Gewöhnlicher Schweinswal

Schweinswale (Phocoena phocoena), engl. harbour porpoise, puffin pigs, puffers oder common porpoise, bilden mit Kegelrobben (Halichoerus grypus) und Seehunden (Phoca vitulina) die Gruppe unserer heimischen Meeressäugetiere. Dabei sind Schweinswale die einzigen Cetaceen (Waltiere), die in deutschen Gewässern von Nord- und Ostsee leben. Andere Namen für die kleinen Wale sind Braunfisch, Kleiner Tümmler oder Meerschwein.

Systematik

Schweinswale sind keine Delfine. Sie gehören zu den Cetaceen der Unterordnung Zahnwale (Odontoceti). Sie bilden die Familie der Phocoenidae mit drei Gattungen und sieben Arten. Beim bei uns heimischen Gewöhnlichen Schweinswal (Phocoena phocoena) unterscheidet man drei Unterarten: Phocoena phocoena phocoena im Nordatlantik, Phocoena phocoena vomerina im Nordpazifik sowie Phocoena phocoena relicta im Schwarzen und Asowschen Meer.

Lebensraum und Verbreitung

Wo leben Schweinswale?

Weltkarte Lebensraum von Schweinswalen.

Weltkarte mit ungefährer Darstellung des Verbreitungsgebiets – Quelle: NOAA Fisheries

Schweinswale gibt es nur auf der nördlichen Erdhalbkugel. Ihr Lebensraum sind Buchten und flachere Küstengewässer, die weniger als 200 m tief sind. Meist entfernen sie sich nicht weiter als 10 km vom Festland. Gerne schwimmen sie saisonal auch weite Strecken in Flüsse hinein. Deshalb kann man sie bei uns im Frühjahr mit etwas Glück auch in Elbe, Weser und Jade vom Ufer aus beobachten. Vor Sylt, Fehmarn, Wilhelmshaven oder in der Flensburger Förde bestehen ebenfalls gute Chancen auf Schweinswalsichtungen.

In der Ostsee gibt es zwei Populationen. Eine in der Beltsee, westlich von Rügen bis ins Kattegat. Dort ergab die letzte Zählung 2016 einen Bestand von 42 000 Tieren. Eine wesentlich kleinere Populationen lebt in der zentralen Ostsee östlich von Rügen. Sie nennt man auch Deutschland-Wale. Ihr Bestand dürfte zwischen 300 und 500 Individuen liegen.

Wie hoch ist der Bestand?

Schweinswale zu zählen, ist schwierig. Laut Weltnaturschutzunion IUCN liegt der Weltbestand erwachsener Individuen bei etwa 700.000 Individuen. In der gesamten Nordsee sollen noch etwa 345.000 leben (laut Zählung SCANS-III von 2016).

Schweinswal-Fakten

Wie groß und wie schwer?

Schweinswal Portrait.

Foto: Brendan Hunter/iStock

Schweinswale gehören mit ihrer Länge von bis zu 1,9 m (selten auch 2 m) und bis zu 90 kg Körpergewicht zu den kleinsten Cetaceenarten.

Meistens erreichen sie auch nur 1,6 m bei 60 bis 70 kg. Die Weibchen sind dabei größer und schwerer als die Männchen. Neugeborene Schweinswale sind 5 bis 6 kg schwer und zwischen 70 und 75 cm klein.

Lebenserwartung

Ihre Lebenserwartung soll bei bis zu 22 Jahren liegen. Meist erreichen sie jedoch nur ein Alter von 12 bis 15 Jahren. Damit sind sie im Vergleich zu anderen Meeressäugerarten relativ kurzlebig.

Wie schnell schwimmen Schweinswale?

Mit bis zu 23 km/h sind die kleinen Wale nicht besonders schnell unterwegs. Meist reisen sie auch eher mit vergleichsweise gemütlichen 5–7 km/h.

Wie tief und wie lange können sie tauchen?

Ihre maximale Tauchtiefe ist unbekannt. Schweinswale in der kanadischen Bay of Fundy schaffen 226 m und zurück in etwas über 5 Minuten. Tiefer geht es dort allerdings auch nicht. Andernorts begnügen sie sich mit Tauchgängen von 14 bis 41 m bei Tauchlängen von 44 Sekunden bis 1,5 Minuten. An der Küste Nordkaliforniens erreichen sie meist Tiefen zwischen 20 und 60 m, selten über 60 m.

Woran erkennt man einen Schweinswal am besten?

Schweinswale haben einen kurzen, gedrungenen Körper. Ihr Kopf ist eher rund, die Stirn flach und die Schnauze kurz. Ihr Rücken ist dunkel gefärbt, Jungtiere sind heller gefärbt. Ihre mittig auf dem Rücken befindliche Finne ist dreieckig mit stumpfer Spitze. Die beim kurzen Auftauchen meist nicht sichtbaren Flipper sind klein und rundlich mit spitzen Enden.

Bauch und Kehle sind heller, oft fast weiß. Über jede Körperhälfte verläuft ein vom Mundwinkel bis zum Ansatz der Flipper reichender schwarzer Streifen.

Ernährung

Schweinswal erbeutet einen großen Lachs.

Ein Schweinswal beim Lachsfang – Foto: Sanne Hessing

Auf ihrem Speiseplan steht Fisch, Fisch und noch mal Fisch. Dabei sind sie nicht wählerisch. Ob am Meeresgrund lebende Fische oder Schwarmfische, Hauptsache viel davon. In der Regel bevorzugen Schweinswale kleine bis mittelgroße Beute. In der Ostsee z. B. Grundeln, Heringe oder kleine Dorsche.

In der Nordsee dagegen stehen auch die Aalmutter, Seezungen, Stöcker, Stinte oder Sandaale auf ihrem Speiseplan. Je je nach Verfügbarkeit verändert sich ihr Nahrungsspektrum im Laufe des Jahres.

Da sie ihre Beute mit dem Kopf voran in einem Stück verschlingen und diese nicht zerkauen, ist diese normalerweise nicht größer als 30 cm. Erst seit Kurzem weiß man, dass Pazifische Schweinswale der Unterart Phocoena phocoena vomerina gelernt haben, auch große Fische wie Lachse oder Amerikanische Maifische von bis zu 60 cm Größe zu jagen und zu erbeuten.

Nur gelegentlich fressen Schweinswale auch Tintenfische, Krebstiere, Schnecken oder Borstenwürmer.

Die kleinen Wale sind ständig hungrig. Ihr kleiner Körper kann nicht viel Energie speichern, sie haben eine hohe Stoffwechselrate und leben in kalten bis sehr kalten Gewässern. Daher benötigen sie täglich etwa 10 % ihres Eigengewichts an Fisch. Das können dann gerne bis zu 500 kleinere Beutefische sein.

Wer sind die natürlichen Feinde?

Außerhalb von Nord- und Ostsee müssen Schweinswale vor großen Haiarten, Orcas und Kleinen Schwertwalen auf der Hut sein. Aber auch der Große Tümmler, selten auch Gemeine Delfine, sind für tödliche endende Attacken auf ihre kleinen Verwandten bekannt. Diese dienen aber eher dazu, Nahrungskonkurrenten auszuschalten.

Außerdem gehören Schweinswale zur Jagdbeute unserer heimischen Kegelrobben.

Verhalten

Schweinswale sind sehr scheu. Meist leben sie allein oder als Mutter-Kalb-Paar. Ab und an bilden sich auch kleinere Gruppen von sieben oder mehr Tieren. Überwiegend sind sie tagsüber aktiv, scheuen aber auch nicht davor zurück, in der Nacht Beute zu jagen. Zum Atmen kommen sie regelmäßig zwei- bis viermal pro Minute ganz kurz an die Wasseroberfläche.

Bei ihren kurzen Schlafphasen verharren sie dümpelnd in der Wassersäule, bis sie absinken und sich dann wieder aktiv nach oben bewegen.

Zur Kommunikation untereinander, zur Orientierung unter Wasser und bei der Jagd nutzen Schweinswale das für Zahnwale typische Biosonar. Mit diesem „siebten Sinn“ machen sie sich ein akustisches Bild von ihrer Umgebung – ähnlich wie es Fledermäuse beherrschen. Daher können die kleinen Wale auch nachts oder in trübem Wasser jagen.

Fortpflanzung und Entwicklung

Bereits mit zwei bis drei Jahren erreichen Schweinswalmännchen ihre Geschlechtsreife, bei den Weibchen dagegen dauert es etwas länger bis zum vierten Lebensjahr. Die Paarungszeit liegt von Mitte Juli bis Ende August. Die Tragzeit beträgt zehn bis elf Monate. Meist erblickt dann ein Kalb das Licht der Welt, das zu einem Jahr lang mit extrem energiereicher Milch, die einen Fettgehalt von bis zu 50 % hat, gesäugt wird.

Da Weibchen sich kurz nach der Geburt erneut paaren, sind sie kontinuierlich tragend oder säugend. Wichtigste Fortpflanzungsgebiete in Nord- und Ostsee sind das Sylter Außenriff sowie der Fehmarnbelt und das Seegebiet zwischen den schwedischen Inseln Öland und Gotland.

Wanderungen

Schweinswale folgen saisonal ihrer Beute. Sie gehören zu den wenigen Meeressäugerarten, die weit in große Flüsse hinein wandern und sich dort längere Zeit aufhalten können.

Gefahren für Schweinswale

Die kleinen Wale sehen sich mit einem großen Cocktail unterschiedlichster Gefahren konfrontiert.

Karte deutsche Meeresschutzgebiete in der Ostsee.

Selbst in den Schutzgebieten in der Ostsee ist das Fischen mit Stellnetzen erlaubt. Jedes Jahr verfangen sich Hunderte Schweinswale in den gefährlichen Netzen und sterben qualvoll als Beifang. Quelle: WDC – Kampagne „Rettet die Schweinswale: Stellnetze raus aus Schutzgebieten!

Beifang in Fischer- und Geisternetzen, Lärm, Plastikmüll, Unterwassersprengungen von Altmunition, Überfischung, Offshore-Windparks, Elbvertiefung, Bau des Fehmarnbelt-Tunnels, große Mengen an Phosphor, Stickstoff und Ackergiften aus Abwässern der industriellen Landwirtschaft und vieles mehr.

Meeresverschmutzung

Da sie zu den marinen Top-Prädatoren gehören, sammeln sich in ihrem Körper Giftstoffe, wie Quecksilber, DDT oder PCB, Pestizide und Antibiotika, die ins Meer gespült werden. Dies verringert ihre Reproduktionsfähigkeit und schwächt das Immunsystem, was sie anfälliger gegenüber Parasiten macht.

Stellnetzfischerei

Eine besondere Gefahr für Schweinswale geht von den Tausenden von Stellnetzen aus, die in der Ostsee und entlang der dänischen Nordseeküste, aber auch in deutschen Meeresschutzgebieten stehen. Sie können diese nicht orten, werden aber durch dort gefangene Fische angelockt.

2019: Wieder zu viele tote Schweinswale in Nord- und Ostsee!

2019 erreichte die Zahl tot aufgefundener Schweinswale an deutschen Küsten einen traurigen Rekordwert, auch wenn bis zum Oktober 2020 nur Zahlen für die Ostsee vorlagen.

Demnach strandeten an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste 133 Schweinswale. An den Stränden Mecklenburg-Vorpommerns waren es weitere 47. Damit ist für die Ostseeküste der dritthöchste Stand nach 2016 (221) und 2018 (203) erreicht. Da sich die Zahl der Totfunde in Nord- und Ostsee meist die Waage halten, könnte 2019 mit ca. 360 toten Tieren einen Spitzenplatz in der Todesstatistik erreichen.

Auch in der Nordsee: Immer weniger Schweinswale

Zwischen 2002 und 2019 sank die Zahl der in der deutschen Nordsee beobachteten Schweinswale jedes Jahr im Durchschnitt rund 1,8 Prozent. Damit dürften hier nur noch rund 23.000 der kleinen Wale leben. Diese besorgniserregende Entwicklung deckte eine Studie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover auf. Das Fachmagazin „Frontiers in Marine Science“ veröffentlichte sie Anfang Januar 2020.

Schutz

Totfund am Sandstrand in Sylt.

Toter Schweinswal am Sandstrand in Sylt – Foto: nature.picture / pixelio.de

Die Art gilt als nicht gefährdet. Die Population in der zentralen Ostsee ist allerdings vom Aussterben bedroht. National wie europäisch sind Schweinswale durch die FFH-Richtlinie streng geschützt.

Es gibt ein spezielles Kleinwalschutzabkommen ASCOBANS, das von der Bonner Konvention zum Schutz wandernder Tierarten (CMS) ins Leben gerufen wurde. Hier wurde sogar ein eigener Schutzplan für die letzten Ostsee-Schweinswale verabschiedet, der Jastarnia-Plan. Doch genutzt hat dies den kleinen Walen bislang nicht sonderlich viel.

Meeresschutzgebiete ohne Schutzfunktion

Als klares Zeichen einer völlig verfehlten Meeresschutzpolitik ist dabei die Tatsache zu werten, dass ausgerechnet im wichtigen Schweinswal-Schutzgebiet vor Sylt besonders starke Verluste auftreten. Denn am Sylter Außenriff, einer „Schweinswal-Kinderstube“, sank der Bestand um durchschnittlich 3,8 Prozent jährlich. Schweinswalmütter kommen hierher, um ihre Jungen zur Welt zu bringen und die für die Kleinen wichtigen ersten Lebenswochen mit ihnen zu verbringen.

Weiter südlich vor Borkum dagegen verzeichneten die Forscher einen Anstieg der Population.

Die Ursachen für den Rückzug der Schweinswale aus der deutschen Nordsee liegen auf der Hand: In deutschen Meeresschutzgebieten ist alles erlaubt, außer Meeresschutz! Von Kies- und Sandabbau, intensiver Fischerei, dem Bau von Offshore-Windkraftanlagen, intensivem Schiffsverkehr bis hin zum Betrieb der Ölbohrinsel „Mittelplate A“ vor Friedrichskoog mitten im Weltnaturerbe Nationalpark Wattenmeer.

Wie verhalte ich mich richtig?

Beim Beobachten von Schweinswalen kann man nicht viel falsch machen, dazu sind die Tiere zu scheu. Wer mit einem Boot unterwegs ist, sollte natürlich genügend Abstand halten.

Wenn man ein angespültes, verletztes oder offensichtlich krankes Tier entdeckt, sollte man es keinesfalls wieder ins Wasser bugsieren. Man kann versuchen, den Körper feucht zu halten. Informieren Sie umgehend die Feuerwehr, Wasserschutzpolizei, Gemeinde- oder Kurverwaltungen oder den zuständigen Amtsveterinär.

Schweinswalsichtungen bitte melden!

Wer einen Schweinswal gesehen hat, sollte dies melden:

Foto oben: Ecomare/Sytske Dijksen

 

Meerwissen für Schlauberger

  • Der Schweinswal hat mit Schweinen an sich nicht viel zu tun. Im Mittelalter nannte man ihn noch Meerferkel. Denn damals gab es sehr viel mehr von ihnen und so nutzten Küstenbewohner sie als Nahrungsquelle.
  • Auf der dänischen Insel Fünen gab es seit 1500 die Zunft der „Meerschweinjäger“.
  • Beim Ausatmen machen Schweinswale ein ganz charakteristisches Geräusch. Es klingt wie ein Schnäuzen oder angestrengtes Schnaufen.
  • Einen Schweinswal im Sprung zu sehen, ist ein echter Glücksfall, denn die kleinen Wale springen fast nie.
  • Manchmal nehmen Schweinswale das Maul zu voll. Beim Versuch, große Plattfische zu erbeuten, können sie ersticken.
  • Entlang der niederländischen Küste stranden besonders viele Schweinswale. Sie kommen wahrscheinlich in Schleppnetzen zu Tode.