Seehundjäger

Seehunde standen an deutschen Küsten bereits kurz vor der Ausrottung. Dann, 1974, wurde die Jagd auf die kleinen Robben endlich eingestellt. Unglücklicherweise verblieb die u. a. nach EU-FFH-Richtlinie streng geschützte Art in Deutschland jedoch im Jagdrecht (mit ganzjähriger Schonzeit), gehört damit weiter zu den jagdbaren Tierarten. Im Gegensatz dazu unterliegen Kegelrobben nicht dem Jagdrecht. Doch zuständig für das Management beider Arten und darüber hinaus sämtlicher Meeressäuger sind in Deutschland ausschließlich Seehundjäger oder sogenannte Wattenjagdaufseher. Das ist nicht mehr zeitgemäß.

Was machen Seehundjäger?

Mann hält ein Gewehr im Anschlag.

Foto: Harrison Haines/Pexels

Gemeinsam mit einem echten Seehundjäger konnten Jäger noch bis Ende der 1970er-Jahre für 180 D-Mark ganz legal einen Seehund schießen. Heute sind Seehundjäger speziell geschulte und ausgebildete Hobbyjäger, die aktiv keine Seehunde mehr jagen.

Da Seehunde dem Jagdrecht unterliegen, ist ausschließlich der sogenannte „Jagdausübungsberechtigte“, also der Seehundjäger, zuständig für tote, kranke, verletzte oder in Not geratene Robben – auch für sogenannte Heuler (verwaiste Seehundbabys) oder verlassene Kegelrobbenbabys. Das gilt auch im Nationalpark Wattenmeer.

Darüber hinaus gehören zu ihren Aufgaben auch das Bergen toter Meeressäuger, Kontrollfahrten sowie Informations- und Aufklärungsarbeit.

Richter und Henker in einem

„Zuständig“ heißt demnach auch, eine Entscheidung über Leben und Tod zu treffen und Letzteres durch einen gezielten Pistolenschuss in den Hinterkopf des Tieres direkt zu vollziehen.

Wer sind Seehundjäger?

Anti Wolfsplakat im Nationalpark Wattenmeer.

Ein Nationalpark fest in der Hand der  Ewig-Gestrigen: Anti-Wolfsplakat im Nationalpark Wattenmeer. Foto: Sven Deutschendorf

Seehundjäger sind ehrenamtlich tätig, besitzen einen Jagdschein und müssen sich regelmäßig fortbilden. Im „echten“ Leben haben sie ganz normale Jobs. In Niedersachsen heißen Seehundjäger übrigens Wattenjagdaufseher.

In Schleswig-Holstein erhalten sie für jeden Einsatz eine Pauschale von 45,00 € – auch für das Erschießen eines Tieres. 2018 erschossen die 40 Seehundjäger aus Schleswig-Holstein 658 Seehunde. Den schleswig-holsteinischen Steuerzahler kostete das 29.610,00 €.

Mindestens 690 Seehunde starben dann 2019 durch Kugeln der Seehundjäger – allein an der Küste von Schleswig-Holstein (Angabe eines Sylter Seehundjägers vom Februar 2020).

Die Entscheidung der Seehundjäger

Die Entscheidung, ein Tier zu töten, trägt in sich eine hohe moralische Verantwortung, Respekt vor dem Leben und veterinärmedizinischen Sachverstand. Es liegt in der Natur der Sache, dass Jägern „Todesurteile“ leichter von der Hand gehen. Kein Wunder, dass die Tätigkeit der Seehundjäger ständiger Konfliktherd ist – nicht nur wegen der heutzutage unpassenden Bezeichnung.

Sylt: Friedhof der Kuscheltiere

Da auf Sylt besonders viele verletzte, kranke oder verlassene Seehund- und Kegelrobbenbabys erschossen werden (müssen?), kam die Insel bereits in den zweifelhaften Ruf eines Friedhofs der Kuscheltiere.

Warum gibt es heute noch Seehundjäger?

Seit vielen Jahrzehnten versteht es die gut organisierte und politisch bestens vernetzte Jagdlobby zu verhindern, dass Seehunde aus dem Jagdrecht gestrichen werden.

Mehrere Jäger gehen durch Graslandschaft.

Foto: Jacqueline Macou/Pixabay

Mit Abstand prominentester Vertreter dieser Interessengruppe ist der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Ministerpräsident von Schleswig-Holstein (2005 bis 2012) Peter Harry Carstensen (CDU). Der gebürtige Nordstränder bekennt sich seit frühester Jugend als leidenschaftlicher Jäger.

Auch der ehemalige Umweltminister von Schleswig-Holstein und heutige Vorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Robert Habeck, wollte dieses politisch heiße Eisen nicht anfassen. „Wir haben die Pflicht, den Seehunden gute Lebensbedingungen zu schaffen. Aber genauso haben wir die Pflicht, todkranken Tieren unnötige Leiden zu ersparen. Keinem Seehundjäger fällt es dabei leicht, Seehunde zu töten, denn sie lieben diese Tiere und engagieren sich ehrenamtlich und mit großem Einsatz für sie. Aber es gehört auch zu ihrer Verantwortung, die kränksten Seehunde von ihren Leiden zu erlösen“, verkündete Habeck in einer Presseerklärung seines Ministeriums im Februar 2014.

Fachleute unerwünscht

Seehundbaby in einer Aufzuchtstation.

Foto: Insa Osterhagen/Pixabay

Aufgrund der nicht mehr zeitgemäßen Gesetzeslage wird selbst Tierärzten weitestgehend die Kompetenz entzogen, im Falle eines Falles einschreiten oder entscheiden zu dürfen:
Tierärzte dürfen einem Seehund nur dann selbst helfen, wenn ihr tierärztliches Eingreifen umgehend erforderlich ist, sie sind jedoch verpflichtet, umgehend einen Seehundjäger zu benachrichtigen. Aufgrund der spezifischen Anforderungen der Seehunde an Ernährung, Pflege und Betreuung, die dem Ziel der Gesundung und Wiederauswilderung gerecht werden müssen, ist eine länger anhaltende sachgerechte Pflege der Seehunde durch Tierärzte nicht möglich. Deshalb müssen aufgefundene Tiere innerhalb von 24 Stunden an den Seehundjäger oder die Seehundstation Friedrichskoog abgegeben werden. Im Ausnahmefall kann die 24h-Frist überschritten werden, wenn ein Tier noch nicht transportfähig ist.
aus: Antwort der Landesregierung – Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume auf eine Kleine Anfrage des Abgeordneten Patrick Breyer (PIRATEN) – SCHLESWIG-HOLSTEINISCHER LANDTAG Drucksache 18/5449 18. Wahlperiode 2017-06-01

Wie ginge es besser?

Schild Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer.

Foto: Frauke Feind/Pixabay

Seehundjäger oder Wattenjagdaufseher sind der Dreh- und Angelpunkt im Management der deutschen Robbenpopulationen. Doch ist das noch zeitgemäß?

Sicherlich leisten viele von ihnen wichtige Arbeit. Niemand kann wollen, dass ein Lebewesen, wenn es unheilbar krank oder schwer verletzt ist, unnötig weiter leidet. Dennoch finden nicht nur wir, dass hier zu schnell und zu viel erschossen wird.

Unverständlich ist, warum das Robben-Management in Deutschland ausschließlich Hobbyjägern vorbehalten ist. Es hängt wohl auch mit dem alten Gewohnheitsrecht der friesischen Seehundjagd zusammen.

Besser wäre eine professionelle „Robben Task Force“, der z. B. auch Ranger, Veterinäre oder Wildtierbiologen angehören könnten.

Hierzu gibt es derzeit auch die wichtige Petition „Tierärzten muss es erlaubt sein, verletzte und kranke Robben zu retten!“ auf change.org, gestartet von der Schauspielerin Janina Fautz und Janine Bahr-van Gemmert (Tierärztin im Robbenzentrum Föhr):

JETZT ABSTIMMEN!

Es ist ein moralischer Imperativ, zumindest zu versuchen, in Not geratenen Wildtieren zu helfen. Es ist unsere Verantwortung. Und die finale Entscheidung, der Tod des Tieres, sollte dabei veterinärmedizinisch ausgebildeten Fachleuten vorbehalten sein.

Warum gibt es in Deutschland kein Meeressäuger-Rettungsnetzwerk?

Delfin Rettungsfloss.

Derartige Rettungsflöße für gestrandete Delfine und kleinere Wale sind Standard bei den Rettungsnetzwerken in Großbritannien

Meeressäugetiere weisen eine vergleichsweise hohe Jungensterblichkeit auf. Das ist normal. Auch für den Populationserhalt spielt die Rettung verwaister oder verletzter Seehunde in Deutschland derzeit keine Rolle. Ganz anders sieht das schon bei Kegelrobben aus.

Doch auch für Seehunde kann sich die Lage im Falle des Ausbruchs einer weiteren Seehundseuche, plötzlicher Nahrungsverknappung durch Überfischung, einem massiven Fischsterben oder durch Umweltverschmutzung schlagartig ändern.

Aus unserer Sicht sind eine Abkehr vom Antiquierten und die Einrichtung eines professionell organisierten und ausgerüsteten Meeressäuger-Rettungsnetzwerkes in Deutschland dringend geboten

Denn es geht ja auch um Schweinswale und vielleicht bald auch den ein oder anderen Delfin. Selbst Großwale tauchen hin und wieder an Deutschlands Küsten auf. Und was ist dann?

Systemversagen: Einzelgängerdelfine in der Ostsee

Wie schlecht das deutsche Meeressäuger-Management aufgestellt ist, spiegelt sich nicht nur in der großen Zahl von Seehundjägern erschossenen Seehunden und Kegelrobben wider. Auf außergewöhnliche Vorkommnisse ist man weder vorbereitet, noch weiß damit umzugehen.

Jüngstes Beispiel hierfür ist der tragische Tod des Einzelgängerdelfins „Sandy“ in der Ostsee. Ostern 2020 tauchte der etwa sechs Jahre alte, noch nicht geschlechtsreife weibliche Gemeine Delfin in der Eckernförder Bucht auf. Dabei entwickelte er eine starke Objektfixierung auf eine etwa 100 bis 150 Meter vor dem Hemmelmarker Strand schwimmenden Markierungsboje.

Mit der Zeit begann der an multiplen Hautkrankheiten leidende Delfin, Menschen als Sozialkontakte zu akzeptieren und sogar zu suchen. Dabei schwamm er auch auf sie zu und ließ sich streicheln.

Schnell entstand ein völlig ungeregelter Massentourismus. Appelle von besorgten Bürgerinnen und Bürgern oder Meeresschutzorganisationen, Schutzmaßnahmen zu etablieren, verhallten bei den zuständigen Stellen. Ende Januar 2021 starb der schwer kranke Delfin.

Foto oben: Thorsten Sturm/Pixabay

Weitere Informationen

Bitte unterstützen Sie die von Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert und Schauspielerin Janina Fautz ins Leben gerufene Petition auf change.org:
📣 „Tierärzten muss es erlaubt sein, verletzte und kranke Robben zu retten!“

Fragen und Antworten zum Thema Seehunde, Bestand und Management in Schleswig-Holstein

Seehundberichte – Schleswig-Holstein

Richtlinie zur Behandlung von erkrankt, geschwächt oder verlassen aufgefundenen Robben