

Zu viele Stressoren

Die Flensburger Förde steht unter enormem Nutzungsdruck:

  • hohe Nährstoffeinträge aus der umliegenden Landwirtschaft
  • touristischer Schiffsverkehr
  • touristische Mülleinträge (Plastikmüll, mutwillige Entsorgungen im Hafenbecken)
  • bis Ende 2025 Zerstörung von Seegraswiesen durch Grundschleppnetzfischerei
  • früher auch intensive Steinfischerei (Entfernung von Findlingen und Steinen vom Meeresboden)

In Kombination mit durch die Klimakrise stetig steigenden Wassertemperaturen hat dies fatale Entwicklungen in Gang gesetzt.

Kaum noch Seegraswiesen in der Flensburger Förde

Immer intensivere Algenblüten raubten den verbliebenen Seegräsern das Licht. Damit verschwand ein für die Sauerstoffversorgung in der Förde entscheidendes Ökosystem. Zudem verlor die Förde damit eine ihrer wichtigsten Kinderstuben für Fische, Krebse, Seesterne, Muscheln und andere Meerestiere.

Sterben die Algen im Herbst, sinken sie auf den Meeresboden und werden von Bakterien zersetzt. Dieser Prozess verbraucht den letzten, in der unteren Wassersäule noch vorhandenen Sauerstoff. Die Folge sind Sauerstoff-Mangelzonen oder Todeszonen ohne Sauerstoff und ohne Leben. Hauptursachen waren und sind zu hohe Nährstoffeinträge aus der konventionellen Landwirtschaft, verbunden mit steigenden Wassertemperaturen als Folge des Klimawandels.

Zu hohe Nährstoffeinträge

Laut des zweiten Nährstoffberichts des Landes Schleswig-Holstein vom November 2019 musste der Kreis Schleswig-Flensburg wie auch der Kreis Nordfriesland die höchsten organischen Düngemengen, vornehmlich aus der Gülle, verkraften. Hinzu kommt ein zu hoher zusätzlicher Einsatz von Phosphat- und Stickstoffdüngern je Hektar.

Flyer der Deutschen Stiftung Meeresschutz: SOS Ostsee.

Laut des schleswig-holsteinischen Bauernverbands sind die Einträge von Stickstoff, die 2015 bei 218.000 Tonnen, und von Phosphat bei knapp 40.000 Tonnen lagen, inzwischen um fast 51 Prozent beim Stickstoff und um gut 70 Prozent bei Phosphat zurückgegangen. Zusätzlich will man mit dem von der Landesregierung im März 2024 vorgestellten „Aktionsplan Ostseeschutz 2030“ erreichen, dass die Einträge weiter zurückgehen.

Es ist ein guter Zeitpunkt, die Zukunft der Seegraswiesen in der Förde und an der Ostseeküste durch Renaturierungsprojekte zu sichern.

Steinfischerei in der Förde

Steinfischerei und Grundschleppnetzfischerei wiederum vernichteten die Miesmuschelbänke. Damit verlor die Flensburger Förde nach den Seegraswiesen auch ihr letztes natürliches Wasserfiltersystem. Auf Hartsubstrate wie Steine angewiesene Meerestiere haben in der Förde heute keine Lebensgrundlage mehr.

Ein sich selbst verstärkender Teufelskreis

Von all dem und der seit Jahrzehnten andauernden stetigen Erwärmung der westlichen Ostsee (Tropikalisierung) profitieren wiederum Algen. Und die Fischerei hat Fische, die Algen fressen könnten, weggefangen.

Was macht Mission Förde?

Die Flensburger Naturschützer wollen nicht mehr und nicht weniger als das einst artenreiche und resiliente Ökosystem der Flensburger Förde wiederherstellen. Vorbild ist der etwa 120 km nördlich der Förde liegende Vejle Fjord in Dänemark. Er befand sich lange in einem ähnlich bedrohlichen Zustand wie die Flensburger Förde. Heute jedoch zeigt sich dort, dass die eingeleiteten Renaturierungsmaßnahmen greifen. So gibt es im Vejle Fjord wieder Seegraswiesen.

Sie nennen es die wahrscheinlich kurioseste Schatzsuche, die Flensburg zu bieten hat. Die mehrmals jährlich stattfindenden Reinigungsaktionen der Mission Förde durch Taucher (Sport-, Berufs- und Forschungstaucher) und Landhelfer. „Es gibt nichts, was man in dem trüben Wasser des Hafenbeckens nicht findet“, sagt Lauritz Graf Bülow von Dennewitz, Initiator, Mitgründer und Vorsitzender von Mission Förde.

Noch bremsen bürokratische Hindernisse die Renaturierung von Seegraswiesen im Küstenmeer (12-Meilen-Zone) der Ostseeküste von Schleswig-Holstein. Deshalb arbeitet Mission Förde mit dänischen Organisationen im Vejle Fjord oder vor den Ochseninseln in der Flensburger Förde und pflanzt dort erfolgreich Seegras.

Taucher von Mission Förde pflanzt Seegras im Vejle Fjord, Dänemark.
Mission-Förde-Taucher pflanzt Seegras im dänischen Vejle Fjord

Mission-Förde-Taucher halfen auch im dänischen Vejle Fjord dem dänischen Verein Os om Havet und der Kommune Vejle bei der Anpflanzung von rund 2.500 m² Seegraswiesen.

Steinriff-Renaturierung in der Flensburger Förde

Ohne Hartsubstrate wie Steine verarmt die Artenvielfalt im Meer. Das gilt auch für die Flensburger Förde. Besonders Muscheln, aber auch Korallen, Quallen, substratlaichende Fische wie der Hering und viele andere Meerestiere sind auf feste Untergründe angewiesen. Im schlammigen Boden der Flensburger Förde haben sie keine Chance.

Steinriffe bieten zudem Schutz und Deckung für Jungfische. Wie Seegraswiesen schaffen Steinriffe reich strukturierte dreidimensionale Lebensräume mit hoher Biodiversität. Ohne sie kann das Ökosystem der Flensburger Förde nicht funktionieren. Mission Förde hat deshalb begonnen, kleinere Steinriffe in der Förde aufzubauen.

Renaturierung benötigt einen langen Atem

Mission Förde setzt bereits heute Maßnahmen um, die durch das im Juni 2024 verabschiedete neue europäische Renaturierungsgesetz (Nature Restauration Law/NRL) für Deutschland verpflichtend geworden sind. Darunter fällt unter anderem die Wiederherstellung degradierter Meereslebensräume in der Flensburger Förde.

UN-Nachhaltigkeitsziele


Auszeichnung für „Die Meeresgärtner“ als hervorragendes Beispiel durch die UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen.
  1. Die Vereinten Nationen haben den Zeitraum von 2021 bis 2030 zur UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen erklärt, um das Bewusstsein noch stärker auf den großen Wert intakter Ökosysteme zu lenken. Mit der Würdigung positiver Beispiele demonstriert die UN-Dekade, wie die Erhaltung und Wiederherstellung von Ökosystemen mit ihrer Naturvielfalt in Deutschland erfolgen kann. Es wird verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich mit Engagement aktiv für die Ökosysteme einzusetzen. Die Modellprojekte sollen dabei Vorbild und Anregung zugleich sein. Im September 2024 wurde Mission Förde als „Hervorragendes Beispiel der UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen“ ausgezeichnet. ↩︎
  2. Bericht der Landesregierung: Umweltzustand der Flensburger Innen- und Außenförde sowie die Pläne der
    Landesregierung zur Verbesserung der dortigen Wasser- und Umweltqualität – Drucksache 19/3106
    Schleswig_Holsteinischer Landtag (naturfreunde-sh.de) ↩︎
  3. MILJØSTYRELSEN (2023, 15. MÄRZ): Flensborg Fjord. ↩︎

Alle Fotos: © Mission Förde