Die letzten Mittelmeer-Mönchsrobben

Voraussichtliche Lesedauer: 11 Minuten

Mittelmeer-Mönchsrobben (Monachus monachus) gehören zu den am stärksten vom Aussterben bedrohten Meeressäugetieren Europas. Im Mittelmeer gibt es vielleicht noch 350 bis 450 erwachsene Individuen. Weitere etwa 260 Tiere sollen an den Küsten der Westsahara, Mauretaniens und auf den Ilhas Desertas bei Madeira leben. Gemeinsam mit ihrer nächsten Verwandten, der Hawaii- oder Laysan-Mönchsrobbe (Neomonachus schauinslandi) gehören diese Hundsrobben zu den seltensten Robben der Welt. Sporadische Vorkommen und Sichtungen sind auch aus Albanien, Kroatien, Ägypten, Libanon, Spanien und Syrien bekannt.

Die Mittelmeer-Mönchsrobbe

Vom einstigen Verbreitungsgebiet der Mittelmeer-Mönchsrobbe (Monachus monachus) ist nicht mehr viel übrig. Einst lebten sie im Schwarzen Meer, verteilt über das gesamte Mittelmeer, im Atlantik vor Portugal bis zu den Azoren, Madeira und den Kanaren bis hinunter nach Senegal. Heute sind ihre Bestände auf verschwindend kleine und voneinander isolierte Reste geschrumpft. Bereits 1985 zählte die Weltnaturschutzorganisation (IUCN) die Mittelmeer-Mönchsrobbe zu einer der zwölf weltweit am stärksten vom Aussterben bedrohten Tierarten.

In freier Wildbahn (fast) ausgestorben

Auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten der IUCN sind Mönchsrobben als stark gefährdet eingestuft. Es gibt noch eine höhere Gefährdungsstufe. Dann folgt „In freier Wildbahn ausgestorben“.

Über ihre Biologie weiß man nur wenig. Sie sind geheimnisvoll. Und könnten es auch für immer bleiben, denn heute geht es um die Letzten ihrer Art.

Artensteckbrief

Wie sehen Mittelmeer-Mönchsrobben aus?

Wie bei Kegelrobben sind die Weibchen bei Mittelmeer-Mönchsrobben kleiner als die Männchen. Ihr kurzes Fell ist schattiert, kann dunkel, braun oder grau sein. Meist ist die Bauchseite heller und hat einen großen weißen Fleck. Hauptcharakteristikum, wie bei allen Hundsrobben, sind breite, hochgestellte Hinterflossen.
Foto: Jürgen und Edith Fleissner
Mittelmeer-Mönchsrobbe schaut aus dem Wasser.

Wie groß wird eine Mittelmeer-Mönchsrobbe?

Mit bis zu 300 kg Körpergewicht ist die Mittelmeer-Mönchsrobbe etwa so groß wie unsere heimische Kegelrobbe.

Wie wie schwer werden Mittelmeer-Mönchsrobben?

Sie können bis zu 300 kg Körpergewicht erreichen.

Wie vermehren sich Mittelmeer-Mönchsrobben?

Zwar können Junge das ganze Jahr über zur Welt kommen. Doch die meisten erblicken im September und Oktober das Licht der Welt. Die Tragzeit liegt bei etwa neun bis elf Monaten. Zur Geburt der etwa ein Meter großen Jungtiere suchen die Weibchen einen geschützten Platz. Oft ist dies eine Höhle, die nur tauchend erreicht werden kann. Erst nach zwei bis sechs Wochen an Land gehen die Jungtiere ins Wasser und bleiben dann bis zu drei Jahre lang bei ihrer Mutter. Ihre Lebenserwartung liegt wahrscheinlich bei bis zu 30 Jahren.

Was fressen Mittelmeer-Mönchsrobben?

Sie ernähren sich von Fischen, Tintenfischen und Krebsen. Mönchsrobben jagen allein, meist nachts. Dabei können sie etwa 15 Minuten lang in bis über 200 m Tiefe abtauchen.

Lebensgewohnheiten

Viel ist nicht bekannt. Meistens verstecken sie sich tagsüber vor Menschen in geschützten Höhlen oder auf abgelegenen Stränden. Es sind sehr standorttreue Säugetiere. Ihnen vertraute Küstenabschnitte verlassen sie nur selten. Jungtiere dagegen erkunden gerne entlegenere Gebiete.

Gehört ebenfalls zu den seltensten Robben der Welt: die Hawaii-Mönchsrobbe.

Nächster noch lebender Verwandter ist die Hawaii-Mönchsrobbe (Neomonachus schauinslandi). Foto: Rosel Eckstein by pixelio.de

Perspektive?

In den letzten Jahren zunehmende Sichtungen z. B. in Kroatien, wo die Art offiziell als ausgestorben gilt, geben Anlass für Hoffnung. Auch der Plan. Und der Plan, 36 mauretanische Mönchsrobben im Naturpark Jandía auf Fuerteventura anzusiedeln, stimmt optimistisch. Denn einst gab es den Lobo de Mar (Meereswolf) natürlich auch in den Gewässern der Kanarischen Inseln. Doch der Kampf um das Überleben der einzigen im Mittelmeer vorkommenden Robben ist noch lange nicht gewonnen.

Auswilderung zweier junger Mittelmeer-Mönchsrobben in der Ägäis.

Gefahren für Mittelmeer-Mönchsrobben

Gnadenlose Jagd

Einst waren Mittelmeer-Mönchsrobben begehrt – wegen ihres Fleisches. Auch diente ihr Fett als Lampenbrennstoff, das Fell verarbeitete man zu Pelzmänteln. Robbenschicksal. Bereits im 15. Jahrhundert sollen Portugiesen schätzungsweise 5.000 Mönchsrobben erlegt haben.

Tourismus

Heute ist es weniger die Jagd, die die scheuen und sich nur langsam vermehrenden Meeressäuger bedroht.

Vielmehr werden sie in ihren Lebensräumen durch ausufernden Tourismus gestört. Doch geschützte Strände und Bruthöhlen sind im Mittelmeerraum mittlerweile eine Rarität. Heute dringen Sporttaucher, Touristen und Fischer bis in die abgelegensten Bereiche vor. Das gefährdet zunehmend die Aufzucht der Jungen. Nimmt den Tieren ihre wichtigen Ruheplätze. Trifft man auf eine Mönchsrobbe an Land, ist es ratsam, sich vorsichtig zurückzuziehen.

Die Menschen auf dem Video verhalten sich rücksichtslos und falsch. Derartiges Verhalten ist strafbar!

Fischerei und Meeresverschmutzung

Weitere Bestandsverluste erleiden die Flossenfüßer auch als unabsichtlicher Fang in Fischernetzen. Nahrungsmangel, Meeresverschmutzung, Krankheiten und Vergiftungen setzen ihnen zusätzlich zu.

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Bericht vom Mönchsrobben-Workshop der 5. ICMMPA

Artenschützer unternehmen seit Jahren große Anstrengungen, um das Aussterben der Mittelmeer-Mönchsrobbe aufzuhalten. Folglich waren die menschenscheuen Flossenfüßer auch Thema eines Workshops auf der 5. Konferenz Schutzgebiete für Meeressäuger (ICMMPA – Int. Conference on Marine Mammal Protected Areas) im April 2019.

Nadja Hohenadl auf der 5. int Conference on Marine Mammal Protected Areas.

Für uns mit dabei war die angehende Meereswissenschaftlerin Nadja Hohenadl – angehende Meereswissenschaftlerin von der Scottish Association for Marine Science (SAMS) in Oban.

Griechenland

Man findet Mönchsrobben in allen Gewässern rund um Griechenland. Hier lebt die größte Population mit etwa 300 Tieren. Bisher weiß man von 16 Aufzuchtplätzen. Zwar wächst die Population deutlich, aber die Tiere sind hohen Risiken ausgesetzt. Vor allem an Aufzuchtstellen und dort, wo die Jungen ihre ersten Jahre verbringen. Gefahren drohen durch Tourismus, Bootsverkehr, Verfangen in aktiven oder entsorgten oder verloren gegangenen Fischernetzen. Aber auch von Tauchern in den Robbenhöhlen. Überfischung und Verlust des Lebensraumes sind weitere Risikofaktoren.

In Studien wurde festgestellt, dass der Kampf um den Lebensraum auch zwischen den Robbenindividuen stattfindet. Mütter streiten sich in den Höhlen um den besten Platz für die Jungen, weil nur begrenzter Platz an Land verfügbar ist.

Erfreulicherweise sinkt der Anteil der in Fischernetzen ertrunkenen Mönchsrobben in Griechenland durch verstärkte Öffentlichkeitsarbeit. Besucher und Ortsansässige wissen nun, was sie machen dürfen und was nicht. Zudem wurde ein Rehabilitationsprogramm aufgebaut. Und der Zugang zu bekannten Aufzuchtplätzen wurde wieder eingeschränkt bzw. an den ursprünglichen Zustand angepasst.
Panos Dendrinos von MOm – Hellenic Society for the Study and Protection of the Monk Seal

Türkei

Logo SAD-AFAG

Seit 32 Jahren erforscht man in der Türkei Mittelmeer-Mönchsrobben. Die vielleicht noch 100 Individuen teilen sich auf drei klar differenzierbare Kolonien auf. Das Verfangen in aktiven oder entsorgten Fischernetzen („Geisternetzen“) ist hier die Haupttodesursache. Hinzu kommt, dass Robbenhöhlen von Besuchern und Tauchern betreten werden. Ein Problem, dass sich mit dem stark angestiegenen Tourismus noch verstärkt. Taucher zeigen keinen Respekt. Zusätzlich zerstören Straßen- und Häuserbau und Hafenvergrößerungen den Lebensraum. Daher setzt man auf verstärkte Öffentlichkeitsarbeit sowie Schutz- und Rettungssysteme. Geplant ist, die einzelnen isolierten Kolonien wieder zu verbinden.
Cem Orkun Kiraς von SAD-AFAG und Meltem Ok Middle Eastern Technical University

Zypern

Nur 14 Individuen leben hier. Gefährdet sind sie durch sehr viel Müll in den Robbenhöhlen und durch Küstenerschließung. Dagegen ist Beifang in den Gewässern um Zypern kein Problem. In diesem Jahr wird eine Meeresschutzzone eingerichtet, zu der nur fünf ortsansässige Fischer Zugang haben werden. Die Schutzzone ist Teil eines nationalen Aktionsplans. Dieser legt auch fest, dass mindestens 200 m um die Robbenhöhlen keine menschlichen Aktivitäten stattfinden dürfen. Leider keine Einigung gab es bisher bei der Frage, ob öffentlich nicht bekannte Höhlen auch „geheim“ bleiben sollen, um sie vor Touristen zu schützen.
Melina Markou, Ministry of Fisheries and Marine Research

Italien

Citizen-Science-Programme unter Mitarbeit der Fischer sind hier sehr intensiv. Selbst Taucher berichten von Sichtungen. Nur ab und zu werden Robben auf Sizilien und Sardinien beobachtet. Dies vor allem im Winter. Dann sind sehr viel weniger Besucher auf den Inseln. Gefahren drohen Mönchsrobben vor allem durch kleine Fischkutter (Beifang in Netzen) und illegale Dynamitfischerei.

Kroatien

Junge Robben ziehen vermutlich aus Griechenland nach Norden und zeigen sich gelegentlich auch in Albanien und Kroatien. In Kroatien gelten sie offiziell als ausgestorben. Nur vereinzelt wird von Sichtungen berichtet.

Libanon

Von dort gibt es viele aktuelle Sichtungen, aber auch Funde von in Netzen verhedderten trächtigen Weibchen.

Libyen

Eine große Gefahr geht für die Robben vor allem von kleinen, privaten Fischerbooten aus.

Israel

Das größte Vorkommen der Robben ist im Norden des Landes. Von 2009 bis 2016 gab es 66 Mönchsrobben-Sichtungen an der Küste Israels.
Giulia Mo, Institute for Environmental Protection and Research, ISPRA

Cabo Blanco, Spanien

Hier lebt mit etwa 220 Mittelmeer-Mönchsrobben die weltweit zweitstärkste Subpopulation. Sie wird 365 Tage im Jahr mit Kameras überwacht. Rund um die Höhlen gilt striktes Fischereiverbot. Beste Überlebenschancen haben die Robben hier ab einem Alter von zwei Jahren. Die Kolonie hält sich nur innerhalb eines Kilometers entlang der Küste auf. Gefahren drohen durch einstürzende Höhlen, das sehr schnell wachsende Fischereigewerbe sowie durch ein potenzielles Massensterben, weil sich die Tiere auf so einem kleinen, begrenzten Gebiet aufhalten. Dem will man mit Umsiedelungsversuchen zur Etablierung neuer Kolonien entgegenwirken.
Pablo Fernandez de Larrinoa von der Fundación CBD-Habitat

Madeira, Portugal

Hier leben etwa 20 erwachsene Tiere. Die meisten von ihnen auf den Ilhas Desertas. Aber auch auf Madeira selbst tauchen die in Portugal als lobo-marinho (wörtlich: Seewolf) bekannten Robben mittlerweile wieder auf. Die Höhlen wurden neun Monate lang mit Kameras überwacht, um sie nicht regelmäßig betreten zu müssen. Auf diese Weise ließ sich in Erfahrung bringen, ob die Höhlen zur Aufzucht oder „nur“ als Aufenthaltsstätte dienten. Die Überlebensrate der Jungtiere ist sehr niedrig. Dies ist wohl hauptsächlich durch regelmäßig zur Geburtssaison herrschende Stürme und Unwetter bedingt ist.

Die Robben jagen „nur“ innerhalb von einem 200 m Umkreis der Höhlen. Sie scheinen in schlechter körperlicher Fassung zu sein, deren Ursache man in einer unzureichenden Nahrungsgrundlage vermutet.
Rosa Pires vom Parque Natural de Madeira

Foto oben: Jürgen und Edith Fleissner


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