Das „Rote Augen“-Projekt

Fidschi: Warum haben junge Bullenhaie im Fluss Rewa rote Augen?

Für ihre von uns geförderte Dissertation zum Haischutz in Fidschi fing Meeresbiologin Kerstin Glaus im Fluss Rewa junge Bullenhaie und untersuchte sie. Zu ihrer großen Überraschung hatten 80 % der 83 untersuchten Babyhaie beidseitig rote Augen. Damit hatte sie nicht gerechnet. Derartiges war noch nie berichtet worden. Wodurch werden die roten Augen bei den Babyhaien verursacht? Wie lässt sich das Phänomen wieder beheben? Über den Beginn einen schwierigen Spurensuche.

Bullenhaie (Carcharhinus leucas) gehören zu den ganz wenigen Haiarten, die auch im Süßwasser leben. Diese mit über 3 m Körperlänge sehr imposanten Requiemhaie fühlen sich in Flüssen, Flussmündungen und Seen so wohl, dass sie dort auch ihre Jungen zur Welt bringen. Hier, in den geschützten Küstengewässern, entlassen die Weibchen der manchmal auch Stierhai oder Sambesihai genannten Knorpelfische nach 10 bis 11 Monaten Tragzeit ein bis dreizehn lebendgeborene Jungtiere in eine nicht mehr sichere Zukunft.

Ihre Vorliebe für Süß- oder Brackwasserlebensräume macht es Bullenhaien heute schwer. Auch wenn junge Bullenhaie vor Fressfeinden hier ganz gut geschützt sind, können sie anthropogenen Einflüssen wie Fischfang, Wasserverschmutzung oder Eutrophierung nicht entkommen.

Babyhai mit roten Augen.

80 % der Haibabys im Fluss Rewa weisen beidseitig rote Augen auf. Foto: Kerstin Glaus

Bedrohte Bullenhai-Kinderstube – Neugeborene mit roten Augen

Mechanische Verletzungen der Augen konnte Kerstin Glaus nicht erkennen. Ebenfalls waren die Jungtiere generell frei von äußeren Verletzungen. Sie hatten auch keine Hautveränderungen, Parasitenbefall oder Wunden am restlichen Körper. Die Babyhaie schienen völlig gesund.

Mysteriös ist auch, dass die junge Meeresbiologin die kleinen Bullenhaie mit den feuerroten Augen ausschließlich im Fluss Rewa auf Fidschis Hauptinsel Viti Levu fand. Sämtliche Jungtiere aus anderen Flüssen wie Navua, Sigatoka oder Ba hatten ganz normale Augen.

Das „Rote Augen“-Projekt: Junge Bullenhaie im Fluss Rewa mit roten Augen

Die roten Augen der Babyhaie im Fluss Rewa sind ein ebenso rätselhaftes wie unbekanntes Phänomen. Nachforschungen auf internationaler Forschungsebene zeigten, dass dies bis dato einzigartig ist. Das Phänomen ist ein wissenschaftlich „unbeschriebenes Blatt“.

Im Auftrag der Deutschen Stiftung Meeresschutz will Kerstin Glaus nun mittels vergleichender Analysen bakterieller und chemischer Parameter der Flüsse Rewa und Navua die Faktoren herausfinden, welche die roten Augen in juvenilen Bullenhaien auslösen. Wenn möglich, sollen die die Haibabys schädigenden Einflüsse abgestellt werden. Wir unterstützen sie bei ihrer wissenschaftlichen Spurensuche.

Rote Augen statt Red Tide?

Kerstin Glaus entlässt einen Babyhai nach einer kurzen Untersuchtung in die Freiheit.

Ein neugeborenes Bullenhaiweibchen wird wieder freigelassen, das vermessen und getaggt wurde. Die Prozedur dauert ca. 40 Sekunden. Die Resultate der Untersuchungen werden entscheidend sein, um kritische Habitate und Hai-Kinderstuben in Fidschi klar zu identifizieren.

Mit einer Gesamtlänge von 145 km und ist der Rewa sowohl der größte wie auch breiteste Fluss in Fidschi. Zahlreiche Dörfer sind entlang des Flusses und des Deltas angesiedelt. Die Menschen leben hier hauptsächlich vom Fischfang und von der Landwirtschaft. Junge Schwemmböden (Alluvialböden) am Mündungsdelta sind ein weiteres Charakteristikum des Rewa. Baggerarbeiten finden dort wiederholt statt.

Die Spurensuche beginnt

Wasserproben werden jetzt auf ihre bakterielle und chemische Zusammensetzung analysiert und mit Proben aus dem Navua verglichen.

Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Analyse chemischer Verbindungen. Diese entstehen als Nebenprodukte landwirtschaftlicher Aktivitäten. Die Analysen werden in Zusammenarbeit mit dem Sabine River Authority Environmental Services Division Water Quality Laboratory und Jonathan Davis vom Texas Parks and Wildlife Department durchgeführt. Aufgrund der geringen Haltedauer von wenigen Stunden findet die bakterielle Wasseranalyse am Institute for Applied Sciences in Suva, Fidschi, statt.

Lebensräume von Haibabys müssen besser geschützt werden!

Das Überleben von Jungtieren ist essenziell für die Aufrechterhaltung einer gesunden Populationsstruktur. „Nachhaltiger Artenschutz sollte daher vermehrt auf der Habitats-Ebene ansetzen“, betont Meeresbiologin Kerstin Glaus.
DSM, nach Informationen von Kerstin Glaus – 2018