Seegraswiesen – Seegras

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Ist Seegras die „Wunderwaffe aus dem Meer“ gegen die Klimakatastrophe? Bislang vielfach unterschätzt, häufen sich mittlerweile die Erkenntnisse über das Potenzial von Seegraswiesen als bedeutende CO2-Senke. Je nach Standort haben die Meereswiesen eine 30- bis 50-mal höhere CO2-Senkungsrate als Wälder an Land. Und sie speichern das Klimagas 35-mal schneller als ein Wald. Vorteilhaft ist auch, dass sie ihre Speichertätigkeit größtenteils unterirdisch entfalten. Schätzungen sprechen sogar davon, dass Seegraswiesen weltweit bis zu 15 Prozent des vom Ozean aufgenommenen Klimagases binden. Dabei bedecken sie nur etwa 0,2 Prozent des globalen Meeresbodens. Ihre derzeitige CO2-Speicherkapazität soll bei jährlich über 25 Millionen Tonnen liegen. Dieses für lange Zeit der Umwelt entzogene CO2 gilt als sogenannter „blauer Kohlenstoff“ oder Blue Carbon. Seegraswiesen verringern mit ihrer CO2-Speicherfunktion außerdem die lokale Versauerung des Meeres – vor der Küste des von Kalifornien zum Beispiel um bis zu 30 Prozent.

Gleichzeitig produzieren Seegräser Unmengen an lebenswichtigem Sauerstoff. Außerdem sind sie Hotspots der Biodiversität. Experten gehen davon aus, dass 4000 Quadratmeter Seegraswiese etwa 40.000 Fischen und rund 50 Millionen wirbellosen Tieren (u. a. Hummer, Oktopoden, Garnelen) Lebensraum und Nahrung bieten.

Seegraswiesen: Vielfältiger Lebensraum für unzählige Arten

Seegraswiesen sind wie Mangrovenwälder und Korallenriffe unverzichtbar für die marine Biodiversität. Sie sind Lebensraum und Kinderstube für unzählige Knochenfische, Krebstiere, Tintenfische oder Rochen, Haie, Meeresschildkröten und andere Meerestiere. Für Seekühe oder Grüne Meeresschildkröten ist Seegras die Hauptnahrungsgrundlage. Es gibt sogar einen Hai, der nicht nur Tintenfische, sondern auch gerne mal Seegras frisst: der Schaufelnasen-Hammerhai (Sphyrna tiburo), auch Kleiner Hammerhai genannt.

Ökosystemleistungen

Seegras wird seit Jahrhunderten von Küstenvölkern traditionell genutzt. Als Nahrungsmittel, Füll- und Dichtmaterial, für Tierfutter und Dünger oder medizinische Anwendungen. Außerdem haben Seegraswiesen eine wichtige Küstenschutzfunktion und verbessern als natürlicher Meeresfilter die Wasserqualität.

Aquakultur

Heutzutage wird Seegras auch in großem Stil in Aquakultur gezüchtet. Führend sind hier China und Indonesien mit 85 Prozent der weltweiten Produktionsmenge. 2018 produzierten die Algen- und Seegrasfarmen in Ost- und Südostasien 32,4 Millionen an Biomasse für die Lebensmittelproduktion. Die Zucht gilt als umweltfreundlich, hat aber ein eher schwaches Klimapotenzial.

Seegras in Not

Wie bei Mangrovenwäldern und Korallenriffen sind auch die Meereswiesen auf dem Rückzug. Seit 1980 schwindet ihre Ausbreitung um rund sieben Prozent pro Jahr. Nach Berechnungen von Experten der UNEP (Umweltprogramm der Vereinten Nationen) sind zwischen 1970 und 2000 weltweit etwa 30 % Seegraswiesen verloren gegangen (UNEP-Plattform „Oceans and seas“). Global soll es Seegraswiesen noch auf eine Fläche von etwa 600.000 Quadratkilometern geben, was in etwa der Fläche Frankreichs entspricht. Mittlerweile ist circa ein Viertel aller Seegrasarten bedroht und steht auf der Roten Liste. Die Gründe hierfür sind vielfältig.

Durch den Eintrag von Düngemittelrückständen wie Phosphat aus der industriellen Landwirtschaft kommt es in küstennahen Regionen zu starkem Algenbewuchs, der durch Lichtkonkurrenz Seegräsern das Leben schwer macht. Meeresverschmutzung durch ausgeschwemmte Mutterböden von Land verschlechtert die Wasserqualität.

Grundschleppnetzfischer vernichten Seegraswiesen in großem Stil. Seegraswiesen werden auch aus touristischen Gründen zerstört, in der Annahme, dass Urlaubsgäste unbewachsenen, sandigen Meeresgrund bevorzugen. Hinzu kommen Schäden durch fahrlässiges Ankern oder schlechte Bootsführung durch Fahren über zu flachem Grund.

Zusätzlich setzen die Erwärmung der Meere und der damit verbundene stärkere Wellengang sowie Plastikmüll Seegräsern zu.

Überwuchertes Geisternetz im Seegras

Seegras mit Plastikmüll. © Dimitris Poursanidis/Ocean Image B

Projekte zum Schutz von Seegraswiesen

Für den Erhalt der Artenvielfalt in den Ozeanen und den Kampf gegen die Klimakatastrophe muss die Zerstörung von Seegraswiesen gestoppt und, dort wo es möglich ist, müssen diese wiederhergestellt werden. Dabei hat Priorität, die Renaturierung vor allem dort durchzuführen, wo es sie einmal gegeben hat.

Das von uns unterstützte Project Manaia – Meeresschutz im Mittelmeer – erforscht und renaturiert Seegraswiesen des auch Lunge des Mittelmeers genannten Neptungrases. Es wächst sehr langsam, ca. 1,5 bis 2 cm im Jahr, wird bis 1,5 m groß, hat ca. 1 cm breite Halme und wird viele Hundert Jahre alt.

Neptungras ist auch aus einem anderen Grund eine besondere Meerespflanze. Es kann Stickstoff mithilfe einer symbiotischen Beziehung zu stickstofffixierenden Bakterien binden. Ganz so, wie Hülsenfrüchte an Land (Bohnen oder Erbsen). Das ist im Ozean äußerst selten. Die ungewöhnliche Symbiose entdeckte ein Forscherteam des Max-Planck-Instituts für Marine Mikrobiologie in Bremen erst vor wenigen Jahren.


Unterstützen Sie die Renaturierung von Seegraswiesen im Mittelmeer


Was ist Seegras?

Seegraspflanzen bilden vornehmlich auf sandigen Meeresböden im flachen Küstenbereich dichte Bestände als Pflanzengesellschaft – Seegraswiesen. Weltweit gibt es etwa 50 Arten, die in vier Familien unterteilt werden. In der Ostsee leben zwei Arten, Großes Seegras (Zostera marina) und Zwergseegras (Zostera noltei). Im Mittelmeer ist das Neptungras (Posidonia oceanica) beheimatet und hier endemisch.

Zum Leben benötigen Seegräser viel Sonnenlicht. Daher findet man sie meist in Wassertiefen von 1 m bis zu 8 oder 10 m. Per Fotosynthese entziehen sie dem Meerwasser CO2 und produzieren im Gegenzug viel Sauerstoff. Man findet Seegras fast auf der ganzen Welt, auf jedem Kontinent außer der Antarktis.

Meeresschutz im Mittelmeer: Katzenhai in einer Seegraswiese

Katzenhai. Seegraswiesen sind wichtiger Lebensraum für zahlreiche Meeresbewohner. Foto: Shannon Moran/Ocean Image Bank

Seegraspflanzen bestehen aus Wurzeln, Wurzelstöcken, sogenannten Rhizomen, unter dem Meeresboden und oberirdischen Trieben und Blättern. Auf nur einem Quadratmeter einer Wiese können 1.000 oder mehr Sprosse wachsen. Seegras-Rhizome bilden mit der Zeit dichte Matten. Diese können mitunter bis zu 5 m dick sein und sind bei einem Wachstum von 1 bis 2 cm im Jahr dann 250 bis 500 Jahre alt.

Die CO2-Speicherfunktion von Seegraswiesen entsteht also nicht nur in den Blättern, sondern vor allem in unterirdischen Teilen der Pflanzen. Zusätzlich stabilisiert und festigt ihr dichtes und stabiles Wurzelgeflecht den Meeresboden und verhindert, dass dort eingeschlossenes Kohlendioxid (Blue Carbon) entweicht.

Wie alt wird Seegras?

Theoretisch können Seegräser unendlich alt werden. Denn sie verbreiten und vermehren sich hauptsächlich ungeschlechtlich über unterirdische Ausläufer. Das Lebensalter der Seegräser der zwischen Schweden und Dänemark liegenden Åland-Inseln schätzen Forscher auf 800 bis 1.600 Jahre. Gabriele Procaccini, Meeresbiologe an der Zoologischen Station Neapel, datierte einige Posidonia-Wiesen im Mittelmeer auf ein Alter von 2000 bis 3000 Jahren.

Eine vor Ibiza und Formentera lebende rund 55.000 Hektar große Unterwasserwiese aus Neptungras soll sogar das älteste Lebewesen der Welt sein. Die Kolonie besteht aus lauter genetisch identischen Duplikaten. Wissenschaftler des Mediterranean Institute for Advanced Studies schätzen, dass das riesige Wiesenlebewesen bereits über 100.000 Jahre alt ist. In dieser Zeit hat es gewaltige Mengen CO2 als „blauen Kohlenstoff“ (Blue Carbon) gespeichert.

Seegrassamen von Posidonia/Neptungras

Wenn Seegras blüht, bilden sich anschließend kleine Nussfrüchte. Deren Vermehrungserfolg liegt allerdings weit unter dem der vegetativen Ausbreitung.
© Dimitris Poursanidis/Ocean Image Bank

Seegraswiese ist nicht gleich Seegraswiese

Seegraswiesen sind als CO2-Senken unterschiedlich effektiv. Seegräser in einer Bucht bei der Insel Thurø vor Dänemark speichern pro Quadratmeter etwa 27 Kilogramm Kohlenstoff im Meeresboden. Damit ist die dänische Meereswiese zehnmal so effektiv wie Seegraswiesen bei uns an der Ostseeküste.

Dennoch zeigt ein Forschungsprojekt um die Meeresforscherin Angela Stevenson des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel, dass Ostseemeeresboden, der von Seegras bedeckt ist, zwei- bis sechzigmal so reich an organischem Kohlenstoff ist wie Sedimente, bei denen Seegras fehlt.

Die Forscher haben berechnet, dass allein die 285 Quadratkilometer Seegras, die es aktuell noch in der Ostsee gibt, pro Jahr unglaubliche 29 bis 56 Tonnen CO₂ speichern. Zum CO₂-Speicherpotenzial von Posidonia-Seegraswiesen gibt es noch keine vergleichbaren Berechnungen. Es ist in jedem Fall pro Quadratmeter mehr als ein Regenwald und ein Vielfaches dessen, was ein europäischer Mischwald schafft.

Forschungsprojekt „Seastore“ in der Ostsee

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt „Seastore“ soll Techniken entwickeln, mit denen das Klimapotenzial von Seegras in der Ostsee noch besser genutzt werden kann. Dazu erfassen Forscher der GEOMAR Helmholtz-Klima-Initiative die Kohlenstoffvorräte der Seegraswiesen entlang der deutschen Ostseeküste.

Ziel ist es, alle möglichen Lebensräume von Seegraswiesen entlang der gesamten deutschen Ostseeküste wiederherzustellen – allein in Schleswig-Holstein wäre das eine Fläche von rund 448 Quadratkilometern.

Wachsende Seegraswiesen an der Westküste Floridas

Floridas Westküste entlang Springs Coast in der Nähe von Tampa beherbergt das größte Gebiet mit Seegraswiesen im Golf von Mexiko. Hier leben Jakobsmuscheln, Fische, Seekühe, Rochen und andere Meerestiere. Ende Januar 2022 schlossen Wissenschaftler des Southwest Florida Water Management District hier eine Seegraskartierung ab. Dabei stellten sie fest, dass einige Gebiete von 2016 bis 2020 erhebliche Mengen an Seegras hinzugewonnen haben.

Manati mit Jungtier.
Foto: NOAA auf Unsplash

Das ist besonders für Manatees (Rundschwanz-Seekühe) eine gute Nachricht. Denn Seegras ist die Hauptnahrungsquelle der gemütlichen Meeressäuger und damit überlebenswichtig.

In anderen Teilen Floridas dagegen verhungern Manatees von durch Umweltverschmutzung bedingtem Rückgang von Seegraswiesen und Mangrovenwäldern. Allein in den ersten fünf Monaten 2021 verhungerten 761 Florida-Manatis (Seekühe). Das entspricht ungefähr einem Zehntel sämtlicher in den Gewässern Floridas lebender Manatis.

Ein Offshore-Gebiet beim Anclote National Wildlife Refuge (Anclote Key) und zwei östlich von Cedar Key gelegene Küstengebiete in Crystal Bay und Waccasassa Bay gewannen in den vier Jahren zusammen etwa 5.300 Hektar Seegras hinzu. Die Kartierung ergab auch, dass mehr als eine halbe Million Hektar Seegraslebensraum in der Region stabil sind. Dazu gehört auch ein Großteils des Seegrases im neuen Schutzgebiet Nature Coast Aquatic Preserve, das sich entlang der Küste von Pasco County bis Citrus County erstreckt.

„Wunderwaffe aus dem Meer“ gegen die Klimakatastrophe?

Durch das Verbrennen von fossilen Kohlenwasserstoffen reicherte der Mensch nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) 2021 die Atmosphäre mit zusätzlichen 36,3 Milliarden Tonnen CO2 an. Ein Anstieg um sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr und neuer Allzeitrekord. Zurückzuführen war dies auf eine verstärkte Verbrennung von Kohle. Hauptverursacher war China mit 33 Prozent (11,9 Milliarden Tonnen) Anteil an den globalen Gesamtemissionen. Das dortige Wirtschaftswachstum glich den Gesamtrückgang im Rest der Welt 2021 mehr als aus.

Mit Seegraswiesen allein lassen sich diese Mengen nicht signifikant abfangen. Dennoch sind sie ein entscheidender Baustein mit großen Potenzialen im globalen Maßnahmenmix zur Senkung von im Meerwasser gelöstem Kohlendioxid.

Foto oben: © Dimitris Poursanidis/Ocean Image Bank