Es gibt wieder mehr ostpazifische Grauwale (Eschrichtius robustus). Im vergangenen Jahr zählten Spezialisten des Southwest Fisheries Science Center von NOAA Fisheries (Fischereiabteilung der Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA) zwischen 15.930 und 20.530 Tiere. Der Durchschnittswert von ca. 17.750 Grauwalen liegt um einiges über dem aus 2024. Damals erreichte die Population mit knapp weniger als 13.000 Walen ihren historischen Tiefstand seit dem Beginn regelmäßiger Bestandserfassungen Ende der 1960er Jahre.1
Allerdings wurden 2025 lediglich 85 Grauwalkälber gezählt. Das ist der niedrigste je aufgezeichnete Wert. Gleichzeitig starben wie schon 2025 auch 2026 zahlreiche Grauwale an der Westküste der USA und Kanadas während ihrer Rückkehr zu den Nahrungsgründen vor Alaska. Die meisten der 145 bis zum 6. Juli 2026 entdeckten Wale waren stark abgemagert.
Wissenschaftler von NOAA Fisheries bewerten den jüngsten Anstieg vorsichtig optimistisch. Starke Populationsschwankungen sind bei Grauwalen schon öfters vorgekommen.
Kernaussagen
- Die Population der ostpazifischen Grauwale nahm 2025 auf etwa 17.750 Tiere zu, nachdem sie 2024 auf einen historischen Tiefstand von 13.000 gesunken war.
- Allerdings wurden 2025 nur 85 Grauwalkälber gezählt, was den niedrigsten Wert darstellt.
- Grauwale legen jährlich über 15.000 bis 20.000 Kilometer zwischen ihren Nahrungs- und Fortpflanzungsgebieten zurück.
- Von 2019 bis 2023 hatte NOAA Fisheries einen Unusual Mortality Event (UME) erkärt. In diesem Zeitraum strandeten 690 Grauwale, hauptsächlich aufgrund von Nahrungsmangel.
- Grauwale sind eine Erfolgsgeschichte im Meeresschutz. Die Art stand durch den kommerziellen Walfang bereits kurz vor dem Aussterben.
Die Wanderungen der Grauwale
Jedes Jahr bewältigen die bis zu 15 m großen und etwa 34 Tonnen schweren Wale die gewaltige Entfernung zwischen ihren Nahrungsgründen vor Alaska und ihren Fortpflanzungsgründen in der Baja California in Mexiko und wieder zurück. Das sind zwischen 15.000 und 20.000 Kilometer. Damit gehören sie zu den am weitesten wandernden Säugetieren der Welt. Lediglich Buckelwale schwimmen noch längere Strecken.
Sie sind gemächliche Schwimmer. Ihre Reisegeschwindigkeit beträgt etwa 8 Kilometer pro Stunde. Für eine einfache Strecke benötigen sie rund zwei bis drei Monate. Auf ihrer Wanderung zu den flachen Lagunen der Baja California, während ihres Aufenthalts dort (Januar bis März) und auf dem Rückweg ins Beringmeer nehmen sie so gut wie keine Nahrung zu sich.
Die Meeressäuger setzen im Sommer und Herbst „alles auf eine Karte“. Das ist die Zeitspanne, in der sie versuchen müssen, sich satt zu essen. Nur so können sie die folgenden sechs Monate überleben. Dem größten Ernährungsstress sind sie dann während der erneuten Migration nach Norden ausgesetzt. Dann stoßen sie möglicherweise an die Grenzen ihrer Fettreserven.
Es mehren sich jedoch Hinweise, dass einige Wale begonnen haben, neue Strategien zu testen. So verlassen seit 2018 immer mehr Grauwale ihre übliche Nord-Süd-Zugroute, um vorübergehend in die Bucht von San Francisco und andere Gebiete an der Westküste zu schwimmen. Möglicherweise auf der Suche nach Nahrung.2

Ein Wal mit eigener systematischer Familie
Der Grauwal unterscheidet sich derart deutlich von allen anderen Walen, dass man ihn einer eigenen systematischen Familie – Eschrichtius – zugeordnet hat. Dort ist die Art monotypisch.
Ihre Nahrungsaufnahme macht Grauwale einzigartig. Sie zählen wie Korallen, Seegraswiesen oder Pazifische Austern zu den marinen Ökosystem-Ingenieuren.
Ernährung
Grauwale ernähren sich von einer breiten Palette benthischer (auf oder im Meeresboden) und epibenthischer (über dem Sediment) lebender Organismen wie Würmern, Krebstieren (Flohkrebse oder Ruderfußkrebse), Schnecken und kleinen Fischen. Bis zu 1,25 Tonnen dieser Nahrung kann ein ausgewachsenes Exemplar täglich konsumieren.
Wenn die Giganten in Sedimenten am Meeresboden gründeln und wühlen, rollen sie sich langsam schwimmend auf die Seite. Dabei filtern sie die Nahrung durch die 130 bis 180 groben Bartenplatten auf beiden Seiten ihres Oberkiefers und hinterlassen lange Schlammspuren und „Fütterungsgruben“ (feeding pits) im Meeresboden. Hierbei bevorzugen sie meist ihre rechte Seite. Dies führt im Laufe zur schnelleren Abnutzung der rechten Barten.

Grauwale fressen fast ausschließlich während der Sommermonate in den nahrungsreichen, kalten Gewässern vor der Westküste Kanadas im Golf von Alaska und der USA im Beringmeer. Ihr Überleben auf der Wanderung bis nach Mexiko und zurück hängt davon ab, ob sie im Sommer genügend Nahrung finden.
Grauwal in der Lagune von San Ignacio, Mexiko, © Iris Ziegler
Artensteckbrief
Diese Wale verdanken ihren Namen der grau melierten Körperfarbe. Auffällig sind die vielen unregelmäßig auf der Haut verteilten Seepocken und Walläuse. Diese ständig zu transportierende Zusatzlast kann rund 200 kg schwer werden. Grauwale leben grundsätzlich in Küstennähe. Daher sind sie vergleichsweise genau erforscht.
Der Lebensraum von Eschrichtius robustus ist aktuell auf den Nordpazifik beschränkt. Während des 17. und 18. Jahrhunderts gab es sie auch im Nordatlantik. Dort gelten sie seit den frühen 1700er-Jahren als funktionell ausgestorben. Jedoch schwimmen einzelne Exemplare mittlerweile wieder bis in den Atlantik.
Im Nordpazifik leben zwei unterschiedlich große Populationen von Eschrichtius robustus. Die eine besteht aus nur etwa 300 erwachsenen Tieren. Sie lebt im Westpazifik (Nordost-Sachalin und Südost-Kamtschatka). Sehr viel größer ist dagegen die Grauwal-Population im Ostpazifik. Der Bestand durchläuft regelmäßig starke Schwankungen. Vom Höchststand aus 2016, mit 27.000 erwachsenen Exemplaren, sank er 2024 auf 13.000, um 2025 auf fast 18.000 Exemplare anzuzusteigen. Wissenschaftler vermuten, dass die ostpazifische Population die Kapazität ihres Lebensraums weitgehend ausgeschöpft haben könnte.
Fast alle Tiere treffen sich jedes Jahr im Winter zur Fortpflanzung in den geschützten Lagunen der Baja California, Mexiko. Dort kommen die Jungtiere im warmen und flachen Salzwasser nach einer außergewöhnlich langen Tragzeit von über einem Jahr zu Welt.
Das sehr salzhaltige und flache Wasser der Lagunen ist optimal, um die bei der Geburt bereits etwa viereinhalb Meter langen und 500 Kilogramm schweren Kälber sicher auf die Welt zu bringen und aufzuziehen. Walkälber kommen bei der Geburt mit dem Schwanz voran zur Welt. Sie werden sofort von ihren Müttern und manchmal „Helferinnen“ an die Wasseroberfläche gebracht, damit sie ihre Lungen mit Luft füllen können.
Grauwale auf Abwegen
Im Atlantik hatten Walfänger den Grauwal vor mehr als 300 Jahren ausgerottet. Doch nach Angaben des New England Aquarium soll es in den vergangenen 15 Jahren fünf Sichtungen von Eschrichtius robustus im Atlantik und Mittelmeer gegeben haben. Einzelne schwammen sogar bis in den Südatlantik.
Atlantik
2013 tauchte einer in der Walfischbucht vor Namibia auf. Das war der erste bekannte Nachweis für die südliche Hemisphäre.
Mittelmeer
Am 9. Mai 2010 fotografierte Meeresbiologe Aviad Scheinin von unserer Partnerorganisation Delphis und Wissenschaftler der IMMRAC (Israel Marine Mammal Research and Assistance Center) einen Grauwal vor der Küste Israels. Er wurde dann nochmals am 30. Mai vor der Ostküste Spaniens gesichtet. Sein Schicksal ist ungewiss. Im April 2021 entdeckte man einen anderen Grauwal im Golf von Neapel.
Miami Beach
Am 19. Dezember 2023 schwamm ein 12 m großer Eschrichtius robustus vor der Skyline von Miami Beach. Bis zum 1. März 2024 hatte er die Strecke bis zur Insel Nantucket im US-Bundesstaat Massachusetts bewältigt. Das war eine weitere Sensation nach dem Grauwal aus der Walfischbucht.
Klimakrise ermöglicht Rückkehr in den Atlantik
Die Frage, welche Route die im Atlantik auftauchenden Grauwale beim „Ocean-Hopping“ nehmen, ist in der Wissenschaft bisher nicht abschließend geklärt. Zwar wollen Wissenschaftler Wanderrouten ums Kap Hoorn an der Spitze Südamerikas, durch den Suezkanal oder den Panamakanal nicht ausschließen, halten sie aber für wenig wahrscheinlich.3

Sehr viel wahrscheinlicher ist die Theorie, dass die reiselustigen Bartenwale den von der Klimakrise befeuerten Rückgang des arktischen Eises ausnutzen. Noch vor wenigen Jahren hatte eine arktische Meereiswand derartiges polares „Ocean-Hopping“ verhindert. Denn als Säugetiere können sie keine langen Strecken unter einer geschlossenen Eisdecke schwimmen.
Infrage kommen die rund 6.500 km lange Nordwestpassage oder Teilstrecken der rund 5.780 km langen Nordwestpassage. Beide sind seit einigen Jahren von immer weniger Meereis bedeckt.
Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Ozeanerwärmung es möglich machen könnte, dass diese Wale sich ihre einstigen Lebensräume im Nordatlantik, vielleicht sogar bis in den Südatlantik, zurückerobern.
Unusual Mortality Event (UME) von 2019 bis 2023
Vom 17. Dezember 2018 bis zum 9. November 2023 strandeten 690 Grauwale an den Küsten von Kanada, den USA und von Mexiko. Gleich zu Beginn der Strandungen rief NOAA Fisheries ein Unusual Mortality Event (UME) aus. Wenn ein UME (ein außergewöhnliches Sterblichkeitsereignis in einer Population) erklärt wird, folgen sofortige Untersuchungen und die Einleitung von Gegenmaßnahmen.

Am 14. März 2024 erklärte NOAA Fisheries den UME schließlich für beendet. Von den 690 während des UME dokumentierten Strandungen fanden 347 an der US-Küste, 316 in Mexiko und 27 an der kanadischen Küste statt.

Die Wissenschaftler des UME-Teams gehen davon aus, dass lokale Veränderungen des Ökosystems in den subarktischen und arktischen Nahrungsgebieten der Wale die Hauptursache für das Massensterben darstellen. Aufgrund von weniger Meereis konnten die Wale nicht genügend Nahrung finden. Dies führte zu Unterernährung, in der Folge zu einer verminderten Geburtenrate, verbunden mit erhöhter Sterblichkeit.
Weitere Todesursachen, die während des UME dokumentiert wurden, sind Orca-Angriffe, Schiffskollisionen und Verhedderungen in verlorenem Fischereigerät.4
Sinkende Widerstandsfähigkeit der Population
Bisher ging man davon aus, dass der UME von 2019 bis 2023 keine langfristige Gefahr für das Überleben der Art darstellt. Denn der damit verbundene Rückgang ähnelt früheren Schwankungen. Beim UME von 1999 bis 2000 verstarb mehr als ein Fünftel der Gesamtpopulation. Anschließend ging es wieder bergauf. 2016 zählten NOAA-Wissenschaftler wieder 27.000 Tiere. Dies ist der bisherige Höchststand.
Das Überleben der Grauwale – eine Erfolgsgeschichte
Die ostpazifischen Grauwale zählen zu den Erfolgsgeschichten im Meeresschutz, denn bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatten kommerzielle Walfänger die Art beinahe ausgerottet.
1946 dann verbot die Internationale Walfangkommission (IWC) die Jagd. Damit konnte das Aussterben verhindert werden. 1994 konnte die Art wieder von der Roten Liste bedrohter Tierarten gestrichen werden. Seitdem nahm ihre Zahl stetig zu, erreichte aber nicht mehr die Höhe aus der Zeit vor Beginn der kommerziellen Jagd. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts soll es ca. 96.000 Grauwale gegeben haben.
- West Coast Gray Whale Estimate Shows Increase, New Count Determines | NOAA Fisheries ↩︎
- Slaathaug JM, Lane RS, Keener W, Pérez A, Flannery M, Webber MA, Grimes A, Wilkin AM, O’Hern JE, Duignan PJ, Calambokidis J and Crocker DE (2026) Gray whales (Eschrichtius robustus) in San Francisco Bay experience high mortality and have limited affiliation to known foraging groups. Front. Mar. Sci. 13:1775666. doi: 10.3389/fmars.2026.1775666 ↩︎
- Scheinin AP, Kerem D, MacLeod CD, Gazo M, Chicote CA, Castellote M. Gray whale (Eschrichtius robustus) in the Mediterranean Sea: anomalous event or early sign of climate-driven distribution change? Marine Biodiversity Records. 2011;4:e28. doi:10.1017/S1755267211000042 ↩︎
- NOAA Fisheres: 2019-2023 Eastern North Pacific Gray Whale UME (CLOSED? ↩︎
Updatehinweis: überarbeiteter und mit neuem Datum veröffentlichter Beitrag
Titelfoto: Springender Grauwal, NOAA Fisheries/Dave Weller
