Der Grauwal – Ein Wal wie kein anderer

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Der Grauwal (Eschrichtius robustus) verdankt seinen Namen der grau melierten Körperfarbe. Auffällig sind die unregelmäßig auf der Haut verteilten bis zu 200 kg an Seepocken und Walläusen. Diese Giganten leben grundsätzlich in Küstennähe. Daher sind sie eine der am besten untersuchten Walarten. Die jährlichen Rundwanderungen der ostpazifischen Grauwale gehören zu den bekanntesten und längsten im Tierreich. Bei ihrer Rundwanderung zwischen den Nahrungsgründen entlang der Küste Alaskas und den Fortpflanzungsgründen entlang der Küste Mexikos in die Baja California legen sie bis zu 20.000 Kilometer zurück. Normalerweise treffen sie im Dezember in der Baja California ein. Dort halten sie sich dann bis zu vier Monate lang auf, um ihre Jungen zur Welt zu bringen. Dann geht es wieder zurück. Lediglich Buckelwale wandern noch längere Strecken.

Ein Wal wie kein anderer

Grauwale unterscheiden sich derart deutlich von allen anderen Walen, dass man sie einer eigenen systematischen Familie zugeordnet hat. Unter den heutigen Bartenwalen, zu denen z. B. Buckelwale oder Finnwale zählen, steht die Art einmalig da. Denn ein Grauwal sucht seine Nahrung hauptsächlich am oder über dem Meeresboden. Dort filtert er allerlei kleine Organismen aus dem Sediment oder der Wassersäule. Ungewöhnlich ist auch, dass die Tragzeit dieser Meeressäuger bei über einem Jahr liegt.

Artensteckbrief Grauwal

Wie groß ist ein Grauwal?

Bei einer Körpergröße von bis zu 15 m bringt ein Grauwal etwa 34 Tonnen auf die Waage.

Was fressen Grauwale?

Sie ernähren sich von einer breiten Palette benthischer (auf oder im Meeresboden) und epibenthischer (über dem Sediment) lebender Organismen wie Würmern, Krebstieren (Flohkrebse oder Ruderfußkrebse), Schnecken und kleinen Fischen. Bis zu 1,25 Tonnen dieser Nahrung kann ein ausgewachsener Wal täglich konsumieren. Dabei fressen sie fast ausschließlich während der Sommermonate in den nahrungsreichen Gewässern vor der Westküste Nordamerikas. Dadurch wird die lange Wanderung bis nach Mexiko und zurück zum Risiko. Denn in dieser Zeit nehmen sie kaum noch Nahrung zu sich. Auch nicht, während sie den Winter vor der Küste Mexikos verbringen.

Wie viele Grauwale gibt es noch?

Seit dem Höchststand der Population im Ostpazifik im Jahr 2016 mit etwa 27.000 Exemplaren sank der Bestand von 2019 bis 2022 um 38 Prozent auf 16.650 Tiere. Im Westpazifik (Nordost-Sachalin und Südost-Kamtschatka) gibt es noch einen kleinen Bestand von etwa 300 erwachsenen Grauwalen.

Grauwale gründeln und wühlen am und im Meeresboden

Seine Nahrungsaufnahme macht den Grauwal einzigartig. Wenn die Giganten in Sedimenten am Meeresboden gründeln und wühlen, rollen sie sich langsam schwimmend auf die Seite. Dabei filtern sie die Nahrung durch die 130 bis 180 groben Bartenplatten auf beiden Seiten ihres Oberkiefers und hinterlassen lange Schlammspuren und „Fütterungsgruben“ (feeding pits) im Meeresboden. Hierbei bevorzugen die meisten Grauwale ihre rechte Seite. Dies führt im Laufe zur schnelleren Abnutzung der rechten Barten.

Ein Grauwal in der Baja California zeigt seine Barten.

Grauwal in der Lagune von San Ignacio, Mexiko. © Iris Ziegler

Jährliches Grauwal-Treffen in der Baja California

Wie die anderen Bartenwale auch, wandern Grauwale zwischen Nahrungs- und Fortpflanzungsgründen hin und her. Wobei der Reproduktionszyklus eng an den Wanderzyklus gebunden ist. Fast alle Tiere treffen sich jedes Jahr in den geschützten Lagunen der Baja California.

Das sehr salzhaltige und flache Wasser der Lagunen ist optimal, um die bei der Geburt bereits etwa viereinhalb Meter langen und 500 Kilogramm schweren Kälber sicher auf die Welt zu bringen und aufzuziehen. Walkälber kommen bei der Geburt mit dem Schwanz voran zur Welt. Sie werden sofort von ihren Müttern und manchmal „Helferinnen“ an die Wasseroberfläche gebracht, damit sie ihre Lungen mit Luft füllen können.

Whalewatching in der San Ignacio Lagune, Mexiko.

Whalewatching mit Grauwalen in der Lagune von San Ignacio, Mexiko. © Iris Ziegler

Grauwale: Einst leichte Beute für Walfänger

Während des 17. und 18. Jahrhunderts gab es auch im Nordatlantik Grauwale. Dort wurden sie allerdings von Walfängern ausgerottet. Heute gibt es noch eine kleine Population mit etwa 300 erwachsenen Tieren im westlichen Pazifik. Der Bestand der Grauwal-Population im Ostpazifik ist dagegen wesentlich größer. Er unterliegt jedoch starken Schwankungen. Im Jahr 2022 lag er bei 16.650 erwachsenen Tieren. Im Jahr 2016 hatte es dagegen noch 27.000 Grauwale gegeben. Wissenschaftler vermuten, dass die Art ihre heutige Lebensraum-Kapazität ausgeschöpft hat.

Die Rettung des Grauwals – Eine Erfolgsgeschichte

Die Grauwale des östlichen Pazifiks zählen zu den Erfolgsgeschichten im Meeresschutz. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren sie durch den kommerziellen Walfang fast ausgerottet. 1946 dann verbot die Internationale Walfangkommission (IWC) die Jagd. Damit konnte das Aussterben des Grauwals verhindert werden. 1994 dann konnte die Art von der Roten Liste bedrohter Tierarten gestrichen werden. Seitdem nahm ihre Zahl stetig zu, erreicht aber nicht mehr die Höhe aus der Zeit vor dem kommerziellen Walfang. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts soll es ca. 96.000 Grauwale gegeben haben.

Rätselhaftes Grauwal-Sterben

2019 begann ein bislang unerklärliches Grauwal-Sterben an der Westküste Nordamerikas. Von 2019 bis 2021 strandeten rund 600 Tiere. Die meisten an den Küsten der USA und Mexikos. Bis Oktober 2022 sank Grauwal-Bestand vom Höchststand aus 2016 mit etwa 27.000 Exemplaren um 38 Prozent auf 16.650 Tiere, berichtet die Fischereiabteilung der Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA, NOAA Fisheries.

Unusual Mortality Event (UME)

Das waren derart hohe Verluste, dass NOAA Fisheries einen unusual mortality event (UME) ausrief. Das ist eine Art Notstand aufgrund einer ungewöhnlich hohen Anzahl von Todesfällen in einer Meeressäugerpopulation. Ein UME erfordert sofortige Untersuchungen und daraus folgende Maßnahmen. Im Rahmen des UME-Untersuchungsprozesses stellte NOAA Fisheries ein unabhängiges Team von Wissenschaftlern zusammen. Experten überprüfen dabei die gesammelten Daten und untersuchen gestrandete Wale.

Immer weniger Nachwuchs bei den Grauwalen

Seit 1994 erfassen Forscher der NOAA die Bestandsentwicklung des ostpazifischen Grauwals. Dabei zählen sie auch die Zahl der jährlich neu hinzugekommenen Walkälber. Seit Beginn der Zählungen gab es noch nie so wenig Nachwuchs. Im Vergleich zu 1994, als es über 1.000 Grauwalkälber gab, zählten die Forscher 2022 lediglich 217.

Entwicklung des Bestands der ostpazifischen Grauwale und neugeborener Kälber von 1994 bis 2022.
Bestandsentwicklung der Population im östlichen Nordpazifik von 1994 bis 2022. Die Grafik zeigt auch die Zählungen der neugeborenen Kälber. © NOAA Fisheries

Seit 2019 schaffen viele Grauwale ihre Wanderung nicht

Strandungen an der Westküste von Nordamerika.
Grauwalstrandungen entlang der Westküste von Nordamerika von Dez. 2018 bis Mai 2021. Quelle: NOAA-Fischeries

Finden die Wale nicht mehr genug Nahrung?

Die Meeressäuger setzen im Sommer und Herbst „alles auf eine Karte“, erklärt NOAA Fisheries. Das ist die Zeitspanne, in der sie versuchen müssen, sich satt zu essen. Nur so können sie die folgenden sechs Monate überleben. Dem größten Ernährungsstress sind sie dann während der erneuten Migration nach Norden ausgesetzt. Dann stoßen sie möglicherweise an die Grenzen ihrer Fettreserven. Einige, aber nicht alle der untersuchten gestrandeten Wale wiesen Anzeichen von Abmagerung auf. Anderen starben nach Schiffskollisionen oder Angriffen durch Orcas.

Es gibt immer weniger Grauwale: Weibchen mit Kalb.
© NOAA Fisheries

Bei den Untersuchungen konnten mehrere wahrscheinliche Ursachen festgestellt werden. Dazu gehören ökologische Veränderungen in der Arktis. Diese wirken sich auf den Meeresboden und dort befindliche Nahrung der Wale (u. a. Krebstiere und andere Wirbellose) aus, sowie auch auf Beute, die über dem Sediment und in der Wassersäule lebt.

„Es scheint mehrere Faktoren zu geben, an deren Verständnis wir noch arbeiten“, sagt Deborah Fauquier, Tiermedizinerin im Marine Mammal Health and Stranding Response Program von NOAA Fisheries, die die UME-Untersuchung koordiniert. Grauwale haben ein für Bartenwale ungewöhnlich breites Nahrungsspektrum. Sie ernähren sich von einer Vielzahl von Beutetieren. Deshalb gibt es viele Variablen, die ihren Ernährungszustand beeinflussen.

Gefahr für das Überleben der Art?

Bislang geht man davon aus, dass das ungewöhnliche Grauwal-Sterben keine Bedrohung für das Überleben der Art widerspiegelt. Denn der jetzt zu beobachtende Rückgang ähnelt früheren Schwankungen der Population im Ostpazifik. Die weitere Bestandsentwicklung will man bei NOAA Fisheries jedoch genau im Auge behalten.

Das letzte vergleichbare Grauwal-Sterben ereignete sich zwischen 1999 und 2000. Damals starb über ein Fünftel der Gesamtpopulation der grauen Meeresriesen. „Der Grauwalbestand erholte sich in der Vergangenheit mehrmals von niedrigen Zahlen“, erklärt Tomo Eguchi, Biologe und Hauptautor der neuen NOAA-Fisheries-Berichte. „Wir sind verhalten optimistisch, dass es diesmal genauso ist.“

Titelfoto: Springender Grauwal, NOAA Fisheries/Dave Weller


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