Bedrohte Riesen: Walhaie

Wenn sein Name fällt, bekommen nicht nur Taucher große Augen

Doch Begegnungen mit dem größten Fisch der Erde, dem Walhai (Rhincodon typus), sind selten geworden. Denn Walheifleisch ist vor allem in Asien eine beliebte Delikatesse. Und die große Nachfrage, besonders in Taiwan und Hongkong, und die Aussicht auf über 3.000 € pro erlegtem Walhai verlocken Fischer immer wieder dazu, die Meeresgiganten zu jagen. So sind sie vielerorts bereits ausgestorben oder akut davon bedroht. Kein Wunder also, dass sie heute als gefährdete Art auf der Roten Liste der IUCN stehen.

Rätselhafter Gigant

Die Dimensionen des friedlichen Planktonfressers erklären seinen Namen. Bis zu 14 Meter Länge. Eine vier Mete hohe elegant geschwungene Schwanzflosse. Zwei Meter messende Brustflossen. Ein riesiges etwa 1,50 Meter breites Maul. Bis zu 10 cm dicke Haut. Ein Gewicht von bis zu 15 Tonnen. Kein Wunder, dass die riesigen Knorpelfische so manche Walart klein aussehen lassen.

Doch der Gigant ist in vielem noch rätselhaft, obwohl er in allen tropischen Meeren, besonders zwischen dem Äquator und dem 30./40. Breitengrad vorkommt. Im Gegensatz zu anderen Haiarten setzen sie beim Schwimmen ihren ganzen Körper mit Seitwärtsbewegungen und nicht nur die Schwanzflosse ein. Zu bestimmten Jahreszeiten treffen sich die mit einer Höchstgeschwindigkeit von 5 km/h gemächlich dahin gleitenden Einzelgänger in für sie offenbar sehr reizvollen Meeresgebieten.Dazu gehören die Gewässer vor der philippinischen Insel Pamilacan, der Golf von Kalifornien, die Küsten Mosambiks und Belizes und das Ningaloo Reef in Nordwestaustralien.

Walhai unter Wasser bei Belize.

Foto: (c) Wolcott Henry 2005/Marine Photobank.

Nach Meinung von Wissenschaftlern geschieht dies entweder zur Paarung oder wegen eines saisonbedingten reichhaltigen Nahrungsangebotes. Letzteres könnte immerhin die jährlichen Walhai-Versammlungen am Ningaloo-Riff erklären. Dort stoßen Korallen zwischen April und Mai Milliarden Eier und Spermien ins Wasser ab. Offensichtlich eine Delikatesse für Walhaie. Sie saugen die eiweißreiche Kraftnahrung aus dem warmen Wasser Tag und Nacht mit ihrem bis zu 6.000 Liter Wasser pro Stunde fassenden Maul ein. Anschließend wird sie über sogenannte Kiemenreusen – Tausende von etwa 10 cm langen bartenähnlichen Plättchen – aus den jeweils 5 seitlichen Kiemenöffnungen ausgeseiht.

Harmlose Filtrierer mit funktionslosen Zähnen

Wie alle anderen Haie besitzen auch Walhaie Zähne. Etwa 3000. Deren Nutzen und Funktion ist allerdings unklar. Denn die sanftmütigen Riesen gehören zu den 3 Filtrierern unter den Haien. Die beiden anderen sind der Riesenhai und der Riesenmaulhai.

Doch im Gegensatz zu Riesenhaien sind Walhaie aktive Filtrierer. Sie erzeugen aktiv einen Sog und filtrieren die Nahrung, meist Plankton, aber auch Kleinkrebse, kleinere und größere Fische wie Sardinen, Makrelen und sogar kleine Tunfische, anschließend wieder aus. Dabei schwimmen sie direkt an der Oberfläche, mitunter sogar in vertikaler Position. Der Eindruck, hier seien dumpfe Fressmaschinen am Werk, täuscht gewaltig. Wahrscheinlich kann ihr Gehirn mit Hilfe spezieller Rezeptorzellen zahlreiche Signale der Umwelt gleichzeitig verarbeiten: mechanische, chemische, visuelle und elektrische Reize.

Rätselhafte innere Uhr und faszinierende Navigationskünste

Niemand weiß bis heute, auf welchen Wegen Walhaie zu ihren jährlichen Treffpunkten gelangen, noch wie die innere Uhr funktioniert, die es ihnen ermöglicht, zur gleichen Zeit am gleichen Ort einzutreffen, noch wo genau sie sich die übrige Zeit des Jahres aufhalten. Ebenso ist unklar, ob sich bei den regionalen Treffen tatsächlich Tiere der gleichen Art einfinden oder ob es sich hier um voneinander getrennte Populationen handelt. Ganz abgesehen davon, dass gleichfalls niemand weiß, wie viele dieser Giganten es überhaupt noch gibt.

Gleichfalls wenig weiß man über ihre Entwicklung bis zur Geschlechtsreife oder ihr Paarungsverhalten. Ihre Lebenserwartung liegt wahrscheinlich bei über 70 Jahren.

Allzu leichte Beute für gierige Fischer

Ausgerechnet ihre Geheimnis umwitterten Treffen werden den Meeresbummlern zum Verhängnis. Da sie den Menschen als Feind nicht fürchten, sich Tauchern gegenüber sogar völlig friedlich verhalten und anfassen lassen, sind sie leichte Beute für Fischer. Diese haben es auf ihre kostbaren Flossen und das heiß begehrte weißliche Walhaifleisch abgesehen. Da hilft den großen Fischen auch nicht ihre gute Tarnung. Mit ihrer weiß-gelb gefleckten und gestreiften Haut verschmelzen sie unter der Wasseroberfläche schwimmend optisch mit ihrer Umgebung.

Toter Walhai mit abgeschnittenen Flossen am Strand.

Toter Walhai mit abgeschnittenen Flossen am Strand. Foto: Peri Paleracio/Marine Photobank.

So töteten die Fischer dreier Dörfer in Indien allein jährlich etwa 1000 Walhaie. Dann endlich stellte die Regierung im August 2001 die seltenen Tiere endlich unter strengsten Artenschutz. Fang und Tötung der sanften Riesen ist seitdem verboten und wird bestraft. Damit folgt Indien Ländern wie den USA, Australien und den Philippinen, die Handel mit Walhai-Produkten verboten hatten.

Bei der Walhai-Jagd wird den Tieren vom Fangboot aus ein schwerer Eisenhaken in den Leib geschlagen. Mit dessen Hilfe zieht man sie anschließend an Land. Dort werden sie bei lebendigem Leib zerlegt. Das kann dauern. Qualvoll, oft über drei Tage lang, verenden die rieseigen Fische langsam. Heiß begehrt sind auch die riesigen Walhai-Flossen. Sie schneidet man den Tieren bei lebendigem Leib ab. Der Rest des langsam sterbenden Riesenfisches bleibt bei dieser Art der Raubfischerei im Wasser treibend zurück.

Whale Shark Watching mit großem touristischem Potenzial

Mittlerweile hat sich das große wirtschaftliche Potenzial der friedlichen Walhai-Nutzung herumgesprochen. Beim staatlich geschützten Ningaloo-Riff sind die Haie eine Touristenattraktion. Rund zehn Millionen Dollar bringen die Tauchtouren den Einheimischen jährlich ein.

Gier nach Walhaifleisch scheint unstillbar

Doch die Gier nach Walhaifleisch in Taiwan oder Hongkong scheint unstillbar. Walhaie werden weiterhin in viel zu großer Zahl gejagt. Zusätzlich verschärfen Schlepp- und Stellnetze ihre Situation. Denn darin verenden auch die Riesenfische als unbeabsichtiger Beifang. Und diese Verluste lassen sich kaum ausgleichen. Denn wie die meisten Haiarten vermehren sich Walhaie extrem langsam. Erst mit 30 Jahren werden sie geschlechtsreif. Berits im Mutterleib schlüpfen die Jungtiere aus den Eiern, sodass die Weibchen ihren über 60 cm langen Nachwuchs scheinbar lebend gebären.

Der Walhai steht seit 2002, wie auch sein kleinerer Verwandter, der Riesenhai, auf Anhang II des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (WA / CITES). Seither wird der internationale Handel mit ihnen erfasst und reglementiert, ist aber nicht verboten. Daher ist es leider recht fraglich, ob der größte Fisch der Erde eine reelle Überlebenschance hat.
Foto oben: Foto: Olivier Roux/Marine Photobank.