Unechte Karettschildkröten auf Boa Vista: erfolgreiche Eindämmung der Wildererei

Beim Schutz von Unechten Karettschildkröten (Caretta caretta) auf der zu den Kapverden gehörenden Insel Boa Vista setzt dieses Projekt bei der Wildereibekämpfung auf eine kluge Kombination moderner mit althergebrachten Strategien. Eingesetzt werden einheimische Ranger, Volontäre, Nachtsichtdrohnen, Nachtsichtgeräte, Ferngläser mit Wärmebildtechnik und speziell ausgebildete Artenschutzhunde. Mit diesem innovativen Ansatz im Wildtierschutz gelang es, die Wilderei erfolgreich zurückzudrängen. Seit Projektbeginn sank sie auf weniger als 0,2 % der jährlichen Nistpopulation. Entscheidend für den Erfolg sind das ausgeklügelte Zusammenspiel aller Projektbeteiligten und die Einbeziehung lokaler Polizeikräfte.

Fakten zum Projekt

Projektname
Schutz von Niststränden der Unechten Karettschildkröte
Projektregion
Kapverdische Inseln mit Schwerpunkt Boa Vista
Laufzeit
Seit September 2022/unbegrenzt
Partnerorganisation
Turtle Foundation
Beitrag zu den UN-Nachhaltigkeitszielen (SDGs):
SDG 1, SDG 4, SDG 14, SDG 15

Die Kapverdischen Inseln im Atlantik sind nach Oman und Florida der drittgrößte Nistplatz für Unechte Karettschildkröten. An den Stränden von Boa Vista graben jährlich zwischen 5.000 und 30.000 weibliche Schildkröten ihre Nester zur Eiablage.

Auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN ist Caretta caretta als gefährdet eingestuft. Die Kapverden-Nistpopulation des Nordatlantiks zählt zu den elf am stärksten bedrohten Meeresschildkröten-Populationen und gilt als stark gefährdet.

Nistling und Weibchen Unechte Karettschildkröte an einem Strand auf Boa Vista.

Projekterfolge 2025

  • Bei Patrouillen erfassten Ranger und Volontäre zwischen Juni und Oktober 2025 über 9.500 Nester auf den von ihnen kontrollierten Stränden. Auch wenn die Auswertungen zum Jahresende noch nicht abgeschlossen waren, wird die diesjährige Zahl von Schildkrötennestern bei Weitem nicht das Niveau des Vorjahres (19.188) erreichen. Die Ursachen für diese auf Boa Vista nicht unüblichen Schwankungen sind ungeklärt.
  • Zusätzlich wurden 205 Nester in die Hatchery (Aufzuchtstation) des Projekts umsiedelt. Dies geschieht immer dann, wenn Nester zu nah an der Uferlinie liegen oder durch Überschwemmung gefährdet sind. Auch Nester, die sich direkt vor dem am Strand Lacacao gebauten Hotel Riu Touareg, im Süden Boa Vistas, befinden, gelten als stark gefährdet. Aufgrund der beträchtlichen Lichtverschmutzung durch das Hotel würden alle Jungtiere nach dem Schlupf in die falsche Richtung krabbeln und sterben. Nach Möglichkeit soll der natürliche Nistprozess allerdings ungestört bleiben.
  • Aus den in der Hatchery ausgebrüteten Eiern schlüpften schließlich 13.000 kleine Schildkröten. Alle erreichten gesichert das Meer. Das entspricht einem Schlupferfolg von über 80 %.
  • Dank der kontinuierlichen Patrouillen gelang es, 47 in Not geratene Schildkröten zu retten. Die Tiere steckten entweder in Felsspalten oder anderen Hindernissen fest oder hatten in den unübersichtlichen Dünen die Orientierung verloren. Meist sind diese Weibchen für den Arterhalt verloren, da sie ohne schnelle Hilfe an Austrocknung oder Überhitzung sterben.
  • Wie im Vorjahr starben sechs Schildkröten durch Wilderer.

Warum Boa Vista?

Etwa zwei Drittel der auf den Kapverden nistenden Unechten Karettschildkröten zieht es auf die Insel Boa Vista. Jedes Jahr zwischen Juni und Oktober kommen die Weibchen in großer Zahl nachts an die Strände, um Nester zu graben und ihre Eier abzulegen.

Seit 1987 stehen Meeresschildkröten auf den Kapverden unter Schutz. Dennoch ging die seitdem als Wilderei geltende Jagd dadurch nur unwesentlich zurück.

Gewilderte Schildkröte, Boa Vista, Kapverden.

Die Nutzung der Meeresreptilien zur Nahrungsversorgung war tief in der ländlichen Bevölkerung verwurzelt.

Allein 2007 starben an den Stränden von Boa Vista etwa 1.200 Weibchen. Die meisten von ihnen, bevor sie ihre Eier legen konnten.

2008 rief die Turtle Foundation dann ein umfassendes Projekt zum Schutz dieses bedeutenden Nistplatzes ins Leben.

Bekämpfung der Wilderei

Zu Beginn jeder Nistsaison errichtet das Turtle-Foundation-Team an strategisch günstigen Stellen fünf Feldstationen. Über die gesamte Nistzeit sind dort von Juni bis Oktober Ranger und Volontäre untergebracht. Sie patrouillieren rund 30 Kilometer der insgesamt 65 km umfassenden Niststrände.

Im Jahr 2025 kamen auf Boa Vista 48 einheimische Ranger und 35 Freiwillige zum Einsatz.

Strandpatrouillen

Mithilfe der konventionellen Strandpatrouillen von Rangern und Volontären ging die Wilderei von nistenden Schildkrötenweibchen deutlich zurück.

Drohnen und Nachtsichtgeräte

Trotzdem gab es seit 2015 wieder verstärkte Wilderei-Aktivitäten, diese wurden auch aggressiver. Denn es locken finanzielle Anreize. Dank verbesserter Ausrüstung und anderer „Strategien“ konnten die Wilderer den Ranger-Patrouillen immer wieder ausweichen. Es gelang ihnen, viele Schildkröten zu töten.

Mittlerweile gilt Schildkrötenfleisch auf den Kapverden als teure Delikatesse. Dies führte dazu, dass bis 2017 in einigen Gebieten fast 5 % aller nistenden Weibchen sterben mussten. Um dies in den Griff zu bekommen, wurden die Maßnahmen zur Wildereibekämpfung in enger Zusammenarbeit mit der lokalen Naturschutzbehörde und der Polizei erweitert. Zum Einsatz kommen jetzt moderne Nachtsichttechnik, Funkgeräte, Drohnen sowie Ferngläser mit Wärmebildtechnik.

Auf den Kapverden stürzen Schildkröten in Felsspalten oder verirren sich auf dem Weg zurück ins Meer. Diese Tiere werden gerettet.
Seit 2023 lokalisiert ein Drohnenpilot verirrte oder in Felsspalten festsitzende Schildkröten.
Besonders kritische Strände werden täglich kontrolliert.

Artenschutzhunde

Doch mit Technik allein kam man den Wilderern nicht vollständig bei. Deshalb setzt das Projekt seit 2022 zusätzlich auf die Spürnasen speziell ausgebildeter Artenschutzhunde. Damit eröffneten sich neue Dimensionen in der Wildereibekämpfung. Zur besseren Abschreckung arbeitet das Ranger-Team dabei mit aufeinander abgestimmten Einsatzkonzepten und -strategien.

Da die Schildkrötenweibchen stets nachts zur Eiablage an die Strände kommen, finden auch die Patrouillen nachts statt. Und das täglich an zufällig ausgewählten Stränden. Schwerpunktmäßig sind Strände mit hohem Wilderei-Risiko im Norden und Osten der Insel. Häufig begleiten Polizeibeamte die Ranger.

Ranger-Team mit drei Artenschutzhunden und einer Drohne auf Boa Vista, Schutzprojekt für Meeresschildkröten der Turtle Foundation.
Das dreiköpfige Drohnenteam bildet mit dem Hundeteam (drei Artenschutzhunde mit ihren Hundeführern) eine Spezialeinheit zur Wilderei-Bekämpfung. Geleitet wird sie von Team-Koordinator Adilson Monteiro Ramos.

Mit ihren feinen Nasen und Ohren spüren die Artenschutzhunde während der Strandpatrouillen zielsicher Personen auf, die an den Niststränden nichts zu suchen haben. Zudem sind sie auf Schildkrötenfleisch trainiert. Ihnen entgehen keine auch noch so gut versteckten und getarnten Überreste getöteter Meeresschildkröten. Auf diese Weise entdeckten die Ranger einige ihnen vorher nicht bekannte Wilderei-Hotspots.

Überdies nehmen die Hunde die Fährten der Täter anhand von Geruchsproben auf, denn oft hinterlassen sie Stoffreste und Seile am Tatort.

Das mobile Hunde- und Drohnenteam ist auch auf den Niststränden im Osten der Insel im Einsatz. Dann gemeinsam mit Rangern von Bios.CV und Natura 2000, zwei weiteren auf Boa Vista arbeitenden Projekten.

Strandreinigungen

Wie jedes Jahr führte das Projekt 2025 Strandreinigungen durch. Bei den zwölf Aktionen machten 208 Menschen mit und sammelten rund 16 Tonnen Müll. Damit konnten über 600 m bei Schildkröten beliebter Strandabschnitte zumindest vorübergehend von Abfall befreit werden.

Das kann entscheidend sein. Verschmutzte Strände erschweren den Weibchen das Nisten und den Schlüpflingen den Weg ins Meer. Eine dauerhafte Lösung für das Müllproblem bieten Strandreinigungen nicht. Dennoch müssen sie immer wieder stattfinden. Wind und Wellen sorgen dafür, dass ständig neuer Müll angespült wird. Die Strände von Boa Vista leiden unter einem massiven Müllaufkommen.

Angetriener Müll wird zum Hinderniss für diese Grüne Meeresschildkröte

Bone Removal Project

Zwischen April 2023 und Anfang 2025 wurden auf 70 km der wichtigsten Niststrände von Boa Vista über 1.000 Überreste von Schildkröten dokumentiert und entfernt. Damit konnten vergangene Wildereifälle systematisch erfasst und kartiert werden. Außerdem gelang es so, die Strände von Kadavern zu säubern.

Artenschutzhündin Karetta mit Hundeführerin Stephanie Butera beim Training auf Boa Vista.

Das Bone Removal Project fand mit Zustimmung der Umweltbehörde statt. Es ermöglicht künftig eine präzisere Identifikation und Prognose neuer Wildereifälle. Denn es stellte sich heraus, dass das Ausmaß der Wilderei in einigen Gebieten im Nordosten und Süden von Boa Vista bislang unterschätzt worden war.

Die gesammelten Daten sind nun Grundlage für eine verstärkte Überwachung in den Wilderei-Hochrisikozonen.


Was sind Artenschutzhunde?

Mit ihren rund 200 Millionen und mehr Geruchsrezeptoren (zum Vergleich: Der Mensch besitzt rund sechs Millionen) sind Hunde gefragte Mitarbeiter in etlichen Bereichen des Natur- und Artenschutzes. Am bekanntesten dürften Zollhunde sein, die in den Koffern von Reisenden illegal eingeführte geschützte Arten, wie Korallen oder Seepferdchen, ausfindig machen.

Trainierte Suchhunde entdecken auch bestimmte Pflanzen- oder Tierarten oder Kot von Orcas im Meerwasser.

Wir sind die Artenschutzhunde auf Boa Vista

Kelo

Artenschutzhund Kelo, Umweltbildungsarbeit Projekt für Schildkröten auf Boa Vista.

Als erfahrener Begleiter des Teams leistet der ruhige und freundliche Kelo wichtige Unterstützung – auch wenn er altersbedingt nur noch eingeschränkt eingesetzt werden kann.

Wegen seines freundlichen und geduldigen Wesens kommt Kelo jetzt hauptsächlich im Training sowie bei Bildungsaktivitäten wie Schulbesuchen zum Einsatz.

Karetta

Karetta mit João „Djola“ José Mendes de Oliveira.

Die sensible Schäferhündin Karetta wird von João „Djola“ José Mendes de Oliveira betreut.

Sie steht Kelo in der Objektsuche wie auch im Mantrailing in nichts nach, kann aber aufgrund ihrer misstrauischen Einstellung zu Fremden nicht für die Öffentlichkeitsarbeit mit Kindern eingesetzt werden. Zu ihrem Hundeführer hat sie jedoch großes Vertrauen und arbeitet mit Freude.

Olivia

Artenschutzhund Olivia mit Marcel Maierhofer.
© I.Geiser

Seit Anfang 2025 trainieren Marcel Maierhofer und seine Frau Ursula – ebenfalls eine erfahrene Hundetrainerin – Labradorhündin Olivia als Nachfolgerin ihres Onkels Kelo für den Einsatz auf Boa Vista.

Olivias neuer Hundeführer ist Carlos Monteiro, der bereits mit Kelo arbeitet. Bis Olivia einsatzbereit ist, wird es zwar noch etwas dauern, doch sie zeigt vielversprechende Anlagen für ihre zukünftigen Aufgaben.

Zedda

Heimliche Chefin der Artenschutzhunde auf Boa Vista ist Zedda.

Artenschutzhund Zedda beim Training an einem Strand zum Schutz von Schildkröten auf Boa Vista.

Zedda war bereits erwachsen, als sie zum Hundeteam kam. Bis dahin lebte sie selbstständig auf der Insel. Daher verfügt sie nicht über den Grundgehorsam, der für die Einsatzreife erforderlich ist. Im Zweifel entscheidet Zedda immer selbst, was sie gerade tun möchte – arbeiten oder doch lieber Krabben jagen.

Dennoch ist sie ein wertvolles Mitglied des Teams, weil sie auch Anfängerfehler von Hundeführern verzeiht. Seit 2023 ist Délvis Rodrigues ihr Hundeführer.


Welche Schildkröten nisten auf den Kapverden?

Neben der Unechten Karettschildkröte (Caretta caretta) trifft man in den Gewässern der Kapverdischen Inseln auf vier weitere Schildkrötenarten. Allerdings kommen sie nicht regelmäßig an die Strände, um Nester zu graben.

UN-Nachhaltigkeitsziele des Projekts

Nach Informationen von Turtle Foundation
Alle Fotos so weit nicht anders angegeben: © Turtle Foundation

Update: überarbeiteter und mit neuem Datum veröffentlichter Beitrag