Warum stranden Wale?

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Zu den großen Rätseln der Meere zählt die Frage: Warum stranden Wale? In vielen Fällen, insbesondere bei Massenstrandungen, bleiben die Ursachen im Verborgenen.

Was ist eine Massenstrandung?

Massenstrandungen sind definiert als Strandungsereignis von zwei und mehr Tieren (außer einer Mutter und ihrem Jungtier) zu einem bestimmten Zeitpunkt in derselben Gegend. In Extremfällen stranden Hunderte Tiere gleichzeitig. Davon sind fast nur Zahnwale und äußerst selten Bartenwale betroffen.

„Die größte Gefahr für gestrandete Wale oder Delfine ist ihr Eigengewicht. Es zerquetscht an Land mit der Zeit ihre inneren Organe. Deshalb können nach einer gelungenen Rettung innere Verletzungen auch später noch zum Tode führen. Kontinuierliche Sonneneinstrahlung führt zur Überhitzung des Organismus mit Folgen wie Kreislaufkollaps, Sonnenstich oder Sonnenbrand“, erklärt Ulrich Karlowski, Biologe bei der Deutschen Stiftung Meeresschutz.

Einmal gestrandet, können Meeressäuger sich meist nicht selbst aus ihrer misslichen Lage befreien. Bei gut funktionierenden Rettungsnetzwerken ist es möglich, die Tiere – oder zumindest einige von ihnen – mithilfe zahlreicher Menschen zurück ins Meer zu bringen. Das gelingt leider nicht immer, sodass nichts weiter übrig bleibt, als sie einzuschläfern, um ihnen unnötiges Leid zu ersparen.

Warum stranden Wale und Delfine?

Strandungen von Walen und Delfinen sind kein neues Phänomen. Natürliche Ursachen spielen eine Rolle genauso wie menschliche Einflüsse. Zu den gängigsten Theorien und Ursachen zählen unter anderem:

  • Extremwetterlagen können zu schlechter Sicht und/oder unkorrekten „Ergebnissen“ des Echolot-Ortungssystems (Biosonar) der Meeressäuger führen und sie in gefährliche Gewässer leiten.
  • Jagd: Bei der Jagd verfolgen beispielsweise Grindwale bei Cape Cod (Massachusetts, USA) im Herbst und frühen Winter ihre Tintenfischbeute bis ins flache Wasser, sodass in dieser mehr Strandungen zu erwarten sind. Manche „verschätzen“ sich, machen Fehler und geraten bei der Jagd in flache Küstengewässer.
  • Topografie: Das Biosonar, mit dem sich die Meeressäuger orientieren, arbeitet über sandigen, schlammigen Untergründen nicht richtig. Das führt zu Fehleinschätzungen der Meerestiefe.
  • Sonnenstürme: Störungen im Magnetfeld der Erde (z. B. durch Sonnenstürme), Erdbeben oder Unterwasservulkane stören die Orientierung der Meeressäuger oder versetzen sie in Panik.
  • Krankheit: Eine Gruppe folgt einem kranken Mitglied, weil sie es nicht allein lassen will. Oder alle Tiere leiden z. B. an einer Viruserkrankung, die zu Problemen in Navigation und Orientierung oder Schwächung führt.
  • Der Mensch: Impulshafte Lärm-Emissionen wie sie beispielsweise von militärischen Sonaren, bei der mit Druckluftpulsern (Airguns) durchgeführten Suche nach fossilen Energiequellen (Erdöl und Erdgas) im Meeresgrund oder von Unterwassersprengungen (Dynamitfischerei, Beseitigung von Altmunition, Krieg) ausgehen, können Meerestiere im Nahbereich töten. Plötzlich in großer Tiefe auftretende Schallereignisse (U-Boot-Sonare) können tief tauchende Meeressäuger zu schnellem Auftauchen zwingen (Schreckreaktion). In größerer Entfernung kann impulshafter Schall zu dauerhaften oder temporären Hörschäden und Schwächung des Orientierungsvermögens führen.

Welche Arten stranden besonders häufig?

Massenstrandungen betreffen in der Regel Zahnwale. Zum einen sind dies die tieftauchenden Pott- und Schnabelwale. Bei Delfinen sind die zur Delfinfamilie (Delphinidae) zählenden Grindwale, Kleine Schwertwale sowie Breitschnabeldelfine anfällig für Massenstrandungen. Diese Arten leben in größeren sozialen Verbänden, sodass gleichzeitig Dutzende oder sogar Hunderte von Tieren stranden können.

Pottwale

Jüngere, noch nicht geschlechtsreife Pottwalmännchen ziehen oft gemeinsam in sogenannten Junggesellengruppen umher. Dabei „biegen“ sie mitunter falsch ab.

Warum stranden Wale? Infotafel zu den Pottwalstrandungen in der Nordsee 2016.
Wenn Wale falsch abbiegen: Tafel am Waloseum in Ostfriesland. Foto: U. Kirsch/DSM

2016 strandeten an der Nordseeküste von Januar bis Februar 30 Pottwale, verteilt auf die Küsten Deutschlands, der Niederlande, Großbritanniens, Dänemarks und Frankreichs.

Zwei gewaltige Sonneneruptionen könnten hier eine Rolle gespielt haben nach Meinung von Wissenschaftlern der Universität Kiel. Sonnenstaub kann die Magnetfelder der Erde verändern und so Meeressäuger in die Irre führen, die mit deren Hilfe navigieren.

Pottwale stranden in der Adria

Auch in die flache Adria verirrten sich wiederholt „Pottwalgangs“. Zuletzt im August 2023, als eine mindestens 5-köpfige Gruppe bei der kroatischen Insel Korčula in Süddalmatien auftauchte. Nach ihrer Stippvisite wurden sie nicht mehr gesehen, sodass sie den Weg zurück ins Mittelmeer wohl geschafft haben. Nicht immer geht der Adria-Ausflug für Pottwale glücklich aus. 2014 beispielsweise strandeten 7 zuvor in kroatischen Gewässern gesichtete Wale an der italienischen Küste, von denen 4 starben.

Schnabelwale

Bei Schnabelwalen bringt man Massenstrandungen am häufigsten mit dem Einsatz von Sonaren zu militärischen Zwecken oder bei der Rohstoff-Suche in Verbindung.

Cuvier-Schnabelwal
Cuvier-Schnabelwal, © NOAA Fisheries

Sie tauchen dabei zu schnell aus zu großer Tiefe auf: wahrscheinlich eine Schreckreaktion. Sie endet meist tödlich. Wie zuletzt im Zeitraum vom 9. bis 13. Februar 2023, als an der Westküste Zyperns 12 Cuvier-Schnabelwale starben. In dem betroffenen Gebiet hatten zum Zeitpunkt der Strandungen Marineübungen stattgefunden.

Grindwale

Sie sind wahrscheinlich die am häufigsten strandenden Meeressäuger. Meistens stranden sie in großer Zahl, denn Grindwale leben in Verbänden mit einem ungewöhnlich starken sozialen Zusammenhalt. „Es mutet an wie ein ‚Einer für alle, alle für einen‘-Szenario. Strandet ein Mitglied aus der Gruppe oder das die Gruppe anführende Individuum, lassen die anderen es nicht im Stich und begeben sich in Todesgefahr. Ein derartiges Verhalten ergibt in unseren Augen keinen Sinn. Im Extremfall sterben alle“, sagt Ulrich Karlowski.

Neuseeland

Neuseeland gehört zu den Ländern mit den höchsten Strandungsraten weltweit. Seit 1840 wurden dort mehr als 5.000 Strandungen dokumentiert.

Bei einer der größten je dokumentierten Delfin-Massenstrandungen strandeten und starben bei den neuseeländischen Chatham-Inseln im Jahr 1918 rund 1.000 Grindwale! Die Inseln sind einer von drei berüchtigten neuseeländischen Hotspots. Strandungen mit mehreren Hundert Tieren kommen dort immer wieder vor. Beispielsweise im Oktober 2022, als rund 477 Grindwale strandeten und starben.

Australien

An den Küsten von Australien und Tasmanien ereignen sich Strandungen von Walen und Delfinen ebenfalls relativ häufig.

Massenstrandung von Grindwalen in Australien
Massenstrandung von Grindwalen in Westaustralien am 25. April 2024, © Park and Wildlife Service Western Australia

Nur selten geht das vergleichsweise glimpflich aus wie im April 2024. Zwischen 160 und 200 Grindwale steckten in Südwestaustralien im flachen Wasser fest.

Für 31 von ihnen kam zwar jede Hilfe zu spät. Doch alle anderen schafften es dank der Unterstützung zahlreicher Helfer unter Leitung des Park and Wildlife Service, Western Australia, wieder zurück ins Meer!

Schottland

Im Juli 2023 starben 55 Grindwale, die auf der schottischen Insel Isle of Lewis lebend gestrandet waren. Die Rettungsversuche scheiterten, sodass einige der noch lebenden Tiere eingeschläfert werden mussten.

Kapverdische Inseln

Auch auf den Kapverden kommen Massenstrandungen von Delfinen immer wieder einmal vor. So im April 2024, als mindestens 25 Grindwale strandeten und starben.

Breitschnabeldelfine

Diese bis zu rund 2,7 m großen Delfine leben in Schulen von meist 100 bis 500 Individuen. In seltenen Fällen trifft man auch Ansammlungen von Tausenden Tieren. Sie sind Hochseedelfine. Selten nur kommen sie in Küstennähe.

Breitschnabeldelfine
Breitschnabeldelfine in der Bandasee, © Joshua Berg/DSM

Im September 2019 strandeten 163 Breitschnabeldelfine auf der Kapverdeninsel Boa Vista. Freiwillige Helfer unserer Partnerorganisation Turtle Foundation sowie einiger anderer Organisationen und auch Behördenmitarbeiter schafften es zunächst, die meisten von ihnen zurück ins Wasser zu bringen.

Allerdings strandeten danach etliche Tiere erneut. 4 Delfinkälber waren bei Ankunft der Helfer schon tot.

Große Tümmler

Diese großen und mächtigen Delfine stranden vergleichsweise selten. Im November 2021 erwischte es an der französischen Atlantikküste auf der Insel Noirmoutier bei Ebbe 10 Große Tümmler. Dank des Einsatzes von Feuerwehrleuten konnten 17 von ihnen gerettet werden, 2 Tiere starben leider. Bis der Wasserstand wieder ausreichend hoch war, damit die Großen Tümmler wegschwimmen konnten, hielten die Retter die Meeressäuger mit nassen Handtüchern und Algen feucht.

Schwarzdelfine

Diese bis zu 2 m großen höchst akrobatischen Delfine leben in Gruppen von bis zu 1.000 Individuen (mitunter sogar bis zu 2.000). Man findet sie auf der Südhalbkugel in kühlen und gemäßigten Küstengewässern von Südamerika, Südwestafrika, Neuseeland und einiger ozeanischer Inseln.

Schwarzdelfin im Sprung
Schwarzdelfin, Foto: 12019/Pixabay

Im März 2020 kam es zu einer Massenstrandung von Schwarzdelfinen an einem Strand in Namibia. Insgesamt 86 tote Tiere wurden gefunden. Wissenschaftler gingen davon aus, dass sie dort mindestens eine Woche zuvor gestrandet waren.

Neben Ursachen wie Krankheit schlossen die Forschenden nicht aus, dass die Delfine an den Folgen der regelmäßig vor der Südküste Namibias durchgeführten Öl- und Gasexplorationen gestorben sein könnten.

Schweinswale

Meist lässt sich die Ursache, warum Wale stranden, nicht herausfinden. Untersuchung von toten Schweinswalen.
Autopsie eines der toten Schweinswale, die im August 2021 massenweise auf den Westfriesischen Inseln angespült wurden. © Bas Niemans/Utrecht University

Schweinswale gehören nicht zu den Arten, die in großen Verbänden leben.

Doch Ende August 2021 wurden innerhalb kürzester Zeit rund 190 Schweinswale tot an die Westfriesischen Inseln in den Niederlanden angespült. Untersuchungen von Wissenschaftlern zufolge war möglicherweise ein Bakterium die Ursache, das bei Walen und Delfinen eine Blutvergiftung auslösen kann.

Warum stranden gerettete Wale erneut?

Gelingt es, gestrandete Wale und Delfine zu retten, kommt es leider häufig vor, dass sie erneut an gleicher oder anderer Stelle in der Nähe stranden.

So geschehen Ende Juli 2023 beim Cheynes Beach in Westaustralien, als rund 100 Grindwale strandeten. 50 Tiere starben. Die restlichen konnten erfolgreich zurück in tieferes Wasser gebracht werden. Doch schon kurze Zeit später schwammen alle zurück an den Strand, wo die bereits verstorbenen Mitglieder ihrer Gruppe lagen. Sie mussten dann eingeschläfert werden. Für die ehrenamtlichen Helfer eines Rettungsnetzwerks ein emotional sehr belastendes Erlebnis.

Der Massenstrandung vorausgegangen war ein merkwürdiges Verhalten dieser Gruppe am Tag zuvor. Zufällig filmte eine Drohne, wie die rund 100 Grindwale sich dicht an der Wasseroberfläche zusammendrängten. Von oben sah es aus, als würden sie mit ihren Körpern ein Herz bilden. Es war wohl das erste Mal, dass man Derartiges beobachten konnte, wie es in den Medien hieß.

Eine mögliche Ursache für das seltsame „Zusammenkauern“ der Grindwale am Vortag und die spätere Massenstrandung sieht Dr. Joshua Smith, Meeresbiologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Harry Butler Institute der Murdoch-Universität, im Sonar von U-Booten oder Explorationsschiffen, wie er gegenüber WA Today sagte.

Bartenwale

Massenstrandungen von Bartenwalen sind höchst selten. Sie leben generell in keinen oder nur kleineren Verbänden, sodass meist nur einzelne Tiere stranden.

Außergewöhnlich: Massenstrandung von Seiwalen

Die bislang größte Bartenwal-Massenstrandung traf Seiwale, die mit bis zu 17 m Länge drittgrößte Walart.

Seiwale Mutter und Kind
Eine Seiwal-Mutter mit Kalb, © Christin Khan/NOAA

Im Juni 2015 kam es zu einem tragischen Ereignis in südchilenischen Region Patagonien: Mehr als 300 Seiwale waren an einem schwer zugänglichen Küstenabschnitt gestrandet. Bis heute bleibt dieses Strandungsereignis rätselhaft.

Entdeckt wurde die Strandung zufällig, als eine Gruppe von Wissenschaftlern das Gebiet überflog. Wegen seiner Abgelegenheit konnten die Forschenden nur wenige Proben von den toten Walen nehmen, um sie zu analysieren. Sie mussten sich hauptsächlich auf Satellitenbilder und Luftaufnahmen verlassen, um Zahl und Zustand der gestrandeten Tiere zu bestimmen.

Manche Wissenschaftler führen diese Seiwal-Massenstrandung auf eine vom Klimaphänomen El Niño ausgelöste ungewöhnliche Erwärmung des Meerwassers in der Region zurück. Dies könnte das Nahrungsangebot für die Wale reduziert und sie anfälliger für Krankheiten gemacht haben. Einer anderen Theorie zufolge fielen die Wale einer Pseudo-nitzschia-Algenblüte zum Opfer. Diese einzelligen Kieselalgen produzieren hochtoxische Domoinsäure.

Wenn Wale stranden: Erste Hilfe

Grundsätzlich sollte man immer Hilfe anfordern! Das können Feuerwehr oder Polizei sein.

Hilfe für einen gestrandeten Delfin
Professionelle Hilfe für gestrandete Delfine in den USA. Foto: DISL/NOAA

In Ländern mit professionellen Rettungsnetzwerken gibt es zudem spezielle Anlaufstellen und Rufnummern.

Gestrandete kleinere Delfinarten oder Schweinswale, die keine äußerlich sichtbaren Verletzungen aufweisen und keinen apathischen Eindruck (krank) machen, kann man alleine oder mithilfe weniger Menschen zurück ins tiefere Wasser tragen.

VORSICHT: Die Strandungsopfer niemals an Schwanz- oder Brustflossen ziehen! Dies birgt große Verletzungsgefahr für Tier und Mensch!

Stecken Delfine oder Wale bei Ebbe im Schlamm fest, müssen sie feucht gehalten werden. Außerdem muss man sicherstellen, dass sie atmen können und das Blasloch freibleibt. Um ihnen etwas von der Last ihres eigenen Gewichts zu nehmen, kann man versuchen, einen Mulde rund um das Tier zu graben und mit Wasser zu füllen. Bei einsetzender Flut gelingt es dem Strandungsopfer dann häufig, sich von alleine freizuschwimmen.

Rettungsfloß für gestrandete Delfine
Mit einem speziellen Rettungsfloß können gestrandete Delfine ins tiefe Wasser gebracht werden. Foto: Equinac/DSM

Nach einer längeren Strandung müssen die Meeressäuger zunächst ihr Gleichgewicht wiedererlangen. Dieser Prozess dauert, ist aber entscheidend, damit sie wieder selbständig schwimmen können und man sie dann zurück ins tiefere Wasser leiten kann.

Bei größeren, schwereren Arten gestaltet sich eine Rettung schwieriger. Entweder kommen spezielle Flöße zum Einsatz, mit Hilfe derer man die Meeressäuger in Not ins tiefere Wasser ziehen kann. Derartige Flöße oder Tragen sind Standard bei gut organisierten Rettungsnetzwerken, wie sie etwa in Großbritannien existieren.

Für besonders schwere Arten wie Orcas oder Pottwale ist jedoch ein Kran erforderlich, um sie zurück ins Wasser zu bringen.

Titelfoto: Grindwal-Strandung Neuseeland 2017, © iStockphoto.com/Anne Webber

Ulrike Kirsch, Mai 2024


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