Grönlandhai oder Eishai

Der Grönlandhai (Somniosus microcephalus) zählt zu den faszinierendsten und rätselhaftesten Bewohnern des Nordatlantiks und des Arktischen Ozeans. Man weiß nur wenig über diese Tiefseehaie. Doch was man weiß, ist verblüffend. Der Grönlandhai ist das langlebigste aller Wirbeltiere. Denn die bis zu 7,3 m großen und bis zu 2,5 Tonnen schweren Riesenfische zählen zu den Methusalems der Ozeane. Man schätzt, dass sie fast 400 Jahre alt werden können. Manche trauen ihnen sogar über 500 Jahre zu. Damit gäbe es heute lebende Exemplare mit Geburtsjahrgängen ab 1525 oder auch darunter.

Außerdem sind Grönlandhaie die mit Abstand größten Fische des Arktischen Ozeans und die einzigen Haie, die ganzjährig in den tieferen arktischen Gewässern, deren Temperatur meist zwischen -1,8 °C bis -2 °C nahe am Gefrierpunkt des Meerwassers liegt, leben. Daher nennt man die Art auch Eishai. Sie sind die Top-Prädatoren in ihrem dunklen, kalten Lebensraum.

Auf der Roten Liste der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) ist Somniosus microcephalus als gefährdet mit sinkendem Bestand eingestuft.

Systematik

Grönlandhaie (Somniosus microcephalus) gehören zur Familie der Schlafhaie (Somniosidae) innerhalb der Ordnung der Dornhaiartigen (Squaliformes), der zweitgrößten Ordnung der Haie. Zur Gattung Somniosus gehören sechs Arten. Der Grönlandhai ist eng verwandt mit dem Pazifischen Schlafhai (Somniosus pacificus). An den Rändern ihrer Verbreitungsgebiete kann es zur Paarung (Hybridisierung) zwischen den beiden Arten kommen. Die dabei geborenen Nachkommen sind fruchtbar.

Wie sieht ein Grönlandhai aus?

Diese urtümlichen Haie haben einen massigen, zylindrischen Körper. Ihr Kopf ist kurz und abgerundet. Die Farbe ihrer rauen Haut variiert von einheitlich dunkelgrau, braun bis schwarzbraun. Viele der bislang lebendig beobachteten Eishaie hatten unzählige helle Sprenkel auf dem Rücken.

Ihre Kiemenspalten und die beiden Rückenflossen sind klein. Auch die Augen sind im Verhältnis zur Körpergröße klein. Oft leben parasitäre Ruderfußkrebse auf den Augen. Das verleiht Eishaien ein unheimliches, milchiges Aussehen.

Wo lebt der Grönlandhai?

Sein Lebensraum umfasst den Nordatlantik, arktische Gewässer, die Labradorsee, die Baffin Bay und die Ostsibirische See, beides Randmeere des Arktischen Ozeans. Gelegentlich schwimmen sie auch weiter südlich. So filmte ein unbemanntes U-Boot 1959 vor der Küste des US-Bundesstaates South Carolina in 2.000 m Tiefe einen 6 m großen Grönlandhai.1

Nachweise gibt es auch aus der Biskaya und Kuba und von den Kanarischen Inseln.

Für gewöhnlich bevorzugen Eishaie Tiefen zwischen 300 und 500 m. Im Sommer halten sie sich in küstennahen Gebieten auf, während sie im Winter ins offene Meer schwimmen. Ihre bislang bekannte maximale Tauchtiefe beträgt 2,9 km. Wahrscheinlich können sie noch tiefer tauchen.

Laut einer im Juni 2025 im Journal Ecology and Evolution veröffentlichten Studie bevorzugen die Meeresriesen Wassertemperaturen von 0 °C bis 5–6 °C. Erwachsene Weibchen halten sich jedoch meist in > 4 °C warmem Wasser auf.2

Wie hoch ist der Bestand?

Nach Angaben der IUCN dürfte der Bestand des Grönlandhais in den 420 Jahren seit dem 17. Jahrhundert um 57 % zurückgegangen sein. Hauptursache hierfür war intensive Befischung. Von 1920 bis 2020 könnte ihre Zahl dagegen wieder um 3 % angewachsen sein. Daten zur absoluten globalen Populationsgröße gibt es allerdings keine.

Lebensweise und Verhalten

Grönlandhaie sind Einzelgänger. Wissenschaftler vermuten, dass ihr langsames Wachstum von wahrscheinlich nur 1 cm pro Jahr und ihr hohes Alter auf einen langsamen Stoffwechsel zurückzuführen sind.

Sie können sich saisonal dauerhaft in einem Lebensraum aufhalten. Andererseits ist der Eishai auch für seine Fähigkeit, weite Strecken zurückzulegen (> 1.000 km), bekannt.

Wie alle Schlafhaie schwimmt auch der Grönlandhai nur langsam. Seine Höchstgeschwindigkeit liegt bei unter 2,9 km/h. Durch ihre vorsichtige, träumerische Schwimmweise wirken sie wie in Trance.

Fortpflanzung und Entwicklung

Auch über die Vermehrung von Grönlandhaien weiß man aufgrund ihres schwer zugänglichen und riesigen Lebensraums nicht viel.

Es gibt deutliche Größenunterschiede zwischen Weibchen und Männchen (Geschlechtsdimorphismus). Ähnlich wie beim Bullenhai sind Weibchen wesentlich größer als Männchen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Weibchen erst mit 150 Jahren bei einer Größe von über 4 m geschlechtsreif sind.

Der Grönlandhai zählt zu den sich aplazental vivipar fortpflanzenden Haiarten. Ein Weibchen kann zwischen 2 bis maximal 10 Jungtiere gebären. Man vermutet, dass sie alle zwei Jahre Nachwuchs bekommen. Junge Eishaie sind bei der Geburt etwa 40 cm bis 1 m groß.

Die Geburtsgebiete der Grönlandhaie sind unbekannt. Man vermutet sie in tiefen, für die kommerzielle Fischerei unzugänglichen Gewässern. Unbekannt ist auch, wo die Jungtiere ihre ersten Lebensjahre verbringen. Wissenschaftler vermuten potenzielle Eishai-Kinderstuben im Skagerrak und im Scott Inlet, einer Bucht der kanadischen Baffininsel.

Was frisst ein Grönlandhai?

Als opportunistischer Räuber ernährt sich der Grönlandhai von einer Vielzahl von Beutetieren. Darunter andere kleinere Haie, Rochen, verschiedene Fischarten wie Dorsch, Hering, Seehasen oder Tintenfische.

Seehasen gehören zu den häufigsten Beutetieren des Grönlandhais oder Eishais.
Seehase, Foto mit freundlicher Genehmigung von NOAA

Im Grunde fressen Grönlandhaie alles, was sie kriegen können. Auch Meeressäugetiere wie Robben und Schweinswale sollen zum Beutespektrum der eher trägen Jäger zählen. Hierbei könnte es sich um verletzte oder kranke Tiere oder um Aas handeln.

Mit seinen starken Kiefern und scharfen Zähnen kann ein Grönlandhai auch große Beute leicht zerteilen.

Wie gefährlich ist der Grönlandhai für Menschen?

Laut dem International Shark Attack File (ISAF) des Florida Museum of Natural History ist nur ein einziger möglicher Angriff eines Grönlandhais auf einen Menschen bekannt. Der Bericht stammt allerdings von 1859. Der angebliche Angriff soll vor Pond Inlet im Norden der kanadischen Baffininsel passiert sein. Es handelt sich jedoch eher um eine nacherzählte Anekdote aus der Feder des französischen Anthropologen und Missionars Pater Guy Mary-Rousselière (1913–1994).3

Aufgrund ihres einzigartigen Lebensraums und ihrer bisher bekannten Jagdstrategien kann ausgeschlossen werden, dass der Grönlandhai für Menschen gefährlich ist. Auch wenn Funde menschlicher Überreste im Magen dieser Haie nicht ungewöhnlich sind. Sie stammen von Ertrunkenen.

Gefahren

Aufgrund seiner langsamen Fortpflanzung und der späten Geschlechtsreife ist die Art besonders anfällig für ökologische Belastungen. Ihre Aussterbewahrscheinlichkeit dürfte daher eher zu- denn abnehmen.

Natürliche Fressfeinde

Es gibt keine Hinweise, dass ausgewachsene Grönlandhaie natürliche Fressfeinde haben. Das dürfte an ihrer enormen Größe liegen. Einzig Orcas könnten ihnen gefährlich werden. Hierzu gibt es allerdings keine belastbaren Informationen.

Historische Fischerei

Ab dem 13. Jahrhundert wurden Grönlandhaie vor Kanada, Norwegen, Island und Grönland gezielt wegen ihres Leberöls, ihrer Haut (für Leder) und ihres Fleisches für Hundefutter befischt.

Moderne Fischerei

Im 17. Jahrhundert intensivierte sich die Fischerei auf Leberöl (für Lampen, später für Motoröl und Vitamin A). Erst mit der Erfindung synthetischer Ersatzstoffe endete der erhebliche Fischereidruck von schätzungsweise 58.000 toten Grönlandhaien jährlich in den 1940er- bis 1960er-Jahren.

Vor Grönland begann man im frühen 19. Jahrhundert mit der Eishai-Befischung. Ab 1857 soll der grönländische Fischereidruck bei etwa 2.000 bis 3.000 Individuen pro Jahr gelegen haben und stieg bis Anfang der 1890er-Jahre auf Fangmengen von bis zu 32.000 Tieren im Jahr 1910.

Da Grönlandhaie gerne Beute von Langleinen nehmen oder sich in Schleppnetzen verheddern (Beifang) und dabei das Fanggerät beschädigen, betrachten Fischer sie als „Problem“. Deshalb subventionierte die norwegische Regierung in den 1970er-Jahren die gezielte Dezimierung, das heißt sie zahlte „Kopfgeld“ für jeden erlegten Eishai.

Wie viele Grönlandhaie sterben als Beifang?

Laut IUCN liegt die jährliche Beifangrate von Eishaien im Atlantik, im Arktischen Ozean und in der Barentssee zwischen 1.000 bis etwa 3.500 Tiere. Gelegentlich sollen Fischer den Haien dabei auch die Leber entnehmen, bevor sie sie über Bord werfen.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass bei der aktuell geschätzten Gesamtbeifangrate von etwa 3.500 Grönlandhaien jährlich die Population angesichts ihrer langsamen Vermehrungsrate stetig zurückgehen wird.

Klimawandel

Der Arktische Ozean ist überdurchschnittlich hart betroffen von der Erderhitzung. In der Arktis (Land- und Meeresgebiete nördlich von 60ºN) steigen die Temperaturen seit 50 Jahren mehr als doppelt so schnell wie in der restlichen Welt: um etwa 3°C seit den 1970er Jahren. Im Februar 2025 erreichte das arktische Meereis den niedrigsten Wert seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen.4 Der Grönlandhai gehört zu den Meerestierarten, die keine Möglichkeiten haben, der Ozean- und Erderwärmung zu entkommen. Es gibt keine weiteren kalten Regionen, in die sie abwandern könnten. Die Art lebt am Limit.

Auch das Verschwinden des arktischen Meereises und das Abschmelzen des grönländischen Eisschilds reduzieren ihre Lebensraumqualität. Im Februar 2025 erreichte das arktische Meereis den niedrigsten Wert seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen.4 Hinzu kommt, dass Fischereifahrzeuge und Handelsschiffe über die vermehrt eisfreie Nordost- und Nordwestpassage in vormals nicht beschiffbare Regionen des Arktischen Ozeans vordringen.

Grönlandhai oder Eishai (Somniosus microcephalus) in 896–778 m Tiefe.
© NOAA OKEANOS Explorer Program, 2013 Northeast U.S. Canyons Expedition

Schutzmaßnahmen für den Grönlandhai

Fischereiorganisationen wie NAFO (Nordwestatlantische Fischereiorganisation) und NEAFC (Nordostatlantische Fischereikommission) verbieten die gezielte Fischerei auf Grönlandhaie in den unter ihrer Verwaltung stehenden internationalen Gewässern.

NAFO

Die NAFO verbietet zudem die Anlandung von unbeabsichtigt mitgefangenen Eishaien. Die Tiere sollen möglichst schnell und vorsichtig wieder freigelassen werden.

NEAFC und OSPAR

Im Charlie-Gibbs-Meeresschutzgebiet entlang des Mittelatlantischen Rückens und der Hatton Bank wurden auf Initiative von OSPAR und der für das Meeresgebiet zuständigen North-East Atlantic Fisheries Commission (NEAFC) große Gebiete für die Grundschleppnetzfischerei gesperrt.

Am Grund des Mittelatlantischen Rückens vermuten Wissenschaftler ein Geburtsgebiet des Grönlandhais.

EU

In der Europäischen Union gilt ein Fangverbot für Tiefseehaie in europäischen und in einigen internationalen Gewässern.

Fazit

  • Mit einer Lebenserwartung von über 500 Jahren ist der Grönlandhai (Somniosus microcephalus) oder Eishai das langlebigste Wirbeltier.
  • Diese Tiefseehaie werden über 7 m groß und rund 2,5 t schwer.
  • Sie sind die größten Fische des Arktischen Ozeans und leben in extrem kalten und tiefen Gewässern.
  • Die Bestände sind in den letzten Jahrhunderten stark zurückgegangen, hauptsächlich durch die Fischerei.
  • Fischereiorganisationen wie NAFO oder NEAFC und die EU versuchen durch Fangverbote das Aussterben des Grönlandhais zu verhindern.
  • Der Klimawandel und seine Folgen reduzieren die Lebensraumqualität der Art.
  • Die Aussterbewahrscheinlichkeit für den Grönlandhai dürfte in den nächsten Jahren zunehmen.
  1. Charles E. Herdendorf, Tim M. Berra, A Greenland Shark from the Wreck of the SS Central America at 2,200 Meters, Transactions of the American Fisheries Society, Volume 124, Issue 6, November 1995, Pages 950–953, https://doi.org/10.1577/1548-8659(1995)124<0950:AGSFTW>2.3.CO;2 ↩︎
  2. Nielsen, J., J. S. Christiansen, K. Præbel, et al. 2025. “ Spatial Distribution of Greenland Shark Somniosus microcephalus (Bloch & Schneider, 1801) Life Stages Across the Northern North Atlantic.” Ecology and Evolution 15, no. 7: e71564. https://doi.org/10.1002/ece3.71564. ↩︎
  3. Lars Schreiber Pedersen, An early nineteenth-century account of a Greenland shark (Somniosus microcephalus) consuming a Norwegian fisherman, Journal Article, 2024, Archives of Natural History April, 2024 51(1):175, https://www.euppublishing.com/doi/abs/10.3366/anh.2024.0905 ↩︎
  4. Global Climate Highlights 2025
    Copernicus: 2025 was the third hottest year on record ↩︎
  5. Global Climate Highlights 2025
    Copernicus: 2025 was the third hottest year on record ↩︎

Zuletzt aktualisiert:

Autor: Ulrich Karlowski

Titelbild: © Hemming1952 | Wikimedia Commons | Verwendet unter der Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International Lizenz | Änderungen: Größe


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