Oliv-Bastardschildkröte

Quelle: NOAA Fisheries

Oliv-Bastardschildkröten (Lepidochelys olivacea) verdanken ihren Namen der olivgrünen Farbe ihres herzförmigen Panzers.

Die Art gehört zu den kleinsten Meeresschildkröten. Sie leben hauptsächlich pelagisch (im offenen Ozean) in teilweise über 3.800 km Entfernung von der nächsten Küste. Gelegentlich halten sie sich aber auch entlang von Küstengebieten auf.

Wie bei allen Meeresschildkrötenarten ist ihr Bestand im Vergleich zu historischen Schätzungen von z. B. etwa 10 Millionen Tieren allein im Pazifischen Ozean stark zurückgegangen. Denn sie wurden über Jahrhunderte intensiv bejagt.

Auch heute noch sind die Nutzung ihres Fleisches als Nahrung und die Plünderung der Nester in vielen Ländern Hauptbedrohungsfaktoren. Hinzu kommen Beifangverluste durch die Fischerei, Zerstörung von Niststränden, Meeresverschmutzung und der Klimawandel.

Systematik

Oliv-Bastardschildkröten (im Englischen Olive Ridley Turtle) sind eine von sechs Arten der Familie Cheloniidae und eine von zwei Arten der Gattung Lepidochelys. Die zweite Art ist die Atlantische Bastardschildkröte, im Englischen Kemp’s Ridley Turtle genannt.

Der deutsche Name Bastardschildkröte ist darauf zurückzuführen, dass man sie früher für Hybride der Grünen Meeresschildkröte und der Unechten Karettschildkröte hielt.

Lebensraum und Verbreitung

Wo leben Oliv-Bastardschildkröten?

Weltweit, vor allem aber in den tropischen Regionen des Pazifischen, Indischen und Atlantischen Ozeans.

Karte der globalen Verbreitung von Oliv-Bastardschildkröten

Quelle: NOAA Fisheries

Wie hoch ist der Bestand?

Auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN ist die Art als gefährdet mit rückläufiger Bestandsentwicklung gelistet. Dabei wird davon ausgegangen, dass der weltweite Bestand der Oliv-Bastardschildkröten bereits um 30 bis 50 Prozent zurückgegangen ist. Zwar verzeichnen einige Nistpopulationen in den letzten Jahren Zuwächse oder sind stabil, doch überwiegen die Verluste nach wie vor diese Zuwächse.

Während es im westlichen Atlantischen Ozean seit 1967 bei einigen Nistpopulationen einen 80-prozentigen Rückgang gab, verzeichnete man in Brasilien wiederum eine Zunahme. Die derzeit größte Oliv-Bastardschildkröten-Population des Ostatlantiks gibt es in Gabun mit ca. 1.000 bis 5.000 nistenden Weibchen im Jahr.

Tote Oliv Bastardschildkröte

Tote Oliv-Bastardschildkröte an einem Strand nahe Mahabalipuram im indischen Bundesstaat Tamil Nadu – Bernard Gagnon/wikimedia, licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic license

Im Pazifik gibt es noch große Nistpopulationen in Mexiko mit schätzungsweise 450.000 und in Costa Rica mit 600.000 Weibchen.

Im indischen Bundesstaat Odisha (Indischer Ozean) soll es jährlich noch an die 100.000 Nester von Oliv-Bastardschildkröten geben. Vor einiger Zeit entdeckte man sogar einen neuen Massenbrutplatz mehr als 5.000 Nestern auf den Andamanen, Indien.

In Ländern wie Bangladesch, Myanmar, Malaysia und Pakistan dagegen sind dramatische Rückgänge zu verzeichnen. An manchen Niststränden in Malaysia kommen statt einst Tausender heute nur noch ein paar Dutzend Weibchen zur Eiablage.

Fakten über Oliv-Bastardschildkröten

Wie alt?

Ihre Lebenserwartung ist unbekannt. Experten schätzen, dass sie zwischen 30 und 50 Jahre alt werden. Mit etwa 14 Jahren erreichen sie ihre Geschlechtsreife.

Wie schwer?

Ausgewachsene Exemplare können etwa 45 kg schwer werden.

Wie tief tauchen Oliv-Bastardschildkröten?

Ihre maximale Tauchtiefe soll 150 m betragen.

Ernährung

Oliv-Bastardschildkröten sind Allesfresser. Ihr Nahrungsspektrum umfasst sowohl Algen als auch Krebstiere, Tintenfische und andere Mollusken. Am Meeresboden gehen sie außerdem auf Jagd auf am Boden lebende (benthische) wirbellose Tiere.

Wie viele Eier hat ein Nest?

Ein Nest kann aus etwa 100 Eiern bestehen. Da Oliv-Bastardschildkröten hierfür zu klein und zu leicht sind, können sie mit ihren Hinterflossen ihr Nest nicht fest und dicht mit Sand verschließen. Folglich setzen sie eine andere Technik ein. Sie benutzen ihren ganzen Körper, indem sie den Sand nach dem Bedecken der Eier mit ihrem unteren Panzer zusammenpressen.

Wie oft nisten Oliv-Bastardschildkröten?

‎Die Weibchen nisten jedes Jahr, ein- bis dreimal pro Saison.

Wer sind die natürlichen Feinde?

Wie bei allen Meeresschildkrötenarten sind geschlüpfte und heranwachsende Jungtiere als Beute beliebt bei allem, was Zähne und Fangarme hat, sowie bei großen Seevögeln. Erwachsene werden von großen Haien erbeutet.

Verhalten und Fortpflanzung

Oliv-Bastardschildkröten zeigen, ähnlich wie ihre Verwandten, die Atlantischen Bastardschildkröten, das wohl außergewöhnlichste Nistverhalten unter den Meeresschildkröten. Während andere Arten einzeln und unkoordiniert an die Strände kommen, versammeln sich Bastardschildkröten zu mehreren Tausend, um dann gemeinsam zu nisten.

Arribada – die große Ankunft

Zwei Oliv-Bastardschildkröten

Quelle: NOAA Fisheries

Während des spektakulären Naturschauspiels einer „Arribada“ spanisch für Ankunft treffen sich Tausende von Oliv-Bastardschildkröten vor der Küste ihres Niststrandes. Dann, ganz plötzlich, krabbeln sie alle gemeinsam aus dem Meer an Land.

Es ist wie eine Schildkröten-Invasion, die leider auch sehr viele Touristen anzieht. An vielen Niststränden ist die Nistdichte dabei so hoch, dass zuvor gelegte Gelege von anderen Weibchen ausgegraben werden, während sie eine Nestkammer für ihre eigenen Eier ausheben.

Arribada – viele Fragen

Niemand weiß, was eine Arribada auslöst, auch wenn es dazu viele Theorien gibt: ablandige Winde, bestimmte Mondzyklen oder die Abgabe von Pheromonen durch die Weibchen. Unbekannt ist auch, warum Arribadas überhaupt stattfinden. Ihr evolutionsbiologischer Vorteil ist unklar.

Vielleicht bietet dieses Schwarmverhalten sowohl erwachsenen Tieren als auch den Schlüpflingen besseren Schutz vor Fressfeinden. Jedoch nisten nicht alle Weibchen während einer Arribada. Es gibt auch Einzelgänger. Andere wiederum wechseln zwischen Arribada und Einzelgängernisten. Sie setzen eine gemischte Niststrategie ein.

Rätselhaft ist auch, wie sie es schaffen, sich mehr oder weniger pünktlich an „ihrem“ Niststrand, wo sie einst das Licht der Welt erblickten, zu treffen.

Wanderungen

Oliv-Bastardschildkröten wandern oft über große Entfernungen zwischen ihren Nahrungs- und Brutgebieten. Mithilfe von Satellitensendern konnten Wissenschaftler dokumentieren, dass männliche und weibliche Tiere von den Nistplätzen Costa Ricas aus bis in in die tiefen Gewässer des Pazifiks schwimmen.

Gefahren

Wie alle Meeresschildkrötenarten sehen sich Oliv-Bastardschildkröten heute mit einer Mischung unterschiedlichster Gefahren konfrontiert, denen sie nur schwer standhalten können.

Plünderung der Nester und Wilderei

‎Hauptursache für den weltweiten Rückgang der Oliv-Bastardschildkröten war das Sammeln von Eiern und das Massentöten erwachsener Weibchen an den Niststränden. Das Arribada-Nistverhalten konzentriert Weibchen und Nester zur gleichen Zeit und am gleichen Ort. Das macht es einfach, Nester zu plündern und Tiere zu töten. Dieses erhebliche Problem für die Art hat sich in einigen Ländern durch Verbote und Schutzprojekte mittlerweile etwas gemildert.

Beifang in der Fischerei

Hauptbedrohung für die Lungenatmer ist heute das Verheddern und Ertrinken in Fischereigerät (Beifang). Außerdem können sie Angelhaken und –schnüre sowie Netzteile verschlucken. Zu den wichtigsten Fanggeräten, die Beifang von Oliv-Bastardschildkröten verursachen, gehören Schleppnetze, Langleinen, Kiemennetze und Ringwaden.

Verlust, Zerstörung und Störung der Niststrände

Durch Baumaßnahmen an Stränden und deren intensive touristische Nutzung sowie steigende Meeresspiegel sind viele Niststrände für die Art verloren gegangen. Künstliche Beleuchtung an und in der Nähe von Niststränden bereitet Jungtieren nach dem Schlupf große Probleme, das Meer zu finden. Denn sie orientieren sich dabei nach dem hellsten für sie sichtbaren Horizont.

Die spektakulären Arribadas, die in Costa Rica jedes Jahr im September und Oktober am Pazifik in ganz bestimmten Nächten zu beobachten sind, ziehen viele Touristen an. Dabei wird oft wenig Rücksicht auf die Tiere genommen. Es kommt zu massiven Störungen bei der Eiablage und der Entnahme von Eiern.

Verluste durch Landraubtiere

Eier und geschlüpfte Jungtiere von Oliv-Bastardschildkröten gehören auch zur Beute einheimischer und nicht einheimischer Raubtiere (insbesondere Wildschweine, Warane, Kojoten, Nasenbären, Vögel und Krebse).

Schiffs- und Bootskollisionen

Fast alle Wasserfahrzeuge können Oliv-Bastardschildkröten treffen, wenn sie an oder nahe der Oberfläche schwimmen. Diese Kollisionen verletzen oder töten die Tiere. Schiffskollisionen sind insbesondere für zu ihren Niststränden schwimmende Weibchen eine große Gefahr, wenn sie sich stark befahrenen Küsten nähern.

Meeresverschmutzung/Meeresmüll

Die zunehmende Verschmutzung küstennaher Lebensräume bedroht alle Meeresschildkröten und beeinträchtigt ihre Lebensräume. Zusätzlich laufen sie Gefahr, herumtreibenden Müll aufzunehmen. Im Magen von Oliv-Bastardschildkröten findet man z. B. Angelschnüre, Luftballons, Plastiktüten, schwimmende Teer- oder Ölklumpen und anderen von Menschen weggeworfenen Müll.

Auch das Verheddern in herumtreibenden Müllansammlungen ist für die Tiere gefährlich.

Klimawandel

Meeresschildkröten stehen unter starkem Klimastress. Höhere Temperaturen verändern die Strandmorphologie und führen zu höheren Sandtemperaturen. Das kann zum Absterben der Eier führen oder dazu, dass nur noch Weibchen zur Welt kommen. Denn die Geschlechterzuordnung steuert sich bei Reptilien über die Nisttemperatur.

Kälteeinbrüche – Regulierung der Körpertemperatur

Plötzliche Kälteeinbrüche oder intensive, lang anhaltende Kälte können für die Meeresreptilien sehr gefährlich sein. Denn sie sind Kaltblüter, sind somit zur Aufrechterhaltung ihrer Körpertemperatur von der Umgebungstemperatur abhängig. Normalerweise kontrollieren Meeresschildkröten ihre Körpertemperatur, indem sie sich zwischen Wasserbereichen mit unterschiedlichen Temperaturen bewegen. Außerdem wärmen sie sich gerne an der Wasseroberfläche oder am Strand in der Sonne auf.

cold stunning

Kommt es jedoch zu einem plötzlichen Kälteeinbruch, können sie nicht schnell genug in wärmere Gewässer flüchten. Sie unterkühlen, fallen in Kältestarre (cold stun). Dies kann tödlich sein. Die Tiere werden lethargisch, sämtliche Körperfunktionen verlangsamen sich. Meeresschildkröten in Kältestarre sind einem hohen Risiko durch Schiffs- und Bootskollisionen ausgesetzt. Sie sind zudem leichte Beute für Raubtiere, werden krank und sterben.

Ab Wassertemperaturen von unter 10 Grad Celsius wird es kritisch, besonders wenn sich die Tiere gerade in Flachwasserbereichen aufhalten. Denn diese werden bei sinkenden Lufttemperaturen dann sehr schnell sehr kalt.

Rettungsnetzwerke

Plötzliche Kälteeinbrüche (cold stun events) sind kein Phänomen des Klimawandels. Man kennt sie z. B. aus Texas und Florida seit den späten 1800er-Jahren. Allerdings könnte der Klimawandel eine Häufung von cold stun events verursachen. So ist die Anzahl kältestarrer Meeresschildkröten, die entlang der US-Ostküste gefunden werden, in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen.

Entlang der Ostküste der USA, von Massachusetts bis hinunter in den Golf von Mexiko, existieren Rettungsnetzwerke aus freiwilligen Helfern, Hilfsorganisationen, der US-Küstenwache und der US-Meeresfischereibehörde NOAA Fisheries.

Jedes Jahr werden dadurch mehrere Tausend kältestarrer Meeresschildkröten gerettet. Die bewegungslos an der Wasseroberfläche treibenden oder an Land gespülten Tiere lagert man in großen Hallen. Dort können sie sich langsam aufwärmen. Anschließend findet so schnell wie möglich, die Auswilderung in wärmere Gewässer statt. Je früher dies geschieht, desto höher sind die Chancen, dass die Meeresschildkröten sich vom Kälteschock erholen.

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© NOAA Fisheries