Kegelrobbe

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Kegelrobben (Halichoerus grypus), engl. grey seals, bilden mit Seehunden (Phoca vitulina) und Schweinswalen (Phocoena phocoena) die Gruppe unserer heimischen Meeressäugetiere. Die Kegelrobbe ist das größte Raubtier Deutschlands und die seltenste der drei heimischen Meeressäugerarten.

Systematik

Kegelrobben sind Raubtiere (Carnivora) der Unterordnung Robben (Pinnipedia). Sie gehören wie der Seehund zur Überfamilie der Hundsrobben (Phocidae) und der Unterfamilie Phocinae. Man unterscheidet zwei Unterarten. Als Hundsrobben besitzen sie keine Ohrmuscheln.

Lebensraum und Verbreitung

Kegelrobben leben entlang der Küsten der gemäßigten und subarktischen Zonen des Atlantiks und in der Ostsee. Aufgrund unterschiedlicher Fortpflanzungszeiten und wegen der geografischen Isolation unterscheidet man eine west- und eine ostatlantische Population.

Wie viele Kegelrobben gibt es?

Laut IUCN liegt der Weltbestand erwachsener Individuen bei etwa 316.000 Individuen. Mit etwa 250.000 Tieren ist die Population im Nordwestatlantik mit Abstand dabei die größte. Im Wattenmeer soll es über 6.000 Kegelrobben geben, in der Ostsee fast 30.000.

Kegelrobben in der Ostsee

Die baltische Population in der Ostsee bildet eine eigene Unterart (Halichoerus grypus grypus). Zwar wuchs der Bestand in der südlichen Ostsee, der dänischen Meerenge und dem Kattegat durch Zuzug von Tieren aus der zentralen Ostsee von 150 im Jahr 2003 auf etwa 2500 im Jahr 2020. Jedoch sank die Geburtenrate im gleichen Zeitraum von 2 auf 0,5 Prozent. 2020 registrierte ein Internationales Forscherteam des Deutschen Meeresmuseums Stralsund, der Universität Aarhus und des Museums für Naturkunde Kopenhagen, der Marine Forschungsstation in Polen und des Stockholmer Naturkundemuseums hier lediglich acht Kegelrobbengeburten.

Seit 2005 tauchen Kegelrobben immer häufiger auch in der deutschen Ostsee auf. Im März/April 2019 zählte man bis zu 300 Tiere im Greifswalder Bodden. Jedoch sank ihre Zahl im Verlauf des Jahres auf unter 30. Im März 2018 gab es an der Küste von Rügen nach etwa 100 Jahren wieder eine Kegelrobbengeburt an der deutschen Ostseeküste. Seitdem ist klar, dass Kegelrobben sich bei uns wieder ansiedeln. Sie sind gekommen, um zu bleiben.

Im Greifswalder Bodden, in den Gewässern um Rügen, Usedom und Darß, leben die Kegelrobbe mittlerweile ganzjährig. Die Bestandsdichte ist allerdings noch klein. Dennoch fordern Fischereilobbyverbände die Festlegung einer Bestandsobergrenze mit Abschussquote.

2017 töten Fischer ein Viertel aller deutschen Kegelrobben

Die Rückkehr der gewandten Heringsjäger stößt allerdings nicht überall auf Begeisterung. Zwar freuen sich Touristen und Naturfreunde über ein echtes Wildtierhighlight. Doch ein oder mehrere deutsche Fischer töteten im Herbst 2017 rund ein Viertel des in vorpommerschen Gewässern lebenden Bestandes, mindestens 23 Tiere starben. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stralsund gegen einen verdächtigen Fischer wegen des möglichen Verstoßes gegen das Tierschutz- und das Bundesnaturschutzgesetz wurden im Sommer 2018 eingestellt.

Geburtenrekord auf Helgoland

In der Wurfsaison 2021/22 kamen bis Mitte Januar 2022 auf Helgoland 669 Tiere zur Welt. Ein neuer Höchststand. Die ersten Kegelrobben-Jungtiere gab es bereits Mitte November. Die Zahl der Jungtiergeburten in der Nordsee steigt damit seit einigen Jahren an. Während 2014/15 noch 249 junge Wattenmeer-Kegelrobben geboren wurden, waren es in der Wurfsaison 2021/22 bereits 651.

Artensteckbrief

Woran erkennt man eine Kegelrobbe am besten?

Am einfachsten erkennt man Kegelrobben an ihrer Körpergröße und ihrer Kopfform. Ihr Kopf ist namensgebend kegelförmig und spitz zulaufend. Im Profil erinnert er bei Männchen an eine „römische Hakennase“. Weibchen dagegen zeichnen sich eher durch eine gestreckte „Stupsnase“ aus.
Foto: Wolfgang Vogt/pixabay
Kegelrobbe liegt am Strand.

Wie alt werden Kegelrobben?

Kommt nichts dazwischen, werden weibliche Kegelrobben unter optimalen Bedingungen 45 Jahre alt. Männchen dagegen haben eine Lebenserwartung von etwa 30 Jahren.

Wie groß ist eine Kegelrobbe?

Kegelrobben sind mit fast 250 cm Körperlänge mächtige Raubtiere. Zumindest die Männchen. Denn die Weibchen sind mit bis zu 190 cm Länge deutlich kleiner und damit kaum größer als männliche Seehunde. Neugeborene sind zwischen 85 und 105 cm groß.

Wie schwer ist eine Kegelrobbe?

Die Männschen erreichen bis zu 300 kg Körpergewicht, während Weibchen mit rund 150 kg deutlich leichter sind. Kegelrobbenwelpen sind bei der Geburt ca. 15 kg schwer.

Wie schnell schwimmen Kegelrobben?

Mit bis zu 35 km/h sind diese großen Meeresraubtiere sehr schnell. Da ihre zum Klettern auf unwegsamen Felsküsten mit langen gekrümmten Krallen gut ausgestatteten Vorderflossen klein sind, setzen sie beim Schwimmen hauptsächlich ihre Hinterflossen ein.

Wie tief und wie lange können Kegelrobben tauchen?

Kegelrobben können bis zu 140 m tief tauchen und mindestens 30 Minuten lang unter Wasser bleiben. Ihre Rekordtauchtiefe soll bei 400 m liegen.

Was fressen Kegelrobben?

Kegelrobben sind wie ihre Verwandten, die Seehunde, gnadenlose Opportunisten. Sie versuchen grundsätzlich, alles, was sie finden, zu fressen, bevorzugen allerdings Fisch. Und davon eine ganze Menge. Täglich benötigen sie 5 bis 7 kg, hauptsächlich Scholle, Hering, Flunder oder Kabeljau. Ab und an erbeuten sie auch Krebse und Weichtiere am Meeresboden. Auch Angriffe auf Seehunde und junge Schweinswale kommen vor. Dank ihrer Barthaare, auch „Vibrissen“ genannt, können sie selbst bei völliger Dunkelheit gezielt Nahrung finden.

Wer sind ihre natürlichen Feinde?

In der Ostsee haben Kegelrobben keine natürlichen Feinde. Im Atlantik müssen sie vor großen Haien, Kleinen Schwertwalen und Orcas auf der Hut sein.

Fortpflanzung und Entwicklung

Kegelrobbenbabys kommen im Winter zur Welt. Das variiert je nach Lebensraum, in der Ostsee z. B. von Mitte Februar bis März. In England dagegen von September bis Oktober. Mit vier bis sieben Jahren erreichen sie ihre Geschlechtsreife. Nach gut 11 Monaten bringen die Weibchen jährlich ein Jungtier zur Welt, das sie bis zu drei Wochen lang säugen. Dank der sehr fettreichen Milch (ca. 50 %) nimmt das Kleine täglich bis zu 2 kg am Tag zu, während die Mutter bis zu einem Drittel ihres Körpergewichts verliert. Denn sie geht in dieser Zeit nicht auf die Jagd.

Kegelrobben Kolonie.

Foto: Wolfgang Vogt/pixabay

Im Gegensatz zum Seehund benötigen Kegelrobben hochwassergeschützte Wurfplätze. Zwar können die Jungtiere schwimmen, doch kommen sie mit einem weißen, nicht wasserdichten, aber sehr warmen Fell (Lanugofell) auf die Welt. Dieses verlieren sie nach der Entwöhnung. Erst dann können sie das Land verlassen und beginnen, selbstständig zu jagen.

Kegelrobbenwelpen müssen nach der Entwöhnung eine längere Fastenzeit durchstehen. Das können mehrere Wochen sein. Währenddessen bleiben sie in der Regel am Ort ihrer Geburt und haben keinen Kontakt zu ihrer Mutter. Denn diese ist bereits weit draußen auf See, oft mehrere hundert Kilometer vom Aufzuchtort entfernt. Es ist nicht bekannt, dass Kegelrobbenmütter jemals wieder zu ihren Jungen zurückkehren. Nur gelegentlich begeben sich Kegelrobbenwelpen während der Fastenzeit an einen anderen Aufenthaltsort.

Die Paarung findet fast zeitgleich mit der Geburt der Jungen statt. Männchen grenzen dann Territorien mit sechs bis sieben Weibchen ab, die sie gegen Nebenbuhler verteidigen. Es gibt allerdings auch monogame Paare.

Zum Ende der Fortpflanzungszeit kommt dann der jährliche Fellwechsel. Auch dafür benötigen Kegelrobben hochwassersichere Liegeplätze.

Verhalten

Nur 20 Prozent ihres Lebens verbringen Kegelrobben an Land mit Ruhen, Sonnen und Entspannen oder zur Paarung und Jungenaufzucht. Dann kann man sie auch am besten beobachten, z. B. im Winter auf der Helgoland vorgelagerten Insel „Robbenland“.

Wanderungen

Von gelegentlichen Streifzügen einzelner Jungtiere abgesehen, unternehmen Kegelrobben keine größeren Wanderungen. Wenn sie nicht an Land sind, treiben sie sich irgendwo weit verstreut in ihrem Verbreitungsgebiet herum.

Gefahren für Kegelrobben

Ausrottungskampagnen in Nord- und Ostsee

Ihr guter Appetit machte sie bei Fischern nicht sonderlich beliebt. Um 1910 hatte man den gesamten Bestand des Wattenmeers ausgelöscht. Erst mit dem Jagdverbot in den 1970er-Jahren eroberten Kegelrobben nach und nach diesen Lebensraum wieder zurück.

Portrait eines Jungtiers.

Foto: pixabay

Um 1920 hatte man den Ostsee-Bestand fast ausgerottet. In den 1990er-Jahren kam, nach einem Jagdverbot, die Wende. Doch stabil etabliert haben sich die großen Robben hier noch nicht.

Meeresverschmutzung

Weil Kegelrobben zu den marinen Top-Prädatoren gehören, sammeln sich in ihrem Körper Giftstoffe aus Industrie und Landwirtschaft, wie Quecksilber, DDT oder PCB. Dies führte Ende der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Schädigungen des Immunsystems und Unfruchtbarkeit. Damals, Anfang der 1980er-Jahre, erreichte die Ostseepopulation mit etwa 2.500 Tieren ihren Tiefpunkt, denn etwa 80 % aller weiblichen Kegelrobben konnten wegen Unfruchtbarkeit keine Jungen mehr bekommen.

Fischerei

Erst das Jagdverbot, bessere Schutzmaßnahmen und die langsame Verbesserung der Umweltbedingungen in der Ostsee führten zu einer allmählichen Erholung der Population. Dies jedoch sorgte für Unmut unter Fischern. Denn die großen Raubtiere verursachen Schäden an Fang und Fischereigerät. Seit 2020 können Fischer aus Mecklenburg-Vorpommern allerdings Entschädigungszahlungen für Robbenschäden beantragen.

Kegelrobben sterben als Beifang in der Stell- und Schleppnetzfischerei, in Geisternetzen und durch Wilderei. Weitere Verluste treten auf, wenn Neugeborene von Felsküsten abstürzen, bei Hochwasser ertrinken oder ihre Mutter verlieren.

⚠️ Seehundjäger

In Deutschland sind Seehundjäger oder Wattenjagdaufseher (Hobbyjäger mit Zusatzschulung) zuständig fürs Management verletzter, kranker oder verlassener Robben. „Management“ an der Nordseeküste bedeutet allerdings oft den Tod des Tieres. Denn Seehundjäger dürfen unkontrolliert und ohne weitere Rückfragen eine spontane Entscheidung über Leben und Tod treffen. Letzteres vollziehen sie mit einem Pistolenschuss in den Hinterkopf der Kegelrobbe.

Schlumpi geretteter Kegelrobbenwelpe im Robbenzentrum Föhr

„Schlumpi“ – geretteter Kegelrobbenwelpe im Robbenzentrum Föhr.

Schutzstatus

Die Art gilt als nicht bedroht. Allerdings steht es nicht gut um die Baltische Kegelrobbe. Sie steht auf der Roten Liste mit der Gefährdungskategorie „stark gefährdet“. Gründe hierfür sind die geringe Anzahl an nachgewiesenen Geburten, der kleine Bestand sowie hohe Verluste durch Beifang in Reusen und Stellnetzen.

Die Atlantische Kegelrobbe (Halichoerus grypus atlanticus) dagegen steht auf der Roten Liste mit der Gefährdungskategorie „gefährdet“. Langfristig wird auch für sie bei uns allerdings ein starker Rückgang erwartet. Kegelrobben sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz und der FFH-Richtlinie streng geschützt. Auch nach der Helsinki-Konvention (HELCOM) unterliegt die Art einem besonderen Schutz.

Kegelrobbe in Not?

Wie verhalte ich mich richtig?

Neugeborene Robben werden nur kurz, dafür intensiv von ihren Müttern betreut. Bei der Geburt sind sie bereits relativ groß. Dann bekommen sie für kurze Zeit viel energiereiche Milch. Kegelrobbenwelpen werden bereits nach etwa 18 Tagen entwöhnt. Bei Seehunden dauert dies 10 Tage länger.

Am Strand sitzende Fotografen halten Abstand von einer Kolonie.
Foto: MMarisol/pixabay

Jungtiere sind daher im Rahmen ihres normalen Lebenszyklus schon sehr früh unabhängig von ihren Müttern. Vor allem in den hochsensiblen Lebensphasen (Fortpflanzung, Fellwechsel) sollten die Tiere unbedingt ungestört bleiben. Andernfalls könnten sie von ihren Liegeplätzen vertrieben werden.

Beobachter sollen sich daher an fünf einfache Regeln halten:

  1. Versperren Sie den Tieren niemals den Fluchtweg ins Wasser.
  2. Halten Sie einen Mindestabstand von 100 Metern.
  3. Auf keinen Fall die Tiere berühren, füttern oder bewerfen.
  4. Halten Sie Ihren Hund unbedingt an der Leine!
  5. Stellen Sie sich niemals zwischen Mutter und Jungtier.
    Empfehlungen des Deutschen Meeresmuseums

Halten Sie unbedingt Ihren Hund von einer ruhenden Kegelrobbe fern!

Hund greift eine junge Robbe am Strand an.

Foto: Ulrike Mai/pixabay

Wenn Sie auf ein verletztes oder geschwächtes, offensichtlich krankes Tier treffen, versuchen Sie keinesfalls, selbst Hilfe zu leisten! Halten Sie Abstand! Die Tiere beißen und das blitzschnell! Ein Biss kann nicht nur äußerst schmerzhaft sein. Er heilt auch nur sehr langsam ab.

Informieren Sie umgehend eines der Nationalpark-Häuser und -Zentren, Feuerwehr, Wasserschutzpolizei, Gemeinde- oder Kurverwaltungen. Den Amtsveterinär oder direkt eine Robbenstation.

Tipp: Wenn ein Seehundjäger das Tier birgt, dokumentieren Sie dies. Versuchen Sie seinen Namen in Erfahrung zu bringen. Wenn möglich, informieren Sie die örtliche Polizei über den Vorfall.


Meerwissen über die Kegelrobbe

  • Im Englischen nennt man Kegelrobben auch „Horsehead“ (Pferdekopf)
  • Kegelrobben können an einem Tag bis zu 100 Kilometer weit schwimmen
  • An ihrem Fleckenmuster kann man jede einzelne Kegelrobbe individuell wiedererkennen
  • Auch die Männchen gehen während der Fortpflanzungszeit kaum auf Nahrungssuche und nehmen stark ab
  • Weibchen paaren sich auch mit mehreren Männchen

Robbenzentren in Deutschland

Robbenzentrum Föhr
Achtern Diek 5 – 25938 Wyk auf Föhr
Tel: 04681 – 57 03 54
Mobil: 01577 – 505 4219
24Std. Notruf: 0177 – 3300 077
www.robbenzentrum-foehr.de

Seehundstation Nationalpark-Haus in Norddeich
Dörper Weg 22 – 26506 Norden,
Tel.: 04931 – 8919
www.seehundstation-norddeich.de

Seehundstation Friedrichskoog
An der Seeschleuse 4 – 25718 Friedrichskoog
Tel: 048 54 – 13 72
www.seehundstation-friedrichskoog.de

Für die Ostsee:
Deutsches Meeresmuseum
Katharinenberg 14-20 – 18439 Stralsund
Tel: 03831 – 2650 210
Sie können Sichtungen online melden oder per E-Mail: sichtungen[at]meeresmuseum.de
Bei Totfunden machen Sie bitte zusätzlich eine Meldung unter 03831 – 2650 3333, damit das Tier so schnell wie möglich abgeholt werden kann. Bei Lebendstrandungen melden Sie sich bitte außerdem unter 0173 – 9688 267 beim Kurator für Meeressäugetiere!


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