Wenn ein Großer geht

MSC-Fischlabel mitverantwortlich für Niedergang der letzten Nordatlantischen Glattwale!

Es war gegen drei Uhr nachmittags an diesem 16. September 2019 als die Atlantic Marine Conservation Society (AMSEAS) einen Anruf wegen eines toten Wals erhielt. Etwa 6 Kilometer südlich vor Long Island (New York) soll er im Meer treiben. Gemeinsam mit Mitarbeitern der Fischereiabteilung der US-amerikanischen Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA Fisheries machte man sich sofort daran, den toten Meeressäuger zu bergen. Denn das letzte, was die Biologen und Meeressäugerspezialisten für den gestorbenen Riesen tun konnten, war, festzustellen, warum er sterben musste. Was sie dabei herausfanden, löste bei allen Beteiligten tiefe Betroffenheit aus.

Einer der letzten seiner Art

Zeichnung Nordkaper von NOAA Fisheries.

Grafik: NOAA Fisheries

Ainsley Smith, Strandungskoordinatorin für den Großraum Atlantik, genügte ein kurzer Blick auf die ersten Fotos: „Die sehen für mich wie paddelförmige Flipper aus.“ Damit war allen klar, dass sie einen der letzten von vielleicht noch 400 lebenden Nordatlantischen Glattwalen (Eubalaena glacialis), auch Nordkaper genannt, bergen mussten.

Es war der erste Todesfall dieser akut vom Aussterben bedrohten Bartenwalart in US-Gewässern in diesem Jahr. Und das zu einer Zeit erheblicher Kontroversen über noch nicht verabschiedete Einschränkungen für die Fischerei. Dabei geht es darum, das Verheddern der Wale in Befestigungsleinen von Hummerreusen und anderen Fanggeräten zu verhindern.

Es war „Snake Eyes“

Ein Nordatalantischer Glattwal oder Nordkaper. Foto: NOAA Fisheries

Glattwale gehen es gemütlich an. Beim Verzehr ihrer Lieblingsmahlzeit, winzigen Ruderfußkrebsen, sperren sie ihr Maul einfach weit auf und schwimmen ganz gemächlich hindurch. Dabei sieben sie die Krebschen mit ihren Barten aus dem Wasser. Foto: NOAA Fisherires

Nach der nicht ganz einfachen Bergung des Walkörpers untersuchte ihn ein Team von siebzehn Wissenschaftlern und ausgebildeten Freiwilligen unter der Leitung von AMSEAS etwa 5 Stunden lang. Anschließend wurde der Wal begraben. Sie arbeiteten sehr gründlich.

Schnell identifizierten die Experten den toten Wal als „Snake Eyes, Katalog #1226“. Ihn konnte man leicht an zwei leuchtend weißen Narben auf der Vorderseite seines Kopfes erkennen. Das sah aus, als hätte er ein zusätzliches Paar sehr großer Augen.

US-Biologen kannten „Snake Eyes“ gut. Seit vielen Jahren ist man sich immer wieder begegnet, zuletzt am 6. August 2019 im Sankt-Lorenz-Golf.

Er soll nur etwa 40 Jahre alt geworden sein, war also noch im „besten Alter“. Denn die bis zu 80 Tonnen schweren Giganten können gut und gerne über 70 Jahre alt werden. Doch das gelingt kaum noch einem. Obwohl sie streng geschützt sind. Obwohl sie seit vielen Jahren nicht mehr bejagt werden.

Todesursache: Befestigungsleinen von Hummerreusen

Der vier Wochen später vorliegende Nekropsiebericht schließt eine Schiffskollision oder eine Krankheit als Todesursache aus. Nein, wieder einmal musste ein Nordkaper die Begegnung mit Befestigungsleinen von Hummerfallen mit dem Leben bezahlen.

Nordatlantischer Glattwal wird von Fischereigerät befreit.

Das Campobello-Walrettungsteam entfernt Befestigungsleinen von Hummerreusen und Angelschnüre, in denen sich ein 5-jähriger Nordkaper verheddert hat; Sankt-Lorenz-Golf, Kanada, 11. Juli 2019. Foto: NOAA Fisheries

Mit den reißfesten Leinen befestigen Hummerfischer ihre am Meeresgrund ausgelegten Fanggeräte mit an der Meeresoberfläche dümpelnden Bojen.

Da Nordkaper mit Vorliebe sehr nah an der nordamerikanischen Küste entlangwandern, treffen sie fast zwangsläufig auf die für sie nicht gut erkennbaren Seile. Das ist fatal. Die großen Tiere verheddern sich. Sie winden und sie drehen sich. Doch allzu oft gelingt es ihnen nicht, sich zu befreien.

Ein Martyrium beginnt: Über Wochen und Monate schleppt so ein verhedderter Nordkaper Leine, Hummerfalle und Boje hinter sich her.

Immer tiefer schneiden sich die Leinen ins Fleisch. Immer schwerer wird es, voranzukommen, Nahrung aufzunehmen, abzutauchen. Es ist eine einzige Qual.

Falls der Wal nicht Glück hat, von einem der mobilen US-Walrettungsteams gefunden und von den Leinen befreit zu werden, kommt der Tod schließlich als Erlösung. Das also war „Snake Eyes“ Schicksal.

MSC-Fischsiegel für waltödliche Fischereien?

Lassen Sie uns gemeinsam das sinnlose Sterben in unseren Meeren beenden: Das MSC-Siegel muss halten, was es verspricht.

Flyer als PDF-Download: „Was Sie sehen – Was Sie nicht sehen“ : MSC-zertifizierte Fischereien auf Eismeerkrabben und Hummer

Trotz der bekannten Gefahr, die von der Fallen- und Reusenfischerei auf Eismeerkrabben und Hummer an der Ostküste Kanadas und der USA für die letzten Nordatlantischen Glattwale ausgeht, erhielten sieben derartige Fischereien das begehrte MSC-Fischlabel. Es steht für angeblich nachhaltige Fischerei.

Doch MSC-Richtlinien verlangen nicht einmal eine Kennzeichnung der Fangeinrichtungen. Daher lassen sich Leinen, in denen sich ein Wal verfangen hat, nicht zurückverfolgen.

Gar keine Rolle bei der MSC-Zertifizierung dieser Fallen- und Reusenfischereien spielen alternative Befestigungsmethoden, die Walen keinen Schaden zufügen. Das Aussterben der letzten Nordatlantischen Glattwale interessiert nicht.

„Snake Eyes“ war einer der letzten seiner Art. Gestorben wegen der unstillbaren Gier der Menschen nach immer mehr und immer billigeren Fischprodukten.

 

 

 

Meerwissen für Schlauberger – Die „richtigen“ Wale

Einst waren Glattwale die bevorzugte Beute von Walfängern. Denn als Küstenbewohner und mit Reisegeschwindigkeiten von etwa acht Kilometern pro Stunde sehr langsamer Schwimmer war diese Art besonders leicht zu erlegen – daher auch der englische Name „right whale“, der richtige Wal zum Töten!

Grafik Right Whale Dynamic Management Area (DMA) von NOAA Fisheries.

Vor der US-Küste gibt es für Schiffe von über 20 m Länge zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Regionen Langsamfahr- oder Umfahrensgebote. Damit sollen Kollisionen mit Nordkapern vermieden werden. Dennoch gelingt es nicht, dass sich der Bestand vermehrt. Quelle: NOAA

Zudem gehen sie nicht unter, wenn sie tot sind. Denn bei Glattwalen macht die bei Walfängern begehrte Speckschicht rund 40 Prozent des Körpergewichts aus – das schafft kaum eine andere Walart.

Nachdem sie nahezu ausgerottet waren, stellte man sie bereits 1937 unter Schutz. Doch einige Walfangländer, wie Japan und Russland, kümmerte das wenig. Sie machten noch bis in die 1960er-Jahre illegal weiter.

2018 kam nicht ein einziger Nordatlantischer Glattwal zur Welt. Dagegen weiß man für den Zeitraum Juni 2017 bis 2019 von mindestens 30 toten Walen in US- und kanadischen Gewässern.

Das sind derart viele, dass NOAA Fisheries offiziell ein „unusual mortality event“ ausrief, eine Art Notstand aufgrund einer ungewöhnlich hohen Anzahl von Todesfällen in einer Meeressäugerpopulation, der unmittelbare Maßnahmen erfordert.

Neben dem Atlantischen Nordkaper gibt es zwei weitere Glattwalarten: den Südkaper (Eubalaena australis) und den Pazifischen Nordkaper (Eubalaena japonica).

Um Letzteren ist es ähnlich schlimm bestellt wie mit seinem atlantischen Cousin. Einst im Nordwest- und Nordostpazifik verbreitet, ist er heute nur noch im Ochotskischen Meer und im östlichen Beringmeer zu sehen.

Der Südkaper bewohnt die Meere der Südhalbkugel bis ca. zum 55. Breitengrad. Mit rund 7.000 bis 10.000 Tieren bildet er die größte Population der drei Arten.

 

Dem Untergang geweiht: Nordatlantische Glattwale

Grafik: Nordkaper "population in decline" von NOAA Fisheries.

Grafik: NOAA Fisheries