Riesenmaulhai, Megamouth shark

Trotz seiner beeindruckenden Größe von mehr als 5 m bei über 1.200 kg Gewicht sieht man einen Riesenmaulhai (Megachasma pelagios) fast nie. Deshalb blieb diese im englischen Megamaouth shark genannte Haiart bis 1976 auch unentdeckt. Bis heute ist verblüffend wenig über die Biologie dieser friedlichen Krillfresser bekannt. Riesenmaulhaie leben weltweit in tropischen und warm-gemäßigten Gewässern. Die genaue Verbreitung ist jedoch nicht bekannt. Laut Roter Liste der Weltnaturschutzunion IUCN ist die Art nicht gefährdet. Allerdings gibt es keinerlei Zahlen zu den Beständen. Über ihr Sozialverhalten wusste man bis September 2022 praktisch nichts. Daran änderte sich erst etwas nach einer sensationellen Zufallsbegegnung vor der kalifornischen Küste.

Man vermutet, dass diese Haie sich vivipar lebendgebärend fortpflanzen.

Systematik

Riesenmaulhaie gehören wie Riesenhaie (Cetorhinus maximus) und Weiße Haie (Carcharodon carcharias) zur Ordnung der Makrelenhaiartigen (Lamniformes). Der dritte filtrierende Hai, der Walhai (Rhincodon typus), zählt dagegen zu den Ammenhaiartigen (Orectolobiformes).

Wie sieht ein Riesenmaulhai aus?

Der Name ist Programm. Riesenmaulhaie besitzen ein sehr breites, rundliches Maul. Anders als bei den meisten Haien ist es endständig, Ober- und Unterkiefer sind in etwa gleich lang. Am Oberkiefer besitzen sie ein arttypisches weißes Band.Toter Riesenmaulhai im Florida Museum of Natural History© Florida Museum of Natural History

Was frisst ein Riesenmaulhai?

Bei der Untersuchung von Mageninhalten fand man Krill, Ruderfußkrebse und Quallen. Man nimmt an, dass Krill die Hauptmahlzeit ist.

Was sind ihre natürlichen Feinde?

Dokumentiert wurden bislang nur Angriffe von Pottwalen.

Beifangopfer: Riesenmaulhai

Toter Riesenmaulhai Philippinen
© Facebook/Nonus Enolvus

Riesenmaulhaie sterben als Beifangopfer in der Fischerei. In solchen Fällen dienen sie auch zum menschlichen Verzehr. Dieses rund 4,5 m große Exemplar starb möglicherweise in einem Fischernetz, wie Nonie Enolva, Pressesprecherin des Fischereiministeriums der Philippinen, in den Medien zitiert wurde. Man entdeckte ihn im Juni 2022 tot an der Küste von Bagacay in der philippinischen Provinz Sorsogon.

Glückstreffer vor Kalifornien

September 2022, knapp 40 km vor der kalifornischen Küste auf der Höhe von San Diego: Drei Freizeitfischer filmten zwei große Haie. Sie ahnten nicht, welch seltene Sichtung sie da aufgenommen hatten, und taten das Richtige, denn sie sandten ihre Aufnahmen an Forscher der Scripps Institution for Oceanography von der Universität von Kalifornien in San Diego.

Video: David Stabile und Andrew Chang

Niemals zuvor hatte jemand gleich zwei Riesenmaulhaie, die gemeinsam an der Wasseroberfläche umherschwimmen, gesehen und dies zudem noch auf Video dokumentiert. Zachary R. Skelton und seine Kollegen analysierten das Filmmaterial und veröffentlichten ihre Studie im März 2023 im Fachmagazin „Environmental Biology of Fishes1“.

Nur 273 bestätigte „Sichtungen“ von Riesenmaulhaien soll es nach Informationen des Florida Museum of Natural History bis dahin gegeben haben. Wobei rund 89 Prozent Fischerei-Beifänge waren, schreiben die Forscher. Die meisten davon im Westpazifik. Wissenschaftlich bestätigt sind – von der Begegnung vor San Diego abgesehen – nur fünf Sichtungen von frei schwimmenden Exemplaren. Und diese Haie waren jeweils allein unterwegs.

Die Sichtung vom Herbst 2022 ist ein extremer Glücksfall. Nicht nur ein Riesenmaulhai, sondern gleich zwei, die tagsüber gemeinsam an der Oberfläche umherschwammen! Das Video gewährte den Forschern erstmals einen – wenn auch nur kurzen – Einblick in das Sozialverhalten der rätselhaften Riesen.

Sozialverhalten

Aufgrund des Größenunterschieds zwischen den beiden Tieren von rund einem Meter vermuten die Forscher, dass es sich um ein Weibchen (der größere Hai) und ein Männchen bei der Balz handelte. Denn sie umzirkelten sich, ein Werbeverhalten, das man von anderen Haien kennt.

Sicher sind sich die Forscher, dass der kleinere, rund 3,7 m große Riesenmaulhai männlich war. Bei ihm waren eindeutig Klasper zu erkennen, die Geschlechtsorgane männlicher Haie.

  • A) Standbild des größeren, wahrscheinlich weiblichen Hais (geschätzte 4,7 m), der sich vom Boot wegdreht, während der kleinere Hai (geschätzte 3,7 m; identifiziert als Männchen) in der Tiefe folgt.
  • B) Standbild des größeren Hais mit sichtbaren Narben und Kratzern (d. h. potenzielle Paarungsnarben) entlang der gesamten dorsolateralen Oberfläche. Sie können von männlichen Haien stammen, die die Partnerin bei Werbung und Paarung „nippen“, beißen und mit den Zähnen festhalten. Ähnliche Muster sieht man zum Beispiel auch am Körper von Bogenstirn-Hammerhaien.
  • C) Sichtbarer Klasper am kleineren Hai, der bestätigt, dass es sich um ein Männchen handelt.

Tagesperiodische Vertikalwanderer

Warum sich die beiden Riesenmaulhaie tagsüber an der Oberfläche aufhielten, ist unklar. Bislang geht man davon aus, dass Riesenmaulhaie tagesperiodische Vertikalwanderer sind. Sie verweilen tagsüber in Tiefen von bis zu 200 m. Erst nachts kommen sie an die Wasseroberfläche. Doch möglicherweise ist es bei Riesenmaulhaien ähnlich wie bei ihren Verwandten, den Riesen- und Walhaien. Bei diesen Arten variiert die Vertikalwanderung je nach Region und Jahreszeit. So sieht man beispielsweise in der Adria in den Frühjahrsmonaten auch tagsüber sehr gelegentlich einen Riesenhai.

Treffpunkt San Diego?

Möglicherweise sind die Gewässer vor San Diego ein Nahrungs- und Versammlungsgebiet für Riesenmaulhaie, in dem es gelegentlich auch zur Paarung kommt. Die Gegend könnte sich also gut eignen, um mehr über dieses „Großmaul“ herauszufinden.

Citizen Science – Ihre Mithilfe

Das Beispiel zeigt, wie Laien bei der Erforschung seltener und/oder bedrohter Arten helfen können. Daher sind alle dazu aufgefordert, Sichtungen von Meerestieren zu melden. Als Citizen Scientist kann man so einen wichtigen Beitrag zur Enträtselung weitgehend unbekannter Arten leisten.

Haben Sie auch eine Beobachtung gemacht? Dann senden Sie uns (info[AT]stiftung-meeresschutz) Ihre Fotos/Videos mit Angaben zu Ort, Datum und Zeit.

  1. Skelton, Z.R., Kacev, D., Frable, B.W. et al. Two’s company: first record of two free-swimming megamouth sharks, Megachasma pelagios (Lamniformes: Megachasmidae), off the California coast. Environ Biol Fish 106, 717–724 (2023). https://doi.org/10.1007/s10641-023-01406-0 ↩︎

Autorin: Ulrike Kirsch im März 2023

Titelfoto: Video-Standbild aus dem Paper Skelton, Z.R.


Weiterführende Informationen