Seit Anfang April stranden ungewöhnlich viele Grauwale (Eschrichtius robustus) auf ihrer jährlichen Wanderung von den Lagunen der Baja California, Mexiko, zu ihren Nahrungsgründen an der Küste Alaskas. Mexikanische Forscher stießen auf zahlreiche tote Grauwale in und um die Küstenlagunen der Baja California. Nach Angaben des Senders ABC starben bis zum 21. Juli allein in der Bucht von San Francisco 21 Wale.
Kernaussagen
- Seit April 2023 stranden ungewöhnlich viele Grauwale auf ihrer Wanderung von Mexiko nach Alaska.
- Bis 2025 wird der Bestand der ostpazifischen Grauwale auf etwa 13.000 Tiere sinken, der niedrigste Stand seit den 1970er-Jahren.
- Die Grauwale ernähren sich durch Gründeln am Meeresboden und können bis zu 1,25 Tonnen Nahrung täglich aufnehmen.
- Bei einer Körpergröße von bis zu 15 m bringt ein Grauwal etwa 34 Tonnen auf die Waage.
- Bei ihrer Rundwanderung zwischen den Nahrungsgründen entlang der Küste Alaskas und den Fortpflanzungsgründen entlang der Küste Mexikos in der Baja California bewältigen die Meeressäuger Strecken von bis zu 20.000 Kilometern.
- Obwohl internationale Schutzmaßnahmen das Aussterben der Art verhinderten, bleibt die Zukunft der Grauwale aufgrund von Umweltveränderungen ungewiss.
Experten befürchten, dass der Bestand der ostpazifischen Grauwale nicht mehr genügend Widerstandskraft hat, um sich von dem Unusual Mortality Event /UME (außergewöhnliches Sterblichkeitsereignis) von 2019 bis 2023 erholen zu können.

- Niedrigster Bestand seit den 1970er-Jahren
- Eine der am besten untersuchten Walarten
- Grauwale wandern weit
- Grauwale im Atlantik und im Mittelmeer – wie kann das sein?
- Artensteckbrief
- Gründeln und wühlen am und im Meeresboden
- Jährliches Grauwal-Treffen in der Baja California
- Unusual Mortality Event von 2019 bis 2023
- Eine Artenschutz-Erfolgsgeschichte
Niedrigster Bestand seit den 1970er-Jahren
Bis zum 18. Juni 2025 hatten Wissenschaftler von NOAA Fisheries (Fischereiabteilung der Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA) 47 an der US-Westküste tot gestrandete Grauwale dokumentiert, gegenüber 31 im Jahr davor. Meist handelte es sich um erwachsene Tiere. Einige zeigten deutliche Anzeichen für Mangelernährung: schwach ausgeprägte Speckschicht (Blubber) und keine Nahrung im Magen oder Darm. Das ist kritisch, da die bis zu 34 Tonnen schweren Meeresgiganten während ihrer Wanderung kaum Nahrung zu sich nehmen. Verluste traten aber auch durch Angriffe von Schwertwalen, Schiffskollisionen sowie Verhedderungen in Fischereigerät auf.
Datenauswertungen des Southwest Fisheries Science Center von NOAA Fisheries zeigen, dass der Grauwal-Bestand Ende Juni 2025 bei etwa 13.000 Tieren gelegen haben dürfte. NOAA Fisheries rechnet dabei mit einer Fehlertoleranz. So erhält man eine wahrscheinliche Populationsgröße zwischen 11.700 und 14.500 Eschrichtius robustus für das Jahr 2025. Das ist der niedrigste Bestand seit den 1970er-Jahren. Die Reproduktionsrate bleibt dabei niedrig.
Experten zählten vor Zentralkalifornien seit Beginn des Jahres bis Mitte Juni nur etwa 85 Grauwalkälber, die zu den Nahrungsgründen in der Arktis schwammen. Das ist die niedrigste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1994. Seit 2019 gibt es damit zu wenig Nachwuchs bei den ostpazifischen Grauwalen. Es sind zu wenige, als dass sich die Population erholen könnte.
Der Grauwal ist eine der am besten untersuchten Walarten
Der Grauwal verdankt seinen Namen der grau melierten Körperfarbe. Auffällig sind die vielen unregelmäßig auf der Haut verteilten Seepocken und Walläuse. Diese ständig zu transportierende Zusatzlast kann rund 200 kg schwer werden. Grauwale leben grundsätzlich in Küstennähe. Daher sind sie vergleichsweise genau erforscht.
Grauwale wandern weit
Die jährlichen Rundwanderungen der ostpazifischen Grauwale gehören zu den bekanntesten und längsten im Tierreich. Lediglich Buckelwale schwimmen noch längere Strecken. Bei ihrer Rundwanderung zwischen den Nahrungsgründen entlang der Küste Alaskas und den Fortpflanzungsgründen entlang der Küste Mexikos in der Baja California legen sie bis zu 20.000 Kilometer zurück. Normalerweise treffen sie im Dezember in der Baja California ein. Dort halten sie sich dann bis zu vier Monate lang auf, um ihre Jungen zur Welt zu bringen. Dann geht es wieder zurück.
Grauwale im Atlantik und im Mittelmeer – wie kann das sein?
Im Atlantik hatten Walfänger den Grauwal vor mehr als 300 Jahren ausgerottet. Doch nach Angaben des New England Aquarium soll es in den vergangenen 15 Jahren fünf Sichtungen von Eschrichtius robustus im Atlantik und Mittelmeer gegeben haben. Einzelne schwammen sogar bis in den Südatlantik.
2013 tauchte einer in der Walfischbucht vor Namibia auf. Das war der erste bekannte Nachweis von Grauwalen in der südlichen Hemisphäre. Andere Tiere zog es sogar bis ins Mittelmeer: Am 9. Mai 2010 fotografierte Meeresbiologe Aviad Scheinin von unserer Partnerorganisation Delphis und Wissenschaftler der IMMRAC (Israel Marine Mammal Research and Assistance Center) einen Grauwal vor der Küste Israels. Er wurde dann nochmals am 30. Mai vor der Ostküste Spaniens gesichtet. Sein Schicksal ist ungewiss. Im April 2021 entdeckte man einen anderen Grauwal im Golf von Neapel.
Ein Grauwal vor Miami Beach
Am 19. Dezember 2023 schwamm ein 12 m großer Eschrichtius robustus vor der Skyline von Miami Beach. Bis zum 1. März 2024 hatte er die Strecke bis zur Insel Nantucket im US-Bundesstaat Massachusetts bewältigt. Das war eine weitere Sensation nach dem Grauwal aus der Walfischbucht.
Klimakrise ermöglicht Rückkehr in den Atlantik
Die Frage, welche Route die im Atlantik auftauchenden Grauwale beim „Ocean-Hopping“ nehmen, ist in der Wissenschaft bisher nicht abschließend geklärt. Zwar wollen Wissenschaftler1 Wanderrouten ums Kap Hoorn an der Spitze Südamerikas, durch den Suezkanal oder den Panamakanal nicht ausschließen, halten sie aber für wenig wahrscheinlich.

Für sehr viel wahrscheinlicher halten sie die Theorie, dass die reiselustigen Bartenwale den von der Klimakrise befeuerten Rückgang des arktischen Eises ausnutzen. Noch vor wenigen Jahren hatte eine arktische Meereiswand polares „Ocean-Hopping“ verhindert. Denn als Säugetiere können sie keine langen Strecken unter einer geschlossenen Eisdecke schwimmen.
Infrage kommen die rund 6.500 km lange Nordwestpassage oder Teilstrecken der rund 5,780 km langen Nordwestpassage. Beide sind seit einigen Jahren von immer weniger Meereis bedeckt.
Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Ozeanerwärmung es möglich machen könnte, dass diese Wale sich ihre einstigen Lebensräume im Nordatlantik, vielleicht sogar bis in den Südatlantik, zurückerobern.
Artensteckbrief Grauwal
Ein Wal mit eigener systematischer Familie
Grauwale unterscheiden sich derart deutlich von allen anderen Walen, dass man sie einer eigenen systematischen Familie zugeordnet hat. Unter den heutigen Bartenwalen, zu denen auch Buckelwale oder Finnwale zählen, ist die Art einmalig. Denn ein Grauwal sucht seine Nahrung hauptsächlich am oder über dem Meeresboden. Dort filtert er allerlei kleine Organismen aus dem Sediment oder der Wassersäule. Ungewöhnlich ist auch, dass die Tragzeit dieser Meeressäuger bei über einem Jahr liegt.
Bei einer Körpergröße von bis zu 15 m bringt ein Grauwal etwa 34 Tonnen auf die Waage.
Die Art ist aktuell dauerhaft auf den nördlichen Pazifik beschränkt. Während des 17. und 18. Jahrhunderts gab es die grauen Riesen auch im Nordatlantik. Dort gelten sie seit den frühen 1700er-Jahren jedoch als funktionell ausgestorben. Einzelne Exemplare tauchen mittlerweile wieder im Atlantik auf.
Im Nordpazifik leben zwei sehr unterschiedlich große Populationen von Eschrichtius robustus. Die eine besteht aus nur etwa 300 erwachsenen Tieren. Sie lebt im Westpazifik (Nordost-Sachalin und Südost-Kamtschatka). Sehr viel größer ist dagegen die Grauwal-Population im Ostpazifik. Der Bestand unterliegt jedoch starken Schwankungen. Vom Höchststand aus 2016, mit 27.000 erwachsenen Exemplaren, sank ihr Bestand im Juni 2025 auf 13.000 Exemplare. Wissenschaftler vermuten, dass die ostpazifische Population die heutige Kapazität ihres Lebensraums ausgeschöpft hat.
Grauwale gründeln und wühlen am und im Meeresboden
Auch seine Nahrungsaufnahme macht den Grauwal einzigartig. Die Art zählt wie Korallen, Seegraswiesen oder die Pazifische Auster zu den marinen Ökosystem-Ingenieuren.
Grauwale ernähren sich von einer breiten Palette benthischer (auf oder im Meeresboden) und epibenthischer (über dem Sediment) lebender Organismen wie Würmern, Krebstieren (Flohkrebse oder Ruderfußkrebse), Schnecken und kleinen Fischen. Bis zu 1,25 Tonnen dieser Nahrung kann ein ausgewachsenes Exemplar täglich konsumieren.
Wenn die Giganten in Sedimenten am Meeresboden gründeln und wühlen, rollen sie sich langsam schwimmend auf die Seite. Dabei filtern sie die Nahrung durch die 130 bis 180 groben Bartenplatten auf beiden Seiten ihres Oberkiefers und hinterlassen lange Schlammspuren und „Fütterungsgruben“ (feeding pits) im Meeresboden. Hierbei bevorzugen sie meist ihre rechte Seite. Dies führt im Laufe zur schnelleren Abnutzung der rechten Barten.

Grauwal in der Lagune von San Ignacio, Mexiko, © Iris Ziegler
Jährliches Grauwal-Treffen in der Baja California
Ostpazifische Grauwale fressen fast ausschließlich während der Sommermonate in den nahrungsreichen, kalten Gewässern vor der Westküste Kanadas und der USA. Dadurch wird die lange Wanderung bis nach Mexiko und zurück zum Risiko. Denn in dieser Zeit nehmen sie kaum noch Nahrung zu sich. Auch nicht, während sie den Winter vor der Küste Mexikos verbringen. Fast alle Tiere treffen sich jedes Jahr in den geschützten Lagunen der Baja California.
Das sehr salzhaltige und flache Wasser der Lagunen ist optimal, um die bei der Geburt bereits etwa viereinhalb Meter langen und 500 Kilogramm schweren Kälber sicher auf die Welt zu bringen und aufzuziehen. Walkälber kommen bei der Geburt mit dem Schwanz voran zur Welt. Sie werden sofort von ihren Müttern und manchmal „Helferinnen“ an die Wasseroberfläche gebracht, damit sie ihre Lungen mit Luft füllen können.
Die Meeressäuger setzen im Sommer und Herbst „alles auf eine Karte“, erklärt NOAA Fisheries. Das ist die Zeitspanne, in der sie versuchen müssen, sich satt zu essen. Nur so können sie die folgenden sechs Monate überleben. Dem größten Ernährungsstress sind sie dann während der erneuten Migration nach Norden ausgesetzt. Dann stoßen sie möglicherweise an die Grenzen ihrer Fettreserven.
Unusual Mortality Event (UME) von 2019 bis 2023
Vom 17. Dezember 2018 bis zum 9. November 2023 strandeten 690 Grauwale an den Küsten von Kanada, den USA und von Mexiko. Gleich zu Beginn der Strandungen rief NOAA Fisheries ein Unusual Mortality Event (UME) aus. Wenn ein UME (ein außergewöhnliches Sterblichkeitsereignis in einer Population) erklärt wird, folgen sofortige Untersuchungen und die Einleitung von Gegenmaßnahmen.

Am 14. März 2024 erklärte NOAA Fisheries den UME für beendet. Von den 690 während des UME dokumentierten Strandungen fanden 347 an der US-Küste, 316 in Mexiko und 27 an der kanadischen Küste statt.

Die Wissenschaftler des UME-Teams gehen davon aus, dass lokale Veränderungen des Ökosystems in den subarktischen und arktischen Nahrungsgebieten der Wale die Hauptursache für das Massensterben darstellen. Aufgrund von weniger Meereis konnten die Wale nicht genügend Nahrung finden. Dies führte zu Unterernährung, in der Folge zu einer verminderten Geburtenrate, verbunden mit erhöhter Sterblichkeit.
Weitere Todesursachen, die während des UME dokumentiert wurden, sind Orca-Angriffe, Schiffskollisionen und Verhedderungen in verlorenem Fischereigerät.
Sinkende Widerstandsfähigkeit der Population
Bisher ging man davon aus, dass der UME von 2019 bis 2023 keine langfristige Gefahr für das Überleben der Art darstellt. Denn der damit verbundene Rückgang ähnelt früheren Schwankungen. Beim UME von 1999 bis 2000 verstarb mehr als ein Fünftel der Gesamtpopulation. Anschließend ging es wieder bergauf. 2016 zählten NOAA-Wissenschaftler wieder 27.000 Tiere. Dies ist der bisherige Höchststand.
Die Widerstandsfähigkeit der ostpazifischen Grauwale gegenüber sich verändernden Umweltbedingungen scheint nachzulassen. Früher erholte sich der Bestand nach Jahren mit Verlusten oft rasch. Das macht den aktuellen anhaltenden Bestandsrückgang und die niedrige Geburtenrate bemerkenswert.
Das Überleben der Grauwale – eine Erfolgsgeschichte
Die ostpazifischen Grauwale zählen zu den Erfolgsgeschichten im Meeresschutz. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren auch sie durch den kommerziellen Walfang fast ausgerottet. 1946 dann verbot die Internationale Walfangkommission (IWC) die Jagd. Damit konnte das Aussterben verhindert werden. 1994 konnte die Art wieder von der Roten Liste bedrohter Tierarten gestrichen werden. Seitdem nahm ihre Zahl stetig zu, erreichte aber nicht mehr die Höhe aus der Zeit vor Beginn der kommerziellen Jagd. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts soll es ca. 96.000 Grauwale gegeben haben.
- Scheinin, Aviad; Kerem, Dan; MacLeod, Colin; Gazo, Manel; Chicote, Carla; Castellote, Manuel; – Gray whale (Eschrichtius robustus) in the Mediterranean Sea: Anomalous event or early sign of climate-driven distribution change? – December 2011 -Marine Biodiversity Records 4; DOI: 10.1017/S1755267211000042 ↩︎
Update: überarbeiteter und mit neuem Datum veröffentlichter Beitrag
Titelfoto: Springender Grauwal, NOAA Fisheries/Dave Weller
