Meeresschildkröten-Schutzprojekt auf Sipora

Voraussichtliche Lesedauer: 9 Minuten

Seit September 2019 unterstützen wir ein Meeresschildkröten-Schutzprojekt der Turtle Foundation, mit dem Fokus auf Lederschildkröten (Dermochelys coriacea). Es befindet sich auf der kleinen, vor Westsumatra im Mentawai-Archipel liegenden Insel Sipora. Eher zufällig entdeckten Mitarbeiter der Turtle Foundation hier im Herbst 2017 einen bis dahin völlig unbekannten Nistplatz, den Strand von Buggeisiata.

Innerhalb weniger Jahre gelang es mit dem Meeresschildkröten-Schutzprojekt Sipora, eine Insel, die für die Fortpflanzung von drei Meeresschildkrötenarten fast vollständig verloren war, in eine hundertprozentige Nisterfolgs-Insel zu verwandeln.

1.595
Grüne Meeresschildkröten

6.843
Lederschildkröten

1.639
Oliv-Bastardschildkröten

Bedrohte Lederschildkröten-Subpopulation

Man weiß nur wenig über die lokale Lederschildkröten-Population. Wahrscheinlich nisten auf Sipora Tiere aus der regionalen Subpopulation des nordöstlichen Indischen Ozeans. Deren Hauptnistgebiete sind die Andamanen und Nikobaren. Der Bestand der Subpopulation ist mit vielleicht noch 1.000 Exemplaren kritisch.

Situation zu Beginn des Meeresschildkröten-Schutzprojekts

Wie es so oft der Fall ist, hatten Meeresschildkröten auf der abgelegenen Insel Sipora kaum eine Chance. Denn fast alle Eier wurden von der einheimischen Bevölkerung konsumiert, Weibchen während oder nach der Eiablage getötet. Unmittelbare Hilfe war also dringend notwendig. Deshalb initiierte die Turtle Foundation in Zusammenarbeit mit der örtlichen Naturschutzbehörde in Padang (BPSPL) unverzüglich ein Meeresschildkröten-Schutzprojekt. Ganz wichtig dabei: die Integration der Inselbevölkerung.

Aufzuchtstation und Strandschutz zeigen Wirkung

Seit der ersten Nistsaison 2017/2018 schlüpften aus bewachten oder in die Hatchery (Freiland-Aufzuchtstation) des Projekts umgebetteten Nestern 6.843 kleine Lederschildkröten. Dann krabbelten sie auf dem schnellsten Weg ins Meer, ihren neuen Lebensraum. Nur wenige von ihnen werden es bis ins Erwachsenenalter schaffen. Doch jedes erfolgreiche Nest ist entscheidend für den Fortbestand der gefährdeten Lederschildkröten-Subpopulation im nordöstlichen Indischen Ozean.

© Turtle Foundation

Meeresschildkröten-Schutzprojekt Sipora: Nistsaison 2021/2022 (Lederschildkröten)

Während der Nistsaison von Oktober 2021 bis März 2022 brachten die Ranger des Projekts 30 Lederschildkröten-Nester (2.883 Eier) vom Strand von Buggeisiata in die Aufzuchstsation (Hatchery). Dort sind sie in Sicherheit, auch vor natürlichen Fressfeinden wie Krabben oder Bindenwaranen (Varanus salvator). Von den ca. 80 Eiern pro Nest sind meist drei Viertel fruchtbar. Lederschildkrötenweibchen legen zusätzlich immer eine größere Anzahl unbefruchteter Eier.

Meeresschildkröten-Schutzprojekt Sipora: Lederschildkröte am Strand von Sipora mit zwei Rangern
Lederschildkröte am Strand von Sipora mit zwei Rangern
Meeresschildkröten-Schutzprojekt Sipora: Hatchery/Aufzuchtstation für Meeresschildkröten-Nester
Hatchery (Freiland-Aufzuchtstation) auf Sipora
Meeresschildkröten-Schutzprojekt Sipora: Nistling Grüne Meeresschildkröte beim Schlupf
Grüne Meeresschildkröte beim Schlupf
Meeresschildkröten-Schutzprojekt Sipora: Ein Nistling wird vermessen, Sipora-Projekt, Indonesien
Ein Nistling wird vermessen
Meeresschildkröten-Schutzprojekt Sipora: Ein Nistling wird gewogen, Sipora-Projekt, Indonesien
Nistling wird gewogen
Lederschildkröten-Schlüpflinge auf dem Weg ins Meer, Nistsaison 2021/2022
Ab ins Meer!

Auf der abgelegenen Insel Selaut Besar begann die Erfassung von Lederschildkröten-Nestern Anfang 2021. Hier konnte man jetzt 18 Nester lokalisieren. Die Nistsaison Oktober 2021 bis März 2022 war die erste, in der Nistdaten von Sipora und Selaut Besar erhoben wurden.

Meeresschildkröten-Schutzprojekt Sipora: Nistsaison 2020/2021 (Lederschildkröten)

Die riesigen Reptilien fallen nicht nur mit ihrer Größe, sondern auch bei der Standorttreue aus dem Rahmen. Denn sie wechseln immer mal wieder ihre Niststrände. Wohl aus diesem Grund schaffte es kein einziges Lederschildkrötenweibchen während der Nistsaison 2019/2020 auf die Insel. Daher war die Freude groß, als in der Nistsaison 2020/2021 neun der an Land mit ihren gut 700 kg Körpergewicht schwerfälligen Meeresreptilien die Brandung durchbrachen, an den Strand robbten und Nester gruben. Aus den 713 in die Hatchery umgebetteten Eiern schlüpften schließlich 470 Schildkrötenbabys. Das entspricht einem durchschnittlichen Nisterfolg von 66 % pro Nest.

Meeresschildkröten-Schutzprojekt Sipora: Grüne Meeresschildkröten und Oliv-Bastardschildkröten

Da auch Grüne Meeresschildkröten (Chelonia mydas) und Oliv-Bastardschildkröten (Lepidochelys olivacea) zur Eiablage nach Sipora kommen, nisten hier drei der existierenden sieben Meeresschildkrötenarten in unterschiedlicher Zahl. Auch deren Nester werden in die bewachte Hatchery verbracht. Den Rest erledigt dann die Sonne.

In der Nistsaison 2020/2021 betteten die Ranger 7 Nester von Grünen Meeresschildkröten (650 Eier) und 4 Nester (354 Eier) von Oliv-Bastardschildkröten in die Aufzuchtstation um. Seit Projektbeginn schlüpften somit etwa 1.595 Grüne Meeresschildkröten und 1.639 Oliv-Bastardschildkröten.

Meeresschildkröten in Not

Kleine Grüne Meeresschildkröte auf dem Weg ins Meer.

Helfen Sie mit, Meeresschildkröten zu retten!


Ranger des Meeresschildkröten-Schutzprojekts

Zu den Aufgaben der acht einheimischen Ranger gehört nicht nur das Umbetten der Nester, sondern auch die Erfassung von Nistdaten und Nisterfolg der Hatchery.

Die Ranger des Meeresschildkröten Schutzprojekts auf Sipora

Das Rangerteam gemeinsam mit Ausbilder Meriussoni Zai (ganz links). Der Einsatz lokaler Ranger ist Teil des gemeindebasierten Ansatzes der Projektarbeit. Meriussoni Zai arbeitet seit 2016 für die Partnerorganisation des Projekts, Yayasan Penyu Indonesia. Er hat einen Master in mariner Raumplanung.

Zusätzlich patrouillieren die Ranger Strände, reinigen diese von Treibholz und Plastikmüll. Dadurch wird es für die Meeresschildkrötenweibchen einfacher, den beschwerlichen Weg zu einer geeigneten Niststelle zu bewältigen.

Angetriener Müll wird zum Hinderniss für diese Grüne Meeresschildkröte
Angetriebener Meeresmüll wird zum Hindernis für diese Grüne Meeresschildkröte. © Turtle Foundation

Tagging mit Clips und Passive Integrated Responder

Metallclip zur Markierung von Meeresschildkröten

Während des Nistvorgangs angetroffene Tiere markieren die Ranger mit einem leicht anzubringenden Metallclip an den hinteren Flossenfüßen. Die Clips tragen eine Seriennummer (IDL steht z. B. für „Indonesian Leatherback“) auf der einen und eine Telefonnummer des indonesischen Meeresministeriums auf der anderen Seite. Registriert sind die Seriennummern im Archie Carr Center for Sea Turtle Research (ACCSTR).

Lederschildkrötenweibchen erhalten außerdem noch einen PIT-Tag (Passive Integrated Responder). Der etwa reiskorngroße Chip wird im Bereich der Schulter unter die Haut injiziert. Mithilfe entsprechender Scanner kann dann später die Seriennummer des PIT-Tags ausgelesen werden. Zum Abschluss der Nistsaison 2021/2022 hatten die Ranger 12 Lederschildkrötenweibchen mit PIT-Tags markiert.

Die ersten Ergebnisse sind bereits aufschlussreich. Acht dieser Tiere tauchten bis zu fünfmal in der gleichen Nistsaison am Buggeisiata-Strand auf. Eine am 6.11.2020 markierte Oliv-Bastardschildkröte kam nach 9 Tagen erneut nach Sipora, um ein zweites Mal zu nisten. Eine am 20.01.2021 markierte Lederschildkröte kehrte nach 12 Tagen zur erneuten Eiablage zurück.

Meeresschildkröten Schutzprojekt Sipora: Lederschildkrötenweibchen nach der Eiablage auf dem Weg ins Meer.

Eine Lederschildkröte kehrt nach der Eiablage zurück ins Meer

Eastern Indian Ocean Leatherback Alliance (EIOLA)

Im Januar 2020 gründete die Turtle Foundation gemeinsam mit ihren Partnerorganisationen Ecosystem Impact aus Indonesien und Dakhsin Foundation aus Indien das EIOLA-Netzwerk. Damit können nun Wissen und Daten über den Zustand der Subpopulation des nordöstlichen Indischen Ozeans zusammengeführt werden. Ziel sind verbesserte Schutzmaßnahmen.

Dabei konzentriert sich die Dakhsin Foundation auf die Lederschildkröten der Andamanen und Nikobaren. Die Turtle Foundation und Ecosystem Impact wiederum auf Lederschildkröten-Schutzprojekte in der Provinz Aceh und im Norden von Sumatra. Das Sipora-Projekt ist Teil des EIOLA-Netzwerks. Spannend ist dabei u. a. die Frage, ob auf Sipora markierte Lederschildkrötenweibchen auch auf anderen Inseln angetroffen werden.

Entwicklungszusammenarbeit und Umweltbildung

Matuptuman auf der Insel Sipora

Der Niststrand von Sipora liegt nicht in einem Schutzgebiet. Er gehört zu dem kleinen Dorf Matuptuman.

In Matuptuman leben etwa 345 Familien. Ihr durchschnittliches Monatseinkommen liegt bei etwa 90 €. Es wird vornehmlich mit dem Anbau von Muskatnüssen, Gewürznelken und Kokosnüssen – früher auch durch den Verkauf von Eiern aus geplünderten Meeresschildkrötennestern – erwirtschaftet. Für ihre eigene Ernährung bauen die Dorfbewohner Gemüse und Reis an, gehen auf Fischfang und zur Jagd.

Arbeitsplätze, Bildungsmaßnahmen und Infrastrukturmaßnahmen

Im engen Austausch mit den Bewohnern von Matuptuma und in ihrer direkten Integration liegt der Schlüssel zum Erfolg dieses Meeresschildkröten-Schutzprojekts.

Meeresschildkröten-Ranger Mayunus mit Familie, Sipora, Indonesien
Ranger Mayunus mit Familie
Meeresschildkröten-Ranger Anuar mit Familie, Sipora, Indonesien
Ranger Anuar mit Familie
Meeresschildkröten-Ranger mit Familie, Sipora, Indonesien
Sipora-Ranger mit Familie

Zu den bislang umgesetzten und noch geplanten Dorfentwicklungsmaßnahmen gehören:

  • Acht Dorfbewohner erhalten bezahlte Stellen als Ranger nach vorheriger Ausbildung
  • Anmietung eines Hauses als dauerhaft besetztes Projekthauptquartier
  • Einrichtung eines kommunalen Gemüsegartens und Anpflanzung von Medizinalpflanzen (in Planung)
  • Erstellung einer Broschüre über den Schutz von Meeresschildkröten als Lehrmittel für Kinder
  • Bau eines traditionellen Versammlungshauses (in Planung) parurukat laggai
  • Unterstützung bei der Renovierung der Dorfkirche
  • Renovierung des maroden Schulgebäudes. 41 Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren werden hier von fünf Lehrkräften unterrichtet. Wegen des undichten Dachs und häufiger Regenfälle gab es früher zahlreiche Unterrichtsausfälle. Fenster und Türen waren defekt, die Böden teilweise aus gestampfter Erde, die Toiletten unbenutzbar. Erfreulicherweise finanzierte die deutsche Botschaft in Jakarta die Renovierung mit 16.000 €.

Renovierung des Schulgebäudes

Die Renovierungsarbeiten wurden von Dorfbewohnern ausgeführt. Nach der landestypischen partizipativen Methode wählte ein Ausschuss die Arbeiter aus. Bei der Auswahl spielte neben den beruflichen Fähigkeiten auch die wirtschaftliche Situation der Bewerber eine Rolle. Bevorzugt wurden Personen, deren Familien besonders unter den wirtschaftlichen Folgen der Coronapandemie gelitten hatten.

Desolater Schulraum der alten Schule auf Sipora.
Einer der maroden Schulräume
Die Schule wird neu eingedeckt
Die Schule wird neu eingedeckt
Kinder vor ihrem frisch renovierten Schulgebäude, Insel Sipora, Indonesien
Kinder vor ihrem frisch renovierten Schulgebäude
Wandmalereien mit Meeresschildkröten an der renovierten Schule auf Sipora, Indonesien
Wandmalereien mit Meeresschildkröten an der renovierten Schule
Kinder lernen Schildkrötenschutz als Unterrichtseinheit auf Sipora.
Kinder lernen Schildkrötenschutz als Unterrichtseinheit

Akzeptanz der Bevölkerung ist entscheidend

Sehr erfreulich ist, wie schnell das Meeresschildkröten-Schutzprojekt auf Sipora zum Anliegen der einheimischen Bevölkerung wurde. Seit Beginn der Projektarbeit starb hier kein einziges Lederschildkrötenweibchen mehr. Gleichzeitig sank die Zahl geplünderter Nester von 26 in der ersten Nistsaison auf zwei in der Nistsaison 2018/2019 und liegt seitdem bei null.

Meeresschildkröten Schutzprojekt Sipora: Tote Lederschildkröte am Strand.

Quellen: Projektberichte Turtle Foundation, 2019 – 2022
Fotos: © Turtle Foundation

UN-Nachhaltigkeitsziele des Projekts


Arten-Informationen