Trauernde Orcas bei Genua stammen aus Island

Eine der längsten bisher aufgezeichneten Orca-Wanderungen

Orcas im Mittelmeer! Völlig überraschend tauchten sie Anfang Dezember vor dem Hafen von Genua auf. Vier erwachsene Orcas und ein Jungtier. Normalerweise schwimmen diese Meeressäuger nicht so weit ins Mittelmeer. Italienische Medien berichten, dass die auch Schwertwal genannte größte Delfinart bei Genua zuletzt 1985 gesichtet wurde.

Nur wenige Tage später jedoch war das Jungtier tot. Todesursache unbekannt. Doch die anderen Orcas ließen es nicht zurück, stupsten es immer wieder sanft an die Oberfläche. Das zeigen bewegende Videoaufnahmen der italienischen Küstenwache.

Spätestens jetzt wurden auch Forscher und Fotografen auf das seltene Ereignis aufmerksam. Sogleich gingen sie daran, die trauernden Orcas abzulichten und genauer unter die Lupe zu nehmen. Daher weiß man jetzt, woher die ungewöhnlichen Gäste stammen: aus dem weit entfernten Island.

Ihre Reise von 5.200 km ist eine der längsten bisher aufgezeichneten Orca-Wanderungen.

Isländische Orcaspezialisten erleben die Überraschung ihres Lebens

Orca SN114 "Zena" vor Island und bei Genua.

Orca SN114 “Zena” vor Island und bei Genua – Quelle: Facebookseite Orca Guardians Iceland

Die Spezialisten von Orca Guardians Iceland staunten nicht schlecht, als sie das hochwertige Bildmaterial der trauernden Orcas vor Genua sichteten. Die kennen wir doch?

Im Westislandkatalog der Orca Guardians wurde Marie Mrusczok fündig: SN113 oder „Riptide“, SN114 oder „Zena“ – das Weibchen, dessen Baby verstarb – SN115 oder „Dropi“ und SN116 „Aquamarin“.

Diese vier hatten sich also auf den weiten Weg vom kalten Nordatlantik ins warme Mittelmeer aufgemacht.

Es ist der erste Nachweis überhaupt, dass Orcas zwischen Island und Italien wandern.

Seit Juli 2017 auf Wanderung?

Orca SN116 "Aquamarin" vor Island und bei Genua.

Orca SN116 “Aquamarin” vor Island und bei Genua – Quelle: Facebookseite Orca Guardians Iceland

Die SN113-Gruppe war seit 2014 Stammgast vor Westisland. Zumindest während der isländischen Sommermonate. Wo sie sich im Winter herumtrieben, wusste niemand zu sagen.

Dann, im Juni und Juli 2017, führte „Zena“ (SN114) ein Kalb mit sich. Am 7. Juli 2017 dann verschwand die SN113-Gruppe aus isländischen Gewässern, um jetzt, über zwei Jahre später, wieder vor Genua aufzutauchen.

Orca Guardians Iceland wollen nun versuchen, die ungewöhnliche Migrationsroute zu rekonstruieren. Dabei hoffen sie auf weiteres Bildmaterial.

Orca SN113 "Riptide" vor Island und bei Genua.

Orca SN113 “Riptide” vor Island und bei Genua – Quelle: Facebookseite Orca Guardians Iceland

„Bemerkenswert ist, dass dieses Ergebnis nur durch nichtinvasive Forschung erzielt wurde, mit Daten, die in Westisland an Bord von Láki Tours gesammelt wurden, die hier einen besonderen Dank für ihre jahrelange konstante Unterstützung bei allem, was wir tun, erhalten“ betonen die Orca Guardians.

Informationen und Updates erfolgen über www.facebook.com/orcaguardians. Zusätzlich arbeiten die isländischen Orcaschützer auch an einer ausführlicheren Veröffentlichung.

 

Meerwissen für Schlauberger – Orcas

Der Schwertwal oder Orca (Orcinus orca) ist mit seinen bis zu 10 m Körperlänge und bis zu 9 Tonnen Gewicht das größte Mitglied der Familie der Delfine und gehört zu den am weitesten verbreiteten Säugetieren der Welt. Trotz ihrer Größe sind Orcas schnell. Sehr schnell. Bis zu 55 km/h sollen sie schaffen, wenn es darauf ankommt. Durch ihre riesige, hohe Finne sind sie unverwechselbar und leicht zu erkennen. Bei älteren Männchen kann sie bis zu 1,8 m hoch sein.

Orca mit springendem Baby.

Foto: skeeze/Pixabay

Die großen Delfine sind berühmt für ihren sozialen Zusammenhalt. Sie leben in engen Familienverbänden, auch Pods genannt, die ein Leben lang zusammenbleiben. Miteinander verwandte Pods bilden einen Clan und entwickeln ihren eigenen Dialekt.

Die im Ostpazifik lebenden Orcas werden aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebensraumnutzung in 3 Typen eingeteilt: Residents (ortstreue oder ortsgebundene), Bigg’s Orcas oder „Mammal Eaters“ (wandernde) und Offshores (küstenfern lebend).

Killerwale?

Der immer noch gebräuchliche Ausdruck „Killerwal“ für diese Delfine passt allerhöchstens auf wandernde Orcas. Mit ihren ausgeklügelten Gruppenjagdstrategien erbeuten sie vor allem andere Meeressäuger wie Seehunde, Seeotter, Schweinswale, andere Delfine, Seelöwen, Zwergwale, Grauwal– und sogar Blauwalbabys.

Sie sind die gefährlichsten Jäger der Ozeane. Die anderen Orcagruppen dagegen ernähren sich vornehmlich von Fisch.

Southern Residents

Die aus drei Pods bestehende Population der südlichen ortstreuen Schwertwale (Southern Residents), die vor Washington State (USA) und im südlichen British Columbia (Kanada) lebt, ist mit etwas über 70 Individuen akut vom Aussterben bedroht.

Im Winter?

Doch weder von den Residents noch von den wandernden und schon gar nicht bei den Offshore-Orcas weiß man, wo sie den Winter verbringen. Immerhin sah man Residents im Winter im offenen Nordpazifik, vor Monterey in Kalifornien oder weit nördlich in Südost-Alaska.

Orca-Wanderrouten sind weitgehend rätselhaft. Jetzt hat die isländische SN113-Gruppe eindrucksvoll unter Beweis gestellt, zu welchen Navigationsleistungen diese Delfine in der Lage sind.

Vergiftete Orcas

Orcas in europäischen Gewässern sind hochgradig mit Umweltgiften wie PCB (Polychlorierte Biphenyle) und Quecksilber belastet. Und zwar so stark, wie nirgendwo sonst. PCB führt u.a. zu verringerter Fruchtbarkeit und der Nachwuchs hat dann auch noch mit einer schleichenden Vergiftung zu kämpfen. Im Gegensatz dazu ist bei Orcas, die an den Küsten Nordamerikas leben, die PCB-Belastung wesentlich geringer.

Trauernde Orcas

Im August 2018 zeigten das zu den Southern Residents gehörende Orcaweibchen „Tahlequah“ und ihr Pod ein niemals zuvor beobachtetes Beispiel für gemeinschaftliches Trauerverhalten bei Delfinen.

Mindestens 17 Tage lang schob und stupste die Gruppe das kurz nach der Geburt verstorbene Baby von „Tahlequah“. Die meiste Trauerarbeit (Tragen und Schieben des kleinen Orcakörpers) verrichtete die Mutter. Nach der unglaublichen Strecke von über 1.600 Kilometern überließ sie ihr namenloses Baby seinem nassen Grab.


Foto oben: Dick Martin/unsplash