Lone-Ranger-Delfine: Einzelschicksale

Immer wieder kommt es vor, dass Delfine zu Einzelgängern werden und aus freien Stücken die Nähe zu Menschen suchen. 114 solcher Solitärdelfine weltweit dokumentierte die britische Naturschutzorganisation Marine Connection in ihrem Bericht „Lone Rangers“ bislang.

Berühmte Lone-Ranger-Delfine

Manche dieser im Französischen auch Botschafterdelfine genannten Tiere wurden sogar in Büchern verewigt. Etwa JoJo, der sich seit den 1980er-Jahren in den Gewässern der Bahamas aufhält. In „JoJo und ich: Die Geschichte einer tiefen Freundschaft“ erzählt Dean Bernal von seiner Freundschaft zu JoJo. Oder Oline, die von 1994 bis 2004 im Roten Meer unterwegs war: Pascale Noa Bercovitch beschreibt ihre Geschichte in „Das Lächeln des Delfins“.

Auch in jüngster Zeit sorgten manche dieser außergewöhnlichen Tiere für Schlagzeilen. Wie etwa Fungie, der „Ire“, der nach mehr als 25 Jahren im Oktober 2020 aus seinem „Heimathafen“ Dingle verschwand. Oder der „Franzose“ Zafar, der die Bretonen auf Trab hielt und dann in Holland ein trauriges Ende fand.

Aber sogar vor unseren eigenen „Haustür“ häuften sich derartige Besuche von Solitärdelfinen in den vergangenen fünf Jahren: Freddy, Delfie und Selfie, Schwenteeny und Sandy hießen die Stars der Ostsee.

Stars der Ostsee

Lone-Ranger-Delfin Sandy in der Eckernförder Bucht

Der Eckernförder Delfin Sandy gehörte zur Art der Gemeinen (oder Gewöhnlichen) Delfine. Der einzelgängerische Delfin erfreute Einheimische und Touristen fast ein Jahr lang. Foto: © Kai Müsebeck

Erst vor Kurzem starb der gesellige Eckernförder Delfin, den seine Fans Finchen, Sandy oder Lucy nannten. Das Weibchen der Art Gemeiner Delfin (Delphinus delphis) war im Februar 2020 erstmals in der Eckernförder Bucht gesichtet worden. Es hatte eine Boje als seine „Heimat“ auserkoren. Bis auf eine Hauterkrankung wirkte das Tier Medienberichten zufolge recht fidel. Doch dann entdeckte ein Taucher am 27. Januar 2021 den toten Delfinkörper auf dem Meeresgrund nahe „seiner“ Boje.

Die Untersuchungen am Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung in Büsum ergaben jetzt, dass das noch nicht geschlechtsreife, erst etwa sechs Jahre alte Weibchen an einer schweren Lungenentzündung starb. Fremdeinwirkung schließen die Tierärzte aus.

Nicht lange vor Sandy hatte ein männlicher Artgenosse namens Schwenteeny die Menschen im Norden begeistert. Er hielt sich von April bis Juni 2019 in der Kieler Bucht auf, meist im Mündungsbereich der Schwentine – daher auch sein Name. Medienberichten zufolge wurde er am 7. Juni das letzte Mal gesehen. Möglicherweise vertrieb ihn ein am 5. Juni begonnenes NATO-Marinemanöver.

Große Tümmler

Anfang 2016 zeigten sich hier zwei Delfine namens Selfie und Delfie. Da sie gemeinsam umherzogen, gehören sie genau genommen nicht in die Rubrik der geselligen Einzelgänger. Erwähnt werden sollen sie dennoch, da auch sie ohne Scheu mit Menschen interagierten. Ihre Namen hatten sie im Sommer 2015 von schwedischen Fans in Kalmar erhalten, wo sie sich eine Zeitlang aufhielten. Im Januar 2016 erschienen sie bei Rostock, dann – mit Abstechern – in der Flensburger Förde und schließlich in der Kieler Bucht. Danach zogen sie weiter nach Dänemark.

Der männliche Große Tümmler Freddy (mitunter auch Fiete genannt) war zunächst in Dänemark eine Berühmtheit, wo man ihn nach der Hafenstadt Fredericia benannte. Im September 2016 tauchte er in der Kieler Förde auf. Auch hier sprach sich die „tierische Attraktion“ schnell herum, der „Delfintourismus“ boomte. Nach einem kurzen Abstecher in die Holtenauer Schleuse und den Nord-Ostsee-Kanal kehrte Freddy zurück in die Ostsee.

Später verlor sich seine Spur, bis er Anfang 2017 vor der bretonischen Hafenstadt Saint Malo gesichtet wurde, wie sich mittels Fotoidentifizierung (Aufnahmen der Finne) feststellen ließ. In zwei Monaten hatte er rund 2.000 Kilometer zurückgelegt! Er verweilte nur kurz, bevor er die Gegend wieder verließ. Sein derzeitiger Aufenthalt ist unbekannt.

Schweinswal Portrait.

Schweinswale sind die einzigen Cetaceen (Wale und Delfine), die in der Ostsee heimisch sind – Foto: © istock.com/Brendan Hunter

Warum gerade die Ostsee?

Von Irrgästen abgesehen, ist die Ostsee keine Heimat für Delfine. Dass sie in den letzten Jahren dort aber gehäuft auftauchten, könnte mit dem gelegentlichen Einströmen von Nordseewasser in die Ostsee zu tun haben.

So vermuteten Experten vom Institut für Ostseeforschung im Zusammenhang mit Selfie, Delfie und Freddy, dass die Winterstürme 2014 die Meeressäuger in die Ostsee trieben.

Lone-Ranger-Delfine: Menschenflüsterer

Zafar: Reise von Frankreich nach Holland – ohne Happy End

Am 2. Mai 2020 erreichte der Segelfrachter Tres Hombres den niederländischen Hafen IJmuiden – mit ungewöhnlicher „Eskorte“. Ein Großer Tümmler war seit der Bretagne nicht mehr von seiner Seite gewichen. Und er begleitete das Schiff weiter durch die Schleusen hindurch und 20 km landeinwärts bis in den Amsterdamer Suez-Hafen.

Doch der Industriehafen war kein sicheres Umfeld für den Delfin. Und so wurde er mit geeinten Kräften der holländischen Stiftung SOS Dolfijn, der Wasserschutzpolizei und der Tres Hombres wieder ins offene Meer gelockt.

Nach vier Tagen verlor man ihn aus den Augen. Und nach weiteren sieben Tagen wurde ein toter Delfin etwa 3 km nördlich von IJmuiden aufgefunden. Schnell stellte sich heraus, dass es sich um die treue Begleitung der Tres Hombres handelte. Denn wie SOS Dolfijn mittels Fotovergleich zwischenzeitlich herausgefunden hatte, war der Große Tümmler ein „alter Bekannter“: Der „Franzose“ Zafar hielt sich seit 2017 vornehmlich in der Gegend von Brest in der Bretagne auf.

Lone-Ranger-Delfin Zafar aus Frankreich

Boote und Propeller zogen Zafar magisch an. Dies wurde ihm letztlich zum tödlichen Verhängnis. Basierend auf ihren Erlebnissen mit Zafar schrieb die Autorin und Fotografin Sand Arty ein Kinderbuch. Foto mit freundlicher Genehmigung: © Facebookseite Zafar dauphin ambassadeur

Fatal Attraction

Er war, wie Untersuchungen an der Tierärztlichen Fakultät der Uni Utrecht ergaben, an den Folgen eines Zusammenstoßes mit einem Boot gestorben. Seine Fluke fehlte, er wies mehrere Wirbel- und andere Knochenbrüche sowie ausgedehnte Blutungen auf: alles untrügliche Zeichen einer Kollision mit Schiffsrumpf und Schraube.

Das rund 3,00 m große und 290 kg schwere Männchen war erst 14 Jahre alt, wie die Tierärzte anhand von Zahnuntersuchungen feststellten. Es hatte die Geschlechtsreife noch nicht erreicht.

Französischen Medienberichten zufolge war Zafar sehr gesellig und spielfreudig. Allerdings kam es wiederholt zu kritischen Situationen: So musste eine Schwimmerin per Boot gerettet werden, weil er sie daran hinderte, wieder an Land zu gehen. Auch rieb er sich gern an Booten auf dem Meer, sodass diese nicht weiterfahren konnten oder gar zu kentern drohten. Schwimmerinnen näherte er sich auch in offenkundig sexueller Absicht.

Fungie aus Irland

Lone-Ranger-Delfine Fungie aus Irland

Großer Tümmler Fungie mit Besuchern
Foto: © Philip Loos, 2014

Fungie dürfte der bekannteste Lone-Ranger-Delfin in jüngerer Zeit sein. Der über die irischen Landesgrenzen hinaus bekannte männliche Große Tümmler hatte sich 1983 in der Dingle Bay „angesiedelt“. Erst 2019 wurde er als ältester Solitärdelfin ins Guinness-Buch der Weltrekorde aufgenommen. Doch seit Oktober 2020 ist er verschwunden. Ob er tot ist oder weitergezogen, ist unbekannt.

Bootstouren, Souvenirs, Veranstaltungen – in der Hafenstadt Dingle drehte sich alles um diesen einzigartigen Delfin. Sie lebte von Fungie und setzte ihm mit einer Skulptur ein Denkmal.

Bobi aus Kroatien

Auch in Kroatien haben sich die tierischen Einzelgänger schon gezeigt. 2014 erfreute ein auf den Namen Bobi getaufter männlicher Großer Tümmler erstaunte Badende im Kariner Meer, einem Seitenarm der Adria bei Zadar. Immer wieder suchte er gezielt die Nähe zu den Menschen.

Nach einiger Zeit verschwand der, tauchte 2015 dann erneut in der Gegend auf, diesmal im Novigrader Meer. 2016 sichtete man ihn weiter südlich, als er bei Neum Schwimmer „bespielte“. Danach verliert sich seine Spur.

Menschenretter Filippo aus Italien

Lone-Ranger-Delfin Filippo in Manfredonia

Großer Tümmler Filippo in Manfredonia
Foto: © Giovanni Simone

Zu einiger Berühmtheit gelangte der männliche Große Tümmler Filippo an der süditalienischen Adriaküste: Er rettete im Jahr 2000 einen vierzehnjährigen Nichtschwimmer vor dem Ertrinken.

Dieser Solitärdelfin lebte von 1995 bis 2004 im Hafen von Manfredonia. Er war Menschen sehr zugetan und ließ sich von ihnen auch berühren. Morgens begleitete er Fischer- oder Freizeitboote aus dem Hafen und kehrte abends mit ihnen zurück. 2004 fand man ihn leider tot auf. Auch er starb wohl an den Folgen eines Zusammenstoßes mit einem Boot.

JoJo, der Problemdelfin aus der Karibik

Anfang der 1980er-Jahre verschlug es den jungen Dean Bernal als Tauchlehrer auf die Turks- und Caicosinseln in der Karibik (die genau genommen im Atlantik liegen). Es dauerte nicht lang, da schloss er Freundschaft mit einem Delfin, den er auf den Namen JoJo tauft.

Das Tümmlermännchen war als „aggressiv“ verschrien, als „Delfin-Raubein“, das „arglose Schwimmer anfiele“ und auch beißen würde. Dean fand jedoch heraus, dass JoJo sich lediglich gegen aufdringliche Besucher wehrte und dass die Bucht vormals eine Art Stammgebiet für ihn und etwa 15-20 Artgenossen war – bevor die ersten Ferien- und Wasserskianlagen entstanden und die Großen Tümmler vertrieben.

Nur JoJo kehrte immer wieder zurück. Vielleicht weil er bei einem Hurrikan von seiner Mutter getrennt wurde, ebenso wie zwei weitere Jungdelfine, denen jedoch kein langes Leben beschieden war: Der eine starb an den Folgen eines Zusammenstoßes mit einem Boot, der andere war von Einheimischen mit einem Fischspeer getötet worden.

Männerfreundschaft mit einem Lone-Ranger-Delfin?

„Warum JoJo mir Gelegenheit gab, seinen Lebensweg zu teilen, weiß ich bis heute nicht“, erzählt der studierte Zoologe in seinem Buch „JoJo und ich: Die Geschichte einer tiefen Freundschaft“. Es ist eine einzigartige Freundschaft zwischen einem Menschen und einem Delfin. Dean glaubt, dass es sich dabei um eine für Große Tümmler typische „Männerfreundschaft“ handelt, wie sie sich gewöhnlich unter Jungtieren entwickelt und die mitunter ein Leben lang andauern kann.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Geschichte dieser ungewöhnlichen Freundschaft. Immer mehr Touristen reisten an, um den circa 2,50 m großen Meeressäuger selbst hautnah zu erleben. Um ihn besser vor dem Menschenandrang zu schützen, erwirkte Dean, dass JoJo 1989 von der Inselregierung zum nationalen Kulturgut erhoben und ein Großteil seines Lebensraums unter Schutz gestellt wurde. Zur Überwachung seines Wohlergehens stellte die Regierung einen Ranger ab. Zudem ist es seither verboten, den Meeressäuger anzufassen.

Seine Affinität zu Booten wurde JoJo wiederholt zum Verhängnis. Mehr als einmal zog er sich schwere Verletzungen durch Bootspropeller zu.

Oline aus dem Roten Meer

Oline, auch Olin oder Holly, war ein weiblicher Indopazifischer Großer Tümmler (Tursiops aduncus), der von 1994 bis 2004 im Roten Meer bei Nuweiba in Ägypten an der Küste von Sinai lebte. Das Weibchen war eines Tages im Frühjahr 1994 dort aufgetaucht, kam immer regelmäßiger und wurde allmählich zutraulicher.

Buchcover Oline Bercovitch

Pascale Noa Bercovitch erzählt in ihrem Buch die außergewöhnliche Geschichte über die Freundschaft zwischen dem taubstummen Beduinenjungen Abid’allah und Oline.

Insbesondere mit dem taubstummen Beduinenjungen Abid’allah entwickelte Oline eine engere Beziehung. Und für die Forscher des Israeli Marine Mammal Research & Assistance Center (IMMRAC) ergab sich so eine hervorragende Möglichkeit, die Entwicklung eines Lone-Ranger-Delfins und seine Beziehung zu Menschen aus nächster Nähe über mehrere Jahre hinweg zu beobachten.

Oline entwickelte sich rasch zum Publikumsmagneten. Aus aller Welt reisten Delfinfreunde an, um mit ihr zu schwimmen. Doch der Menschenandrang war ihr nicht immer willkommen. Im Laufe der Zeit verhielt sich Oline wiederholt aggressiv gegen Schwimmer, die ihre natürlichen Warnsignale oftmals nicht verstanden. Daher versuchte man, sie durch Regelung der Besucherzahlen besser zu schützen.

Oline hat Nachwuchs

Das Besondere an Olines Geschichte: Sie brachte in ihrer Zeit bei Nuweiba auch Nachwuchs zur Welt. Die beiden 1996 und 1999 geborenen Männchen zog sie in Menschennähe auf. Doch Jimmy und Ramadan starben beide jeweils im Alter von circa sechs Monaten. Die Todesursache konnte von den IMMRAC-Forschern nicht geklärt werden.

Im Oktober 2000 bekam sie dann ihr drittes Junges, ein Weibchen. Diesmal zog sich Oline von den Menschen weiter nach Norden bis vor Eilat (Israel) zurück und bildete mit drei fotoidentifizierten Delfinmännchen eine Gruppe.

Ein viertes Kalb wurde 2004 geboren und starb mit 7 Wochen. Im Dezember 2004 wurde Oline selbst nördlich von Nuweiba tot aufgefunden, die Todesursache ließ sich nicht bestimmen. Sie war nur 18 Jahre alt geworden, wie die Untersuchungen ergaben.

Solitärdelfine erfordern besondere Rücksichtnahme

„Die Beispiele zeigen, wie sehr das Wohlergehen dieser Einzelgänger von unserem eigenen Verhalten abhängt. Je mehr Rücksicht wir alle nehmen, desto länger werden wir uns an ihnen erfreuen können und umso geringer ist die Gefahr von verletzungsträchtigen Situationen für Mensch und Tier“, rät die DSM.

Wale und Delfine: Verhaltenstipps

Titelfoto: Sandy (auch Finchen oder Lucy genannt) war ein Solitärdelfin der Art Gemeiner Delfin (Delphinus delphis). Das Weibchen hielt sich fast ein Jahr lang in der Eckernförder Bucht auf, bis es im Januar 2021 tot aufgefunden wurde.  Die Delfindame war DIE Attraktion der deutschen Ostseeküste, lockte Schwimmer, Taucher und Boote ins Wasser. Kai Müsebeck, der nur zufällig in der Gegend Urlaub machte, gelangen die wunderschönen Aufnahmen von Sandy: „Es war wirklich ein tolles Erlebnis.“ © Kai Müsebeck