Schutzprojekt für Lederschildkröten

Seit September 2019 unterstützen wir ein Schutzprojekt für Lederschildkröten (Dermochelys coriacea) auf der kleinen, vor Westsumatra liegenden Insel Sipora. Eher zufällig entdeckten Mitarbeiter der Turtle Foundation hier im Herbst 2017 einen bis dahin völlig unbekannten Lederschildkröten-Nistplatz, den Strand von Buggeisiata.

Karte Mentawai-Archipel vor West-Sumatra.

Das Schutzprojekt für Lederschildkröten befindet sich auf der kleinen Insel Sipora und liegt im Mentawai-Archipel vor Westsumatra – Quelle: Turtle Foundation

Man weiß nur wenig über die lokale Population dieser Meeresschildkrötenart. Dennoch dürften die Lederschildkröten von Sipora Teil der regionalen Subpopulation des nordöstlichen Indischen Ozeans sein. Deren Hauptnistgebiete sind die Andamanen und Nikobaren.

Der Bestand der Subpopulation ist mit vielleicht noch 1.000 Exemplaren kritisch.

Situation zu Beginn des Projekts

Wie es so oft der Fall ist, hatten auch die Lederschildkröten auf der abgelegenen Insel Sipora kaum eine Chance. Denn fast alle Eier wurden von der einheimischen Bevölkerung konsumiert, Weibchen während oder nach der Eiablage getötet.

Es heißt zwar, das Fleisch von Lederschildkröten sei ungenießbar. In Indonesien gilt dies jedoch nicht. Unmittelbare Hilfe war also dringend notwendig. Deshalb initiierte die Turtle Foundation in Zusammenarbeit mit der örtlichen Naturschutzbehörde in Padang (BPSPL) sehr schnell ein Schutzprojekt. Ganz wichtig dabei: die Integration der Inselbevölkerung.

Aufzuchtstation und Strandschutz zeigen Wirkung

Hatchery (Brutstation) des Schutzprojekts für Meeresschildkröten, Insel Sipora.

Die Hatchery des Schutzprojekts für Lederschildkröten auf der Insel Sipora

Seit der ersten Nistsaison 2017/2018 starteten aus bewachten oder in die Hatchery (Freiland-Aufzuchtstation) des Projekts umgebetteten Nestern 4.992 Lederschildkrötenbabys ins Leben. Dann krabbelten sie auf dem schnellsten Weg ins Meer, ihren neuen Lebensraum.

Auch wenn von 1.000 Schlüpflingen, nach vielen Jahren, nicht mehr als ein bis zwei das Erwachsenenalter erreichen, ist doch jedes einzelne von ihnen eine neue Überlebenschance für die gefährdete Art.

Lederschildkröten

Vorläufig zeichnet sich auf Sipora ein jährliches Aufkommen von bis zu 60 Lederschildkrötennestern ab, gelegt von etwa einem Dutzend Weibchen. Von den ca. 80 Eiern pro Nest sind meist drei Viertel fruchtbar, denn die Weibchen legen zusätzlich immer eine größere Anzahl unbefruchteter Eier.

Lederschildkrötenbaby auf dem Weg ins Meer.

Ein in der Hatchery geschlüpftes Lederschildkrötenbaby krabbelt so schnell es geht, ins Meer

Ungewöhnlich war allerdings die Nistsaison 2019/2020, als kein einziges Lederschildkrötenweibchen zur Eiablage nach Sipora kam. Die riesigen Reptilien fallen nicht nur mit ihrer Größe, sondern auch bei der Standorttreue aus dem Rahmen. Denn sie wechseln immer mal wieder ihre Niststrände.

Groß war daher die Freude, als in der Nistsaison 2020/2021 neun der an Land mit ihren gut 700 kg Körpergewicht schwerfälligen Meeresreptilien die Brandung durchbrachen, an den Strand robbten und Nester gruben. Aus den 713 in die Hatchery umgebetteten Eiern schlüpften dann 470 Schildkrötenbabys. Das entspricht einem durchschnittlichen Nisterfolg von 66 % pro Nest.

Grüne Meeresschildkröten und Oliv-Bastardschildkröten

Da auch Grüne Meeresschildkröten (Chelonia mydas) und Oliv-Bastardschildkröten (Lepidochelys olivacea) zur Eiablage an die Strände kommen, nisten auf Sipora somit drei der existierenden sieben Meeresschildkrötenarten in unterschiedlicher Zahl.

Auch deren Nester werden in die bewachte Hatchery verbracht. Den Rest erledigt dann die Sonne. Seit Projektbeginn schlüpften auf diese Weise 911 Grüne Meeresschildkröten und 1.337 Oliv-Bastardschildkröten.

Ranger

Ranger vom Schutzprojekt für Lederschildkröten auf der Insel Sipora

Die Ranger des Schutzprojekte für Lederschildkröten auf der Insel Sipora

Zu den Aufgaben der acht Ranger gehört nicht nur das Umbetten der Nester nebst Erfassung von Nistdaten und Nisterfolg der Hatchery. Zusätzlich patrouillieren sie Strände, reinigen diese von Treibholz und Plastikmüll. Dadurch wird es für die Meeresschildkrötenweibchen einfacher, den beschwerlichen Weg zu einer geeigneten Niststelle zu bewältigen.

Der Rangerausbilder Meriussoni Zai (auf dem Foto 4. von rechts) setzt den gemeindebasierten Ansatz der Rangerausbildung um. Er arbeitet seit 2016 für die indonesische Partnerorganisation des Projekts, Yayasan Penyu Indonesia, und hat einen Master in Mariner Raumplanung.

Tagging mit Clips und Passive Integrated Responder

Metallclip zur Markierung von Meeresschildkröten Während des Nistvorgangs angetroffene Tiere markieren die Ranger mit einem leicht anzubringenden Metallclip an den hinteren Flossenfüßen. Die Clips tragen eine Seriennummer (IDL steht z. B. für „Indonesian Leatherback“) auf der einen und eine Telefonnummer des indonesischen Meeresministeriums auf der anderen Seite. Registriert sind die Seriennummern im Archie Carr Center for Sea Turtle Research (ACCSTR).

Lederschildkrötenweibchen erhalten außerdem noch einen PIT-Tag (Passive Integrated Responder). Der etwa Reiskorn große Chip wird im Bereich der Schulter unter die Haut injiziert. Mithilfe entsprechender Scanner kann dann später die Seriennummer des PIT-Tags ausgelesen werden.

Schutzprojekt für Lederschildkröten: ein Weibchen kehrt nach der Eiablage zurück ins Meer. Die ersten Ergebnisse sind bereits aufschlussreich. Eine am 6.11.2020 markierte Oliv-Bastardschildkröte kam nach 9 Tagen erneut nach Sipora, um ein zweites Mal zu nisten.

Und eine am 20.01.2021 markierte Lederschildkröte kehrte nach 12 Tagen zur erneuten Eiablage zurück.

Eastern Indian Ocean Leatherback Alliance (EIOLA)

Im Januar 2020 gründete die Turtle Foundation gemeinsam mit ihren Partnerorganisationen Ecosystem Impact aus Indonesien und Dakhsin Foundation aus Indien das EIOLA-Netzwerk. Damit können nun Wissen und Daten über den Zustand der Subpopulation des nordöstlichen Indischen Ozeans zusammengeführt werden. Ziel sind verbesserte Schutzmaßnahmen.

Dabei konzentriert sich die Dakhsin Foundation auf die Lederschildkröten der Andamanen und Nikobaren. Die Turtle Foundation und Ecosystem Impact wiederum auf Lederschildkröten-Schutzprojekte in der Provinz Aceh und im Norden von Sumatra.

Das Sipora-Projekt ist Teil des EIOLA-Netzwerks. Spannend ist dabei u. a. die Frage, ob auf Sipora markierte Lederschildkrötenweibchen auch auf anderen Inseln angetroffen werden.

Entwicklungszusammenarbeit und Umweltbildung

Matuptuman auf der Insel Sipora Der Niststrand von Sipora liegt nicht in einem Schutzgebiet. Er gehört zu dem kleinen Dorf Matuptuman. Hier leben etwa 345 Familien. Ihr durchschnittliches Monatseinkommen liegt bei etwa 90 €.

Es wird vornehmlich mit dem Anbau von Muskatnüssen, Gewürznelken und Kokosnüssen – früher auch durch den Verkauf von Eiern aus geplünderten Meeresschildkrötennestern – erwirtschaftet. Für ihre eigene Ernährung bauen die Dorfbewohner Gemüse und Reis an, gehen auf Fischfang und zur Jagd.

Arbeitsplätze, Bildungsmaßnahmen und Infrastrukturmaßnahmen

Im engen Austausch mit den Bewohnern von Matuptuma und in ihrer direkten Integration liegt der Schlüssel des Erfolgs dieses Schutzprojekts für Lederschildkröten.

Zu den bislang umgesetzten und noch geplanten Dorfentwicklungsmaßnahmen gehören:

  • Acht Dorfbewohner erhalten bezahlte Stellen als Ranger nach vorheriger Ausbildung
  • Anmietung eines Hauses als dauerhaft besetztes Projekthauptquartier
  • Einrichtung eines kommunalen Gemüsegartens und Anpflanzung von Medizinalpflanzen (in Planung)
  • Erstellung einer Broschüre über den Schutz von Meeresschildkröten als Lehrmittel für Kinder
  • Bau eines traditionellen Versammlungshauses (in Planung) parurukat laggai
  • Unterstützung bei der Renovierung der Dorfkirche
  • Desolater Schulraum der alten Schule auf Sipora. Renovierung des maroden Schulgebäudes (in Planung). 60 Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren werden hier von sechs Lehrkräften unterrichtet. Wegen des undichten Dachs gibt es zahlreiche Unterrichtsausfälle wegen häufiger Regenschauer. Fenster und Türen sind defekt, die Böden teilweise aus gestampfter Erde. Erfreulicherweise finanziert die deutsche Botschaft in Jakarta mit 16.000 € die Renovierung.
Kinder freuen sich über die renovierte Dorfschule, Sipora.

Die Kinder freuen sich auf ihre neu renovierte Schule

Akzeptanz der Bevölkerung ist entscheidend

Sehr erfreulich ist, wie schnell der Meeresschildkröten-Schutz auch zum Anliegen der einheimischen Bevölkerung wurde. Seit Beginn der Projektarbeit starb hier kein einziges Lederschildkrötenweibchen mehr.

Tote Lederschildkröte am Strand.

Gleichzeitig sank die Zahl geplünderter Nester von 26 in der ersten Nistsaison auf zwei in der Nistsaison 2018/2019 und liegt seitdem bei Null.

Kinder lernen Schildkrötenschutz als Unterrischtseinheit auf Sipora. Eine für den Fortbestand von drei Meeresschildkrötenarten fast verlorene Insel wurde in wenigen Jahren in eine hundertprozentige Nisterfolgsinsel verwandelt.

Das ist ein großartiger Erfolg, insbesondere für den Erhalt der regionalen Lederschildkröten-Subpopulation des nordöstlichen Indischen Ozeans.

 

Helfen Sie bedrohten Meeresschildkröten

Quellen: Projektberichte Turtle Foundation, 2019 – 2020/2021
Fotos: © Turtle Foundation