Todesfalle Hainetz

Haiangriffe auf Menschen sind extrem selten. Dennoch schützt man beliebte Bade- und Surfstrände an den Küsten von Südafrika oder Australien durch Hainetze. Damit will man große Haie, wie Bullenhaie oder Weiße Haie töten. Denn für Städte und Gemeinden ist der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Für Meerestiere jedoch, wie Delfine, Haie, Meeresschildkröten und größere Fische hört der Spaß allerdings spätestens dann auf, wenn sie in die Nähe dieser Strände schwimmen. Denn für sie endet der Ausflug nicht selten tödlich. In Südafrika besonders an den Stränden der Provinz KwaZulu-Natal (Ostküste).

Südafrika – KwaZulu-Natal

„Bather protection“: Schutz vor Haiangriffen

Die Gefahr lauert etwa 400 Meter vor der Küste. Sie ist tödlich. Sie besteht aus jenseits der Brandung parallel zur Küste ausgebrachten Stellnetzen. Diese sind jeweils etwas über 200 Meter lang und sechs Meter hoch. Sie sind knapp unter der Wasseroberfläche verankert. Damit will man Menschen vor Haiangriffen schützen. Doch schützen heißt hier, dass in diese Kiemennetze schwimmende Haie, darunter auch immer wieder Exemplare vom Aussterben bedrohter Arten, sterben. Wenn man sie nicht rechtzeitig befreit.

Küstennah lebende Delfine sterben in Hainetzen

Doch nicht nur Haie zahlen einen hohen Preis. Wobei dieser sowohl beim Zuschwimmen auf die Küste als auch beim Verlassen zu zahlen ist. Denn es ist nur allzu leicht, seitlich an den Stellnetzen vorbei oder unterhalb durchzuschwimmen. Für küstennah lebende Delfinarten, wie z. B. Buckeldelfine können Hainetze sogar zum Zusammenbruch einer Population beitragen. Vielleicht sogar zum lokalen Verschwinden der Art. Dies fand die Meeresbiologin Shanan Atkins vom Endangered Wildlife Trust aus Johannesburg und Kollegen in einer 8-jährigen Langzeitstudie heraus.

Dabei konzentrierten sich die Wissenschaftler auf das bei Badenden und Surfern beliebte Richards Bay (KwaZulu-Natal). Denn dort sterben jedes Jahr besonders viele Bleifarbene Delfine (Sousa plumbea) in Hainetzen.

Zu viele Delfine sterben vor Richards Bay

Toter Delfin wird aus einem Hainetz geborgen.

In Hainetz ertrunkener Delfin. Richards Bay, Südafrika – Foto: Brett Atkins

Das 6-köpfige Team aus südafrikanischen und einem australischen Wissenschaftler identifizierte 109 Delfine mittels Fotoidentifikation individuell. Insgesamt fanden im Untersuchungszeitraum 417 Beobachtungsaktionen statt. Bei 272 von ihnen sichtete man 384 Delfingruppen.

Die Forscher konnten so den Großteil der Delfine erfassen, die während des Untersuchungszeitraums entweder an Richards Bay regelmäßig auf ihren Wanderungen vorbeischwammen oder sich ständig dort aufhielten. Wobei die Zahl residenter Tiere im Vergleich sehr klein blieb. Meist verweilten sie nur für ein oder zwei Tage. Dann zogen sie weiter.

Aber: Sie kommen immer wieder! Das Gebiet hat eine sehr hohe Attraktivität für die Meeressäuger. Die Folgen sind fatal. Und zwar für die gesamte Küstenpopulation dieser Art in KwaZulu-Natal.

In KwaZulu-Natal sind 37 Strände mit Netzen gegen Haiangriffe ausgerüstet. Doch 60 Prozent aller in Hainetzen sterbenden Delfine lassen ihr Leben in Richards Bay. Und dass, obwohl hier nur 5 Prozent der 23,4 Kilometer Stellnetzlänge des 320 Kilometer langen Küstenstreifens von KwaZulu-Natal stehen.

So starben während der Studie von Shanan Atkins hier mindestens 35 Delfine (25 Männchen, 9 Weibchen, bei einem war das Geschlecht nicht mehr feststellbar). Darunter waren auch 9 Tiere, die das Forscherteam individuell identifiziert hatte. „Die Hainetze führen zu einer kontinuierlichen Schwächung der Population,“ schreibt Atkins.

Sonderform der Fischerei zur Haibekämpfung

In KwaZulu-Natal werden Anti-Haimaßnahmen vom „KwaZulu-Natal Sharks Board“ (KZNSB) koordiniert. Die Fangrate der Netze wird dabei akribisch dokumentiert. Dabei zeigen die Aufzeichnungen, dass sich ein Drittel der Tiere auf strandseitig in den Netzen verfängt. Also ausgerechnet dann, wenn sie die Bucht wieder verlassen wollen!

Die Stellnetze gegen Haiangriffe agieren wie eine kommerzielle Fischerei. Nur, dass der Fang nicht genutzt wird. Besonders schlimm an dieser Fischereimethode ist ihre Beifangrate. Stellnetze haben eine doppelt so hohe Beifangrate wie Schleppnetze oder anderes Fanggerät. Folglich spiegelt sich dies auch in den offiziellen KZNSB-Statistiken gefangener und verendeter Meeresstiere aus den letzten 30 Jahren wider. Die Zahlen sind erschreckend:

33 000 Haie (darunter 25 000 für Menschen völlig harmlose Tiere), über 2200 Meeresschildkröten, fast 8500 Rochen und 2500 Delfine! Neben den Buckeldelfinen sterben auch Indopazifische Große Tümmler (Tursiops aduncus) sowie Langschnäuzige Gemeine Delfine (Delphinus capensis).

Toter Bullenhai in Hainetz Provinz KwaZulu-Natal.

Toter Bullenhai in Hainetz, Provinz KwaZulu-Natal– © Fiona Ayerst/Marine Photobank

Einfache Rechnung: Weniger Haie = Weniger Haiangriffe

De facto schwächt man mit Haischutzmaßnahmen die Populationen großer Haiarten. Delfinbeifänge sowie Beifänge kleiner und für den Menschen harmloser Hai- und Rochenarten nimmt man dabei in Kauf. Seit 2010 soll die durchschnittliche jährliche Fangrate in KwaZulu-Natal bei 524 Haien liegen.

Immerhin befreit das KZNSB seit 1989 Haie, die noch leben. Darunter auch potenziell für Menschen gefährliche Arten. Dies sind Sambesi- oder Bullenhaie (Carcharhinus leucas). Weiße Haie (Carcharodon carcharias). Tigerhaie (Galeocerdo cuvier). Nach Angaben des KZNSB kommen so jedes Jahr allerdings durchschnittlich nur 15,7 Prozent der gefangenen Haie mit dem Leben davon.

Auch die Statistiken des australischen „Shark Meshing (Bather protection) 2014-2015 Annual Performance Report“ lesen sich wie ein „Who‘s who“ bedrohter oder geschützter Arten:

Von 189 Meerestieren, die sich binnen eines Jahres in australischen Netzen gegen Haiangriffe verhedderten, stammten 145 (77 %!) von Nicht-Zielarten. Bei 23 Beifängen handelte es sich um geschützte (3 Gemeine Delfine, alle tot) oder bedrohte Arten: 10 Weiße Haie. 4 Suppenschildkröten (3 ertrunken, eine befreit). 4 Sandtigerhaie (tot). 1 Echte Karettschildkröte (tot). Eine nicht identifizierte Meeresschildkröte, die befreit wurde. Imerhin leistet sich Australien ein aufwendiges Beobachterprogramm. Dadurch können auch immer wieder Tiere lebend aus den Netzen befreit werden. Das war im Zeitraum 2014 bis 2015 bei 73 Gelegenheiten der Fall. Fast die Hälfte aller Fänge waren für den Menschen völlig harmlose Rochen (45%).

Delfine in der ökologischen Falle

Problematischer Schutz vor Haiangriffen: Position der Hainetze vor Richards Bay, Südafrika.

Position der Hainetze vor Richards Bay bis April 2019.

Vor Richards Bay in Südafrika schwimmen Delfine in ein Dilemma. Das Gebiet ist, wahrscheinlich wegen seines Nahrungsangebots, sehr attraktiv. Doch birgt es gleichzeitig ein hohes Gefahrenpotenzial. Daher erleidet die KwaZulu-Natal-Population kontinuierlich Verluste. Diese sind durch natürliche Vermehrung nicht zu kompensieren.

Die letzten ihrer Art in Südafrika

Nach Angaben von sousaproject.org (SouSA – Protecting South Africa’s humpback dolphins) leben nur noch etwa 500 Bleifarbene Delfine entlang der Küsten von Südafrika. Damit sind sie die am stärksten vom Aussterben bedrohte Meeressäugerart des Landes.

Alternativen zu Hainetzen: Lösungsansätze

Shanan Atkins und ihre Kollegen untersuchten auch, wie sich die Delfinbeifänge vor Richards Bay vermeiden ließen. Der Königsweg ist hier schwierig. Zur Senkung von Beifängen in der Fischerei gibt es im Wesentlichen 4 Strategien.

  • Verminderung der Fangaktivitäten, dauerhaft oder zeitlich begrenzt.
  • Versetzung der Netze an andere Standorte.
  • Einsatz von Vergrämungstechnologie (z. B. Pinger).
  • Änderung der Fangmethode.

Die Länge der Hainetze vor Richards Bay beträgt 1,1 Kilometer. Das ist vergleichsweise viel. Nur an drei anderen derart vor Haiangriffen geschützten Stränden in KwaZulu-Natal gibt es noch mehr Stellnetze. „Die Netze zu reduzieren oder sie zu bestimmten Zeiten abzubauen sind für die Delfine, die das ganze Jahr über hierhin schwimmen, keine langfristig wirksamen Optionen“, schreiben die Wissenschaftler.

Das Versetzen der Netze, weg von den Nahrungsgründen der Delfine, kommt aufgrund von Infrastrukturproblemen nicht in Frage.

Auch von Pingern (akustischen Signalgebern) – es wurden 10- und 3-kHz-Geräte in der Bucht getestet – zeigten sich die Delfine weitgehend unbeeindruckt. Die Signale scheinen sie eher in die Netze zu locken, denn sie davon abzuschrecken. Ebenfalls wirkungslos blieb der Versuch mit versteiften Netzen. Denn diese verlieren ihre Steifigkeit bereits nach 24 Stunden Hainetze bleiben jedoch 10 Tage im Wasser. Dann tauscht man sie aus.

Drumlines / Köderhaken: Ein zweischneidiges Schwert

Mit sogenannten Drumlines, an einer Boje befestigten, beköderten Haken konnte vor Australien und Brasilien die Delfinbeifangrate gesenkt werden. Auch vor Richards Bay wurde ein Netz, in dem besonders viele Delfine starben, halbiert und durch Drumlines ergänzt. Doch locken die Köder gerade die Tiere an die Küste, die man hier nicht haben will: Haie. Und sie sterben am Köderhaken einen langsamen Tod. Wenn sie nicht rechtzeitig befreit werden.

Warnschild Strand von Muizenberg, Südafrika mit Hai Spotter Hinweis zum Schutz vor Haiangriffen.

Hai-Warnschild am Strand von Muizenberg, Südafrika, mit „Hai Spotter“-Hinweis – © Kathleen Reaugh/Marine Photobank

Elektrozäune und Shark-Spotter

„Um Haiangriffe zu vermeiden, muss man die Haie nicht töten. Es gibt umweltverträglichere Methoden“, plädieren Shanan Atkins und ihre Kollegen für den Einsatz von „Elektrozäunen“.

Hierbei handelt es sich um am Meeresgrund verankerte Elektrokabel. Von ihnen sind unter schwachem Strom stehende Drähte gespannt. Sie reichen bis an die Wasseroberfläche. Damit kann man die elektrosensiblen Haie abgeschrecken. Auch der Einsatz von „Shark Spottern“, die im Wasser befindliche Menschen rechtzeitig vor einem Haiangiff warnen, hat sich z. B. vor Kapstadt bereits bewährt.

Ob diese Methoden auch vor Richards Bay eingesetzt werden können, lässt sich noch nicht abschließend sagen. Hohe, sich kreuzende Wellen und sandiger Untergrund erschweren Verankerungen am Meeresgrund. Das trübe Wasser behindert die Sicht für „Shark Spotter“.

Als erste Reaktion auf die Studie hat das KZNSB zugesagt, zwei weitere Hainetze, die durch ihre hohen Delfinbeifangraten aufgefallen sind, zu entfernen. Dafür werden allerdings Drumlines installiert. Ziel muss aber sein, vor Richards Bay, aber auch an anderen „geschützten“ Stränden in Südafrika schnellstmöglich nicht-tödliche Vergrämungsmethoden zu installieren.

Haiangriffe auf Menschen sind selten

Bereits vor der Installation von Hainetzen in den 1960er-Jahren waren Haiangriffe ein seltenes, wenn auch natürlich in jedem Fall ein tragisches Ereignis. Doch registrierte man seit 1999 an den gegen Haiangriffe „geschützten“ Stränden keine Attacken mehr. Folglich sieht das KZNSB dies als Erfolg seiner „Haischutzmaßnahmen“. Für Meeresschützer ist dies allerdings eher ein Indiz für bereits drastisch reduzierte Bestände der großen Haiarten. Denn es gibt einfach nicht mehr genug von ihnen.

Natürlich müssen Menschen weiterhin vor Haiangriffen geschützt sein. Gleichzeitig aber dürfen Delfine, Haie und andere Meerestiere diesen Schutz nicht länger mit dem Leben bezahlen.
Foto oben: Fiona Ayerst/Marine Photobank