Der Hering ist der Fisch des Jahres 2022

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Zum zweiten Mal hintereinander ist der Atlantische Hering (Clupea harengus) Fisch des Jahres. Gewählt haben ihn gemeinsam der Deutsche Angelfischerverband (DAFV), das Bundesamt für Naturschutz (BfN) und der Verband Deutscher Sporttaucher (VDST). Mit der Wahl sollen die bekannten und weitverbreiteten Fische und ihre Gefährdung mehr Aufmerksamkeit erhalten. Doch es geht um mehr. Laut FAO (Welternährungsorganisation) fing die kommerzielle Fischerei 2018 über 1,8 Millionen Tonnen dieser bis zu einem Kilo schweren und ausgewachsen etwa 45 cm großen Schwarmfische. Da der Atlantische Hering eine zentrale Rolle im marinen Ökosystem innehat, will man mit der Ernennung zum Fisch des Jahres auch auf die insgesamt bedrohte biologische Vielfalt der Meere hinweisen.

Fisch des Jahres 2022: Wichtiges Bindeglied im marinen Nahrungsnetz

„Der Atlantische Hering spielt in den Ökosystemen unserer Meere, ob in Nord- und Ostsee oder im Nordatlantik, eine entscheidende Rolle: Er stellt ein wichtiges Bindeglied zwischen verschiedenen Ebenen des Nahrungsnetzes dar und dient zum Beispiel als Nahrungsgrundlage für Dorsche, Robben und Schweinswale“, erklärte BfN-Präsidentin Prof. Dr. Beate Jessel anlässlich der Kür des Herings zum Fisch des Jahres 2021.

Außerdem betonte Jessel: „Der Erhalt der Heringsbestände ist eine wichtige Grundlage, um die biologische Vielfalt der Meere […] zu bewahren. Die Fangmengen der kommerziellen Fischerei und der Freizeitfischerei müssen sich daher an wissenschaftlichen Empfehlungen orientieren, um eine ökonomisch und ökologisch nachhaltige Nutzung des Heringsbestandes zu ermöglichen. Weitere zentrale Bausteine zur Erholung der Heringsbestände sind die Reduzierung der Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft und des klimawandelbedingten Anstiegs der Meerestemperatur.“

Schweinswal Portrait.

Heringe sind eine wichtige Nahrung für Schweinswale – Foto: Brendan Hunter/iStock

Heringsbeständen in der westlichen Ostsee droht der Kollaps

In seinem gesamten Verbreitungsgebiet ist der Fisch des Jahres 2022 im Prinzip eine häufige Fischart. Doch in der westlichen Ostsee droht der Bestand zu verschwinden. Davor warnen Wissenschaftler vom GEOMAR-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Denn seit 2006 befindet sich der Hering hier außerhalb sicherer biologischer Grenzen. Das heißt, seine erfolgreiche Fortpflanzung ist akut gefährdet. Daher empfahl der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) 2019, den Heringsfang in der westlichen Ostsee vorübergehend einzustellen. Nur so könne sich der Bestand erholen. Eine Forderung, die sogar Berufsfischer unterstützten. Dennoch vereinbarten die EU-Fischereiminister lediglich eine Senkung der Fangquoten um 50 Prozent für 2021.

Fisch des Jahres 2021 ist der Hering: Eine Ladung Heringe in einer Fischkiste.

Foto: PublicDomainPictures/Pixabay

Der Heringsbestand in der westlichen Ostsee stabilisierte sich trotzdem nicht. Eine weitere Reduzierung der deutschen Quote in der westlichen Ostsee um 50 % für 2022, sorgte für Entsetzen bei den Ostseefischern. Den Bestand retten wird dies jedoch nicht. Denn zum einen wandern Ostsee-Heringe jedes Jahr durch Kattegat und Skagerrak in die Nordsee, um dort zu fressen. Hier allerdings wird weiter fleißig gefischt. 2022 allerdings auf niedrigerem Niveau.

Fisch des Jahres in der Ostsee unter Druck

Zum anderen stehen der Fisch des Jahres 2022 in der Ostsee, abgesehen von der Freizeitfischerei, gewaltig unter nicht-fischereilichem Druck. Und das gleich aus mehreren Richtungen.

Klimaerhitzung

Die von der Erderhitzung ausgelöste Erhöhung der Meerestemperatur gefährdet in der westlichen Ostsee den Fortpflanzungserfolg der Schwarmfische. Denn wegen hoher Frühjahrstemperaturen schlüpfen Heringslarven jetzt, bevor ausreichend Nahrung für sie verfügbar ist – und verhungern.

Invasive Raubquallen

Heringslarven, die den Klimastress überleben, sind anschließend mit einer Armada von Rippenquallen konfrontiert. Denn die eingeschleppte räuberische Rippenquallenart (Mnemiopsis leidyi) vermehrt sich im warmen Wasser wiederum prächtig. Die auch Meerwalnuss genannten Glibbertiere fressen nicht nur Fischlarven, sondern konkurrieren mit diesen auch noch um deren Futter, das Plankton.

Rippenqualle (Mnemiopsis leidyi) auch Meerwalnuss genannt.

In der Ostsee entdeckte man die ersten Exemplare der Meerwalnuss 2006. Da hatten die Raubquallen in der Ostsee bereits begonnen, die Eier von Dorsch, Grundel, Seestichling oder Wittling aufzufressen. Foto: Steven G. Johnson/Marine Photobank

Überdüngung

Zusätzlich führen hohe Nährstoffkonzentrationen, maßgeblich durch die Düngung aus der industriellen Landwirtschaft über Flüsse ins Meer gebracht, besonders in der Ostsee zu starkem Wachstum einzelliger Algen. In der Folge können größere Algenarten aufgrund von Lichtmangel nicht mehr wachsen. Damit fehlt dem Fisch des Jahres das nötige Laichsubstrat für seine Fortpflanzung. Denn der Ostseehering klebt seine Eier auf Wasserpflanzen.

So ist zum Beispiel im Greifswalder Bodden, einem der wichtigsten Laichgebiete für frühjahrslaichende Heringe, die Meeresbodenbedeckung mit höheren Wasserpflanzen auf etwa sieben Prozent der ursprünglichen Fläche zurückgegangen.

Freizeitfischerei

Der Fisch des Jahres ist zudem begehrte Beute zahlreicher Freizeitangler. So schätzt das Thünen-Institut für Ostseefischerei, dass Freizeitangler an den deutschen Ostseeküste jährlich rund 1.500 Tonnen Heringe fangen. In Wahrheit dürften es sehr viel mehr sein.

Der Fisch des Jahres ist einer der beliebtesten Speisefische Deutschlands

Kaum eine andere Fischart hat eine so große wirtschaftliche Bedeutung wie der Hering – und dies schon seit mehr als 1.000 Jahren, als man die Salzkonservierung entdeckte. 2020 befand sich der Hering laut Fisch-Informationszentrum mit einem Marktanteil von 10,9 % auf Platz 4 der in Deutschland am meisten verzehrten Fische.

Quellen: BfN, GEOMAR


Ökosystemarer Ansatz im Fischereimanagement

Am Beispiel des Herings in der Ostsee zeigt sich, dass Ein-Arten-Fischereimanagement nicht ausreicht, um die Bestände und ihre Ökosysteme zu erhalten. Meeresschützer und Wissenschaftler fordern eine Abkehr, denn dieser Ansatz ist ökologisch nicht nachhaltig. Er ignoriert beispielsweise die Rolle von Fischen wie dem Atlantischen Hering in den Nahrungsnetzen der Meere.

Sinnvoller ist ein ökosystemarer Ansatz. Dabei spielem möglichst viele Faktoren der Folgen menschlicher Aktivitäten sollen bei der Fangquoten-Berechnung eine Rolle. Wie Klimaerhitzung, Überdüngung, Nahrungsgrundlage, Räuber-Beute-Situation oder der Einfluss invasiver Arten.

Erstaunliches Comeback des Herings vor der US-Ostküste

Wie ein ökosystemarer Ansatz im Fischereimanagement funktionieren kann zeigt sich am Beispiel der Herings-Population vor der US-Ostküste. Auch dort wurde der Bestand so lange überfischt, bis er zusammenbrach. Erst nachdem die Fischereiabteilung der Nationalen US-Meeres- und Ozeanografiebehörde (NOAA Fisheries) 2012 wissenschaftlich abgesicherte Fangquoten einführte und deren Einhaltung streng kontrollierte, setzte eine Erholung der Herings-Bestände ein. Laut NOAA Fisheries beliefen sich die kommerziellen Anlandungen von Atlantischem Hering in den USA 2020 auf etwas über 952.000 Kilo mit einem Wert von 6,8 Millionen Dollar.

Dies hatte spürbar positive Auswirkungen auf das gesamte Meeresökosystem und für die Menschen an der Ostküste der USA. Whalewatcher können Buckelwale wieder regelmäßig im Hafen von New York beobachten. Die großen Bartenwale folgen Heringsschwärmen bis hierhin. Davon profitiert die örtliche Tourismusbranche. Und im US-Bundesstaat Maine stehen der Hummerfischerei nun wieder ausreichend Köderfische zur Verfügung.

Springender Buckelwal.

Laut einer Studie der Universität Queensland springen Buckelwale, um zu kommunizieren. Vielleicht haben sie aber auch einfach Spass an grandioser Luftakrobatik. Foto: pixabay

Umstellung der Heringsfischerei auf Mehr-Arten-Management

Dann, im August 2020, ging NOAA Fisheries einen Schritt weiter. Wissenschaftler, Vogelkundler, Fischer und Umweltschützern hatten intensiv für eine Umstellung des Fischereimanagements für den Hering auf ein Mehr-Arten-Management plädiert. Statt den Blick nur auf eine Art zu richten (Ein-Arten-Management) sollte auch die Situation von Meeresräubern berücksichtigt werden. Hier vor allem jene der Felsenbarsche, einer Wolfsbarschart.

In der Folge wurden Felsenbarsche zum ökologischen Referenzpunkt für das Ausmaß der Herings-Fischerei. Fischer dürfen nur so viele Heringe fischen, dass noch genügend Beute für die Felsenbarsche bleibt. Die Bestände der bei Fischern gleichfalls beliebten Raubfische sollten wieder gesunden.

Quelle: world ocean review 7


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