Orca oder Schwertwal

Voraussichtliche Lesedauer: 13 Minuten

Der Orca oder Schwertwal (Orcinus orca) ist eines der am weitesten verbreiteten Säugetieren der Welt. Orcas leben in engen Sozialverbänden. Sie gehören zu den wenigen Cetaceen-Arten, die andere Meeressäuger angreifen und fressen. Daher auch die weitere Bezeichnung Killerwal. Orcas sind die größte Art unter den Delfinen. Durch ihre markante Rückenfinne, die fast zwei Meter lang werden kann, sind sie unverkennbar.

Systematik

Orcas sind Zahnwale und gehören zur Gruppe der insgesamt 6 Arten und 5 Gattungen umfassenden Schwert- und Grindwale, die im Englischen auch als blackfish bezeichnet werden. Der Orca ist der größte Vertreter der Delfinfamilie (Delphinidae).

Orcas (Schwertwale) in einer Schule
Orcas leben in engen Familienverbänden Foto: djmboxsterman/Pixabay

Lebensraum und Verbreitung

Man findet die Kosmopoliten von den polaren Gewässern bis zum Äquator, wenngleich häufiger in kälteren Gewässern. Ihre Gesamtzahl ist unbekannt. Zählungen gibt es nur aus einigen Regionen. Südlich der Antarktischen Konvergenz sollen es um die 80.000 sein. 445 in Norwegen. Im tropischen Ostpazifik rund 8.500. Circa 1.500 in den Küstengewässern Nordamerikas und etwa 2.000 in japanischen Gewässern.

Gelegentlich kommen sie im Mittelmeer vor (bis auf seltene Ausnahmen im westlichen Teil), im Roten Meer sind sie eher Irrgäste. Sie entfernen sich meist nicht mehr als 800 km von der Küste, mitunter sind sie aber auch auf der Hochsee zu beobachten.

Im Schwarzen Meer gibt es keine Orcas, auch in der Ostsee nicht, abgesehen von raren historischen Ereignissen. So wurden Mitte des 19. Jahrhunderts anscheinend zwei Schwertwale vor der dänischen Insel Strynö gefangen, wie Carl Kinze und Andreas Pfander in ihrem Artikel „Wale in der Eckernförder Bucht einst und jetzt“ berichten.

Gelegentlich schwimmen sie in die Nordsee und in den Skagerrak. Auch im Kattegat gibt es angeblich häufiger Sichtungen von Orcas. So sollen im Mai 2019 sieben im Kattegat auf dem Weg in die westliche Ostsee gesichtet worden sein.

Anfang 2016 wurde ein toter Orca auf Sylt gefunden. Im Juni 2010 strandete ein völlig entkräftetes junges Weibchen im niederländischen Watt. Sein Schicksal bewegte die ganze Welt. Es erhielt den Namen Morgan.

Artensteckbrief Orca

Wie sehen Orcas aus?

Sie gehören zu den am leichtesten zu identifizierenden Delfinarten: Nicht nur aufgrund ihrer Größe sind sie gut zu erkennen, auch die imposanten Rücken- und Brustflossen (Finne bzw. Flipper) sind ein markantes Merkmal. Bei männlichen Tieren kann sich die Rückenflosse bis zu 1,80 m schwertartig in die Höhe strecken – daher auch der Name Schwertwal. Hinzu kommt die auffällige Schwarz-Weiß-Färbung. Die Bauchseite ist weiß, der Rücken schwarz mit einem hellen „Sattel“ nahe der Finne. Zudem besitzen sie hinter jedem Auge einen ovalen weißen Fleck.
Foto: skeeze/Pixabay
Einzelner Orca.

Wie können sie werden?

Erwachsene Tiere erreichen eine Größe von 5,5 bis 9,8 m. Schwertwale zeigen einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus: Männchen sind deutlich größer als die Weibchen. Ein neugeborener Orca wiegt etwa 180 kg.

Wie schwer ist ein Orca?

Erwachsene Schwertwale können ein Gewicht zwischen 2,6 bis 9 t erreichen. Dabei sind Weibchen deutlich leichter als Männchen. Ein neugeborenes Kalb wiegt etwa 180 kg.

Wie alt können sie werden?

In der freien Wildbahn liegt die Lebenserwartung der Weibchen bei durchschnittlich 50 Jahren, in Einzelfällen werden sie 80 oder gar 90 Jahre alt. Männchen erreichen durchschnittlich ein Alter von 29 Jahren, maximal 50 bis 60 Jahre.

Wie schnell können Schwertwale schwimmen?

Trotz ihrer Größe können Orcas sehr schnell schwimmen. Mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 55 km/h gehört der Orca zusammen mit den wesentlich kleineren Dall-Hafenschweinswalen zu den schnellsten Meeressäugern überhaupt.

Wie tief können sie tauchen?

Schwertwale halten sich überwiegend im Oberflächenwasser auf. Meistens tauchen sie nicht tiefer als 20 m. Doch das variiert je nach Region. So staunten Forscher nicht schlecht, als ein von ihnen besenderter Schwertwal im Südatlantik es sogar auf 1.087 m schaffte, um sich seine Beute zu holen: Die dortige Population hat sich bei ihrer Nahrungssuche darauf spezialisiert, Schwarzen Seehecht von ausgelegten Bodenlangleinen zu „klauen“.

Wer sind die natürlichen Feinde?

Als Spitzenräuber hat der Orca keine natürlichen Fressfeinde. Selbst Weiße Haie machen sich davon, wenn Schwertwale in nahen. Der Mensch ist ihr einziger wirklicher Feind.

Nahrungsspektrum

Orcas haben ein breit gefächertes Nahrungsspektrum. Es reicht von Kalmaren über Fische, Seevögel, Meeresschildkröten bis hin zu Meeressäugern. In Gruppen attackieren sie sogar Blauwale, die mit bis zu 33 m (auf der Südhalbkugel) größten Tiere der Erde. Auch vor Weißen Haien schrecken Schwertwale nicht zurück. Besonders die fette Leber dieser Knorpelfische hat es den Meeressäugern angetan. So entdeckten Forscher 2017 fünf tote Weiße Haie an südafrikanischen Stränden, deren Leber nahezu chirurgisch von Orcas herausgefressen worden war.

Ökotypen

Es gibt jedoch Ökotypen, die sich auf eine bestimmte Nahrung spezialisiert haben. So etwa die „Southern Residents“, die im Frühjahr und Sommer in den küstennahen Gewässern von Washington, Oregon (USA) und Britisch-Kolumbien (Kanada) leben. Sie sind auf Königslachse, auch Chinook-Lachse, spezialisiert. Ihre Beute besteht ausschließlich aus Fisch, und zwar zu 80 % aus Königslachs.

Andere wiederum ernähren sich ausschließlich von Meeressäugern, wie etwa die „Bigg’s Transient“-Orcas. Diese rund 400 Tiere umfassende Population zieht in einem von Alaska bis Nordkalifornien reichenden Gebiet vor der amerikanischen Westküste umher.

Auch in der Antarktis haben Forscher zwei Gruppen entdeckt, von denen eine auf Meeressäuger spezialisiert ist, die andere auf Fisch.

Weißer Hai

Orcas machen auch Jagd auf Weiße Haie, deshalb gehen sogar diese den Meeressäugern aus dem Weg – Foto: Gerald Schömbs/unsplash

Verhalten

Die meisten Schwertwale leben nomadisch, unternehmen aber keine regelmäßigen Wanderungen. Allerdings gibt es auch residente Populationen: etwa in der Straße von Gibraltar, vor der nordamerikanischen Westküste oder in der Antarktis. Dabei sind residente Gruppen mit bis zu 55 Mitgliedern sind meist größer als die der „Nomaden“ mit durchschnittlich 10.

Eine der längsten bisher aufgezeichneten Orca-Wanderungen wurde Ende 2019 dokumentiert, als vier erwachsene Orcas und ein Jungtier vor Genua auftauchten. Sie waren 5.200 km von Island ins Mittelmeer geschwommen: Anhand von Fotos erkannten isländische Forscher eine Gruppe, die sich von 2014 bis 2017 im Sommer regelmäßig vor Island aufgehalten hatte.

Schwertwal SN116 "Aquamarin" vor Island und bei Genua.

Orca SN116 „Aquamarin“ vor Island und bei Genua – Quelle: Facebookseite Orca Guardians Iceland

Familienverbände

Schwertwale sind extrem soziale Tiere. Sie leben in engen Familienverbänden in mütterlicher Linie. Die sesshaften Orcas vor der nordamerikanischen Westküste gehören zu den stabilsten Gesellschaften bei nicht-menschlichen Säugetieren. Diese „Pods“ genannten Familienverbände besitzen sogar eigene Dialekte.

Akrobatik

Springender Orca (Schwertwal)
Foto: Pixabay

Der Orca gehört zu den Luftakrobaten unter den Meeressäugern. Orcas springen häufig aus dem Wasser oder strecken gern senkrecht „stehend“ den Kopf aus dem Wasser, um sich umzuschauen (engl. spyhopping).

Aggression

Für den Menschen sind Killerwale – trotz ihres Namens – normalerweise keine Gefahr. Allerdings machte im August 2021 ein Gruppe nahe Gibraltar auf sich aufmerksam. In dieser Region greifen Orcas wiederholt mittelgroße Segelboote (meist weniger als 15 m) an. Dabei kam es an einigen Booten zu beträchtlichen Schäden. Menschen kamen nicht zu Schaden.

Grindwale vertreiben Orcas

Forschende des Islandic ORCA Project beobachten seit 2015, dass in den Gewässern vor Südisland Schwertwale vor Familienverbänden von ebenfalls zur Delfinfamilie zählenden Grindwalen (Globicephala melas) flüchten. Eine Erklärung für das Fluchtverhalten der Top-Prädatoren gibt es nicht. Die Spezialisten konnten auch beobachten, dass Grindwal-Familien aktiv Orca-Verbände jagen. Dabei stellen diese keine Gefahr für die bis zu 7 m großen Verwandten dar. Es ist nicht bekannt, dass Grindwale zum Beutespektrum von Orcas gehören. „Es ist sehr ungewöhnlich, dass sie vor irgendetwas Angst haben – oder scheinbar Angst haben“, sagte Anna Selbmann, Doktorandin an der Universität von Island, dazu im Hakai magazine.

Fünf Kurzflossen-Grindwale vor der Küste von Teneriffa.

Eine Familie Kurzflossen-Grindwale. Sie ernähren sich hauptsächlich von Tintenfisch. Fangen aber auch Makrelen, Seehecht, Kabeljau und Hering. Während es Orcas vor Island meist auf Heringe abgesehen haben. © Turismo de Tenerife

Orcas trauern um ihre Toten

Im August 2018 zeigten der an der Pazifikküste vor Vancouver lebende weibliche Orca „Tahlequah“ und ihr Pod ein niemals zuvor beobachtetes Beispiel für gemeinschaftliches Trauerverhalten bei Delfinen. Mindestens 17 Tage lang schob und stupste die Gruppe das kurz nach der Geburt verstorbene Kalb von „Tahlequah“. Die meiste Trauerarbeit (Tragen und Schieben des kleinen Körpers) verrichtete dabei die Mutter. Nach der unglaublichen Strecke von über 1.600 Kilometern überließ sie ihr Kind seinem nassen Grab.

Fortpflanzung und Entwicklung

Weibchen bekommen ihr erstes Kalb im Alter von 11 bis 16 Jahren. Danach folgt im Durchschnitt alle 5 Jahre Nachwuchs. Statistisch gesehen, bringt ein Weibchen 5,35 Kälber im Laufe seines Lebens zur Welt. Männchen erreichen ihre Geschlechtsreife mit rund 25 Jahren.

Gefahren

Wie alle Wale und Delfine weltweit sind Orcas durch menschliche Aktivitäten gefährdet: Fischernetze, in denen sie als Beifang sterben, gezielte Tötungen als Nahrungskonkurrenten, Nahrungsverknappung durch Überfischung, Störungen im Lebensraum durch Schiffsverkehr und akustische Meeresverschmutzung.

Meeresverschmutzung

Umweltgifte sind eine weitere Gefahr. Orcas sind hochgradig mit Umweltgiften wie PCB (Polychlorierte Biphenyle) und Quecksilber belastet. Sie schwächen u. a. das Immunsystem, führen zu verringerter Fruchtbarkeit und sind häufig Ursache für eine sehr hohe Kälbersterblichkeit. Der überlebende Nachwuchs hat dann auch noch mit einer schleichenden Vergiftung zu kämpfen.

Kranker Orca verirrt in der Seine

Mitte Mai 2022 schwamm ein ca. 4 bis 5 m großer Orca weit in den Fluss Seine (rund 70 Kilometer Luftlinie) bis fast nach Rouen in der Normandie, Frankreich. Ein Team nationaler und internationaler Forscher beschloss daraufhin, den jungen Schwertwal wieder ins Meer locken. Dazu spielten sie von Booten aus Orca-Laute über Unterwasserlautsprecher ab. Diese sollten den Meeressäuger aus dem für ihn ungeeigneten Lebensraum heraus in die richtige Richtung lotsen.

Da der Schwertwal nicht darauf ansprach, wurde die Rettungsaktion abgebrochen. Anhand von Drohnenfotos zeigte sich, dass er an einer weit fortgeschrittenen, gefährlichen Pilzinfektion der Haut litt. Eine Infektion, die im späteren Verlauf auch Nieren, Lunge, Herz und Gehirn befallen kann. Man beschloss das schwerkranke Tier einzuschläfern, um es von seinem Leiden zu erlösen. Doch noch bevor es dazu kam, wurde er tot aufgefunden.

Walfang

Früher wurden Schwertwale – allerdings nur in geringem Umfang – auch von kommerziellen und Subsistenzwalfängern gefangen. Heute sollen sie noch in kleinerer Anzahl von Fischern in Japan, Grönland, Indonesien und der Karibik zum menschlichen Verzehr getötet werden.

Gefangenschaft

Orcas in Gefangenschaft

Orcas können wie alle Delfine in Gefangenschaft nicht artgerecht gehalten werden. Dort sind sie zu einem jämmerlichen Dasein verdammt. Foto: MW/Pixabay

Ab Mitte der 1960er-Jahre wurden Orcas verstärkt für Aquarien gefangen. Dabei riss man ganze Familienverbände auseinander. Aufnahmen zeugen von den dramatischen Szenen, die sich abspielten, als Orca-Mütter den Fangschiffen hinterherschwammen, um ihren entführten Nachwuchs zu retten. In den USA und einigen anderen Ländern ist der Wildfang der Art (und anderen Delfinen und Walen) inzwischen verboten.

Orca Morgan

Man hatte Morgan retten können und zunächst ins Delfinarium Ameland gebracht. Doch anstatt den jungen Orca nach der Gesundung auszuwildern, verfrachtete man sie unter großem Protest von Tierschützern in den Loro Parque auf Teneriffa. Ein Tierpark, der für seine Haltung von Orcas und Großen Tümmlern stark in der Kritik steht: Wale und Delfine können in Gefangenschaft nicht artgerecht gehalten werden! Seitdem fristet die taube Morgan und ihr 2018 in Gefangenschaft geborenes Kalb Ula ein trauriges Dasein als Unterhaltungsclown für zahlendes Publikum.

Begründet wurde die damalige Aktion damit, dass Morgan ihre Familie wahrscheinlich nicht mehr wiedergefunden hätte und sie dann vermutlich – als hoch soziales Wesen – gestorben wäre.

Dressierte Orcas im Loro Parque

Dressierte Orcas im Loro Parque – Foto: Alinea/gemeinfrei, 2007

Schutzstatus

Der Orca gilt als nicht bedroht. Laut Roter Liste der IUCN liegen keine ausreichenden Daten für eine genauere Einschätzung vor (data deficient). Regionale Populationen können allerdings gefährdet sein, wie etwa der nur noch 74 Tiere zählende Bestand der „Southern Resident“-Orcas vor der nordwestamerikanischen Küste.

Autorin: Ulrike Kirsch

Titelfoto oben: Orcas in der Antarktis, Bryan Goff/Unsplash


Weiterführende Informationen