Kopfloses Hühnermonster

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Das Kopflose Hühnermonster (Enypniastes eximia) ist eine Tiefsee-Seegurke, die schwimmen kann. Das ist ungewöhnlich. Denn die meisten der ca. 1.700 Arten dieser Stachelhäuter (Holothuroidea) leben und kriechen ausschließlich am Meeresboden. Außerdem kann sich die mitunter auch Spanische Tänzerin [1] genannte Seegurke mit ihren Füßchen vergleichsweise zügig über den Meeresboden bewegen. Damit verfügt sie über mehr Mittel als „normale“ Seegurken, Feinden zu entkommen oder Futterplätze zu wechseln. Zudem können Kopflose Hühnermonster fluoreszieren. Das findet man recht häufig bei Tieren, die in der Tiefsee leben. Wobei noch unklar ist, wozu sie die Biolumineszenz einsetzen. Vielleicht dient sie als Schutz vor Fressfeinden.

Ein schwimmendes Kopfloses Hühnermonster (Enypniastes eximia)

© NOAA Ocean Exploration and Research

Träumer der Tiefsee

Erstmals beschrieben wurde das Kopflose Hühnermonster 1874 nach der berühmten britischen Challenger-Expedition. Es war die erste Seeexpedition zur Erforschung des Ozeanbodens. Der schwedische Zoologe Hjalmar Théel hatte 1882 bei der Erstbeschreibung der Art allerdings nur in Alkohol konservierte, unvollständige und schlecht erhaltene Reste zur Verfügung. Ihr wissenschaftlicher Gattungsname Enypniastes bedeutet „Träumer“ und stammt aus Genesis (37,19): „Seht, der Träumer kommt daher“.

Erst seit wenigen Jahren existieren Filmaufnahmen. So von US-Tiefsee-Expeditionen im Golf von Mexiko 2017 und vor Puerto Rico 2018. Auch australische Forscher stießen 2018 im Südpolarmeer auf eine dieser sonderbaren Seegurken. Darauf ist zu sehen, wie ein Kopfloses Hühnermonster am Meeresboden das Sediment durchwühlt und organisches Material mit seinen Tentakeln aufnimmt.

Man weiß noch nicht viel über diese seltsamen Tiefseebewohner. Weder, wo überall sie vorkommen, noch, wie viele es von ihnen gibt oder wer ihre Fressfeinde sind.

Artensteckbrief

Warum heißen sie so?

Forscher der Nationalen US-Meeres- und Ozeanografiebehörde (NOAA), die 2017 während einer Tiefsee-Expedition im Golf von Mexiko in fast 2.100 m Tiefe erstmals eine der schwimmenden Seegurken filmten, sagten, sie sähe aus wie ein Huhn, kurz bevor man es in den Ofen schiebt. So erhielt Enypniastes den Namen „headless chicken monster“.

Wo leben Kopflose Hühnermonster?

Wahrscheinlich gibt es die Träumer der Tiefsee weltweit in Meerestiefen zwischen 1.000 m und bis ins Abyssopelagial (6.000 Meter). Die meiste Zeit halten sie sich dort, wie „normale“ Seegurken, am Meeresboden auf.

Wie groß ist ein Kopfloses Hühnermonster?

Ihr intensiv rot bis kastanienbraun gefärbter Körper ist leicht durchscheinend. Man kennt Exemplare mit Körpergrößen zwischen 6 und 25 Zentimetern.

Wieso können sie schwimmen?

Ihre Schwimmfähigkeit verdanken sie einer am Kopf befindlichen, halbkreisförmigen, regenschirmartigen Schwimmhaut und zwei seitlich am Körper befindlichen kleinen Schwimmhäuten. Während die Schwimmhaut am Kopf für An- und Auftrieb sorgt, dienen die seitlichen Schwimmhäute der vertikalen Stabilisierung. Meist schwimmt Enypniastes in senkrechter Körperhaltung.

Was fressen Kopflose Hühnermonster?

Sie sind Substratfresser, ernähren sich von darin befindlichem organischem Material. Dabei schaufeln sie Bodensubstrat mithilfe kleiner Tentakel zum Mund.
Foto: © NOAA Ocean Exploration and Research
Ein Kopfloses Hühnermonster (Enypniastes eximia) frisst Sediment

Sedimentreiniger der Tiefsee

Kopflose Hühnermonster haben eine wichtige ökologische Funktion. Wenn sie ihren Futterplatz verlassen, hinterlassen sie – ähnlich wie Regenwürmer – entlüftetes und gereinigtes Sediment. Sie bereiten Bodensedimente auf, damit andere Tiefseetiere diese nutzen können. Die semi-transparenten Körper der sonderbaren Seegurken zeigen deutlich ihren sedimentgefüllten Darm, wenn sie in der Tiefe umherschwimmen.


[1] Spanische Tänzerin (Spanish Dancer) heißen auch die bis zu 60 cm großen Nacktschnecken der Art Hexabranchus sanguineus.