Good Bye Vaquita

Vaquitas (Phocoena sinus) sind die am stärksten gefährdeten Meeressäugetiere. Ihre Zahl sank 2021 auf unter 10 Exemplare. Höchstwahrscheinlich werden die kleinen, wegen ihrer Gesichtszeichnung auch „Panda der Meere“ genannten Schweinswale 2021 aussterben. Vaquitas gibt es ausschließlich im Nordzipfel des Golfs von Kalifornien. Sie haben den kleinsten Lebensraum aller Meeressäuger. Er entspricht etwa einem ¼ der Größe von Los Angeles.

Entdeckt wurden sie erst 1958. Seit der Jahrtausendwende nimmt ihr Bestand rasant ab: 1997 ging man 567 Exemplaren aus. 2008 waren es noch 245. 2015 dann 59. Und im November 2016 noch rund 30. Bevor wir mehr über die „Pandas der Meere“ erfahren können, werden sie jetzt wohl aussterben.


Hochriskante Einfangaktion für die letzten Vaquitas

Zeichnung Vaquita-Schweinswal.

Zeichnung von Frédérique Lucas, Porpoise Conservation Society

Noch im Herbst 2017 wollten Wissenschaftler die Art retten. Mit einer höchst umstrittenen Einfangaktion. Doch schon beim zweiten Versuch starb ein Tier. Dann wurde die Operation abgebrochen.

Refugium für die letzten ihrer Art

Unter Leitung des mexikanischen Umweltministeriums (SEMARNAT) und mit Unterstützung mehrerer Zoos und Aquarien, unter anderem SeaWorld und der Tiergarten Nürnberg, wurde das Projekt VaquitaCPR (Conservation, Protection and Recovery – Erhalt, Schutz und Erholung) ins Leben gerufen.

Vaquita – Foto: Paula Olson, NOAA – public domain

Ein aus 65 Wissenschaftlern aus neun Ländern bestehendes Team sollte mit Ortungsgeräten Vaquita für Vaquita aufspüren und „retten“.

Gefangene Tiere wollte man anschließend in ein Meeresgehege umsiedeln. Dort sollten sie in Sicherheit leben und sich vermehren. Bis eines fernen Tages die Gefahren in ihrem natürlichen Lebensraum gebannt wären und sie wieder in die Freiheit entlassen werden könnten …

Da waren‘s nur noch …

Eine Woche nach Beginn der Aktion am 12. Oktober 2017 fing man tatsächlich ein etwa sechs Monate altes Schweinswaljunges und setzte es ins Gehege. Doch aufgrund extremer Panik musste man es schnell wieder freilassen. Dennoch bejubelten die Forscher dies als Erfolg. Denn erstmals war es gelungen, einen der scheuen Wale zu fangen. Ob der Kleine die Prozedur und die Trennung von der Mutter überlebt hat, ist allerdings nicht bekannt…

Beim zweiten Versuch kam es noch schlimmer. Ein erwachsenes Weibchen starb kurz nach dem Fang unter den Händen der Tierärzte. Vergeblich hatte man drei Stunden lang versucht, es zu reanimieren. Doch der Stress war zu groß. Daraufhin stellte man die Fangoperationen ein.

Menschliche Obhut als Notlösung

Viele Befürworter sahen in dem Projekt die letzte Chance für den Vaquita. Zwar kann es gelingen, eine in freier Wildbahn nahezu verschwundene Art in menschlicher Obhut zu erhalten und wieder auszuwildern. Wie etwa beim Kalifornischen Kondor. Doch ob dies bei einem kaum erforschten, scheuen Meeressäuger gelingen würde, stellten viele in Frage.

Daher stieß das Vorhaben bei vielen Naturschützern auf Kritik. „Vaquitas sind extrem scheu. Dass die kleinen Wale unter den Fangaktionen leiden. Dass sie ernste, wenn nicht tödliche Folgen davontragen würden. Das war absehbar“, erklärt Ulrich Karlowski, Biologe der Deutschen Stiftung Meeresschutz. „Anstatt auch nur einen der Golftümmler zu retten, ist VaquitaCPR verantwortlich für den Tod eines Tieres. Ausgerechnet auch noch eines der wenigen verbliebenen Weibchen.“

Vaquita: Chronik eines angekündigten Artentods

Vaquita mit Stellnetzfischerbooten.

Keine Chance hat der kleine Vaquita (unten im Bild) gegen Stellnetzfischer, die in seinem Lebensraum operieren. Foto: Paula Olson, NOAA, public domain

Lukrativer als Drogenschmuggel

Ursache für das Aussterben der Vaquitas sind illegale Stellnetze. Sie können sie nicht orten. Sie verfangen sich und sterben. Vaquitas sind nur Beifang.

Denn abgesehen haben es die Fischer auf Totoabas (Totoaba macdonaldi). Der Totoaba ist ein über 2 m langer und über 100 kg schwerer Umberfisch. Seine Schwimmblase erzielt höhere Preise als Kokain. Auch er ist vom Aussterben bedroht. Denn die Schwimmblase gilt als Heilmittel und Aphrodisiakum in der traditionellen chinesischen Medizin.

Bis zu 100.000 Dollar/Kilogramm legt man in China dafür auf den Tisch. In das lukrative Geschäft sollen laut dem mexikanischen Nachrichtenportal Reporte Indigo inzwischen auch mexikanische Drogenbanden verwickelt sein.

Halbherzige Schutzbemühungen für Vaquitas

Vaquita im Golf von Kalifornien.

Vaquita im Golf von Kalifornien. Foto: Paula Olson, NOAA, public domain

Obwohl erste Schutzbemühungen bis ins Jahr 1993 zurückreichen, scheiterten diese an mangelnder Umsetzung. Damals rief Mexiko den Lebensraum der beiden endemischen Spezies Vaquita und Totoaba zum Biosphärenreservat aus.

Drei Jahre später trat ein Rettungsplan in Kraft. 2005 dann örtlich begrenzte Fischereiverbote. 2014 ein zweijähriges Stellnetzverbot.

Gleichzeitig stellte die Regierung 74 Millionen US-Dollar als Ausgleichszahlungen an die Fischer bereit. Doch all das half nichts. Denn vielfach floss das Geld in neue Boote und Motoren.

Folglich nahm der Fischereidruck weiter zu. Zwar ist die Stellnetzfischerei seit Juni 2017 endgültig verboten. Doch ohne Kontrollen und Strafen blieb dies wirkungslos.

Kampf den Wilderern

Die internationale Organisation Sea Shepherd kämpft seit Jahren in Kooperation mit der Regierung gegen die illegale Fischerei: Die „Meereshirten“ überwachen mit einem Boot die Gewässer. Konfiszierten Stellnetze. Spüren nachts mit Drohnen Wilderer auf.

„Wir müssen die Wilderer aufspüren. Sie müssen verhaftet, verurteilt und bestraft werden. Die Netze müssen konfisziert und zerstört werden“, erklärt Gründer und Präsident der Organisation Paul Watson. Sicher ist: Das Geld für die Rettungsaktion – rund fünf Millionen Dollar allein für die Anfangsphase – hätte man besser in lückenlose Kontrollen gesteckt.

Foto oben: ©Paula Olson/NOAA/public domain