Tote Schweinswale nach Unterwassersprengung von Fliegerbomben

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Nun ist es offiziell. Eine Unterwassersprengung der Bundesmarine ist für den Tod von mindestens zehn Schweinswalen, die zwischen September und November 2019 an verschiedenen Orten der Ostseeküste Schleswig-Holsteins strandeten, verantwortlich. Im August 2019 sprengten deutsche Marinekräfte im Rahmen eines NATO-Manövers unter Missachtung von Umweltauflagen und mitten im Meeresschutzgebiet Fehmarnbelt 42 britische Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg. In den darauf folgenden Wochen strandeten 24 der kleinen Meeressäuger. Es dürfte jedoch weitaus mehr Opfer gegeben haben, denn längst nicht jeder tote Schweinswal wird an Land gespült. Im Anschluss an das skandalöse Verhalten der Bundesmarine verhängte die damalige Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) im September 2019 ein Verbot für militärische Unterwassersprengungen. Damit sollten weitere Schäden für die Umwelt verhindert werden.

Unterwassersprengung von Altmunition verursacht tödliche Hörschäden bei Meeressäugern

Im Januar 2022 veröffentlichte ein Forschungsteam aus dem Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover Untersuchungsergebnisse zur Todesursache1 der geborgenen Schweinswale. Dabei zeigte sich, dass zehn Tiere Explosions-Verletzungen erlitten hatten. Sie waren taub, konnten folglich keine Beute fangen oder sich in ihrem Lebensraum orientieren.

ITAW-Leiterin Professorin Dr. Ursula Siebert erklärt dazu: „Dank der Finanzierung unserer Spezialuntersuchungen durch das Bundesamt für Naturschutz konnten wir erstmals zeigen, dass die Unterwassersprengungen schwere Auswirkungen haben können. Dies unterstreicht das hohe direkte und indirekte Schadenspotenzial der Sprengungen.“

Unterwassersprengung einer Seemine vor Heidkate in der Ostsee. Foto: S.Koschinski

Unterwassersprengung einer Seemine vor Heidkate in der Ostsee. Foto: S. Koschinski

Da die Menge der Munitionsaltlasten in der deutschen Nord- und Ostsee riesig sei, so Siebert weiter, und mit zunehmenden Aktivitäten, wie dem Bau von Offshore-Windkraftanlagen, wo regelmäßig kurzfristig eine Unterwassersprengung vorgenommen würden, müssen Meeressäuger und andere Meerestiere besser geschützt werden. Um die Auswirkungen von Explosionen auf Populationsebene beurteilen zu können, sollten umfangreiche gesundheitliche Bewertungen des Gesundheitszustandes gestrandeter Wale inklusive Gehöruntersuchungen vorgenommen werden.

„Die Sprengungen sorgen außerdem dafür, dass die Tiere ihr Verhalten deutlich ändern und unter Stress stehen, sodass dies auch in die Bewertung der Gesamtbelastung der Schweinswalpopulationen in deutschen Gewässern einbezogen werden muss“, so Siebert.

Umfassende pathologische Untersuchungen

Die auf Meeressäuger spezialisierten Experten des ITAW führten umfassende pathologische Untersuchungen an den toten Tieren durch. Dabei legte man besonderes Augenmerk auf deren Hörapparat und das akustische Fett. Um andere Erkrankungen ausschließen zu können, fanden zudem weiterführende feingewebliche, mikrobiologische, virologische und parasitologische Untersuchungen statt. Um auch minimalste Hörschäden entdecken zu können, führte das Institut für Osteologie und Biomechanik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf gemeinsam mit den Gehör-Fachleuten des ITAW zusätzliche bildgebende Verfahren durch.

Obduktionsergebnisse

Bei den entlang der Eckernförder, Kieler und Lübecker Bucht aufgefundenen Tieren handelte es sich um drei Neugeborene, 15 Jungtiere und sechs ausgewachsene Tiere (14 Weibchen und 10 Männchen). Zehn Meeressäuger hatten krankhafte Auskugelungen und Frakturen der Mittelohrknochen, Blutungen im akustischen Fett des Unterkiefers und des Gehörapparates sowie der Melone davongetragen. Derartige Verletzungen werden nur durch starke Druckwellen, wie sie bei Explosionen nach einer Unterwassersprengung entstehen, hervorgerufen.

Schweinswal in der Flensburger Förde.

© Kai Detlefsen

Orientierungslos – hilflos – chancenlos

Die Melone ist ein für die Echoortung wichtiges Organ aus verschiedenen Fettgewebsschichten und von essenzieller Bedeutung für Orientierung, Kommunikation und Beutefang. Ein Tier zeigte zusätzlich schwere Blutungen und Hämatome in der Muskel- und Fettschicht. Dies deutet auf ein stumpfes Explosionstrauma hin. Ein anderer junger Wal mit Explosions-Verletzungen starb als Beifang in einem Fischernetz.

Der Schweinswal ist Deutschlands einzige Walart. Doch die empfindsamen Meeresbewohner sind stark gefährdet und in der zentralen Ostsee vom Aussterben bedroht. Ihr Lebensraum ist einer Vielzahl anthropogener Einflüsse ausgesetzt. Zu den zahlreichen Gefährdungen zählen neben Krankheiten und klimatischen Veränderungen hauptsächlich Beifangverluste in der Fischerei, Tourismus, Schifffahrt und zunehmender Lärmeintrag bei seismischen Erkundungen, Marine-Manövern und Unterwassersprengungen von Altmunition.

  1. Siebert, U., Stürznickel, J., Schaffeld, T., Oheim, R., Rolvien, T., Prenger-Berninghoff, E., Wohlsein, P., Lakemeyer, J., Rohner, S., Aroha Schick, L., Gross, S., Nachtsheim, D., Ewers, C., Becher, P., Amling, M., Morell, M. (2022). Blast injury on harbour porpoises (Phocoena phocoena) from the Baltic Sea after explosions of deposits of World War II ammunition. Environ Int. Dec 6;159:107014. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34883460/ ↩︎

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs versenkten deutsche und später alliierte Streitkräfte große Mengen ungebrauchter Munition in der Ost- und Nordsee. Experten gehen von ca. 1,6 Millionen Tonnen aus, darunter auch Giftgasgranaten. Heute sind die Munitionshüllen meist stark korrodiert. Giftige und krebserregende Inhaltsstoffe gelangen in die Umwelt. Und immer wieder müssen Munitionsaltlasten beim Bau von Offshore-Windparks, Pipelines oder der Verlegung von Schiffsrouten beseitigt werden.

Gefährliches Erbe: Versenkte 120 mm Granaten eines QF-Mk IX Schiffsgeschützes.

120-mm-Granaten eines QF-Mk-IX-Schiffsgeschützes auf einem Wrack vor der belgischen Küste. Foto: Vlaams Instituut voor de Zee (VLIZ)

Dies geschieht viel zu häufig durch eine Unterwassersprengung. Die damit verbundenen Detonationen führen zu extremen Schallbelastungen, die für die meisten Tiere im Nahbereich tödlich sind und auch in weiten Entfernungen noch erhebliche Schäden verursachen können.

„Wir fordern, wie andere Meeresschutzorganisationen, bei unumgänglichen Sprengungen adäquate Schallschutzmaßnahmen. Besser ist es allerdings, die in der Regel nicht bezünderte Altmunition mit heute schon verfügbarer Technik zu bergen. Doch das kostet wesentlich mehr Geld und erweiterte Kapazitäten in den Munitionsvernichtungsanlagen“, erklärt Biologe Ulrich Karlowski von der Deutschen Stiftung Meeresschutz.

Das Titelfoto gehört nicht zur Studie „Blast injury on harbour porpoises (Phocoena phocoena) from the Baltic Sea after explosions of deposits of World War II ammunition“. © ITAW TiHo


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