Seit September 2019 unterstützen wir ein Schutzprojekt für Meeresschildkröten der Turtle Foundation auf der Insel Sipora in Indonesien. Schwerpunktart ist die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea), mit bis zu 1,8 m Körperlänge die größte Schildkrötenart. Auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN sind die im Englischen Leatherback Turtle genannten Meeresreptilien als gefährdet mit rückläufiger Bestandsentwicklung eingestuft.
Sipora liegt etwa 130 km westlich vor der Küste von Westsumatra im Mentawai-Archipel und ist mit 845 km² Fläche die kleinste der drei Mentawai-Inseln. Sipora ist mit dichtem Regenwald bewachsen, weist eine Reihe abgelegener Strände auf und zeichnet sich durch eine vielfältige Fauna aus.
Neben der Lederschildkröte suchen auch Grüne Meeresschildkröten (Chelonia mydas), Oliv-Bastardschildkröten (Lepidochelys olivacea) und Echte Karettschildkröten (Eretmochelys imbricata) die Strände der Insel auf, um dort Nester zur Eiablage zu graben. Damit ist Sipora Fortpflanzungsbasis für vier der sieben Meeresschildkröten-Arten.
Innerhalb weniger Jahre wurde eine Insel, die für das Überleben von Meeresschildkröten fast vollständig verloren war, in eine hundertprozentige Erfolgsinsel verwandelt!
Schlupferfolge nach Arten: 2019 bis 2025
Lederschildkröten
9799
Oliv-Bastardschildkröten
3331
Grüne
Meeresschildkröten
1792
Echte
Karettschildkröten
680

Projektstandort auf Google Maps: der ca. 8 km lange Strand von Buggeisiata. Die Projektarbeit erfolgt in enger Zusammenarbeit mit der indonesischen Partnerorganisation Yayasan Penyu Indonesia (YPI), die für die operative Umsetzung vor Ort verantwortlich ist.
Die Lederschildkröten des nordöstlichen Indischen Ozeans
Eher zufällig entdeckten Mitarbeiter der Turtle Foundation im Herbst 2017 auf Sipora einen bis dahin unbekannten Nistplatz, den Strand von Buggeisiata. Wahrscheinlich nisten hier Weibchen aus der regionalen Subpopulation des nordöstlichen Indischen Ozeans. Der Bestand dieser Subpopulation ist mit geschätzt weniger als 1000 Exemplaren kritisch.
Situation zu Beginn des Projekts
Die Abgelegenheit und schwierige Erreichbarkeit der Strände haben über viele Jahre hinweg die Wilderei begünstigt und zu einem Rückgang der Schildkrötenpopulationen in der Region geführt. Auch auf Sipora hatten nistende Schildkröten kaum eine Chance. Nester wurden geplündert und die Eier von der Bevölkerung konsumiert, Weibchen während oder nach der Eiablage getötet. Unmittelbare Hilfe war also dringend notwendig.

In Zusammenarbeit mit der örtlichen Naturschutzbehörde in Padang (BPSPL) initiierte die Turtle Foundation 2017 ein Meeresschildkröten-Schutzprojekt. Entscheidender Faktor dabei: die Integration der Inselbevölkerung. Durch die Ausbildung und Anstellung von Rangern, Infrastrukturmaßnahmen und Umweltbildungsprogramme für Kinder und Jugendliche verfolgt das Projekt einen umfassenden, gemeindebasierten Ansatz.
Projektverlauf
Die Lederschildkröten-Nistsaison dauert von Oktober bis März. Zwischen Dezember und Mai graben sich dann die Schlüpflinge aus ihren Nestern.

Seit der ersten Nistsaison 2017/2018 schlüpften aus von Rangern überwachten oder in die Hatchery (Freiland-Aufzuchtstation) umgebetteten 217 Nestern 9.799 Lederschildkröten.
In der Nistsaison 2023/24 entdeckten die Ranger acht Lederschildkröten-Nester. Der Schlupferfolg lag bei 688. In der Nistsaison 2024/25 waren es 19 Nester.

Jedes erfolgreiche Nest steht für ein überlebendes Weibchen aus der bedrohten Lederschildkröten-Population des nordöstlichen Indischen Ozeans!
Neue Projektleiterin
Seit Januar 2024 leitet die Indonesierin Amelia Fepriani Silalahi das Projekt. Sie genießt große Anerkennung sowohl bei ihren Ranger-Kollegen als auch bei den Dorfbewohnern. Amelia hat wesentlich zur positiven Weiterentwicklung des Projekts seit Jahresbeginn beigetragen.

Schulung der Ranger
Zu den Aufgaben der acht einheimischen Ranger gehört nicht nur das Umbetten der Nester, sondern auch die Erfassung von Nistdaten und Nisterfolg der Hatchery. Zusätzlich patrouillieren die Ranger Strände und reinigen diese von Treibholz und Plastikmüll. Dadurch wird es für die Weibchen einfacher, den beschwerlichen Weg zu einem geeigneten Platz zum Graben des Nestes zu bewältigen.

2024 wurde die Markierung zur Identifikation nistender Weibchen, bestehend aus Metallmarken und PIT-Mikrochips, fortgeführt und optimiert. Standardisierte Methoden und verbesserte Markierungstechniken helfen bei der verlässlichen Langzeitbeobachtung der Schildkrötenpopulation.
Gleichzeitig wurde die Sensibilität der Ranger für eine schonende Handhabung der Tiere gestärkt, um deren Wohlbefinden während der Markierung zu gewährleisten.

Gemeindearbeit – Umweltbildungsmaßnahmen
Ein weiterer zentraler Bestandteil der Arbeit des Schutzprojektes für Meeresschildkröten ist die enge Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinden. Dabei verfolgt das Projekt einen umfassenden Ansatz:
-
Schulung und Anstellung von Rangerteams
-
Infrastrukturmaßnahmen wie den Aufbau eines Gemüsegartens
-
Umweltbildungsprogramme für Kinder und Jugendliche



Im Jahr 2024 nahmen rund 140 Kinder und Jugendliche von Grund- und weiterführenden Schulen sowie Lehrkräfte an mehreren Workshops teil. Diese behandelten Themen wie Schildkrötenbiologie oder die Vermeidung von Plastikmüll. Ziel war es, Wissen über Meeresschildkröten, ihre Lebensräume und Schutzmaßnahmen kindgerecht, kreativ und interaktiv zu vermitteln – unter anderem durch Infografiken, gemeinsames Singen, Mal-Aktionen und Fragerunden.
Auf diesen Maßnahmen basiert die erfolgreiche und effektive Bilanz der Projektarbeit. Die Teilhabe der Bevölkerung an dem Schutzprojekt für Meeresschildkröten fördert das Vertrauen und die Unterstützung der lokalen Bevölkerung und trägt maßgeblich zur Nachhaltigkeit und lokalen Akzeptanz des Projekts bei.
Ziel ist es, effektiven Schildkrötenschutz langfristig in der Region zu verankern.
Akzeptanz der Bevölkerung ist entscheidend
Ungewöhnlich rasch wurde dieses Schutzprojekt für Meeresschildkröten zum Anliegen der einheimischen Bevölkerung. Seit Beginn der Projektarbeit starb hier keine einzige Lederschildkröte. Gleichzeitig sank die Zahl geplünderter Nester von 26 in der ersten Nistsaison auf zwei in der Nistsaison 2018/2019 und liegt seitdem bei null.
Ausweitung auf weitere Inseln
Seit 2017 erweitert Turtle Foundation den Meeresschildkröten-Schutz auf aktuell drei Standorte: Selaut Besar (2021), Lhok Dalam und Along Beach auf Simeulue (2023) und auf den Moale Beach auf der Insel Nias ( 2024). Nias gehört nicht zum Mentawai-Archipel. Sie ist die Hauptinsel des „Nias-Archipels“, zählt zur Provinz Sumatra, ist ca. 4.771 km² groß und hat etwa 650.000 Einwohner. Nias liegt nördlich von Sipora und ist etwa 125 Kilometer lang und 40 Kilometer breit.
Wilderei-Hotspot auf der Insel Nias
Eine Vorstudie am Moale Beach zeigte, dass hier regelmäßig Lederschildkröten und Oliv-Bastardschildkröten, nisten.

Leider wurden die meisten Nester von Einheimischen aus den umliegenden Dörfern oder von Hunden gewildert. Außerdem gibt es Wilderei auf erwachsene Schildkröten wegen ihres Fleisches.
Allein in der Nistsaison 2023/24 fand man am Moale Beach fünf tote Lederschildkröten, darunter auch ein auf Sipora markiertes Weibchen – ein Rückschlag.
Neues Schutzprojekt für Meeresschildkröten auf Nias
Im Jahr 2024 begannen sechs Ranger aus einer lokalen Dorfgemeinschaft am Moale Beach mit der Arbeit. In der Nistsaison 2024/25 zählten sie 18 Lederschildkrötennester. Davon wurden 17 Nester in die Nias-Hatchery gebracht. Ein Nest blieb am Strand, da es für eine Umbettung wahrscheinlich zu spät war. Eine Lederschildkröte wurde tot aufgefunden.
Zusätzlich zählten die Ranger 31 Nester von Oliv-Bastardschildkröten. Während es Wilderern gelang, vier Nester zu plündern, konnten die Nias-Ranger alle anderen Nester (27) in die Nias-Hatchery in Sicherheit bringen. Wie auf Sipora sind die Ranger auf Nias nur in der Lederschildkröten-Nistsaison von Oktober bis März angestellt. Einige bleiben bis Mai/Juni so lange aktiv, bis in der Nias-Hatchery sämtliche Nester geschlüpft sind.
Die Gesamtprojektkosten für das neue Schutzprojekt für Meeresschildkröten auf Nias betragen etwa 20.000 € für die kommende Nistsaison.

Quellen: Projektberichte Turtle Foundation, 2019 bis 2025
Fotos: © Turtle Foundation
UN-Nachhaltigkeitsziele
Update: überarbeiteter und mit neuem Datum veröffentlichter Beitrag




