Schwertwal oder Orca

Schwertwale oder Orcas (Orcinus orca) gehören zu den am weitesten verbreiteten Säugetieren der Welt. Sie leben in engen Sozialverbänden und gehören zu den wenigen Cetaceen-Arten, die andere Meeressäuger angreifen und fressen. Daher auch die weitere Bezeichnung Killerwal.

Systematik

Orcas sind Zahnwale und gehören zur Gruppe der insgesamt 6 Arten und 5 Gattungen umfassenden Schwert- und Grindwale, die im Englischen auch als blackfish bezeichnet werden. Orcas sind die größten Vertreter der Delfinfamilie (Delphinidae).

Lebensraum und Verbreitung

Wo leben Orcas?

Orcas in der Gruppe

Orcas leben in engen Familienverbänden Foto: djmboxsterman/Pixabay

Man findet die Kosmopoliten von den polaren Gewässern bis zum Äquator, wenngleich häufiger in kälteren Gewässern. Gelegentlich kommen sie im Mittelmeer vor (bis auf seltene Ausnahmen im westlichen Teil), im Roten Meer sind sie eher Irrgäste. Sie entfernen sich meist nicht mehr als 800 km von der Küste, mitunter sind sie aber auch auf der Hochsee zu beobachten.

Im Schwarzen Meer gibt es keine Orcas, auch in der Ostsee nicht, abgesehen von raren historischen Ereignissen. So wurden Mitte des 19. Jahrhunderts anscheinend zwei Schwertwale vor der dänischen Insel Strynö gefangen, wie Carl Kinze und Andreas Pfander in ihrem Artikel „Wale in der Eckernförder Bucht einst und jetzt“ berichten.

Gelegentlich schwimmen sie in die Nordsee und in den Skagerrak. Auch im Kattegat gibt es angeblich häufiger Sichtungen von Orcas. So sollen im Mai 2019 sieben im Kattegat auf dem Weg in die westliche Ostsee gesichtet worden sein.

Anfang 2016 wurde ein toter Orca auf Sylt gefunden. Im Juni 2010 war ein völlig entkräftetes junges Weibchen im niederländischen Watt gestrandet, dessen Schicksal die ganze Welt bewegte. Es wurde auf den Namen Morgan getauft.

Wie viele Orcas gibt es?

Die Gesamtzahl ist unbekannt, Zählungen gibt es nur aus einigen Regionen. Südlich der Antarktischen Konvergenz sollen es um die 80.000 sein, 445 in Norwegen, im tropischen Ostpazifik rund 8.500, circa 1.500 in den Küstengewässern Nordamerikas und etwa 2.000 in japanischen Gewässern.

Orca-Fakten

Wie groß und wie schwer?

Erwachsene Tiere erreichen eine Größe von 5,5 bis 9,8 m und ein Gewicht von 2,6 bis 9 t. Orcas zeigen einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus: Die Männchen sind deutlich größer als die Weibchen. Neugeborene wiegen etwa 180 kg und sind ca. 2,1 bis 2,5 m groß.

Lebenserwartung

In der freien Wildbahn liegt die Lebenserwartung der Weibchen bei durchschnittlich 50 Jahren, in Einzelfällen werden sie 80 oder gar 90 Jahre alt. Männchen erreichen durchschnittlich ein Alter von 29 Jahren, maximal 50 bis 60 Jahre.

Wie schnell können sie schwimmen?

Trotz ihrer Größe können Orcas sehr schnell schwimmen. Mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 55 km/h gehören sie zusammen mit den wesentlich kleineren Dall-Hafenschweinswalen zu den schnellsten Meeressäugern überhaupt.

Wie tief können Orcas tauchen?

Orcas halten sich überwiegend im Oberflächenwasser auf. Meistens tauchen sie nicht tiefer als 20 m. Doch das variiert je nach Region. So staunten Forscher nicht schlecht, als ein von ihnen besenderter Schwertwal im Südatlantik es sogar auf 1.087 m schaffte, um sich seine Beute zu holen: Die dortige Population hat sich bei ihrer Nahrungssuche darauf spezialisiert, Schwarzen Seehecht von ausgelegten Bodenlangleinen zu „klauen“.

Woran erkennt man einen Orca am besten?

Einzelner Orca.

Foto: skeeze/Pixabay

Orcas gehören zu den am leichtesten zu identifizierenden Delfinarten: Nicht nur aufgrund ihrer Größe sind sie gut zu erkennen, auch die imposanten Rücken- und Brustflossen (Finne bzw. Flipper) sind ein markantes Merkmal. Bei männlichen Tieren kann sich die Rückenflosse bis zu 1,80 m schwertartig in die Höhe strecken – daher auch der Name Schwertwal.

Hinzu kommt die auffällige Schwarz-Weiß-Färbung. Die Bauchseite ist weiß, der Rücken schwarz mit einem hellen „Sattel“ nahe der Finne. Zudem besitzen sie hinter jedem Auge einen ovalen weißen Fleck.

Ernährung

Ihr ist vielfältig und reicht von Kalmaren über Fische, Seevögel, Meeresschildkröten bis hin zu Meeressäugern. In Gruppen attackieren Orcas sogar Blauwale, die mit bis zu 33 m (auf der Südhalbkugel) größten Tiere der Erde.

Auch vor Weißen Haien schrecken sie nicht zurück. Besonders die fette Leber dieser Knorpelfische hat es den Meeressäugern angetan. So entdeckten Forscher 2017 fünf tote Weiße Haie an südafrikanischen Stränden, deren Leber nahezu chirurgisch von Orcas herausgefressen worden war.

Es gibt jedoch Ökotypen, die sich auf eine bestimmte Nahrung spezialisiert haben. So etwa die „Southern Residents“, die im Frühjahr und Sommer in den küstennahen Gewässern von Washington, Oregon (USA) und Britisch-Kolumbien (Kanada) leben. Sie sind auf Königslachse, auch Chinook-Lachse, spezialisiert. Ihre Beute besteht ausschließlich aus Fisch, und zwar zu 80 % aus Königslachs.

Weißer Hai

Orcas machen auch Jagd auf Weiße Haie, deshalb gehen sogar diese den Meeressäugern aus dem Weg – Foto: Gerald Schömbs/unsplash

Andere wiederum ernähren sich ausschließlich von Meeressäugern, wie etwa die „Bigg’s Transient“-Orcas. Diese rund 400 Tiere umfassende Population zieht in einem von Alaska bis Nordkalifornien reichenden Gebiet vor der amerikanischen Westküste umher.

Auch in der Antarktis haben Forscher zwei Gruppen entdeckt, von denen eine auf Meeressäuger spezialisiert ist, die andere auf Fisch.

Wer sind die natürlichen Feinde?

Als Spitzenräuber haben Orcas keine natürlichen Fressfeinde. Selbst Weiße Haie machen sich davon, wenn Killerwale nahen. Der Mensch ist der einzige wirkliche Feind der Schwertwale.

Verhalten

Die meisten Schwertwale leben nomadisch, unternehmen aber keine regelmäßigen Wanderungen. Allerdings gibt es auch residente Populationen: etwa in der Straße von Gibraltar, vor der nordamerikanischen Westküste oder in der Antarktis. Dabei sind residente Gruppen mit bis zu 55 Mitgliedern sind meist größer als die der „Nomaden“ mit durchschnittlich 10.

Mehrere Orcas vor einem Hafen

Foto: Dick Martin/unsplash

Eine der längsten bisher aufgezeichneten Orca-Wanderungen wurde Ende 2019 dokumentiert, als vier erwachsene Orcas und ein Jungtier vor Genua auftauchten. Sie waren 5.200 km von Island ins Mittelmeer geschwommen: Anhand von Fotos erkannten isländische Forscher die Tiere, die sich von 2014 bis 2017 im Sommer regelmäßig vor Island aufgehalten hatten.

Familienverbände

Schwertwale sind extrem soziale Tiere. Sie leben in engen Familienverbänden in mütterlicher Linie. Die sesshaften Orcas vor der nordamerikanischen Westküste gehören zu den stabilsten Gesellschaften bei nicht-menschlichen Säugetieren. Diese „Pods“ genannten Familienverbände besitzen sogar eigene Dialekte.

Akrobatik

springender Orca

Orcas springen gern aus dem Wasser – Foto: Pixabay

Orcas gehören zu den Luftakrobaten unter den Meeressäugern. Sie springen häufig aus dem Wasser oder strecken gern senkrecht „stehend“ den Kopf aus dem Wasser, um sich umzuschauen (engl. spyhopping).

Aggression

Für den Menschen sind Killerwale – trotz ihres Namens – normalerweise keine Gefahr. Allerdings machten Orcas nahe Gibraltar im September 2020 mit Schlagzeilen auf sich aufmerksam, als sie fast eine Stunde lang eine Segelyacht attackierten.

Trauer

Im August 2018 zeigten das an der Pazifikküste vor Vancouver lebende Orcaweibchen „Tahlequah“ und sein Pod ein niemals zuvor beobachtetes Beispiel für gemeinschaftliches Trauerverhalten bei Delfinen. Mindestens 17 Tage lang schob und stupste die Gruppe das kurz nach der Geburt verstorbene Baby von „Tahlequah“. Die meiste Trauerarbeit (Tragen und Schieben des kleinen Orcakörpers) verrichtete die Mutter. Nach der unglaublichen Strecke von über 1.600 Kilometern überließ sie ihr Baby seinem nassen Grab.

Fortpflanzung und Entwicklung

Weibchen bekommen ihr erstes Kalb im Alter von 11 bis 16 Jahren. Danach folgt im Durchschnitt alle 5 Jahre Nachwuchs. Statistisch gesehen, bringt ein Weibchen 5,35 Kälber im Laufe seines Lebens zur Welt. Männchen erreichen die Geschlechtsreife mit rund 25 Jahren.

Gefahren

Wie alle Wale und Delfine weltweit sind Orcas durch menschliche Aktivitäten gefährdet: Fischernetze, in denen sie als Beifang sterben, gezielte Tötungen als Nahrungskonkurrenten, Nahrungsverknappung durch Überfischung, Störungen im Lebensraum durch Schiffsverkehr und akustische Meeresverschmutzung.

Meeresverschmutzung

Umweltgifte sind eine weitere Gefahr. Orcas sind hochgradig mit Umweltgiften wie PCB (Polychlorierte Biphenyle) und Quecksilber belastet. Sie schwächen u. a. das Immunsystem, führen zu verringerter Fruchtbarkeit und sind häufig Ursache für eine sehr hohe Kälbersterblichkeit. Der überlebende Nachwuchs hat dann auch noch mit einer schleichenden Vergiftung zu kämpfen.

Walfang

Früher wurden Schwertwale – allerdings nur in geringem Umfang – auch von kommerziellen und Subsistenzwalfängern gefangen. Heute sollen sie noch in kleinerer Anzahl von Fischern in Japan, Grönland, Indonesien und der Karibik zum menschlichen Verzehr getötet werden.

Gefangenschaft

Orcas in Gefangenschaft

Orcas können wie alle Delfine in Gefangenschaft nicht artgerecht gehalten werden. Dort sind sie zu einem jämmerlichen Dasein verdammt. Foto: MW/Pixabay

Ab Mitte der 1960er-Jahre wurden Orcas verstärkt für Aquarien gefangen. Dabei riss man ganze Familienverbände auseinander. Aufnahmen zeugen von den dramatischen Szenen, die sich abspielten, als Orca-Mütter den Fangschiffen hinterherschwammen, um ihren entführten Nachwuchs zu retten. In den USA und einigen anderen Ländern ist der Wildfang der Art (und anderen Delfinen und Walen) inzwischen verboten.

Morgan

Dressierte Orcas im Loro Parque

Dressierte Orcas im Loro Parque – Foto: Alinea/gemeinfrei, 2007

Man hatte Morgan retten können und zunächst ins Delfinarium Ameland gebracht. Doch anstatt die junge Orcadame nach ihrer Gesundung auszuwildern, verfrachtete man sie unter großem Protest von Tierschützern in den Loro Parque auf Teneriffa. Ein Tierpark, der für seine Haltung von Orcas und Großen Tümmlern stark in der Kritik steht: Wale und Delfine können in Gefangenschaft nicht artgerecht gehalten werden!

Seitdem fristet die  taube Morgan und ihr 2018 in Gefangenschaft geborenes Kalb Ula ein trauriges Dasein als Unterhaltungsclown für zahlendes Publikum.

Begründet wurde die damalige Aktion damit, dass Morgan ihre Familie wahrscheinlich nicht mehr wiedergefunden hätte und sie dann vermutlich – als hoch soziales Wesen – gestorben wäre.

Schutz

Schwertwale gelten als nicht bedroht. Laut Roter Liste der IUCN liegen keine ausreichenden Daten für eine genauere Einschätzung vor (data deficient). Regionale Populationen können allerdings gefährdet sein, wie etwa der nur noch 74 Tiere zählende Bestand der „Southern Resident“-Orcas vor der nordwestamerikanischen Küste.

 

Ulrike Kirsch

Titelfoto oben: Orcas in der Antarktis, Bryan Goff/Unsplash