Kampfdelfine – Soldaten aus dem Meer

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Es gibt nur wenige Themen, um die sich derart viele Gerüchte und „Fake News“ ranken, wie die Nutzung von Meeressäugern zu militärischen Zwecken. So stießen sogenannte „Kampfdelfine“ – für den militärischen Einsatz trainierte Große Tümmler – im April 2022 erneut auf großes Medieninteresse. Satellitenaufnahmen der Einfahrt zum Marinehafen von Sewastopol zeigten, dass sich dort zwei ominöse Netzkäfige befinden. Schnell wurden daraus „Meeresgehege mit Kampfdelfinen“. Dabei ist auf den Bildern lediglich zu erkennen, dass sich unmittelbar vor der Einfahrt zum Marinehafen zwei Netzkäfige befinden. Mehr nicht.

Wettrüsten mit Kampfdelfinen als Instrument des Kalten Kriegs

Unzweifelhaft ist, dass sich sowohl die USA als auch die ehemalige Sowjetunion viele Jahrzehnte lang bemühten, Delfine und Seelöwen zu militärischen Zwecken zu trainieren. Die US-Navy startete ihr Trainingsprogramm mit wild gefangenen Großen Tümmlern bereits 1959. Kampfdelfine gehörten zu Zeiten des Kalten Krieges zu einem der bestgehüteten militärischen Geheimnisse. Es gab ein regelrechtes Wettrüsten zwischen den USA und der UdSSR. Die Amerikaner wollen dabei bis zu 140, die Russen etwa 120 besessen haben.

Militärischer Nutzen speist sich aus Gerüchten und Mythen

Die intelligenten Meeressäuger sollten dabei hauptsächlich Patrouillendienste leisten, feindliche Kampftaucher oder See-Minen aufspüren. Eines der unzähligen Gerüchte um die „Soldaten aus dem Meer“ ist dagegen ihre angebliche Fähigkeit, ausgerüstet mit speziellen Nasenwaffen, im Wasser befindliche Menschen töten zu können. Wie auch die Legende, sie würden Haftminen an feindlichen Schiffen anbringen.

Kampfdelfin mit Flipper-Kamera

Kampfdelfin beim Training mit einer Flipper-Kamera. © US-Navy

Der tatsächliche militärische Nutzen des mit hohem Aufwand verbundenen „Navy Marine Mammal Program“ blieb jedoch gering. Ihre Wirkung bezogen derartige Programme vielmehr aus Gerüchten und Geheimniskrämereien, die von den Militärs nur zu gerne bedient wurden und werden. Was können diese Tiere? Was können sie nicht? Wie viele Kampfdelfine hat der Gegner?

Überragende Unterwasserortungsfähigkeiten

Unstrittig sind allerdings die überragenden Unterwasserortungsfähigkeiten von Delfinen und Seelöwen. Besonders Delfine verschaffen sich mit ihrer Echolokation ein genaues dreidimensionales akustisches Abbild ihrer Umgebung. Mit ihrem Biosonar können sie organische Körper durchdringen. Auch anorganische Materie, wie z.B. Sand am Meeresboden, ist für sie kein Hindernis. Auf diese Weise können sie dort verborgene Fische lokalisieren.

Außerdem sind sie sehr neugierig und erkunden ihre Umgebung genau.

Kampfdelfine auf dem Rückzug

Tatsächlich zum Einsatz kamen die Soldaten aus dem Meer allerdings kaum. Die US-Navy setzte einige in der Bucht von Cam Ranh im Vietnamkrieg und viele Jahre später 1991 im Persischen Golf während des zweiten Golfkriegs ein.

Für den Delfin „Takoma“ war dieser Einsatz nach nur zwei Tagen allerdings zu Ende. Der 22 Jahre alte Große Tümmler verschwand angeblich gleich bei seiner ersten Mission. Vielleicht war Takoma auch zu neugierig und wurde von einer Mine zerrissen. Ob entkommen oder getötet, das Ergebnis bleibt gleich. In der freien Wildbahn hatte Takoma kaum eine Überlebenschance.

US-Navy Soldaten beim Delfin-Training im Persischen Golf

Navy Soldaten beim Delfin-Training im Persischen Golf. © US-Navy

Verbürgt ist der Einsatz dieser Tiere während eines NATO-Manövers in der Ostsee (2020) und von sechs Tieren während einer Übung in der montenegrinischen Bucht von Kotor im Oktober 2012.

Kampfdelfine auf dem Rückzug

Die etwa 120 russischen Kampfdelfine gingen 1991 nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs in den Besitz der Ukraine über. Von dort sollen viele an Delfintherapiezentren in der Türkei und in den Iran verkauft worden sein. 2012 von der ukrainischen Marine gestreute Gerüchte, man habe in Sewastopol das Trainingsprogramm mit zehn Großen Tümmlern wiederbelebt, blieben unbestätigt.

Ukrainische Quellen schlossen damals nicht aus, dass die Wiederaufnahme der Ausbildung von Kampfdelfinen weniger mit Landesverteidigung, denn vielmehr mit einem lukrativen Auftrag des iranischen Militärs zu tun haben könnte.

Auch die US-Navy will ihr Trainingsprogramm im „Space and Naval Warfare Systems Center“ in San Diego im Süden Kaliforniens auslaufen lassen. Künftig sollen spezielle Mini-U-Boote die Aufgaben der Soldaten aus dem Meer übernehmen. Bei den Amerikanern hat dabei auch eine Rolle gespielt, dass es dem Ruf der Landesverteidigung heutzutage nicht zuträglich ist, intelligente Tierpersönlichkeiten wie Große Tümmler für militärische Zwecke zu missbrauchen. Denn für die Tiere sind Übungen und Einsätze ein unschuldiges Spiel. Ein Spiel, bei dem sie und andere ihr Leben verlieren können.

Autor: Ulrich Karlowski im Mai 2022

Foto oben: Transport eines US-Navy Kampfdelfins. © US-Navy