Grauwale wandern weit

Voraussichtliche Lesedauer: 7 Minuten

Grauwale (Escherichtius robustus) verdanken ihren Namen ihrer graumelierten Körperfarbe. Auf der Haut sitzen unregelmäßig verteilt Seepocken und Walläuse. Die bis zu 15 m langen und bis zu 34 Tonnen schweren Giganten leben grundsätzlich in Küstennähe. Daher sind sie eine der am besten untersuchten Walarten. Die jährlichen Wanderungen der ostpazifischen Grauwale gehören zu den bekanntesten und längsten im Tierreich. Bei ihrer Rundwanderung zwischen den Nahrungsgründen entlang der Küste Alaskas und den Fortpflanzungsgründen entlang der Küste Mexikos in die Baja California legen sie bis zu 20.000 Kilometer zurück. Normalerweise treffen sie im Dezember in der California ein. Dort halten sie sich dann bis zu vier Monate lang auf, um ihre Jungen zur Welt zu bringen. Dann geht es wieder zurück. Lediglich Buckelwale wandern noch längere Strecken.

Der Grauwal: Ein Wal wie kein anderer

Grauwale unterscheidet sich derart deutlich von allen anderen Walen, dass er einer eigenen systematischen Familie zugeordnet ist. Unter den heutigen Bartenwalen, zu denen z. B. Buckelwale oder Blauwale zählen, steht die Art einmalig da. Denn Grauwale suchen sich ihre Nahrung hauptsächlich am Meeresboden. Dort filtern sie kleine Organismen aus dem Sediment flacher Meere. Ungewöhnlich ist auch, dass diese Walart eine Tragzeit von über einem Jahr aufweist.

Gründeln und Wühlen am und im Meeresboden

Grauwale ernähren sich von eine breiten Palette benthischer (auf oder im Meeresboden) und epibenthischer (über dem Sediment) lebender Organismen wie Würmern, Krebstieren (Flohkrebse oder Ruderfußkrebse), Schnecken und kleinen Fischen.

Ein Grauwal in der Baja California zeigt seine Barten.

Grauwal in der Lagune von San Ignacio, Mexiko – © Iris Ziegler

Dabei ist fressen sie fast ausschließlich während der Sommermonate in den nahrungsreichen Gewässern vor der Westküste von Nordamerika. Dadurch wird die lange Wanderung bis nach Mexiko und zurück zum Risiko. Denn auch während sie den Winter vor der Küste Mexikos verbringen, nehmen sie kaum noch Nahrung zu sich.

Bei der Nahrungsaufnahme saugen Grauwale Sedimente vom Meeresboden ab. Dabei rollen sie sich langsam schwimmend auf die Seite rollen. Dann filtern sie die Nahrung durch die 130 bis 180 groben Bartenplatten auf beiden Seiten ihres Oberkiefers. Hierbei bevorzugen die meisten Tiere ihre rechte Seite. Dies führt im Laufe eines Grauwallebens zur schnelleren Abnutzung der rechten Barten. Bei dieser ungewöhnlichen Form der Nahrungsaufnahme hinterlassen sie oft lange Schlammspuren und „Fütterungsgruben“ (feeding pits) im Meeresboden. Bis zu 1,25 Tonnen dieser Nahrung kann ein ausgewachsenes Exemplar täglich konsumieren.

Jährliches Grauwal-Treffen in der Baja California

Wie die anderen Bartenwale auch, wandern Grauwale zwischen Nahrungs- und Fortpflanzungsgründen hin und her. Wobei der Reproduktionszyklus eng an den Wanderzyklus gebunden ist. Fast alle Tiere treffen sich jedes Jahr in den geschützten Gewässern der Baja California.

Grauwal-Whalewatching in der San Ignacio Lagune, Mexiko.

Whalewatching mit Grauwalen in der Lagune von San Ignacio, Mexiko – © Iris Ziegler

Nur das sehr salzhaltige und flache Wasser der Lagunen der Baja California bietet den Walmüttern eine optimale Möglichkeit ihre bei der Geburt bereits etwa viereinhalb Meter langen und 500 Kilogramm schweren Kälber sicher zu gebären und aufzuziehen. Die Walkälber kommen bei der Geburt mit dem Schwanz voran zur Welt. Sie werden sofort von ihren Müttern und manchmal „Helferinnen“ an die Wasseroberfläche gebracht, damit sie ihre Lungen mit Luft füllen können.

Grauwale waren leichte Beute für Walfänger

Während des 17. und 18. Jahrhunderts gab es auch im Nordatlantik Grauwale. Dort wurden sie allerdings von Walfängern ausgerottet. Heute findet man sie noch in einer verschwindend kleinen Population mit nur noch 100 bis 200 Individuen im westlichen Pazifik und der im Bestand schwankenden Hauptpopulation von ca. 25.000 Individuen im Ostpazifik. Diese hat wahrscheinlich die heutige Kapazität ihres Lebensraums ausgeschöpft.

Denn Ostpazifische Grauwale zählen zu den Erfolgsgeschichten im Meeressäugerschutz. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der kommerzielle Walfang sie fast ausgerottet. 1946 dann verbot die Internationale Walfangkommission (IWC) die Jagd. Damit konnte ihr Aussterben verhindert werden. Seitdem nahm ihre Zahl stetig zu.

1994 strich man Grauwale dann von der Roten Liste bedrohter Tierarten. Jedoch bleibt ihr Bestand unter dem früherer Zeiten. Vor Beginn des kommerziellen Walfangs Mitte des 19. Jahrhunderts soll es ca. 96.000 Grauwale gegeben haben.


Rätselhaftes Grauwal-Sterben

Mindestens 454 Grauwale strandeten von Januar 2019 bis Mai 2021 auf ihrer jährlichen Wanderung entlang der Küste von Alaska nach Mexiko. Die meisten an der Küsten der USA und Mexikos (jeweils 218 Tiere). Das waren derart viele, dass NOAA Fisheries offiziell einen unusual mortality event (UME) ausrief. Das ist eine Art Notstand aufgrund einer ungewöhnlich hohen Anzahl von Todesfällen in einer Meeressäugerpopulation. Ein UME erfordert sofortige Untersuchungen und daraus folgende Maßnahmen.

Rätselhaftes Grauwal-Sterben: Strandungskarte, Dez 2018 bis Mai 2021.
Grauwalstrandungen entlang der Westküste von Nordamerika von Dez. 2018 bis Mai 2021. Quelle: NOAA-Fischeries

Das letzte vergleichbare Grauwalsterben ereignete sich zwischen 1999 und 2000. Damals starb über ein Fünftel der Gesamtpopulation der grauen Meeresriesen.

Finden Grauwale nicht mehr genug Nahrung?

Im Rahmen des UME-Untersuchungsprozesses stellte NOAA Fisheries ein unabhängiges Team von Wissenschaftlern zusammen. Nun sollen Experten die bisher gesammelten Daten überprüfen und gestrandete Wale genau untersuchen. Damit hofft man, mögliche Kausalzusammenhänge zwischen dem Sterben der Grauwale und Störungen im Meeresökosystem zu finden. Vermutet wird, dass die Wale während ihrer langen Wanderung nicht genug Nahrung finden. Warum das so ist, weiß niemand zu sagen.

Fluke eines abtauchenden Grauwals

Foto: NOAA-Fisheries/Dave Weller

Ostpazifische Grauwale setzen im Sommer und Herbst „alles auf eine Karte“, erklärt NOAA Fisheries. Das ist die Zeitspanne, in der sie versuchen müssen, sich satt zu essen. Nur so können sie die folgenden sechs Monate überleben. Dem größten Ernährungsstress sind sie dann während der erneuten Migration nach Norden ausgesetzt. Dann stoßen die Meeressäuger möglicherweise an die Grenzen ihrer Fettreserven. Einige, aber nicht alle, der bislang untersuchten Grauwale wiesen Anzeichen von Abmagerung auf.

Population ging seit 2016 um ein Viertel zurück

Bereits vor der ungewöhnlichen Häufung von Strandungen mit Jahresbeginn 2019 beobachteten US-Wissenschaftler, dass die ostpazische Grauwalpopulation seit 2016 um ein Viertel zurückgegangen ist. So berichtet NOAA Fisheries, dass im Winter 2020 etwa 6.000 weniger wandernde Wale gezählt wurden, nämlich 21.000 gegenüber 27.000 im Jahr 2016.

Bislang geht man jedoch davon aus, dass derart starke Populationsveränderungen keine langfristigen Bedrohungen für das Überleben der Art widerspiegeln.

Foto oben: Springender Grauwal – NOAA-Fisheries/Dave Weller