People and the Sea – Projektbericht 2021

Voraussichtliche Lesedauer: 6 Minuten

Die vergangenen zwei Jahre waren schwierige Jahre für die Menschen auf der philippinischen Insel Malapascua und das dortige Team von People and the Sea (PepSea). Aufgrund der Coronapandemie verloren einige hundert Tourismusdienstleister wie Tauchführer oder Crews ihre Jobs. Daraufhin suchten viele Beschäftigung in der Fischerei. Denn für sie gab es auf der Insel keine weitere Möglichkeit, Einkommen zu generieren, um ihre Familien zu unterstützen. Viele Menschen mussten die Insel verlassen. Am stärksten litten die Kinder unter zunehmender Armut und monatelangen Schulschließungen.

Dennoch leistete das PepSea-Team mit großartigem Engagement eine unglaubliche Arbeit. Zum Jahresende 2021 hin zeigte sich einmal mehr die Anpassungsfähigkeit philippinischer Gemeinschaften. Die Menschen begannen sich auf eine neue Normalität einzustellen. Dabei sind die gemeinsamen Ziele wichtiger denn je: Die Menschen sollen Verantwortung für ihre eigenen Ressourcen übernehmen. Nur gemeinsam können sie den Rückgang von Küstenökosystemen wie Korallenriffen umkehren und lernen, mit den Auswirkungen der Klimakatastrophe zu leben.

Das Tteam von People and the Sea auf Malapascua, Philippinen

Die Ziele von People and the Sea haben sich nicht geändert, nur die Spielregeln. Denn COVID-19 wird nicht verschwinden. Auch auf Malapascua wird das Leben nie wieder so sein, wie es vor der Pandemie war.

Programm für nachhaltige Fischerei

Fischereidaten sind der Schlüssel zum Verständnis von Fischerei-Auswirkungen auf Fischbestände. Deshalb erfasst PepSea neben der Artenzusammensetzung die Größe der gefangenen Fische sowie das eingesetzte Fanggerät (siehe Foto). Inzwischen reichen die Datensätze bis in den Juli 2019 zurück. Dabei zeigte sich ein deutlicher Rückgang der Fangmengen.

Verschiedene Fischfanggeräte, Projekt „Nachhaltige Fischerei – Insel Malapascua (Philippinen)“

Um ein vollständiges Verständnis zur Fischereidynamik und über Fischfangmethoden zu erhalten, erstellt PepSea ein Basisprofil aller eingesetzten Fanggeräte. Bislang wurden 19 verschiedene Fangmethoden mit einer Vielzahl von Fanggeräten erfasst.

Die Fischer selbst sind überzeugt, dass dies mit der Überhitzung des Meeres in Verbindung mit steigender Nachfrage nach Fisch zusammenhängt. Im Zuge des Programms für nachhaltige Fischerei etablierten People and the Sea zudem dauerhafte Kontakte zu lokalen Fischereigemeinschaften wie der der Malapascua Fishermen Association.

Edwin, Kleinfischer aus Malapascua, Philippinen

„Eine unserer größten Herausforderungen ist es, die kommerziellen Schiffe fernzuhalten, und wir hoffen, dass die Regierung uns helfen wird. Wenn die Fischereigesetze richtig umgesetzt werden, kann das Meer wieder gesund werden, und das wäre eine große Hilfe für Kleinfischer wie uns.“

Edwin

Kleinfischer auf Malapascua

Bryan, Kleinfischer aus Malapascua, Philippinen

„Ich habe so viel gelernt und hatte das Gefühl, dass ich wirklich etwas beitragen kann, als ich bei PepSea an der Ecocean-Umfrage teilnahm. Ich lernte, wie man die Ausrüstung aufbaut und welche Jungfische vor Malapascua zu finden sind. Ich habe auch so viel gelernt, als wir anfingen, die COTS-Entnahmen [Absammeln von Dornenkronenseesternen/Crown-of-Thorns Starfish] durchzuführen. Mir wurde klar, wie wichtig unsere Riffe sind und wie sehr sie zu unserem Lebensunterhalt beitragen. Jetzt weiß ich, dass Korallenriffe sehr empfindlich sind und dass ein geringes Ungleichgewicht sie beeinträchtigen kann.“

Bryan

Kleinfischer auf Malapascua

Langleinenfischer verlassen Fanggründe

Eine weitere bemerkenswerte Entwicklung während der Pandemie ist die zeitweise Abwanderung indonesischer Langleinenfischer. Viele wechselten in benachbarte Fanggebiete, außerhalb der Zuständigkeit der Großraumgemeinde von Daanbantayan (Provinz Cebu). Sie wollten, wie einer von ihnen sagte, „Platz machen für Fischer, die keine Möglichkeit haben, ihre Fanggründe zu wechseln.“

Marine Biodiversität: Schutz von Korallenriffen

Ein Dornenkronenseestern crown-of-thorns starfish auf einer Koralle, Riff vor Malapascua, Phlippinen

Weltweit leiden Korallenriffe nicht nur unter Überfischung, Überdüngung, Zerstörung und den Folgen Klimakatastrophe. Immer häufiger kommt es auch zu Massenvermehrungen von Dornenkronenseesternen, auf Englisch Crown-of-Thorns Starfish (COTS) genannt.

In einigen Riffsystemen ist die COTS-Population auf das 500-Fache des natürlichen Niveaus angestiegen. Die Folgen sind verheerend. Sie führen letztlich zum Verlust der betroffenen Riffsysteme.

Absammeln von Dornenkronenseesternen

Vor Malapascua stellten People and the Sea an 10 von 15 untersuchten Riff-Flächen zu hohe COTS-Bestandsdichten fest. Zwei der betroffenen Riffabschnitte liegen im Coral-Gardens-Riff auf der Ostseite der Insel.

Sammelstellen für Dornenkronenseesterne im Coral Gardens Riff vor Malapascua, Philippinen

Hier fand das erste Absammel-Training für Freitaucher statt. Das hat den Vorteil, dass man keine ausgebildeten Taucher benötigt und viele Menschen dabei mitmachen können.

Zusätzlich koordinierte PepSea im letzten Quartal des Jahres 2021 ein Managementprogramm zur Kontrolle der COTS-Population. Ausgewogene Regulierungsmaßnahmen sollen dafür sorgen, dass die Bestandsdichte des gefürchteten Korallenzerstörers langfristig so niedrig bleibt, dass es nicht zur Massenvermehrung kommt.

Absammeln von Dornenkronenseesternen im Coral Gardens Riff vor Malapascua, Philippinen

Die Fischer von Malapascua sollen lernen, ihre Meeresressourcen selbst zu verwalten und zu pflegen. Dazu stellt People and the Sea neben den notwendigen Schulungen Werkzeuge für das manuelle Absammeln der Seesterne zur Verfügung.

Bei den ersten Aktionen im Oktober und November 2021 entfernten einheimische Fischer 648 Seesterne aus dem Coral-Gardens-Riff.

WCE-Programm (Waste Collection and Education)

Das Programm für Abfallsammlung und -erziehung (WCE) ist eine seit 2018 laufende Initiative für die Dorfbevölkerung über Mülltrennung in Haushalten.

Abfallmenge auf Malapascua sinkt kontinuierlich

Im Jahr 2021 sammelten PepSea 59.000 kg Haushaltsabfälle. Die WCE-Sammeldaten zeigen, dass die Gesamtabfallmenge 2021 gegenüber 2019 um 49 % gesunken ist. Ein Teil des reduzierten Müllaufkommens ist dabei allerdings auch auf die Pandemie zurückzuführen.

Sammelstelle des WCE-Programms für Abfallsammlung auf Malapascua, Philippinen

Kampagne für Mehrwegwindeln

Zwischen 2019 bis 2021 machten Wegwerfwindeln zwischen 22 und 38 % der im Rahmen des WCE-Programms gesammelten festen Abfälle aus. Einwegwindeln sind die einzige Abfallkategorie, die gegenüber 2019 nur leicht zurückging und gegenüber 2020 sogar zunahm.

Im April 2021 übernahmen People and the Sea eine bereits bestehende Mehrwegwindel-Bank und bauten sie aus. Familien können jetzt ein Set von 10 wiederverwendbaren Windeln erhalten und diese im Laufe eines Jahres zurückzahlen. Entweder durch persönliche Zahlungen oder aus den Ersparnissen von lokalen Sparklubs (Community-Managed Savings and Credit Associations – CoMSCA).

Mehrwegwindeln von der Mehrwegwindel-Bank, Malapascua

Mit der Teilnahme an der Mehrwegwindel-Bank können die Familien den Gebrauch von über 1.000 Wegwerfwindeln vermeiden und dabei über 10.000 Pesos pro Jahr sparen.

„Wir sind bereit für alles, was 2022 auf uns zukommen wird.“

Axelle Jorcin, Gründerin und Geschäftsführerin

Nachhaltige Fischerei unterstützen!

Alternative zur industriellen Fischerei: Nachhaltiger Fischfang mit Pole and Line.

Nachhaltige Fischerei ist der einzige Ausweg aus der globalen Fischereikrise. Für die Menschen! Für die Artenvielfalt in den Meeren!


Weiterführende Informationen

Projekt für nachhaltige Fischerei

Voraussichtliche Lesedauer: 7 Minuten

Von der Masterarbeit zur Projektkooperation: Wie aus der Förderung einer Masterarbeit ein Projekt für nachhaltige Fischerei entstand. 2018 forschte der auch von uns unterstützte Meeresbiologe Julian Engel auf der Insel Malapascua (Philippinen) zum Thema Haitourismus als Alternative zu Haifang und Shark Finning (Haiflossenfischerei). Er bekam viel Hilfe vor Ort, unter anderem von der auf der Insel aktiven Meeresschutzorganisation People and the sea. Seit 2020 unterstützen wir in Kooperation mit Stop Finning e. V. die Arbeit mit den Schwerpunkten nachhaltige Fischerei, Abfallmanagement und Biodiversitätsschutz.

Projektvideo von People and the sea

Über die Arbeit von People and the sea auf der Insel Malapascua (Philippinen)

Fuchshaie

Malapascua ist bei Tauchern für ein ganz besonderes „Hai-Light“ bekannt: An ihrem unterseeischen Monad Shoal befindet sich eine „Putzerstation“. Haie und andere große Fische lassen sich hier „säubern“. Es ist weltweit eine der wenigen Stellen, an denen man Pazifische Fuchshaie (Alopias pelagicus) beobachten kann.

Pazifischer Fuchshai

Der Pazifische Fuchshai ist die kleinste der drei Fuchshaiarten. Foto: Nicholas Daniel

Auch Mantarochen (Manta birostris) und andere Rochenarten finden sich ein, mitunter auch Große Hammerhaie (Sphyrna mokarran), Grauhaie (Hexanchus griseus), Silberspitzenhaie (Carcharhinus albimarginatus) und Weißspitzenriffhaie (Triaenodon obesus). Die Insel ist umgeben von Seegraswiesen, Mangroven und Korallenriffen.

Touristische Entwicklung führt zu Konflikten

Die kleine Insel hat sich mit dem Tauchtourismus rasant entwickelt. Unweigerlich hat dies zu Konflikten zwischen den verschiedenen Interessengruppen geführt. Vor allem Fischer und Tourismus-Anbieter sehen sich als Kontrahenten: „Taucher, die Fischereigerät zerstören, und Fischer, die Tauchbojen kappen, sind häufige Beispiele für den Streit zwischen den beiden Gruppen“, beklagt Axelle Jorcin, Geschäftsführerin von People and the sea. Fischer würden marginalisiert, ihre Fischgründe ohne Alternativangebote verkleinert. Zudem fehle den Fischern das Wissen, wie man nachhaltig fischt oder welche Fangmethoden illegal sind.

Schrumpfende Fischbestände

Das Vorkommen kommerzieller Fischarten, die für etliche Insulaner die Lebensgrundlage bilden, ist inzwischen stark geschrumpft. Zudem werden die Beutefische immer kleiner und größere Raubfische sind selten, wie eine 2018 von People and the sea durchgeführte Studie ergab. Mit dem Ausbleiben von Touristen während der Coronapandemie wandten sich viele Inselbewohner mangels Einkommen wieder der Fischerei zu. Auch von daher ist es notwendig, die Weichen für eine nachhaltige Fischerei zu stellen.

Das Vermessen der Fischgröße ist Teil der Projektarbeit zur nachhaltigen Fischerei von people and the sea.

Das Vermessen der Fischgröße ist Teil des Fischereimonitorings.

Schutzzonen – nur auf dem Papier

Rund um Malapascua gibt es sechs Meeresschutzzonen: fünf, in denen Schnorcheln, aber keine Fischerei erlaubt ist, sowie ein Meeresschutzgebiet. Doch leider fehlt es bei fast allen an entsprechenden Markierungen, ebenso an Kontrollen.

Was muss getan werden?

People and the sea setzen sich auch aktiv für einen besseren Schutz und die Restaurierung von Korallenriffen ein. Die Insel Malapascua braucht dringend ein nachhaltiges, gemeindebasiertes Management ihrer marinen Ressourcen. Dabei müssen alle lokalen Interessengruppen (Fischer, große und kleine touristische Unternehmen, die Gemeinde, Behördenvertreter) gehört und mit eingebunden werden. Denn nur so wird es gelingen, die marine Umwelt vor Zerstörung zu schützen.

Zu den wichtigsten Aktivitätsbereichen von People and the sea gehören der Schutz beziehungsweise die Wiederherstellung der Biodiversität, der Aufbau einer nachhaltigen Fischerei, Umweltbildung und Abfallmanagement

Boote von Kleinfischern auf Malapascua, Philippinen.

Schutz der Biodiversität – Riffschutzmaßnahmen

Vier Freitaucher befestigen Korallenstücke an Metallgestellen zum Wiederaufbau eines Korallenriffs, Insel Malapascua, Philippinen

Mithilfe der Bevölkerung („Citizen Science“-Programme) werden Daten über Riffe und ihre Bewohner durchgeführt sowie Gefahren für Riffe beseitigt. Gefährdet sind Riffe nicht nur durch Vermüllung, sondern auch durch natürlich Feinde, wie Dornenkronenseesterne, die ganze Korallenriffe zerstören können.

Außerdem sollen mit der Einrichtung von künstlichen Riffen neue Korallenriffe entstehen.

Nachhaltige Fischerei und Umweltbildung

Damit sich die Fischbestände wieder erholen können und um das marine Habitat zu schonen, bringen die Meeresschützer den Fischern nachhaltige Fangmethoden bei und klären sie über illegale Fangmethoden auf. Langzeitmonitoring der Fischerei ist dabei ein wichtiger Bestandteil.

Kinder lernen, was nachhaltige Fischerei ist.

Kinder von Malapascua beim Fischen. Mit Umweltunterricht in Schulen und Freizeitcamps lernen sie, ihre Meeresressourcen zu schützen.

Die Fischer sollen aktiv bei allen Entscheidungen zu Meeresschutz und nachhaltiger Fischerei mit einbezogen werden. Eine besondere Rolle kommt dabei einer einheimischen Koordinatorin mit zehnjähriger Erfahrung zu, die für die Zusammenarbeit mit den Fischern zuständig ist. Zudem kooperieren People and the sea mit dem Fischereiwissenschaftler Dr. Simone Franceschini von der Universität Rom.

Umweltunterricht in Schulen sowie Freizeitcamps schaffen schon bei der jungen Generationen ein besseres Verständnis für die Notwendigkeit, marine Ressourcen zu schützen.

WCE-Programm (Waste Collection and Education)

Das Programm für Abfallsammlung und -erziehung (WCE) ist eine laufende Initiative für die Dorfbevölkerung über Mülltrennung in Haushalten. Es besteht seit 2018, initiiert von People and the sea und der Malapascua Business Association.

Müllsammlung, WCE-Programm von people and the sea für Abfallsammlung auf Malapascua, Philippinen

Trotz aller Schwierigkeiten, die die Pandemie mit sich brachte, gelang es, WCE-Müllsamlungen ohne Unterbrechung fortzusetzen

Seit Mai 2018 bis Ende 2021 sind im Rahmen des WCE-Programms unglaubliche 335.000 kg Abfall von Haushalten gesammelt und entsorgt worden. Zu diesem Erfolg beigetragen haben Tür-zu-Tür-Schulungen und die enge Einbeziehung der Dorfgemeinschaft. Das WCE-Programm ist heute als erfolgreicher und kooperativer Prozess zur nachhaltigen Bewirtschaftung fester Abfälle auf Malapascua anerkannt.

Außerdem richtete man Kompostierstellen ein, sodass die Inselbewohner aufgrund der besseren Bodenqualität eigenes Gemüse und Obst anbauen können.

Beach cleanup von people and the sea

Jeden Monat werden etwa 10 Tonnen Abfall gesammelt

Was wir gemeinsam erreichen wollen

  • Abschaffung von zerstörerischen und illegalen Fischereiaktivitäten
  • Monitoring der Fischereiaktivitäten sowie Identifizierung und Monitoring ökologischer Schlüsselgebiete: Laichgründe, Korallenriffe, Seegraswiesen, Mangroven
  • Gesundung und Wachstum von Korallenriffen und Seegraswiesen
  • Restauration von Korallenriffen durch die Einrichtung von künstlichen Riffen
  • Erhalt gesunder Fischbestände, die wiederum höhere Fangmengen für die Subsistenzfischerei ermöglichen
  • Rückkehr wichtiger Indikatorarten, wie Haie und pelagische Fischarten
  • Ausweitung des Projekts auf die Insel Biliran (seit 1992 eigenständige Provinz der Philippinen)
Das Team von people and the sea sagt Danke / Thank you!

Die Philosophie dahinter

Die Arbeit von People and the sea fußt auf:

  • Lokaler Ausrichtung
  • Basisorientierung
  • Offenheit für Austausch und Zusammenarbeit
  • Umsetzung konkreter Maßnahmen für die Menschen und mit den Menschen für stabile und produktive Küstenökosysteme

Informationen und Fotos (soweit nicht anders angegeben): People and the sea

UN-Nachhaltigkeitsziele des Projekts

Nachhaltige Fischerei unterstützen!

Alternative zur industriellen Fischerei: Nachhaltiger Fischfang mit Pole and Line.

Nachhaltige Fischerei ist der einzige Ausweg aus der globalen Fischereikrise. Für die Menschen! Für die Artenvielfalt in den Meeren!


Projektberichte von People and the sea

Umfrage Glaubwürdigkeit des MSC-Siegels

Voraussichtliche Lesedauer: 8 Minuten

Im April 2018 unterstützten wir über Sharkproject e.V eine Verbraucherumfrage der „Make Stewardship Count“-Koalition zur Glaubwürdigkeit des MSC-Siegels. Die Umfrage wurde von YouGov Deutschland GmbH im Zeitraum vom 12. – 19. April 2018 durchgeführt. 5574 Teilnehmer in Frankreich, Deutschland, Schweiz und Großbritannien nahmen daran teil. Daher sind die gewichteten Ergebnisse repräsentativ für die Bevölkerung über 18 Jahren in diesen Ländern. Die Umfrage ergab, dass die Glaubwürdigkeit des MSC-Siegels deutlich in Frage gestellt wird. Die „Make Stewardship Count“-Koalition stellte die Ergebnisse erstmals während der Seafood Global/Seafood Processing Global Messe in Brüssel 2018 vor.

Was ist das MSC-Siegel?

Der Marine Stewardship Council (MSC) ist eine internationale, unabhängige und gemeinnützige Organisation. Sie zertifiziert Fische und Meeresfrüchte aus angeblich nachhaltiger Fischerei. MSC-zertifizierte Produkte dürfen das blaue MSC-Siegel tragen. Es steht dafür ein, dass der Fisch aus geprüfter umwelt- und bestandsschonender Fischerei stammt. Noch genießt das Siegel bei Handel und Verbrauchern viel Vertrauen.

Wie glaubwürdigkeit ist das MSC-Siegel?

Bemerkenswert ist, dass Nachhaltigkeit beim Fischkauf für die überwiegende Mehrheit der Verbraucherinnen und Verbraucher sehr große Bedeutung hat. Doch diese Erwartungen erfüllt das MSC-Siegel mit seiner derzeitigen Zertifizierungspraxis nicht.

So lehnen 80 % aller Befragten es ab, dass es einer mit dem MSC-Siegel zertifizierten Fischerei erlaubt ist, beim Thunfischfang gezielt Delfine zu verfolgen und einzukreisen.

Ähnlich deutliche Meinungsbilder gab es auch gegen den Einsatz von sogenannten Fischsammlern (FADs). Denn diese verursachen den vielfachen Tod von jungen Haien und hohen Beifang an anderen bedrohten und geschützten Tierarten.

Nicht nachhaltig und auch unter dem MSC erlaubt ist der Einsatz von Fischsammlern oder FADs

FADs (Fischsammler) können reine Flöße oder z. B. aus Bambus konstruierte Flöße mit bis zu 100 m langen Netzen und anderem Material sein. Foto: ISSF/David Itano

Auch beim „Finning“ von Haien und dem Einsatz umweltzerstörender Fangmethoden herrschte unteren den Befragten eine außergewöhnlich hohe Ablehnung. Im Durchschnitt waren 85 % aller Befragten über alle Länder hinweg der Meinung, dass derartige Fischereimethoden auch unter dem MSC-Siegel verboten sein sollten.

Gravierende Mängel beim Schutz streng geschützter Arten

Auch eine Studie des NABU-Dachverbandes Birdlife International deckte gravierende Mängel beim Schutz streng geschützter Arten auf. Insbesondere die Beifangrate bei seltenen und geschützten Walen, Delfinen, Seevögeln und Meeresschildkröten durch MSC zertifizierte Fischereien ist besorgniserregend hoch.

Der Verhaltenskodex der Welternährungsorganisation FAO von 1995 fordert, dass ungewollte Beifänge sogenannter „Nichtzielarten“ minimiert werden sollen. Diesem Ziel hat sich auch der MSC verpflichtet. Bisher leider mit sehr wenig Erfolg.

In den Medien: MSC-Fischsiegel in der Kritik


MSC-Siegel für überfischten Fisch?

Im Mai 2016 hatten Wissenschaftler die Verlässlichkeit des MSC-Siegels für nordeuropäische Fischbestände überprüft. An der interdisziplinären Studie beteiligt waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Kieler Exzellenzclusters „Ozean der Zukunft“, des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel, der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) sowie internationale Kollegen. Das Ergebnis ist ernüchternd. Mehr als zehn der untersuchten Bestände erwiesen sich als stärker befischt als ökonomisch sinnvoll und ökologisch vertretbar wäre. Die Studie erschien online in der internationalen Fachzeitschrift Marine Policy.

Grenzen des MSC-Siegels

Im Rahmen der Studie wurden 31 nordeuropäische Fischbestände im Nordostatlantik, die nach den Richtlinien des MSC befischt werden, hinsichtlich Bestandsgröße und Befischung untersucht. „Wir haben uns dabei an den offiziellen Bestandsabschätzungen orientiert, die auch die Grundlage für die MSC-Zertifizierung bilden“, sagt Dr. Rainer Froese vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Die Studie zeigt, dass im ersten Jahr der MSC-Zertifizierung elf Fischbestände über der vom MSC festgelegten Obergrenze befischt wurden. Vier Bestände befanden sich aufgrund ihrer geringen Größe sogar außerhalb sicherer biologischer Grenzen. Dennoch dürfen Fischprodukte aus diesen Beständen weiterhin das begehrte Siegel tragen.

Der MSC begründet dies damit, dass sich die Bestände nach Aufnahme in das Programm erholen. Dies zeigten die Untersuchungen der Kieler Forscher jedoch nicht. Denn auch nach längerer Zertifizierungsdauer zwischen einem und zehn Jahren (durchschnittlich vier Jahre) fand man keine signifikanten Veränderungen hinsichtlich des Fischereidruckes und der Größe der Bestände. Im letzten Zertifizierungsjahr mit verfügbaren Daten waren sieben Bestände (44 Prozent der Bestände mit verfügbaren Daten) überfischt. Fünf befanden sich sogar außerhalb sicherer biologischer Grenzen.

Fangmengen sind zu hoch

Auf der anderen Seite lag bei elf Beständen die erlaubte Fangmenge weit über den tatsächlichen Fängen. Dies ist ein untrügliches Zeichen, dass die festgelegten Fangmengen nicht den realen Fangmöglichkeiten entsprechen. Die MSC-Zertifizierung soll aber eine nachhaltige Fischerei garantieren. Das heißt unter anderem, Fangquoten sind richtig gesetzt und werden eingehalten.

„Unsere Studie hat somit gezeigt, dass die Regulierung die Fischerei nicht effektiv beschränkt hat. Darüber hinaus wurde bei drei Beständen der erlaubte Fang um bis zu 50 Prozent überschritten“, sagt Prof. Martin Quaas vom Institut für Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität und Leiter der Arbeitsgruppe Nachhaltige Fischerei im Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“. Offenbar, so das Fazit der Autoren, gab es keine effektive Kontrolle der Fänge, was mit dem Anspruch einer vorbildlichen Fischerei nur schwer vereinbar ist.

Umsetzung von FAO-Standards bislang nur freiwillig

Bisher mangelt es sowohl auf internationaler als auch auf europäischer Ebene an rechtlich durchsetzbaren Vorschriften für Produkte aus nachhaltiger Fischerei. Die Umsetzung der von der Welternährungsorganisation FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) definierten Standards ist für Unternehmen freiwillig.

„Jedes Unternehmen kann demnach den Begriff nachhaltige Fischerei frei verwenden. Kontrollierte Standards für Umweltlabels gibt es in diesem Bereich nicht“, sagt Prof. Nele Matz-Lück vom Walther-Schücking-Institut für Internationales Recht. „Ökosiegel für überfischte Bestände mögen streng genommen ‚legal‘ sein, vertretbar sind sie nicht“, so Matz-Lück weiter.

Die Autorinnen und Autoren der Studie empfehlen daher, die Richtlinien des MSC-Siegels dahingehend zu ändern, dass Überfischung und unsichere Bestandsgrößen zur sofortigen Aussetzung der Zertifizierung führen. „Beim Kauf sind Fischprodukte mit MSC-Siegel zwar Produkten ohne Siegel vorzuziehen, doch um das entgegengebrachte Vertrauen der Verbraucher weiterhin zu erhalten, muss der MSC an seiner Glaubwürdigkeit arbeiten“, resümiert Erstautorin Dr. Silvia Opitz vom GEOMAR.
Mit freundlicher Genehmigung von GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel / Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“

Weitere Information & Kontakt
Originalarbeit:
Silvia Opitz, Julia Hoffmann, Martin Quaas, Nele Matz-Lück, Crispina Binohlan, Rainer Froese, Assessment of MSC-certified fish stocks in the Northeast Atlantic. Marine Policy 71 (2016), 10-14.
doi:10.1016/j.marpol.2016.05.003

Kontakt:
Dr. Silvia Opitz, GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Kiel
sopitz[AT]geomar.de

Friederike Balzereit, Öffentlichkeitsarbeit Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“
Telefon: 0431-880-3032 | fbalzereit[AT]uv.uni-kiel.de


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