Cuvier-Schnabelwal

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Cuvier-Schnabelwale (Ziphius cavirostris) sind die am weitesten verbreiteten und häufigsten Schnabelwale. Sie zeigen eine schon notorische Scheu vor Booten und sind Extremtaucher. Denn sie halten die Rekorde für den tiefsten (2.992 Tiefenmeter) und längsten (drei Stunden und 42 Minuten) Tauchgang aller Meeressäugetiere. Die Gründe von Extremtauchgängen sind unklar. Bislang gehen die Vermutungen von besonders reichhaltiger Nahrung bis hin zu Spätfolgen von Unterwasserlärm.

Systematik

Der Cuvier-Schnabelwal gehört zur wahrscheinlich 24 Arten umfassenden, weitgehend unbekannten Familie der Schnabelwale (Ziphiidae).

Cuvier-Schnabelwal, Zeichnung.
Cuvier-Schnabelwal. Quelle: NOAA Fisheries.

Lebensraum und Verbreitung

Sie leben in den tiefen Gewässern der großen Ozeane und im Mittelmeer. Polare Gewässer scheinen sie zu meiden. Häufig trifft man sie vor ozeanischen Inseln, z. B. Hawaii. Dort sind sie sogar ortstreu.

Wie hoch ist der Bestand?

Im tropischen Ostpazifik soll es einen Bestand von 20.000 Tieren geben, im östlichen Nordpazifik über 90.000. In den Gewässern bei Hawaii wird der Bestand auf über 12.000 geschätzt, der vor der Küste Kaliforniens auf 1.600. Die Gesamtzahl ist unbekannt.

Artensteckbrief

Woran erkennt man einen Cuvier-Schnabelwal am besten?

Ihr kräftiger Körper ist torpedoförmig. Der kegelförmige Kopf ist besonders bei älteren Exemplaren fast weiß. Markant sind dunkle Ringe um die Augen, der stumpfe Schnabel und die nach oben gekrümmte Mundlinie. Die Körperfarbe variiert stark. Je nach Ort, Alter und Geschlecht von Braun bis gänzlich Weiß bei älteren Tieren. Finne und Flipper sind klein. Die Fluke ist dagegen recht groß.

Die vielen Narben, die ihren Köper bedecken, stammen von Bissen von Zigarrenhaien oder bei Männchen wahrscheinlich von innerartlichen Auseinandersetzungen. Bei erwachsenen Männchen kann man die beiden kleinen, an der Spitze des Unterkiefers sitzenden Zähne sehen. Bei Weibchen und Jungtieren sind sie nicht sichtbar.
Foto: NOAA Fisheries/Anne Simonis
Vier Cuvier-Schnabelwale.

Wie groß und wie schwer werden Cuvier-Schnabelwale?

Mit ihrer Länge von durchschnittlich 7 m (selten bis zu 10 m) und bis zu 3 Tonnen Gewicht gehören sie zu den größeren Arten der Familie der Schnabelwale. Neugeborene wiegen etwa 250 bis 300 kg und sind ca. 2,7 m groß.

Wie alt werden sie?

Ihre Lebenserwartung soll bei 60 Jahren liegen.

Wer sind ihre natürlichen Feinde?

Große Haie und nicht ansässige Orcas, auch Biggs Orcas genannt, die sich auf Säugetiere als Beute spezialisiert haben.

Was fressen Cuvier-Schnabelwale?

Leibspeise von Schnabelwalen sind Tintenfische. Und die begehrtesten Exemplare kann man wohl nur in Tiefseeregionen von 200 Metern bis 3 Kilometern Tiefe erbeuten. In dieser Hinsicht stehen sie den wesentlich größeren Pottwalen in nichts nach. Nur gelegentlich fressen sie auch Fische und Krustentiere. Man nimmt an, dass sie Beute auch in ihren Schnabel hineinsaugen können.

Wie tief und wie lange kann ein Cuvier-Schnabelwal tauchen?

Cuvier-Schnabelwale gehören zu den Extremtauchern unter den Meeressäugern. Und das in jeder Hinsicht. Sie gehen nicht nur extrem tief runter, sie bleiben dort auch extrem lange.

Doch die fast vier Stunden, die sich ein Cuvier 2017 vor der Küste des US-Bundesstaates North Carolina bei Cape Hatteras irgendwo tief unten im Ozean aufhielt, verblüffen selbst Experten. Den neuen Meeressäuger-Tauchrekord dokumentierte die Biologin Nicola Quick von der Duke University. Bisheriger Rekordhalter war ebenfalls ein Cuvier-Schnabelwal. Er begab sich 2014 auf einen Tauchgang von zwei Stunden, siebzehn Minuten und erreichte dabei 2992 Tiefenmeter.

Nicola Quick und ihrem Team gelang es vor der Küste von North Carolina, bei 23 an der Wasseroberfläche ruhenden Schnabelwalen Sensoren anzubringen. Kamen die Tiere nach einem ihrer Tauchgänge zu einer der überraschend kurzen Erholungszeiten an die Wasseroberfläche, begann die Datenübertragung via Satellit. Auf diese Weise dokumentierten die Wissenschaftler schließlich Daten von 3.600 Tauchgängen – darunter der neue Tauchrekord. Er wurde 2017 aufgestellt.

Wie sind derartige Tauchrekorde überhaupt möglich?

Auch mit ihren unerklärlich kurzen und uneinheitlich langen Erholungsphasen verblüfften die Tiere. Selbst nach einem zweistündigen Tauchgang genügten einem Schnabelwal 20 Minuten. Dann machte er sich schon wieder auf den Weg in die Tiefe. Ein anderer dagegen trödelte nach einem „nur“ 78 Minuten dauernden Tauchgang fast vier Stunden – unterbrochen von kürzeren Abstechern – an der Wasseroberfläche herum.

Immerhin weiß man von einigen Anpassungen bei diesen besonderen Meeressäugern. So kollabiert ein Teil ihrer Lunge. Organe und Gewebe, die jetzt nicht zum Tauchen und Beutemachen gebraucht werden, werden nur noch schwach durchblutet. Der Stoffwechsel sinkt auf ein absolutes Minimum, der Herzschlag verlangsamt sich. Dennoch ist noch lange nicht geklärt, was genau dort unten eigentlich passiert.

Meist bleiben sie eine Stunde unter Wasser

Ging man bislang davon, dass Cuvier-Schnabelwale im Schnitt Tauchgänge von etwa 30 Minuten schaffen, bis ihnen der Sauerstoff ausgeht, muss diese Grenze nun um einiges nach oben versetzt werden. Denn die Daten von Nicola Quick zeigen, dass die Schnabelwale meist eine Stunde unter Wasser bleiben. Doch immer wieder gibt es auch sehr viel längere Tauchzeiten. „Cuviers-Schnabelwale sind außergewöhnlich, aber diese Tauchgänge übertrafen bei weitem alles, was wir bisher gesehen hatten“, sagt Quick.

Verhalten von Cuvier-Schnabelwalen

Cuvier-Schnabelwale sind in kleineren Gruppen (2 bis 7 Tiere) oder alleine unterwegs. Ansonsten weiß man immer noch nicht sehr viel über diese scheuen Extremtaucher.

Fortpflanzung und Entwicklung

Ihre Geschlechtsreife soll ab einer Größe von 6,2 m erreicht sein. Männchen kämpfen anscheinend um die Gunst der Weibchen (beobachtet wurde diese allerdings noch nie).

Gefahren

Fischereien in Indonesien, der Karibik, Taiwan, Peru, Chile und Japan machten früher in geringer Zahl Jagd auf diese Schnabelwalart. Auch der Tiefseefischerei fallen Cuviers als Beifang zum Opfer. Ein weiteres Problem ist die Plastikverschmutzung. Sie verwechseln Plastiktüten mit Beute und sterben schließlich qualvoll an verstopftem Magen.

Die größte Gefahr geht jedoch von militärischen Sonaren aus. Die Art scheint hier besonders empfindlich zu sein. Man vermutet, dass sie, überrascht von den Sonar-Schalldrücken, zu schnell aus großer Tiefe aufsteigen und dadurch der Taucherkrankheit zum Opfer fallen.

Schutzstatus

Die Art gilt als nicht bedroht. Laut Roter Liste der IUCN liegen keine ausreichenden Daten für eine genauere Einschätzung vor (data deficient).

“Extreme Diving in Mammals: First Estimates of Behavioral Aerobic Dive Limits in Cuvier’s Beaked Whales,” N.J. Quick, W.R. Cioffi, J.M. Shearer, A. Fahlman and A.J. Read; Sept. 23, 2020, Journal of Experimental Biology. DOI: 10.1242/jeb.234187

Foto oben: Rekordhalter unter den Tauchern: der Cuvier-Schnabelwal
Danielle Waples, under NOAA/NMFS permit 14809-03 and NOAA General Authorization 16185