Der Seehund

Seehunde (Phoca vitulina), engl. harbor seals, bilden mit Kegelrobben (Halichoerus grypus) und Schweinswalen (Phocoena phocoena) die Gruppe unserer heimischen Meeressäugetiere. Dabei sind die kleinen Robben mit den Kulleraugen nicht nur die häufigste Meeressäugerart in Deutschland, sondern sicherlich auch die bekannteste.

Systematik

Vier Seehunde schauen aus dem Wasser.

Foto: Claus Juntke/pixabay

Seehunde sind Raubtiere (Carnivora) der Unterordnung Robben (Pinnipedia).

Sie gehören zur Überfamilie der Hundsrobben (Phocidae) und der Gattung Echte Hundsrobben (Phoca). Man unterscheidet fünf Unterarten. Als Hundsrobben besitzen sie keine Ohrmuscheln.

Wo leben Seehunde?

Seehunde sind typische Küstenbewohner der Nordhalbkugel. Meist trifft man sie an Küsten mit Sandbänken oder an geschützten Felsküsten des Atlantiks und Pazifiks.

In der Ostsee leben zwei Populationen. Eine in den dänischen Belt-Gebieten und der deutschen Ostsee. Die andere ist im schwedischen Kalmarsund und den angrenzenden Gebieten heimisch.

Wie viele Seehunde gibt es?

Mit allen Unterarten liegt der Weltbestand laut IUCN (Weltnaturschutzunion) bei etwa 315.000 Individuen, wobei aus den meisten Lebensräumen keine genauen Daten zur Verfügung stehen. Von der in Süßwasserseen im nördlichen Quebec in Kanada lebenden Unterart Phoca vitulina ssp. Mellonae, dem Ungava-Seehund, soll es allerdings nur noch 50 Exemplare geben.

Entlang der Küsten der Nordsee-Anrainer Deutschland, Niederlande und Dänemark gab es 2017 rund 26.000 Tiere (davon 8.834 in Schleswig-Holstein und 7.311 in Niedersachsen und Hamburg). In der Ostsee leben etwa 8.000 Individuen.

Wie groß und wie schwer werden Seehunde?

Junger Seehund liegt an der Küste und schaut.

Foto: Pascal Mauerhofer/unsplash

Sie sind um einiges kleiner und leichter als ihre Verwandten, die Kegelrobben. Weibchen erreichen 160 cm bei rund 100 kg Körpergewicht, während Männchen mit bis 180 cm etwas größer und mit rund 120 kg auch etwas schwerer werden können. Seehundbabys wiegen nach der Geburt zwischen 7 und 15 kg.

Wie alt können Seehunde werden?

Kommt nichts dazwischen, können weibliche Seehunde unter optimalen Bedingungen ein Alter von 35 Jahren erreichen. Männchen dagegen werden nur circa 25 Jahre alt.

Wie schnell schwimmen Seehunde?

Kurzzeitig können sie auf 35 km/h beschleunigen. Da ihre Vorderflossen klein sind, setzen sie beim Schwimmen hauptsächlich ihre Hinterflossen ein. An Land geht es dagegen robbend nur langsam vorwärts. Auch sind sie an Land, wegen ihrer an die Lichtbrechung des Wassers angepassten Augen, kurzsichtig.

Wie tief tauchen Seehunde?

Seehunde schaffen bis zu 200 Meter tiefe Tauchgänge und können dabei mindestens 30 Minuten lang unter Wasser bleiben.

Woran erkennt man einen Seehund am besten?

Seehundbaby in einer Aufzuchtstation.

Foto: Insa Osterhagen/pixabay

Am einfachsten erkennt man ihn an seiner Kopfform. Die ist nämlich rund. Außerdem hat er eine kurze Schnauze. Kegelrobben dagegen heißen nicht umsonst so. Ihr Kopf ist namensgebend kegelförmig und spitz zulaufend.

Wie jagen Seehunde?

Seehunde jagen meist allein. Sie sind sehr geschickte und extrem wendige Unterwasserjäger. Dank der an ihrer Schnauze befindlichen Barthaare (Vibrissen) können sie Beute auch gut im Trüben aufspüren.

Wovon ernähren sich Seehunde?

Die kleinen Robben sind gnadenlose Opportunisten. Sie versuchen grundsätzlich, alles, was sie finden, zu fressen. Angefangen von Kleinkrebsen, Schnecken, Platt- und Schwarmfischen, bis hin zu Muscheln und Tintenfischen. Erwachsene Tiere benötigen 3 bis 5 kg Fisch täglich.

Und sie wissen sich dabei aus Fischernetzen zu bedienen. Diese Cleverness war beinahe ihr Untergang an deutschen Küsten. Im späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert startete ein unbarmherziger, heute kaum noch vorstellbarer Vernichtungsfeldzug gegen die kleinen Robben. Am Ende, gegen 1960, gab es in der Nordsee kaum noch welche.

Wie entsteht eine Seehundseuche?

Junger Seehund ruht auf einer Sandbank.

Foto: Henriette Valkema/unsplash

Weil Seehunde zu den marinen Top-Prädatoren gehören, sammeln sich in ihren Körpern Schadstoffe wie PCB an, die sie mit ihrer Nahrung aufnehmen. Dies führte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Schädigungen des Immunsystems und Unfruchtbarkeit.

Beim ersten, durch Hundestaupe verursachten Seehundsterben (Seehundseuche) im Frühjahr 1988 starben ca. 18.000 Tiere, rund zwei Drittel des Bestandes. Eine weitere Seehundseuche gab es 2002 mit mehr als 10.000 Opfern, darunter etwa 2.000 in Deutschland.

Heute hat sich die Situation wegen der gesunkenen Schadstoffbelastung entspannt, die Bestände konnten sich erholen. Jedoch bringt die neunte Elbvertiefung neue Gefahren für die kleinen Robben.

Wer sind die natürlichen Feinde?

In deutschen Gewässern machen Kegelrobben gelegentlich Jagd auf ihre kleineren Verwandten. In anderen Gewässern müssen Seehunde dagegen vor großen Haien und Orcas auf der Hut sein.

Fortpflanzung und Entwicklung

Die Paarungszeit liegt im Sommer. Seehunde benötigen somit im Gegensatz zu Kegel- oder Ringelrobben keine hochwassergeschützten Wurfplätze. Nach etwa acht Monaten Tragzeit bringen die Mütter dann im Juni vorzugsweise auf einer Sandbank ihr Junges zur Welt.

Seehund liegt am Strand.

Foto: Thorsten Sturm/pixabay

Bereits beim nächsten Hochwasser ist das Kleine in der Lage, mit seiner Mutter mitzuschwimmen. Wegen der mit 45 % sehr fettreichen Milch schaffen es junge Seehunde, innerhalb nur eines Monats ihr Geburtsgewicht zu verdoppeln!

Verhalten

Seehunde und Seevögel auf einer Sandbank.

© Robbenzentrum Föhr

Ein immer wieder beliebtes Nordseemotiv sind die in großen Gruppen auf Sandbänken in der Sonne liegenden Seehund-Kolonien. Doch es genügt bereits ein in 500 m vorbeifahrendes Boot, um die Tiere in Panik zu versetzen.

Bei der Massenflucht ins Wasser kann es leicht passieren, dass Mütter den Kontakt zu ihren Jungtieren verlieren. Ein sicheres Todesurteil. Auf sich allein gestellt haben die Babys keine Überlebenschance.

Allerdings tolerieren manche Tiere auch Distanzen von bis zu 50 m Annäherung.

Bei fachkundig durchgeführten Ausflugsfahrten zu Seehundbänken lassen sich die kleinen Robben gut beobachten, und sie zeigen manchmal erstaunlich wenig Scheu.

In jedem Fall sollte man aber genügend Abstand halten und den Tieren ausreichend Platz lassen!

Halten Sie unbedingt Ihren Hund von einem ruhenden Seehund fern!

Hund greift ein Seehundbaby an.

Foto: Ulrike Mai/pixabay

Seehund-Wanderungen

Die kleinen Meeressäuger unternehmen gerne ausgedehnte Wanderungen. So können Nahrungsgebiete bis zu 70 km von den Ruheplätzen entfernt liegen.

Meist sind es aber nur 20 bis 40 km. Manchmal sind sie bis zu drei Tage unterwegs, um sich dann ebenso ausgiebig genau so lang auf einer Sandbank auszuruhen. Erst dann geht es erneut auf die Jagd.

Verletzter Heuler im Robbenzentrum Föhr.

Glück gehabt: Ein verletzter Heuler wird gesund gepflegt – © Robbenzentrum Föhr

Beeindruckend sind die Leistungen mancher Jungtiere auf Entdeckungsreise. Denn sie können bereits im ersten Lebensjahr bis zu 500 km von ihrem Geburtsort entfernt auftauchen.

Schutz

Die Art gilt als nicht bedroht. Europäische Seehunde sind nach der EU-FFH-Richtlinie streng geschützt. Auf der Roten Liste Deutschlands sind Seehunde als „gefährdet“ eingestuft.

Was ist ein „Heuler“?

Ein von seiner Mutter getrenntes Seehundbaby ruft nach seiner Mutter mit tiefen, heiseren Tönen. Doch nicht jeder kleine Seehund, der allein am Strand liegt, ist in Not. Oft ist die Mutter nur auf Nahrungssuche und kehrt später wieder zurück.

Stellen Sie sich niemals zwischen Mutter und Jungtier! Echte „Heuler“ sind nur die Jungen, die ihre Mutter in der Säugezeit verloren haben!

Wenn Sie am Strand auf einen echten „Heuler“, ein verletztes oder geschwächtes, offensichtlich krankes Tier treffen, versuchen Sie keinesfalls, selber Hilfe zu leisten!

Halten Sie Abstand! Die Tiere können blitzschnell zubeißen! Ein Biss kann nicht nur äußerst schmerzhaft sein, er heilt auch nur sehr langsam ab.

Informieren Sie umgehend eines der Nationalpark-Häuser und -Zentren, Feuerwehr, Wasserschutzpolizei, Gemeinde- oder Kurverwaltungen, den Amtsveterinär oder direkt eine Seehundstation:

Robbenzentrum Föhr
Achtern Diek 5 – 25938 Wyk auf Föhr
Tel: 04681 – 57 03 54
Mobil: 01577 – 505 4219
24Std. Notruf: 0177 – 3300 077
www.robbenzentrum-foehr.de

Seehundstation Nationalpark-Haus in Norddeich
Dörper Weg 22 – 26506 Norden,
Tel.: 04931 – 8919
www.seehundstation-norddeich.de

Seehundstation Friedrichskoog
An der Seeschleuse 4 – 25718 Friedrichskoog
Tel: 048 54 – 13 72
www.seehundstation-friedrichskoog.de

Für die Ostsee:
Deutsches Meeresmuseum
Katharinenberg 14-20 – 18439 Stralsund
Tel: 03831 – 2650 210
Sie können Sichtungen online melden oder per E-Mail: sichtungen[at]meeresmseum.de
Bei Totfunden machen Sie bitte zusätzlich eine Meldung unter 03831 – 2650 3333, damit das Tier so schnell wie möglich abgeholt werden kann.
Bei Lebendstrandungen melden Sie sich bitte außerdem unter 0173 – 9688 267 beim Kurator für Meeressäugetiere!

 

Meerwissen für Schlauberger

  • Seehunde haben ein besonders dichtes Fell. Es besteht aus mehr als 50.000 Haaren pro Quadratzentimeter!
  • Ihr wissenschaftlicher Name bedeutet übersetzt „Kälbchen-Robbe“ und bezieht sich auf ihren neugierigen und verspielten Charakter.
  • Seehunde haben keine Salzdrüsen. Denn Meeresfische enthalten kaum Salz, sind dabei aber so wasserreich, dass sie, wie die meisten anderen Meeressäuger, auch nie trinken müssen.
  • Seehunde können einen Fisch, der gar nicht mehr da ist, noch Minuten später anhand der von ihm verursachten Wasserverwirbelungen wahrnehmen.
  • Seehunde sind nicht sehr sozial, auch wenn man sie auf Sandbänken in großer Zahl zusammenliegen sieht. So schwimmen die Männchen lieber ihrer Wege, sind nicht monogam und bewachen nicht, wie die Männchen anderer Robbenarten, einen Harem.