Pottwal-Todesfalle Nordsee

Der Jahresbeginn 2016 hatte es in sich. 15 Pottwale stranden in der Nordsee zwischen Wangerooge vor Büsum und auf Helgoland. Doch nicht nur in Schleswig-Holstein sterben im Januar und Februar Pottwale. Auch an den Küsten der Niederlande, Großbritanniens, Dänemarks und Frankreichs. Schließlich sind es 30 junge männliche Tiere, denen die Pottwal-Todesfalle Nordsee zum Verhängnis wird. Die spektakulären Strandungen sorgten für große Aufmerksamkeit.

Pottwale waren gesund und gut genährt

Alle Pottwale starben an Herz- und Kreislaufversagen. Es waren mächtige, junge Pottwalbullen. 10 bis 12 Meter lang und 12 bis 18 Tonnen schwer, in gutem Ernährungs- und Gesundheitszustand.

Zwar hatten die Meeressäuger auch jede Menge Plastikmüll verschluckt. Darunter Fischernetze, Plastikabdeckungen aus dem Motorraum eines Ford oder einen kaputten Eimer. Doch daran sind sie nicht gestorben.

Mit einem Kran wird ein Pottwal auf die Plattform am Deich gehoben, auf der die Obduktionen durchgeführt wurden.

Einer der in der Nordsee gestrandeten Pottwale wird auf eine Plattform gehoben. Dort fand dann die Obduktion statt. Foto: Sonja von Brethorst

Auch Parasitenbefall, Infektionen, Schraubenverletzungen oder akustische Traumata im Hörsystem konnten als Todesursache ausgeschlossen werden. Letztere treten z. B. nach Sprengungen von versenkter Altmunition auf. Auch seismische Tests zur Erdgas- und Erdölsuche oder Rammarbeiten für Offshore-Windkraftanlagen erzeugen für Meeressäuger gefährliche bis tödliche Schalldrücke.

Vom eigenen Körpergewicht erdrückt

Tierärzte der Tierärztlichen Hochschule Hannover stellten allgemeines Herz- und Kreislaufversagen als Todesursache fest. Ausgelöst vom Eigengewicht der auf Grund gelaufenen Wale.

Sie folgten der falschen Fährte

Mageninhaltsanalysen erlaubten dann erste Rückschlüsse, warum die Tiere in die Pottwal-Todesfalle Nordsee schwammen.

Laut Kieler Nachrichten fand der Meeresbiologe Uwe Piatkowski vom Geomar-Helmholtz-Zentrum in den Mägen von Pottwalbullen die Reste von rund 55.000 Nordischen Köderkalmaren. Sie leben hauptsächlich im Überwinterungsgebiet der Zahnwale. Das ist die Norwegische See.

Fatale Kettenreaktion

Aufgrund warmer Wassertemperaturen zu Jahresbeginn und starker Stürme vermutet man eine fatale Kettenreaktion. Wassermassen drückten aus der Norwegischen See in die Nordsee. Mitsamt den Kalmaren. Dies war zu verlockend für die  Pottwalbullen. Und so begaben sie sich in tödliche Gefahr.

Generell ist die Nordsee ist kein geeignter Pottwal-Lebensraum. Sie zu flach. In der meist nur 50 bis 100 Meter tiefen Nordsee mit ihrem vielfach sandigen Untergrund haben diese Extremtieftaucher massive Probleme mit ihrem Echoortungssystem. Sie navigieren wie im Blindflug. Außerdem finden sie hier normalerweiese auch nicht genügend Nahrung.

Statt den richtigen Weg aus der Norwegischen See Richtung Azoren zu nehmen, „bogen“ sie falsch ab. Ob sämtliche Irrläufer ihren Nordseeausflug mit den Tod bezahlt haben, ist nicht bekannt. Ziemlich eindeutig dagegen ist, dass einige der Tiere früher oder später gesundheitliche Probleme durch den verschluckten Plastikmüll bekommen hätten.

Gestrandete Nordsee-Pottwale stammten aus zwei Gruppen

Wissenschaftler des Institust für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) sowie Kollegen aus den betroffenen Nachbarländern untersuchten anschließend 24 der 30 gestrandeten Pottwale (Physeter macrocephalus). Dabei stellte sich heraus, dass die Nordsee-Pottwale zu zwei Gruppen unterschiedlicher Herkunft gehörten. Die Ergebnisse der Studie veröffentlichte das Fachmagazin „Scientific Reports“.

Kontaminationsprofile erlauben Rückschlüsse auf die Herkunft

Es ist bekannt, dass sich in den Körpern einzelner Meeressäuger je nach geografischem Lebensraum und Nahrung unterschiedliche Mischungen und Konzentrationen chemischer Schadstoffe ansammeln. Es entstehen sogenannte Kontaminationsprofile. Anhand dieser zogen die Forscher Rückschlüsse auf Herkunft und Gruppenzugehörigkeit der Tiere.

Probenentnahme.

Probenentnahme. Foto: Sonja von Brethorst

Dazu analysierten sie Gewebeproben auf organische Verbindungen und Spurenelementkonzentrationen in Muskeln, Leber, Nieren und Fett.

Dabei stellte sich heraus, dass die jungen Pottwale, die im Januar auf Texel in den Niederlanden, auf Helgoland und vor Büsum strandeten, aus stärker mit organischen Stoffen verschmutzten Gebieten kamen.

„Wahrscheinlich stammten diese Tiere aus südlicheren Regionen und gehörten zur selben Gruppe“, sagt Dr. Joseph Schnitzler (ITAW/TiHo). „Dass wir in den Proben dieser Tiere auch höhere Konzentrationen Arsen nachweisen können, unterstützt unsere Annahme. Arsen findet man vor allen im Bereich geothermisch aktiver Regionen wie den Azoren und vulkanischen Brennpunkten, wie den Kanarischen Inseln und den Kapverden.“

Bei der Gruppe von acht Bullen, die vor Dithmarschen, sowie bei zwei weiteren Tieren, die vor Büsum strandeten, fanden die Forscher hingegen niedrigere Konzentrationen organischer Stoffe und Arsen. Dafür aber höhere Konzentrationen an Zink und Barium.

In Ozeanen gelöstes Zink kommt in Oberflächengewässern nur in sehr geringen Konzentrationen vor. Unterhalb von 1.000 Meter Wassertiefe sind die Konzentrationen jedoch sehr hoch. Nimmt man hinzu, dass Barium ein Indikator für arktische Wassermassen ist, zeigt dies, dass diese Pottwale aus den tieferen nordatlantischen Nahrungsgebieten rund um den norwegischen Schelfrand stammten.

Genetische Analysen deuten auf die Kanaren und den Nordatlantik

Die Obduktionen erforderten zum Teil große Kraftanstrengungen.

Die Obduktionen erforderten zum Teil große Kraftanstrengungen. Foto: Sonja von Brethorst

Genetische Analysen der Forscher deuten ebenfalls auf eine Herkunft aus dem Gebiet der Kanarischen Inseln und dem nördlichen Teil des Atlantiks hin. Sie ermöglichten es zudem, Verwandtschaften aufzudecken.

Kombiniert man toxikologische und genetische Daten erhärtet sich das Ergebnis. Die gestrandeten Pottwale stammten aus zwei Gruppen unterschiedlicher Herkunft.

Eine Gruppe kam von den Kanarischen Inseln. Die andere aus dem nördlichen Teil des Atlantiks.

Das am stärksten ausgeprägte Sozialverhalten aller Großwale

Außer während der Paarungszeit leben erwachsene männliche und weibliche Pottwale in den Weltmeeren getrennt. Gruppenstrukturen, Gruppengrößen und Heimatregionen der weiblichen Gruppen sind bereits relativ gut untersucht. Adulte Weibchen leben mit ihren Jungtieren beiderlei Geschlechts in stabilen Gruppenverbänden. Hauptsächlich in subtropischen Gewässern der niedrigen Breiten.

Junge Männchen dagegen verlassen ihre Gruppe ungefähr im Alter von zehn Jahren. Dann wandern sie allmählich in höhere Breiten mit kälteren Oberflächengewässern. Sie schließen sich zu rein männlichen Junggesellengruppen zusammen. Allerdings weiß man nur sehr wenig über deren Gruppenstruktur.

Abgesehen von diesen Junggesellengruppen werden männliche Pottwale später gewöhnlich einzeln oder gelegentlich in Zweiergruppen gesichtet. Erst in ihren späten zwanziger Jahren kehren die geschlechtsreifen Männchen schließlich in niedrigere Breiten in die Gebiete zurück, in denen die Weibchen leben. Um sich zu paaren.

Originalpublikation
Inter-individual differences in contamination profiles as tracer of social group association in stranded sperm whales
Joseph G. Schnitzler, Marianna Pinzone, Marijke Autenrieth, Abbo van Neer, Lonneke L. IJsseldijk, Jonathan L. Barber, Rob Deaville, Paul Jepson, Andrew Brownlow, Tobias Schaffeld, Jean-Pierre Thomé, Ralph Tiedemann, Krishna Das & Ursula Siebert Scientific Reports, DOI:10.1038/s41598-018-29186-z

Foto oben: Sonja von Brethorst