Das rätselhafte Sterben der Grauwale

Seit Januar 2019 verzeichnen Wissenschaftler der US-Klima- und Ozeanbehörde NOAA Fisheries mit Sorge ungewöhnlich viele tote Grauwale. Und das Sterben der Grauwale hält bis heute an. Mindestens 391 Tiere strandeten bis Februar 2021 auf ihrer jährlichen Wanderung entlang der Küste von Alaska nach Mexiko. Das sind derart viele, dass NOAA Fisheries offiziell einen unusual mortality event (UME) ausrief. Das ist eine Art Notstand aufgrund einer ungewöhnlich hohen Anzahl von Todesfällen in einer Meeressäugerpopulation. Ein UME erfordert sofortige Untersuchungen und daraus folgende Maßnahmen.

Das letzte vergleichbare Grauwalsterben ereignete sich zwischen 1999 und 2000. Damals starb über ein Fünftel der Gesamtpopulation der grauen Meeresriesen.

Finden Grauwale nicht mehr genug Nahrung?

Grauwal-Fluke

Foto: NOAA-Fisheries/Dave Weller

Im Rahmen des UME-Untersuchungsprozesses stellte NOAA ein unabhängiges Team von Wissenschaftlern zusammen. Nun sollen Experten die bisher gesammelten Daten überprüfen und gestrandete Wale genau untersuchen.

Damit hofft man bei NOAA Fisheries, mögliche Kausalzusammenhänge zwischen dem Sterben der Grauwale und Störungen im Meeresökosystem zu finden.

Vermutet wird, dass die Wale während ihrer über 10.000 km langen Wanderung von ihren Nahrungsgründen vor Alaska entlang der Westküste Kanadas und der USA bis in die in der Baja California in Mexiko liegenden Fortpflanzungsgründe nicht genug Nahrung finden. Warum das so ist, weiß derzeit niemand zu sagen.

Ist Nahrungsmangel der Grund für das Sterben der Grauwale?

Sie setzen im Sommer und Herbst „alles auf eine Karte“, erklärt NOAA Fisheries. Das ist die Zeitspanne, in der sie versuchen müssen, sich satt zu essen. Nur so können sie die folgenden sechs Monate überleben. Denn auf der Wanderung nach Süden und während sie den Winter in Mexiko verbringen, nehmen sie kaum noch Nahrung zu sich.

Das Sterben der Grauwale: Strandungskarte Dez. 2018 bis Jan. 2020

Grauwalstrandungen entlang der Westküste von Nordamerika. Quelle: NOAA-Fischeries

Dem größten Ernährungsstress sind sie dann während der erneuten Migration nach Norden ausgesetzt. Dann stoßen die Meeressäuger möglicherweise an die Grenzen ihrer Fettreserven. Einige, aber nicht alle, der bislang untersuchten Grauwale wiesen Anzeichen von Abmagerung auf.

Das Sterben der Grauwale: Population ging seit 2016 um ein Viertel zurück

Grauwalbaby in der Baja California

Grauwalbaby in der Baja California. Foto: Yohena Raya/Marine Photobank

Bereits vor der ungewöhnlichen Häufung von Strandungen mit Jahresbeginn 2019 beobachteten US-Wissenschaftler, dass die Population seit 2016 bereits um ein Viertel zurückgegangen ist. Dies erinnert an das umfangreiche Grauwalsterben zwischen 1999 und 2000.

So berichtet NOAA Fisheries, dass im letzten Winter etwa 6.000 weniger wandernde Wale gezählt wurden, nämlich 21.000 gegenüber 27.000 im Jahr 2016. Bislang geht man jedoch davon aus, dass derart starke Populationsveränderungen keine langfristigen Bedrohungen für das Überleben der Art widerspiegeln.

Grauwale: Eine Artenschutz-Erfolgsgeschichte

Ostpazifische Grauwale zählen zu den Erfolgsgeschichten im Meeressäugerschutz. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der kommerzielle Walfang die zu den Bartenwalen zählenden Weitwanderer fast ausgerottet. 1946 dann verbot die Internationale Walfangkommission (IWC) die Jagd. Damit konnte ihr Aussterben verhindert werden. Seitdem nahm die Zahl der bis zu 15 m langen und bis zu 34 Tonnen schweren Meeresgiganten stetig zu.

1994 strich man sie von der Roten Liste bedrohter Tierarten. Jedoch bleibt ihr Bestand weit unter dem früherer Zeiten. Vor Beginn des kommerziellen Walfangs Mitte des 19. Jahrhunderts soll es ca. 96.000 Grauwale gegeben haben.

Foto oben: NOAA-Fisheries/Dave Weller

Gray Whale Research Part 2: From the Brink of Extinction to Recovery: