1.400 Delfine sterben bei Färöer-Grindadráp

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Auf den zu Dänemark gehörenden Färöer-Inseln endete am 15. September 2021 das Leben von mehr als 1.400 Weißseitendelfinen in einem Blutbad. Einheimische trieben die Meeressäuger in den Skálafjord auf der zweitgrößten Insel der Färöer, Eysturoy. Dann begann das große Schlachten. Fotos zeigen die eng beieinanderliegenden Körper der Tiere nach dem „Grindadráp“. Ihr Rückenmark ist hinter dem Kopf durchtrennt. Blutrot ist das Meer. Es ist das größte Delfinmassaker, das jemals auf der im Nordatlantik liegenden Inselgruppe verzeichnet wurde. Experten gehen davon aus, dass allein mit diesem einen Grindadráp etwa zwei Prozent der Weißseitendelfin-Population im Nordostatlantik vernichtet wurden.

Aktualisierung November 2021: EU-Kommission bleibt tatenlos – 53 EU-Parlamentarier verlangen Auskunft.

Färinger im Blutrausch

Die Bilder sind nicht zu ertragen, man muss sich fast übergeben, so unvorstellbar grausam ist das von mehreren Organisationen und Newsseiten videodokumentierte Geschehen vom Sonntag auf den Färöern. Am Strand liegen Hunderte Delfine. Teils leben sie noch, zappeln im Todeskampf, während Fischer ihnen den Kopf abtrennen. Fischer waten im blutroten Meer umher. Volksfestartiges Geschrei. Mitten drin auch Kinder.

Angesicht der selbst für Färöer Verhältnisse extrem hohen Anzahl getöteter Delfine zeigten sich sogar einige Insulaner schockiert. Meist sind es allerdings die ebenfalls zur Delfinfamilie zählenden Grindwale, auf die die Färinger es abgesehen haben. So geschehen gleich zwei Wochen später, als 52 Grindwale gestorben sein sollen. Gelegentlich fallen auch andere Meeressäugerarten dieser grausamen Tradition zum Opfer: Große Tümmler, Rundkopfdelfine und Nördliche Entenwale.

Färöer-Inseln: Getötete Grindwale bei einem Grindadrap 2018
Grindadráp 2018 – Foto: Himmelunäd (wikimedia/licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Angeblich eine traditionelle Jagd zur Nahrungsbeschaffung

Die Inselbewohner berufen sich bei der Grindadráp genannten Jagd auf traditionelle Subsistenzwirtschaft, die bis in die Wikingerzeit zurückreichen soll. Historische Aufzeichnungen gibt es dazu jedoch erst seit dem 16. Jahrhundert. Sobald ein Insulaner eine vorbeiziehende Delfinschule entdeckt, wird zur Jagd „geblasen“. Boote treiben die Meeressäuger in eine Bucht, wo weitere Färinger schon darauf warten, die Delfine abzuschlachten. Das Fleisch wird dann kostenlos an die Einwohner verteilt.

Grindadrap, Färöer-Inseln: Boote treiben Grindwale in einen Fjord

Foto: Eileen Sanda (wikimedia/licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Doch auf Delfinfleisch als Nahrung ist auf den Inseln niemand mehr angewiesen. Die Färöer sind nicht notleidend. Außerdem steht ihnen das Königreich Dänemark mit Subventionen zur Seite.

In der Regel fallen den Grindadráps allerdings an der Inselgruppe vorbeiziehende Grindwale, eine größere Delfinart, zum Opfer. Auch sie treibt man mit Booten in zur Jagd freigegebene Fjorde, zwingt die Tiere zu stranden. Anschließend durchtrennen Bewohner aus anliegenden Dörfern Rückgrat und Kopfarterien der bis über 6 m großen Grindwale. Die wesentlich kleineren Weißseitendelfine sind dagegen seltener und wenn, dann nicht derart viele, Ziel eines Grindadráp. Nach färöischen Angaben starben vergangenes Jahr 576 Grindwale sowie 35 Weißseitendelfine.

Langsames Sterben bei vollem Bewusstsein

„Für die Tiere ist das unvorstellbar grausam und schmerzhaft. Sie erleben ihr Sterben, und das ihrer Familienmitglieder, bei vollem Bewusstsein. Gehirn und Nervensystem der Meeressäuger sind darauf getrimmt, längere Zeit auch ohne Sauerstoffzufuhr zu funktionieren“, erläutert dazu Ulrich Karlowski, Diplom-Biologe bei der Deutschen Stiftung Meeresschutz.

Beim beim Grindadráp wird Grindwalen das Rückgrat durchtennt.

Foto: IngBla (wikimedia/licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Grindadráp löst Diskussionen aus

Die ungewöhnlich hohe Zahl der jetzt getöteten Weißseitendelfine stößt laut Medienberichten selbst bei einigen hartgesottenen Färöern auf Unverständnis. Man fürchtet um den Ruf der Insel als touristisches Ziel und Boykotte färingischer Fischprodukte in Europa.

Hochriskant: Verzehr von Delfinfleisch

Der Verzehr des Delfinfleisches ist für die rund 50.000 Inselbewohner mit erheblichen Gesundheitsrisiken verbunden. Denn das Fleisch von Grindwalen oder Weißseitendelfinen ist im Grunde Sondermüll. „Die Meeressäuger agieren auf der obersten Ebene der Nahrungsnetze im Meer. Daher akkumulieren sie Umweltgifte in Fett, Organen und Muskelgewebe“, sagt Ulrich Karlowski. „Sie sind vollgestopft mit Quecksilber, PCB, Kadmium oder Pestiziden wie Dieldrin“.

Inselbewohner ignorieren wissenschaftliche Erkenntnisse

Seit 2004 ist bekannt, dass werdende Mütter und kleine Kinder auf den Färöern unter einer schleichenden Quecksilbervergiftung leiden. Auch fanden Wissenschaftler der Universität Odense, Dänemark, bei Kindern hohe Konzentrationen anderer bei Meeressäugern typischer Umweltgifte. Bei Verhaltensstudien stellten Wissenschaftler beim Färingernachwuchs Sprach-, Konzentrations- und Erinnerungsstörungen fest. Typische Symptome einer Quecksilbervergiftung.

Nach dem beim Grindadráp gibt es Grindwalfleisch für die Bewohner der Färöer-Inseln

Wenn es frischen Grindwal gibt, wird nur ein Teil davon auch sofort zubereitet. Meistens in einem großen Topf, Familie und Freunde essen dann zusammen. Der Großteil jedoch wird gepökelt und getrocknet. Foto: IngBla (wikimedia/licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license)

Gesundheitsbehörde warnt vergeblich

Als Reaktion auf die Testergebnisse wies die färingische Gesundheitsbehörde bereits vor Jahren an, dass Frauen, die Kinder wollen, schon schwanger sind oder bereits stillen, kein Delfinfleisch mehr essen sollen.

Erst wenn sie sich sicher sind, dass sie kein Kind mehr zur Welt bringen wollen, könnten sie wieder davon essen. Zusätzlich riet man allen Erwachsenen, den Konsum von Meeressäugerfleisch auf zweimal im Monat zu reduzieren. Dennoch geht die bei feuchtfröhlichen Volksfesten zelebrierte Jagd weiter. Nicht nur für Meeresschützer ist der Grindadráp ein barbarisches Relikt aus der Vergangenheit, das längst seine Bedeutung verloren hat.

Dänemark entzieht sich der Verantwortung

Die Färöer sind ein teilautonome, „gleichberechtigte Nation“ des Königreichs Dänemark. Sie sind nicht Teil der EU. Jedoch ist Dänemark zuständig für Fiskal- und Verteidigungsfragen. „Dänemark könnte, wenn es wollte, die Färöer zwingen, die für Dänemark geltenden, strengen Schutzabkommen für Delfine in Europa einzuhalten. Doch man schreckt aus Furcht vor damit verbundenen Protesten seit Jahrzehnten davor zurück, weist jede Verantwortung für die blutigen Grindadráps von sich“, meint Ulrich Karlowski.


Wir rufen zum Boykott auf!

Zeichnung Visit Faroe
NO – Dont‘ visit!

Reisen Sie nicht auf die Färöer-Inseln!

Kaufen Sie keine Produkte von dort!

Exportschlager der Inseln sind mit mehr als 95 % Fischprodukte, wobei Zuchtlachs rund die Hälfte aller färöischen Exporte ausmacht. Diesen findet man auch hier in Deutschland, z. B. von der Färinger Firma Bakkafrost oder bei „Deutsche See“.


Nachgefragt bei der EU

Wie kann es sein, dass derart viele Delfine in Europa ganz legal getötet werden dürfen? Und welche Rolle spielt Dänemark dabei? Das wollten im November 2021 parteiübergreifend 53 EU-Parlamentarier von der EU-Kommission wissen, darunter auch die Naturwissenschaftlerin Jutta Paulus von den Grünen/EFA. Was gedenkt die EU-Kommission dagegen zu tun?

Sonderstatus der Färöerinseln

Auch wenn die Färöer nicht der EU angehören, genießen die Inseln gleichwohl etliche Vorteile durch bilaterale Vereinbarungen zu Fischerei und Handel sowie wissenschaftliche und technologische Kooperationen. Im Klartext: Die Vorteile nutzt man auf den knapp 55.000 Einwohner zählenden „Schafsinseln“ gern. Ansonsten aber verbittet man sich jegliche Einmischung. Besonders, wenn diese das Töten von Delfinen berührt.

Lachsfarm bei den Färöer-Inseln

Zuchtlachse machen rund die Hälfte der färöischen Exportwaren aus. Foto: Erik Christensen/CC-BY-SA-3.0

Schutzabkommen

Dabei sind Wale und Delfine in Europa durch verschiedene Übereinkommen geschützt: etwa die Bonner Konvention CMS mit regionalen Abkommen wie ASCOBANS (Abkommen zur Erhaltung der Kleinwale in der Nord- und Ostsee, des Nordostatlantiks und der Irischen See) oder die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie. Unter diesen Abkommen ist es Mitgliedsstaaten verboten, Wale und Delfine in irgendeiner Form zu belästigen, einzufangen oder zu töten.

Dänemark ist zwar Unterzeichner dieser Abkommen, verstand es aber, dass die Färöerinseln hier außen vor blieben. Daher liegen deren Gewässer außerhalb der durch ASCOBANS geschützten Gebiete. Die Färinger sind damit nicht an die Abkommen gebunden und rechtlich nicht zu belangen. Aus demselben Grund sieht sich auch die Bonner Konvention außerstande, etwas zu unternehmen.

Etwas ist faul im Staate Dänemark

Nach Ansicht der EU-Parlamentarier erleichtert und unterstützt das EU-Mitglied Dänemark das jährliche Töten von Delfinen auf den Färöern. Daher wollten sie von der Kommission wissen, ob Maßnahmen geplant seien, um mithilfe verfügbarer wirtschaftlicher Instrumente ein Ende der Delfinmassaker herbeizuführen. Und ob die Kommission mit anderen Mitgliedsstaaten und internationalen Organisationen wie der Internationalen Walfangkommission IWC zusammenarbeiten wird, um Weißseitendelfine und Grindwale zu schützen.

Grindwale gehören zu den Delfinen, die auf den Färöer-Inseln beim Grindadráp in großer Zahl getötet werden

Meistens töten die Bewohner der Färöerinseln beim Grindadráp die ebenfalls zur Delfinfamilie zählenden Grindwale. Foto: Wayne Hoggard/NOAA

EU-Kommission bleibt tatenlos

„Sorry, nichts zu machen“, so lässt sich die Antwort von Virginijus Sinkevičius, EU-Kommissar für Umwelt und Ozeane, zusammenfassen. Es sei unwahrscheinlich, dass sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen kurz- oder mittelfristig ändern würden, da dies eine Änderung der Abkommen und internationalen Übereinkommen erfordern würde, liest man in Sinkevičius‘ Antwort.

„Die Kommission hat ihre Besorgnis über die jährliche Jagd auf den Färöern gegenüber den dänischen Behörden bereits zum Ausdruck gebracht. Zudem wird sie weiterhin mit EU-Mitgliedsstaaten zusammenarbeiten, um die bestehenden Bemühungen der IWC [Internationale Walfangkommission] zur Abwehr von Gefahren, denen Kleinwale ausgesetzt sind, zu unterstützen“, heißt es weiter.

Jutta Paulus sieht die EU dennoch in der Pflicht: „Die Europäische Union muss sich aktiv für den weltweiten Schutz der Biodiversität stark machen, gerade dort, wo europäisches und internationales Recht nicht gilt. Tradition darf keine Entschuldigung mehr für unnötiges Tierleid sein. Gerade Dänemark  steht nun in der Verantwortung, Einfluss auf die Färöerinseln zu nehmen und Anreize für ein Ende des ausartenden Delfinfangs zu setzen.“

„Einmal mehr zeigt sich, dass die EU nicht gewillt ist, Meeresbewohner besser zu schützen: egal ob es um den im Atlantik vom Aussterben bedrohten Makohai geht oder um die extrem hohen Beifangraten von Delfinen in der französischen Fischerei im Golf von Biskaya oder um das jährliche Abschlachten von Delfinen auf den Färöerinseln. Mehr als ein Schulterzucken ist bei der EU-Kommission leider nicht drin“, fasst Ulrich Karlowski das Ergebnis der Anfrage der EU-Parlamentarier zusammen.


Bedrohten Meeressäugern helfen


Petitionen

Wir unterstützen die internationale Koalition
#STOP THE GRIND

Dort findet man verschiedene Aktionsmöglichkeiten zum Protest gegen das jährliche massenhafte Töten von Delfinen auf den Färöerinseln.

Außerdem gibt es mehrere Petitionen, die ein Ende dieser grausamen „Tradition“ fordern, zum Beispiel:

Action Network: End dolphin and whale hunting in the Faroe islands

Avaaz: End the dolphin grind


Foto oben: Erik Christensen (wikimedia/licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)