Grüne Meeresschildkröten

Die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas) ist nach der Lederschildkröte die zweitgrößte Schildkrötenart der Welt. Von den Schildkrötenarten mit hartem Rücken- und Bauchpanzer sind die bis 1,5 m großen Reptilien die größte Art. Unter den Meeresschildkröten sind sie einzigartig, denn sie sind Pflanzenfresser. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Seegräsern und Algen. Diese Diät verleiht Fett und Knorpel – aber nicht dem Panzer – eine grünliche Farbe. Daher rührt ihr Name.

Grafik Grüne Meeresschildkröte

© NOAA Fisheries

In Mexiko allerdings werden sie „tortuga blanca“ („weiße Schildkröte“), genannt, während im englischen Sprachraum wiederum der bekannte Name „green turtle“ verwendet wird.

Ihr Panzer ist an der Oberseite in verschiedenen, meist hellen Brauntönen mit gelblichgrünen oder schwarzbraunen Zonen gefärbt. An der Unterseite sind sie teilweise hellgelb.

Im Deutschen kennt man sie auch unter dem Namen Suppenschildkröte. Denn Grüne Meeresschildkröten wurden über Jahrhunderte intensiv bejagt. Ihr Fleisch diente dabei u. a. als lebender Schiffsproviant und zur Zubereitung von Schildkrötensuppe.

Die Art ist weltweit stark gefährdet.

Systematik

Grüne Meeresschildkröten sind eine von sechs Arten der Familie Cheloniidae.

Lebensraum und Verbreitung

Wo leben Grüne Meeresschildkröten?

Ihr Verbreitungsgebiet umfasst alle tropischen und subtropischen Meere und das Mittelmeer. Sie nisten in über 80 Ländern, leben in den Küstengebieten von mehr als 140 Ländern und unternehmen weite Wanderungen zu ihren Niststränden.

Weltkarte Verbreitung der Grünen Meeresschildkröte

Quelle: NOAA-Fisheries

Wie hoch ist der Bestand?

Auf der Roten Liste der IUCN ist die Art als stark gefährdet mit rückläufiger Bestandsentwicklung gelistet. 1988 wurde der Handel mit Fleisch, Eiern, lebenden oder toten Grünen Meeresschildkröten und Teilen (z. B. Panzer) von ihnen durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) verboten. Dort ist sie auf Anhang I gelistet.

Einschätzungen zur Populationsgröße sind wegen fehlender Daten nicht möglich. Man muss allerdings davon ausgehen, dass die weltweite Population wegen intensiver Bejagung in der Vergangenheit und zahlreicher neuer Gefahren drastisch zurückgegangen ist.

Die Population im Mittelmeer steht kurz vor dem Aussterben. Hier soll es nach Angaben des Aquariums in Pula nur noch zwischen 500 und 1.000 geschlechtsreife Weibchen geben.

Die weltweit größten Nistpopulationen sind in Tortuguero an der Karibikküste Costa Ricas mit durchschnittlich etwa 30.000 pro Saison nistenden Weibchen und in Raine Island am Great Barrier Reef mit bis zu 60.000 Weibchen.

Fakten über Grüne Meeresschildkröten

Wie alt?

Ihre Lebenserwartung beträgt mindestens 70 Jahre. Erst mit 25 bis 35 Jahren erreichen die Weibchen ihre Geschlechtsreife.

Wie schwer?

Ausgewachsene Exemplare können über 180 kg schwer werden.

Ernährung

Grüne Meeresschildkröte frisst Seegras.

Foto: P. Lindgren, CC BY-SA 3.0

Erwachsene Tiere fressen hauptsächlich Seegras und Algen. Gelegentlich aber auch Schwämme, Wirbellose sowie weggeworfenen Fisch. Jungtiere ernähren sich ausschließlich von Krebsen, Muscheln, Würmern, Quallen oder Schwämmen.

Ihre pflanzliche Nahrung zerschneiden sie mit den mit Haken und Zacken besetzten Hornleisten ihrer Kiefer. Dabei überschüssig aufgenommenes Salz scheiden sie über eine „Salzdrüse” aus. Da sich diese in der Nähe der Augen befindet, sieht es aus, als ob sie weinten.

Wann legen sie ihre Eier?

Die Nistsaison variiert je nach Lebensraum. So beginnt diese in den USA im späten Frühjahr. Alle 2 bis 5 Jahre begeben sich die Grünen Meeresschildkröten auf weite Wanderungen, um zu ihren Eiablageplätzen zu gelangen. Einige von ihnen legen dabei Strecken von mehr als 2.600 Kilometer zurück.

Die Weibchen kehren Jahr für Jahr jeweils an einen Strand in der Umgebung zurück, wo sie Jahrzehnte zuvor geschlüpft sind.

Wie viele Eier hat ein Nest?

Kleine Grüne Meeresschildkröte auf dem Weg ins Meer. Ein Nest kann aus etwa 110 Eiern bestehen. Nach etwa 2 Monaten schlüpfen die Jungtiere aus ihrer sandigen Nisthöhle. Dann krabbeln sie auf dem schnellsten Weg ins Wasser.

Wer sind die natürlichen Feinde?

Wie bei allen Meeresschildkrötenarten sind geschlüpfte und heranwachsende Jungtiere als Beute beliebt bei allem, was Zähne und Fangarme hat, sowie bei großen Seevögeln. Als Erwachsene haben sie, außer großen Haien, praktisch keine Feinde.

Verhalten

Grüne Meeresschildkröten sind Einzelgänger und Nachtbrüter.

Jungtiere, die es nach dem Schlupf bis ins Meer schaffen, verbringen ihre ersten Jahre im offenen Ozean. Die Erwachsenen verbringen die meiste Zeit ihres Lebens in üppigen Seegraswiesen flacher, küstennaher Regionen.

Grüne Meeresschildkröte schwebt knapp unter der Wasseroberfläche

Foto: NOAA Pacific Islands Fisheries Science Center

Mit ihren flossenförmigen Paddeln können Grüne Meeresschildkröten unter Wasser hohe Geschwindigkeiten von bis zu 24 km/h erreichen. Ihre Hinterbeine setzen sie als Ruder ein. Sie scheinen dabei durchs Wasser zu „fliegen”.

Fortpflanzung

Grüne Meeresschildkröten paaren sich sowohl in den Nahrungsgründen als auch entlang von Wanderpfaden und an Niststränden. Sie können etwa alle 2 Wochen ein neues Nest graben und das über mehrere Monate, bevor sie wieder zu ihren Nahrungsgründen zurückkehren.

Gefahren für Grüne Meeresschildkröten

Wie alle Meeresschildkrötenarten sehen sich Grüne Meeresschildkröten heute mit einer Mischung unterschiedlichster Gefahren konfrontiert, denen sie nur schwer standhalten können.

Fibropapillomatose

Erkrankt ein Tier an Fibropapillomatose, bilden sich äußere und innere Tumore. Diese Tumore beeinträchtigen die Schwimmfähigkeit und die Nahrungsaufnahme erheblich. Unbehandelt kann die Krankheit zum Tod der Tiere führen. Allerdings bilden sich die Tumore bei 30 bis 60 % der betroffenen Tiere auch wieder zurück. Grüne Meeresschildkröten sind am häufigsten unter allen Meeresschildkrötenarten betroffen. Die meisten Tumore finden sich bei ihnen um die Flossen, den Hals und die Augen.

Was die Krankheit verursacht, ist noch nicht vollständig geklärt. Man geht von mehreren Faktoren aus, die das Tumorwachstum verursachen. Neben einem Herpes-Virus soll auch Meeresverschmutzung eine wichtige Rolle spielen.

Tierärzte im Turtle Hospital (Marathon Beach, Florida, USA) haben Techniken entwickelt, Fibropapillomatose-Tumore erfolgreich operativ zu entfernen. Das Verfahren ist schwierig. Es dauert etwa ein Jahr, bis behandelte Tiere Antikörper gegen das Virus entwickelt haben und wieder ausgewildert werden können.

Beifang in der Fischerei

Hauptbedrohung für die Lungenatmer ist das Verheddern und Ertrinken in Fischereigerät (Beifang). Außerdem können sie Angelhaken und –schnüre sowie Netzteile verschlucken. Zu den wichtigsten Arten von Fanggeräten, die Beifang von Grünen Schildkröten verursachen, gehören Schleppnetze, Kiemennetze, Langleinen, Haken und Leinen sowie Reusen.

Plünderung der Nester und Wilderei

Früher wurden Grüne Meeresschildkröten in großer Zahl wegen ihres Fettes, ihres Fleisches und ihrer Eier getötet. Dies führte zu einem katastrophalen weltweiten Rückgang der Art. Nach wie vor sind das Töten von Grünen Meeresschildkröten und das Sammeln ihrer Eier in einigen Ländern legal. Das erschwert Schutzbemühungen für die Art.

Grüne Meeresschildkröte nach der Eiablage erreicht die Brandung.

Weibchen kehrt nach der Eiabalge zurück ins Meer – Foto: Turtle Foundation

Verlust und Zerstörung der Niststrände

Durch Baumaßnahmen an Stränden und deren intensive touristische Nutzung sowie steigende Meeresspiegel sind viele Niststrände für die Art verloren gegangen. Künstliche Beleuchtung an und in der Nähe von Niststränden bereitet Jungtieren nach dem Schlupf zudem große Probleme, das Meer zu finden. Denn sie orientieren sich dabei nach dem hellsten für sie sichtbaren Horizont.

Verlust der Nahrungsgrundlage

Grüne Meeresschildkröte mit Schraubenverletzung

Grüne Meeresschildkröte mit Propellerverletzung in Rettungsstation – Foto: U.Kirsch/U.Karlowski

Der weltweit zu verzeichnende Rückgang von Seegraswiesen, ausgelöst durch Umweltverschmutzung oder Küstenentwicklungsmaßnahmen, entzieht der Grünen Meeresschildkröte zunehmend eine ihrer wichtigsten Nahrungsgrundlagen.

Schiffskollisionen

Fast alle Wasserfahrzeuge können Grüne Schildkröten treffen, wenn sie an oder nahe der Oberfläche schwimmen. Diese Kollisionen verletzen oder töten die Tiere. Schiffskollisionen sind eine große Gefahr besonders für große Jungtiere und ausgewachsene Grüne Meeresschildkröten, da sie küstennah leben und sich dabei auch in der Nähe von Häfen, Wasserstraßen und stark befahrenen Küsten aufhalten.

Meeresverschmutzung/Meeresmüll

Die zunehmende Verschmutzung und Überdüngung küstennaher Lebensräume bedroht alle Meeresschildkröten und beeinträchtigt ihre Lebensräume. Zusätzlich laufen sie Gefahr, herumtreibenden Müll aufzunehmen. Im Magen von Grünen Meeresschildkröten findet man regelmäßig z. B. kleinteiligen Plastikabfall aller Art, Angelschnüre, Ballons, Plastiktüten, Teer und anderen Müll. Auch ist das Verheddern in herumtreibenden Müllansammlungen gefährlich.

Klimawandel

Meeresschildkröten stehen unter starkem Klimastress. Höhere Temperaturen verändern die Strandmorphologie und führen zu höheren Sandtemperaturen. Das kann zum Absterben der Eier führen oder dass nur noch Weibchen zur Welt kommen. Denn die Geschlechterzuordnung steuert sich bei Reptilien über die Nisttemperatur.

Kälteeinbrüche – Regulierung der Körpertemperatur

Plötzliche Kälteeinbrüche oder intensive, lang anhaltende Kälte können für die Meeresreptilien sehr gefährlich sein. Denn sie sind Kaltblüter, sind somit zur Aufrechterhaltung ihrer Körpertemperatur von der Umgebungstemperatur abhängig. Normalerweise kontrollieren Meeresschildkröten ihre Körpertemperatur, indem sie sich zwischen Wasserbereichen mit unterschiedlichen Temperaturen bewegen. Außerdem wärmen sie sich gerne an der Wasseroberfläche oder am Strand in der Sonne auf.

cold stunning

Kommt es jedoch zu einem plötzlichen Kälteeinbruch, können sie nicht schnell genug in wärmere Gewässer flüchten. Sie unterkühlen, fallen in Kältestarre (cold stun). Dies kann tödlich sein. Die Tiere werden lethargisch, sämtliche Körperfunktionen verlangsamen sich. Meeresschildkröten in Kältestarre sind einem hohen Risiko durch Schiffs- und Bootskollisionen ausgesetzt. Sie sind zudem leichte Beute für Raubtiere, werden krank und sterben.

Ab Wassertemperaturen von unter 10 Grad Celsius wird es sehr kritisch, besonders wenn sich die Tiere gerade in Flachwasserbereichen aufhalten. Denn diese werden bei sinkenden Lufttemperaturen dann sehr schnell sehr kalt.

Rettungsnetzwerke

Plötzliche Kälteeinbrüche (cold stun events) sind kein Phänomen des Klimawandels. Man kennt sie z. B. aus Texas und Florida seit den späten 1800er-Jahren. Allerdings könnte der Klimawandel eine Häufung von cold stun events verursachen. So ist die Anzahl kältestarrer Meeresschildkröten, die entlang der US-Ostküste gefunden werden, in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen.

Entlang der Ostküste der USA, von Massachusetts bis hinunter in den Golf von Mexiko, existieren Rettungsnetzwerke aus freiwilligen Helfern, Hilfsorganisationen, der US-Küstenwache und der US-Meeresfischereibehörde NOAA Fisheries.

Jedes Jahr werden dadurch mehrere Tausend kältestarrer Meeresschildkröten gerettet. Die bewegungslos an der Wasseroberfläche treibenden oder an Land gespülten Tiere lagert man in großen Hallen. Dort können sie sich langsam aufwärmen. Anschließend findet so schnell wie möglich, die Auswilderung in wärmere Gewässer statt. Je früher dies geschieht, desto höher sind die Chancen, dass die Meeresschildkröten sich vom Kälteschock erholen.

Foto oben:
Grüne Meeresschildkröte – © Olga Tsai auf unsplash