Aussterben droht: Good Bye Vaquita

Chronik eines angekündigten Artentods

Seit Jahren warnen Naturschützer vor der Ausrottung des auch Kalifornischer Hafenschweinswal genannten Vaquita. Mit einer höchst umstrittenen Einfangaktion im Herbst 2017 wollten Wissenschaftler die Art retten. Doch schon beim zweiten Versuch starb ein Tier. Dann wurde die Operation abgebrochen.

Hochriskante Einfangaktion für die letzten Vaquitas

Zeichnung Vaquita-Schweinswal.

Zeichnung von Frédérique Lucas, Porpoise Conservation Society

Nicht einmal mehr 30 Vaquitas (Phocoena sinus) soll es noch geben. Lange hatte es die mexikanische Regierung versäumt, bestehende Schutzmaßnahmen für die kleine Schweinswalart, die nur im Nordzipfel des Golfs von Kalifornien vorkommt, strikt zu kontrollieren.

Nun lag alle Hoffnung auf einem internationalen Forscherteam: Man wollte die restlichen Tiere einfangen und in ein Meeresgehege vor San Felipe umsiedeln. Dort sollten die wegen ihrer Gesichtszeichnung auch „Panda der Meere“ genannten Golftümmler in Sicherheit leben. Sich vermehren. Bis eines fernen Tages die Gefahren in ihrem natürlichen Lebensraum gebannt wären und sie wieder in die Freiheit entlassen werden könnten …

Refugium für die letzten ihrer Art

Vaquita, Foto: Paula Olson, NOAA – public domain

Unter Leitung des mexikanischen Umweltministeriums (SEMARNAT) und mit Unterstützung mehrerer Zoos und Aquarien, unter anderem SeaWorld und der Tiergarten Nürnberg, wurde das Projekt VaquitaCPR (Conservation, Protection and Recovery – Erhalt, Schutz und Erholung) ins Leben gerufen.

Ein aus 65 Wissenschaftlern aus neun Ländern bestehendes Team sollte mit Hilfe von Ortungsgeräten Schweinswal für Schweinswal aufspüren und „retten“.

Da waren‘s nur noch …

Eine Woche nach Beginn der Aktion am 12. Oktober 2017 gelang, ein etwa sechs Monate altes Schweinswaljunges einzufangen und ins Gehege zu setzen. Obwohl es aufgrund extremer Panik wieder freigelassen werden musste, bejubelten die Forscher dies als Geschichte schreibenden Erfolg. Denn erstmals war es gelungen, einen der scheuen Wale zu fangen. Ob der Kleine die Prozedur und die Trennung von der Mutter überlebt hat, ist allerdings nicht bekannt…

Beim zweiten Versuch kam es noch schlimmer. Das geschlechtsreife Weibchen stand derart unter Stress, dass man eine Gehegehaltung nicht riskieren wollte. Doch es starb noch unter den Händen der Tierärzte. Drei Stunden lang hatten sie versucht, es zu reanimieren. Vergeblich. Daraufhin stellte man die Fangoperationen ein.

Menschliche Obhut als Notlösung

Viele Befürworter, unter anderem auch der WWF, sahen in dem Projekt eine letzte Chance für den Erhalt der Spezies. Zwar gelang es in seltenen Fällen – etwa bei Vögeln – durchaus, eine in freier Wildbahn nahezu verschwundene Art in menschlicher Obhut zu erhalten und dann wieder auszuwildern, wie etwa beim Kalifornischen Kondor. Doch ob dies bei einem nahezu unbekannten, scheuen Meeressäuger gelingen würde, stellten viele in Frage.

Bei den meisten Naturschützern stieß das Vorhaben auf harsche Kritik. „Vaquitas sind extrem scheu. Dass die kleinen Wale unter den Fangaktionen leiden und ernste, wenn nicht tödliche Folgen davontragen würden, war absehbar“, erklärt Ulrich Karlowski, Biologe der Deutschen Stiftung Meeresschutz. „Anstatt auch nur einen der Golftümmler zu retten, zeichnet sich VaquitaCPR verantwortlich für den Tod mindestens eines weiteren Tieres. Ausgerechnet auch noch eines der wenigen verbliebenen Weibchen.“

Lukrativer als Drogenschmuggel

Vaquita mit Stellnetzfischerbooten.

Keine Chance hat der kleine Vaquita (unten im Bild) gegen Stellnetzfischer, die in seinem Lebensraum operieren. Foto: Paula Olson, NOAA, public domain

Schuld am Populationskollaps der Vaquitas sind illegale Stellnetze, in denen sie als Beifang sterben. Die eigentliche Beute ist der Totoaba (Totoaba macdonaldi), ein über 2 m langer und über 100 kg schwerer Umberfisch, der höhere Preise erzielt als Kokain. Dieser ebenfalls vom Aussterben bedrohte Fisch ist wegen seiner Schwimmblase als Heilmittel und Aphrodisiakum in der traditionellen chinesischen Medizin begehrt.

Bis zu 100.000 Dollar/Kilogramm legt man in China dafür auf den Tisch. In das lukrative Geschäft sollen laut dem mexikanischen Nachrichtenportal Reporte Indigo inzwischen auch mexikanische Drogenbanden verwickelt sein.

Halbherzige Schutzbemühungen

Vaquita im Golf von Kalifornien.

Vaquita im Golf von Kalifornien. Foto: Paula Olson, NOAA, public domain

Obwohl erste Schutzbemühungen bis ins Jahr 1993 zurückreichen, scheiterten diese an mangelnder Umsetzung. Damals rief Mexiko den Lebensraum der beiden endemischen Spezies Vaquita und Totoaba zum Biosphärenreservat aus.

Drei Jahre später trat ein Rettungsplan in Kraft. 2005 dann örtlich begrenzte Fischereiverbote. 2014 ein zweijähriges generelles Stellnetzverbot im gesamten Habitat des Golftümmlers. Gleichzeitig stellte die Regierung 74 Millionen US-Dollar als Ausgleichszahlungen an die Fischer bereit.

Doch vielfach floss das Geld einfach in neue Boote und Motoren. Mit der Folge, dass der Fischereidruck stetig zunahm. Seit Juni 2017 ist die Stellnetzfischerei endgültig verboten. Doch ohne entsprechende Kontrollen und Strafen wird auch diese Maßnahme nichts gegen die Ausrottung des Hafenschweinswals bewirken.

Kampf den Wilderern

Die internationale Organisation Sea Shepherd kämpft seit drei Jahren mit einem eigenem Boot vor Ort gegen die illegale Fischerei: Die „Meereshirten“ überwachen die Gewässer. Konfiszierten Hunderte Stellnetze. Spüren nachts mit Drohnen Wilderer auf.

In Kooperation mit der mexikanischen Regierung startete im November 2017 erneut eine bis Mai 2018 dauernde Patrouillenkampagne: „Wir müssen die Wilderer mit Drohnen aufspüren, sie müssen verhaftet, verurteilt und bestraft werden, die Netze müssen konfisziert und zerstört werden“, erklärt der Gründer und Präsident der Organisation Paul Watson.

Sicher ist: Das Geld für die Rettungsaktion – rund fünf Millionen Dollar allein für die Anfangsphase – wäre besser in lückenlose Kontrollen gesteckt worden.

Meerwissen für Schlauberger – Vaquita: Kaum entdeckt, schon verschwunden

Vaquitas, die mit maximal 1,50 m Länge zu den kleinsten Meeressäugerarten zählen, besitzen auch das kleinste Verbreitungsgebiet aller Meeressäuger: Es erstreckt sich über eine Fläche von nur ca. 3000 Quadratkilometern im Norden des Golfs von Kalifornien.

Entdeckt wurden sie erst 1958. Ungefähr seit der Jahrtausendwende nahm ihr Bestand rasant ab: Waren es 1997 noch geschätzte 567 Tiere, gab es 2008 nur noch 245, 2015 noch 59 und im November 2016 nur noch rund 30 Individuen.

Noch bevor der Mensch mehr über die „Pandas der Meere“ erfahren konnte, steht er kurz davor, sie auszurotten.

Foto oben: ©Paula Olson/NOAA/public domain