Artensterben: Verlierer und Gewinner 2018

Artensterben geht mit unverminderter Härte weiter

Das 6. große Artensterben geht mit unverminderter Härte weiter. Der aktuelle Living Planet Report der Weltnaturschutzunion IUCN und des WWF vermerkt einen 60-prozentigen Rückgang unter den weltweit bekannten Wirbeltierbeständen seit 1970. Zu den Verlieren 2018 zählen unter anderem der Amazonas-Flussdelfin (Inia geoffrensis), der nun offiziell als stark gefährdet gilt, sowie – bis vor wenigen Jahren kaum vorstellbar – die Heringe in der westlichen Ostsee.

Es gibt viel mehr Verlierer als Gewinner

Amazonas Flussdelfin.

Verlierer 2018: Der Amazonas-Flussdelfin gilt jetzt offiziell als stark gefährdet. Foto: U. Karlowski

Auf der Roten Liste der IUCN sind mittlerweile fast 27.000 Tier- und Pflanzenarten als bedroht eingestuft. Das ist ein neuer Negativrekord. Fast 30 Prozent aller untersuchten Arten sind betroffen. Dabei ist dies nur die berühmte Spitze des Eisbergs, denn nicht einmal 20 % aller Tierarten sind bislang überhaupt wissenschaftlich beschrieben.

Experten wie Prof. Dr. Michael Schrödl (SNSB – Zoologische Staatssammlung München) schätzen, dass jedes Jahr 20.000 bis 50.000 Tierarten durch den Menschen ausgerottet werden. Von den allermeisten haben wir noch nicht einmal Notiz genommen.

Ostsee-Heringe: Opfer von Gier, Lobbyismus und tatenlosen Politikern

Verlierer 2018: Der Heringsbestand in der westlichen Ostsee ist eingebrochen. Foto: pixabay

Ein Schicksal, das typisch für so viele Tier- und Pflanzenarten ist, ereilt nun ausgerechnet die Heringe der westlichen Ostsee.

Lange waren sie der „Brotfisch“ der deutschen Küstenfischer. Heute ist der Bestand mangels Nachwuchs zusammengebrochen. Veränderungen der Ostsee durch den Klimawandel spielen hier sicherlich auch eine Rolle. Hauptgrund für den rasanten Rückgang des Bestandes ist allerdings anhaltend hoher Fischereidruck.

Zwar wurde die erlaubte Fangmenge um knapp die Hälfte reduziert – doch damit blieben die EU-Fischereiminister weit hinter den Vorschlägen von Experten zurück.

Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) hatte dafür plädiert, die Heringsfischerei in der westlichen Ostsee zunächst auszusetzen – vergeblich. Der Bestand dürfte sich nun nicht mehr erholen.

Gewinner 2018

Grauwalbaby in der Baja California

Westpazifische Grauwale zählen zu den Gewinnern 2018 – trotz ihres extrem niedrigen Bestands. Foto: Yohena Raya/Marine Photobank

Es gibt auch Gewinner, wenn auch nicht viele. Bei den Großwalen konnten Finn- und Westpazifische Grauwale vom Walfangverbot und der Einrichtung von Schutzgebieten profitieren.

Die Westpazifischen Grauwale (Eschrichtius robustus) konnten sich mit ihrem Minibestand von geschätzten 100 bis 150 Tieren auf der Roten Liste von „vom Aussterben bedroht“ auf „stark gefährdet“ verbessern.

Auch beim Finnwal (Balaenoptera physalus), dem zweitgrößten Säugetier der Erde, geht es aufwärts: Seine Zahl hat sich seit den 1970er-Jahren auf etwa 100.000 verdoppelt.

Die Lösung

„Die einzige Möglichkeit, ein «sechstes Massenaussterben» zu verhindern, besteht darin, die Fläche der unantastbaren Naturreservate auf mindestens die halbe Erdoberfläche auszuweiten … Nötig ist aber auch eine grundlegende moralische Neubesinnung hinsichtlich unseres Verhältnisses zur lebenden Umwelt.“ (E.O. Wilson in „Die Hälfte der Erde – Ein Planet kämpft um sein Leben“, erschienen bei C. H. Beck)
DSM, 30.12.2018

Cover des Buchs Biodiversitot von Prof. Dr. Michael Schrödl und Dr. Vreni Häussermann.

Die Artenforscher Prof. Dr. Michael Schrödl (SNSB – Zoologische Staatssammlung München) und Dr. Vreni Häussermann (Biologische Forschungsstation Huinay, Chile) rufen in ihrem aufrüttelnden Werk dazu auf, die globale Artenvielfalt endlich konsequent und rasch zu erfassen. Solange es sie noch gibt!