Seehund (Phoca vitulina)

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Der Seehund ist nicht nur die häufigste Meeressäugerart in Deutschland, sondern sicherlich auch die bekannteste. Seehunde (Phoca vitulina), engl. harbor seals, bilden mit Kegelrobben (Halichoerus grypus) und Schweinswalen (Phocoena phocoena) die Gruppe unserer heimischen Meeressäugetiere. Die kleinen Robben standen an deutschen Küsten bereits kurz vor der Ausrottung durch Jäger und Fischer. Erst 1974 wurde die Robbenjagd bei uns eingestellt. Unglücklicherweise verblieben sie jedoch im Jagdrecht (mit ganzjähriger Schonzeit). Damit zählen sie zu den jagdbaren Tierarten. Im Gegensatz dazu unterliegen Kegelrobben nicht dem Jagdrecht.

Systematik

Seehunde sind Raubtiere (Carnivora) der Unterordnung Robben (Pinnipedia). Sie gehören zur Überfamilie der Hundsrobben (Phocidae) und der Gattung Echte Hundsrobben (Phoca). Man unterscheidet fünf Unterarten. Als Hundsrobben besitzen sie keine Ohrmuscheln.

Lebensraum und Verbreitung

Der Seehund ist ein typischer Küstenbewohner der Nordhalbkugel. Meist trifft man sie an Küsten mit Sandbänken oder an geschützten Felsküsten des Atlantiks und Pazifiks.

In der Ostsee leben zwei Populationen. Eine in den dänischen Belt-Gebieten und der deutschen Ostsee. Die andere ist im schwedischen Kalmarsund und den angrenzenden Gebieten heimisch.

Wie viele Seehunde gibt es?

Mit allen Unterarten liegt der Weltbestand laut IUCN (Weltnaturschutzunion) bei etwa 315.000 Seehunden. Aus den meisten Lebensräumen stehen jedoch keine genauen Daten zur Verfügung. Von der in Süßwasserseen im nördlichen Quebec in Kanada lebenden Unterart Phoca vitulina ssp. Mellonae, dem Ungava-Seehund, soll es allerdings nur noch 50 Exemplare geben.

Im Gebiet des UNESCO-Welterbe-Nationalparks Wattenmeer bis zur Insel Helgoland lebten 2019 nach Angaben des Gemeinsamen Wattenmeersekretariat (CWSS) geschätzte 40.800 Seehunde.

In deutschen Meeresgebieten in Nord- und Ostsee sollen mehr als 10 % des Weltbestandes leben. Allerdings sehr unterschiedlich verteilt. Im Sommer 2020 überschritt der Seehundbestand in Niedersachsen erstmals die Zehntausender-Marke. Dies teilte das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) mit. Auf 15 Zählflügen zählte man im Wattenmeergebiet zwischen Ems und Elbe 10.382 Tiere. 2019 lag der niedersächsische Seehundbestand noch bei 9.836 Tieren. Beim Nachwuchs liegt das Ergebnis mit 2.621 jungen Seehunden 2020 leicht unter dem Spitzenwert aus 2019.

Im Bereich des Schleswig-Holsteinischen Wattenmeers ist der Bestand seit 2010 weitgehend konstant bei rund 9.000 Seehunden.

In der Ostsee leben dagegen nur etwa 8.000 Individuen. Wobei man sie in der deutschen Ostsee zwar kontinuierlich antreffen kann, es dauerhafte Sichtungen aber nur von der Sandbank Lieps in der zwischen Boltenhagen und Wismar gelegenen Wohlenberger Wiek gibt. Jungtiere von Seehunden sind an der deutschen Ostseeküste extrem selten. Einige Sichtungen gibt es von Nordrügen.

Artensteckbrief Seehund

Wie sieht ein Seehund aus?

Am einfachsten erkennt man ihn an seiner Kopfform. Die ist nämlich rund. Außerdem hat er eine kurze Schnauze. Kegelrobben dagegen heißen nicht umsonst so. Ihr Kopf ist namensgebend kegelförmig und spitz zulaufend.
Foto: Robbenzentrum Föhr
Hilfe – unser Poolraum leckt!

Wie groß und wie schwer werden sie?

Seehunde sind um einiges kleiner und leichter als ihre Verwandten, die Kegelrobben. Weibchen erreichen 160 cm bei rund 100 kg Körpergewicht, während Männchen mit bis 180 cm etwas größer und mit rund 120 kg auch etwas schwerer werden können. Seehundwelpen wiegen nach der Geburt zwischen 7 und 15 kg.

Wie alt wird ein Seehund?

Kommt nichts dazwischen, können Weibchen unter optimalen Bedingungen ein Alter von 35 Jahren erreichen. Männchen dagegen werden nur circa 25 Jahre alt.

Wie schnell können sie schwimmen?

Kurzzeitig können Seehunde auf 35 km/h beschleunigen. Da ihre Vorderflossen klein sind, setzen sie beim Schwimmen hauptsächlich ihre Hinterflossen ein. An Land geht es dagegen robbend nur langsam vorwärts. Wegen der an die Lichtbrechung des Wassers angepassten Augen sind sie an Land kurzsichtig.

Wie tief und wie lange können sie tauchen?

Seehunde schaffen bis zu 200 Meter tiefe Tauchgänge und können dabei mindestens 30 Minuten lang unter Wasser bleiben.

Was fressen Seehunde?

Die kleinen Hundsrobben sind gnadenlose Opportunisten. Sie versuchen grundsätzlich, alles, was sie finden, zu fressen. Angefangen von Kleinkrebsen, Schnecken, Platt- und Schwarmfischen, bis hin zu Muscheln und Tintenfischen. Erwachsene Tiere benötigen 3 bis 5 kg Fisch täglich.

Seehunde jagen meist allein. Sie sind sehr geschickte und extrem wendige Unterwasserjäger. Dank der an ihrer Schnauze befindlichen Barthaare (Vibrissen) können sie Beute auch gut im Trüben aufspüren. Und sie wissen sich dabei aus Fischernetzen zu bedienen. Diese Cleverness war beinahe ihr Untergang an deutschen Küsten. Im späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert startete ein unbarmherziger, heute kaum noch vorstellbarer Vernichtungsfeldzug. Am Ende, gegen 1960, gab es in der Nordsee kaum noch welche.

Wer sind ihre natürlichen Feinde?

In deutschen Gewässern machen Kegelrobben gelegentlich Jagd auf ihre kleineren Verwandten. Im Atlantik müssen sie vor großen Haien und Orcas auf der Hut sein.

Fortpflanzung und Entwicklung

Die Paarungszeit liegt im Sommer. Seehunde benötigen somit im Gegensatz zu Kegel- oder Ringelrobben keine hochwassergeschützten Wurfplätze. Nach etwa acht Monaten Tragzeit bringen die Mütter vorzugsweise auf einer Sandbank ihr Junges zur Welt. Bereits beim nächsten Hochwasser ist ein Seehundwelpe in der Lage, mit seiner Mutter mitzuschwimmen. Wegen der mit 45 % sehr fettreichen Milch schaffen es die Welpen innerhalb nur eines Monats ihr Geburtsgewicht zu verdoppeln!

Seehundwelpe liegt am Strand.

Foto: Thorsten Sturm/pixabay

Im Gegensatz zu Kegelrobbenwelpen gibt es bei Seehundwelpen keine terrestrische Ruhephase. Sie beginnen in der Regel, noch während sie gesäugt werden, zu schwimmen und zu tauchen. Nach der Entwöhnung entfernen sie sich meist von ihrem Geburtsort. Wie Kegelrobbenwelpen durchlaufen sie eine Fastenzeit. Diese dauert etwa 15 Tage. Erst dann beginnen sie, selbstständig Beute zu fangen.

Einige Jungtiere legen unmittelbar nach ihrer Entwöhnung große Strecken zurück. Andere wiederum bleiben mehrere Monate lang in der Nähe ihrer Geburtsstätte. Über Mutter-Welpen-Interaktionen nach der Entwöhnung ist bei Seehunden wenig bekannt.

Verhalten

Ein immer wieder beliebtes Nordseemotiv sind die in großen Gruppen auf Sandbänken in der Sonne liegenden Seehund-Kolonien. Doch es genügt bereits ein in 500 m vorbeifahrendes Schiff, um die Tiere in Panik zu versetzen. Allerdings tolerieren manche Tiere auch Distanzen von bis zu 50 m Annäherung. Bei fachkundig durchgeführten Ausflugsfahrten zu Seehundbänken lassen sich die kleinen Robben gut beobachten, und sie zeigen manchmal erstaunlich wenig Scheu.

Seehunde und Seevögel liegen auf einer Sandbank.

Bei einer Massenflucht ins Wasser kann es leicht passieren, dass Mütter den Kontakt zu ihren Jungtieren verlieren. Ein sicheres Todesurteil. Auf sich allein gestellt haben die Welpen keine Überlebenschance. Foto: Robbenzentrun Föhr

In jedem Fall sollte man aber genügend Abstand halten und den Tieren ausreichend Platz lassen!

Halten Sie unbedingt Ihren Hund von einem ruhenden Seehund fern!

Foto: Ulrike Mai/pixabay

Wanderungen

Die kleinen Meeressäuger unternehmen gerne ausgedehnte Wanderungen. So können ihre Nahrungsgebiete bis zu 70 km von den Ruheplätzen entfernt liegen.

Meist sind es aber nur 20 bis 40 km. Manchmal sind sie bis zu drei Tage unterwegs, um sich dann ebenso ausgiebig genau so lang auf einer Sandbank auszuruhen. Erst dann geht es erneut auf die Jagd. Beeindruckend sind die Leistungen mancher Jungtiere auf Entdeckungsreise. Denn sie können bereits im ersten Lebensjahr bis zu 500 km von ihrem Geburtsort entfernt auftauchen.

Gefahren für Seehunde

Seehundseuche – Umweltbelastungen

Die kleinen Robben gehören zu den marinen Top-Prädatoren. Deshalb sammeln sich in ihren Körpern Schadstoffe wie PCB an, die sie mit ihrer Nahrung aufnehmen. Dies führte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Schädigungen des Immunsystems und Unfruchtbarkeit.

Bei der ersten, durch Hundestaupe verursachten Seehundseuche im Frühjahr 1988 starben ca. 18.000 Tiere, rund zwei Drittel des Bestandes. Eine weitere Seuchenzug gab es 2002 mit mehr als 10.000 toten Seehunden im Wattenmeer, darunter etwa 2.000 in Deutschland. Im Winter 2014/15 starben rund 2.100 Seehunde im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer durch den Influenzavirus H10N7. In der Folge sank der Seehundbestand 2015 um 10 Prozent, hat sich seitdem aber wieder erholt.

Dennoch sind die Belastungen (u. a. Bau und Betrieb von Offshore-Windkraftanlagen, Unterwasser-Baggerarbeiten zur Kiesgewinnung, Schadstoffbelastung durch ausgebaggerten und verklappten Hafenschlick, Schiffsverkehr und Unterwassersprengungen), mit denen Seehunde heutzutage konfrontiert sind, in den letzten Jahren nicht weniger geworden.

Daher sieht es beim derzeit einschätzbaren langfristigen Bestandstrend für die Nord- und Ostsee nicht gut aus. Mit dem Ausbruch einer neuen Seehundseuche muss jederzeit gerechnet werden. Insbesondere seitdem die Hamburger Hafenbehörde seit 2022 plant, zusätzlichen hochtoxischen Hafenschlick jetzt auch auf Höhe der Vogelschutzinsel Scharhörn in unmittelbarer Nähe zum UNESCO-Welterbe-Nationalpark Wattenmeer zu verklappen.

Fischerei

Immer wieder ertrinken Seehunde in Fischernetzen, verheddern sich in herumtreibendem Fischereigerät (Netze, Taue, Netzreste) oder verenden in den gigantischen Schleppnetzen von Supertrawlern.

⚠️ Seehundjäger

In Deutschland sind Seehundjäger oder Wattenjagdaufseher (Hobbyjäger mit Zusatzschulung) zuständig fürs Management verletzter, kranker oder verlassener Robben. „Management“ an der Nordseeküste bedeutet allerdings oft den Tod des Tieres. Denn die Jäger dürfen situativ und ohne weitere Rückfragen eine spontane Entscheidung über Leben und Tod treffen. Letzteres vollziehen sie mit einem Pistolenschuss in den Hinterkopf des Tieres.

Schutzstatus

Die Art gilt als nicht bedroht. In der EU wird der Seehund, wie alle Arten der Familie der Hundsrobben, auf Anhang II der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (EU-FFH-Richtlinie) geführt. 2020 stufte man die Art auf der Roten Liste der Säugetiere Deutschlands von der Kategorie „ungefährdet“ in „Gefährdung unbekannten Ausmaßes“ zurück. Diese Verschlechterung wird mit einem mittlerweile verlangsamten Populationswachstum und sinkenden Überlebensraten von Jungtieren begründet.

Laut Roter Liste ist bei getrennter Betrachtung der Populationen von Seehunden in Nord- und Ostsee die Nordseepopulation aktuell allerdings als „ungefährdet“ einzustufen. Für die Seehundpopulation der südlichen Ostsee ergibt sich jedoch die Gefährdungskategorie „stark gefährdet“. Langfristig jedoch wird vom Rote Liste Zentrum für die Art in Deutschland ein Bestandsrückgang unbekannten Ausmaßes erwartet.

Seehund in Not?

Ein von seiner Mutter getrennter Seehundwelpe ruft nach seiner Mutter mit tiefen, heiseren Tönen. Doch nicht jeder kleine Seehund, der allein am Strand liegt, ist in Not. Oft ist die Mutter nur auf Nahrungssuche und kehrt später wieder zurück.

Neugeborene Robben werden nur kurz, dafür intensiv von ihren Müttern betreut. Bei der Geburt sind sie bereits relativ groß. Dann bekommen sie für kurze Zeit viel energiereiche Milch. Bei Kegelrobben folgt die Entwöhnung bereits nach etwa 18 Tagen, bei Seehunden dauert es 10 Tage länger. Die Jungtiere sind damit im Rahmen ihres normalen Lebenszyklus vergleichsweise früh unabhängig von ihren Müttern.

Wie verhalte ich mich richtig?

Stellen Sie sich niemals zwischen Mutter und Jungtier! Echte „Heuler“ sind nur die Welpen, die ihre Mutter in der Säugezeit verloren haben!

Die Seehundbabys Kleiner Onkel und Judith liegen zusammen, Robbenzentrum Föhr.

Glück gehabt!
© Robbenzentrum Föhr

Wenn Sie am Strand auf einen echten „Heuler“, ein verletztes oder geschwächtes, offensichtlich krankes Tier treffen, versuchen Sie keinesfalls, selber Hilfe zu leisten! Halten Sie Abstand! Die Tiere können blitzschnell zubeißen! Ein Robbenbiss kann nicht nur äußerst schmerzhaft sein, er heilt auch nur sehr langsam ab. Informieren Sie umgehend eines der Nationalpark-Häuser und -Zentren, Feuerwehr, Wasserschutzpolizei, Gemeinde- oder Kurverwaltungen, den Amtsveterinär oder am besten direkt eine Seehundstation.

Tipp: Wenn ein Seehundjäger das Tier birgt, dokumentieren Sie dies. Wenn möglich, versuchen Sie seinen Namen in Erfahrung zu bringen. Informieren Sie die örtliche Polizei über den Vorfall.


Rettungsstation für Seehunde und Kegelrobben

Kleiner Seehund im Robbenzentrum Föhr

Aufnahme und Pflege verletzter, kranker und verlassener Seehunde und Kegelrobben. Helfen Sie mit!


Meerwissen über Seehunde

  • Seehunde haben ein besonders dichtes Fell. Es besteht aus mehr als 50.000 Haaren pro Quadratzentimeter!
  • Ihr wissenschaftlicher Name bedeutet übersetzt „Kälbchen-Robbe“ und bezieht sich auf ihren neugierigen und verspielten Charakter
  • Meeresfische enthalten kaum Salz, sind dabei aber so wasserreich, dass Seehunde, wie die meisten anderen Meeressäuger, auch nie trinken müssen
  • Sie können einen Fisch, der gar nicht mehr da ist, noch Minuten später anhand der von ihm verursachten Wasserverwirbelungen wahrnehmen.
  • Seehunde sind nicht sehr sozial, auch wenn man sie auf Sandbänken in großer Zahl zusammenliegen sieht. So schwimmen die Männchen lieber ihrer Wege, sind nicht monogam und bewachen nicht, wie die Männchen anderer Robbenarten, einen Harem.

Foto oben: U.Kirsch


Robbenzentren in Deutschland

Robbenzentrum Föhr
Achtern Diek 5 – 25938 Wyk auf Föhr
Tel: 04681 – 57 03 54
Mobil: 01577 – 505 4219
24Std. Notruf: 0177 – 3300 077
www.robbenzentrum-foehr.de

Seehundstation Nationalpark-Haus in Norddeich
Dörper Weg 22 – 26506 Norden,
Tel.: 04931 – 8919
www.seehundstation-norddeich.de

Seehundstation Friedrichskoog
An der Seeschleuse 4 – 25718 Friedrichskoog
Tel: 048 54 – 13 72
www.seehundstation-friedrichskoog.de

Für die Ostsee:
Deutsches Meeresmuseum
Katharinenberg 14-20 – 18439 Stralsund
Tel: 03831 – 2650 210
Sie können Sichtungen online melden oder per E-Mail: sichtungen[at]meeresmuseum.de
Bei Totfunden machen Sie bitte zusätzlich eine Meldung unter 03831 – 2650 3333, damit das Tier so schnell wie möglich abgeholt werden kann. Bei Lebendstrandungen melden Sie sich bitte außerdem unter 0173 – 9688 267 beim Kurator für Meeressäugetiere!