Überleben zwischen Wasser und Land

Meeresschildkröten:  Seit über 250 Millionen Jahren, weit vor der Zeit der Saurier, leben sie in den Weltmeeren fast unverändert in Form und Aussehen

– Gemeinsam mit Salzwasserkrokodilen, Meeresschlangen und den Galapagos-Meerechsen gehören Meeresschildkröten heute zu den einzigen Reptilien, die im Salzwasser leben. Sie kommen weltweit in tropischen und temperierten Gewässern vor. Doch die meisten Arten, bis auf die Lederschildkröte und einige Bastardschildkröten, bevorzugen seichte Küstengewässer. Aber alle schwimmen extrem weite Strecken von ihren Nahrungsgründen zu ihren Niststränden.

Heute sind die sieben noch existierenden Arten vom Aussterben bedroht: Suppenschildkröte (Chelonia mydas), Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata), Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta), Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea), Atlantische Bastardschildkröte (Lepidochelys kempii), Lederschildkröte (Dermochelys coriacea) und die Australische Suppenschildkröte (Natator depressus).

Navigationskünstler mit körpereigenem Kompass

Meeresschildkröten stammen von Land- beziehungsweise Süßwasserschildkröten ab, die sich dem Lebensraum Meer angepasst haben. Ihre Vorderextremitäten sind zu langen Paddelflossen umgeformt. Damit können sie ausgezeichnet schwimmen und tauchen.

Unechte Karettschildkröte.

Unechte Karettschildkröte

Sie fressen Quallen, Algen, Muscheln, Kerbtiere, Seegras und manchmal meist kranke Fische. Nur noch zur Eiablage kommen die dann recht schwerfällig wirkenden weiblichen Panzerträger nach etwa 15 Jahren im Meer alle zwei bis drei Jahre an Land.

Noch aus Entfernungen von über 13.000 Kilometern finden diese Reptilien exakt den Strand, an dem sie einst das Licht der Welt erblickten. Sie kommen immer nach Einbruch der Dunkelheit. Ihre Spuren gleichen denen eines Kettenfahrzeugs im Sand. Daher sind sie leicht auszumachen.

Wahrscheinlich orientieren sich die tapferen Langstreckenschwimmer mit einem körpereigenen Kompass anhand des Magnetfelds der Erde auf einem Weg, der ihnen von Geburt an bekannt ist.

Überleben zwischen Wasser und Land: Eine unbeschwerte Kindheit sieht anders aus

Ist ein günstiger Platz für das Nest gefunden, gräbt das Weibchen mit den hinteren Flossen eine etwa 60 cm tiefe, kreisrunde Legehöhle mit einem Durchmesser von etwa 15 cm. Anschließend beginnt sofort die Eiablage. Binnen 30 Minuten legt sie zwischen 50 und 200 weichschalige tischtennisballgroße Eier. Dann schaufelt sie die Höhle mit den hinteren Flossen zu. Anschließend kehrt sie ins Meer zurück.

Die Jungen, deren Geschlechterbildung über die Temperatur im Nest erfolgt, werden von der Sonne ausgebrütet. Bei 28 Grad Celsius schlüpfen nur männliche Tiere. Bei etwa 32 Grad nur weibliche. Dann, nach 45 bis 70 Tagen, graben sich die Minischildkröten aus ihrem wohltemperierten dunklen Brutkasten. In großer Eile krabbeln sie, wie von einer inneren Uhr gesteuert, schnurstracks auf den hellsten Horizont, den Ozean, zu. Es ist ein Wettlauf mit dem Tod.

Tote Lederschildkröte, Opfer der Langleinenfischerei.

Tote Lederschildkröte, Opfer der Langleinenfischerei
Foto: Projeto Tamar Brazil/Marine Photobank

Befinden sich Lichtquellen von Hotels, Restaurants oder Straßen in der Nähe, die heller als das Meer sind, steuern sie diese an. Dann finden sie nicht mehr den Weg ins Meer. Gierig stürzen sich Krabben und Möwen auf die frisch Geschlüpften. Nur wer schnell ist und Glück hat, erreicht das Wasser. Doch dort lauern weitere Gefahren. Junge Schildkröten sind bei Raubfischen eine beliebte und leicht zu fangende Beute. Man schätzt, dass lediglich eines von 1.000 beziehungsweise 0,5 % aller geschlüpften Schildkrötenbabys das fortpflanzungsfähige Alter erreichen.

Gefährdete Riesen: Lederschildkröten

Das größte Meeresreptil der Welt ist die Lederschildkröte. Sie wird über 700 Kilogramm schwer bei einer Panzerlänge von bis zu 2,5 Metern. Lederschildkröten können über 800 Meter tief tauchen. Die Art gilt insgesamt als gefährdet, einige Subpopulationen sind jedoch vom Aussterben bedroht.

In manchen Ländern, wie etwa Indonesien, wird das eigentlich als ungenießbar geltende Fleisch gegessen. Auch die Eier sind ein begehrtes Nahrungsmittel.

Vorbei sind die Zeiten, als der Mensch eine besondere Beziehung hatte zu den Reptilien, die im Salzwasser leben

Bereits in der frühen Steinzeit wurden Meeresschildkröten kultisch verehrt. In vielen Sagen, z. B. in der griechischen Lyra spielt die Schildkröte eine wichtige Rolle. Die Griechen verehrten sie in der Antike als göttliche Tiere. Sie bildeten auf der ersten Münze von Ägina rund 600 v. Chr. eine Meeresschildkröte ab. Aber heute verbauen sie die Niststrände mit Hotelanlagen. In Bali werden sie religiös verehrt und sind Wappentier.

Trotz dieser langen Verbundenheit wissen wir insgesamt immer noch sehr wenig über Verhalten und Biologie der Weitschwimmer. Wo genau halten sich die Meeresreptilien während ihrer langen Wanderungen auf? Wie alt werden sie? Wie finden Männchen und Weibchen in den Weiten der Ozeane zueinander? Doch es besteht die akute Gefahr, dass sich dieses Wissensdefizit nicht wirklich wird beheben lassen.

Überleben zwischen Wasser und Land: Fast scheinen die Gefahren zu vielfältig

Meeresschildkröten sterben weltweit zu Zehntausenden als Fleischlieferanten. Allein in Bali wurden noch vor einigen Jahren bis zu 30.000 Suppenschildkröten jährlich geschlachtet. Denn das aus der obersten Panzerschicht gewonnene Schildpatt einer Karettschildkröte kann auf dem Weltmarkt etwa 5.000 Euro pro Kilogramm einbringen.

Zwei junge Unechte Karettschildkröten.

Unechte Karettschildkröten

Hilflos ertrinken sie als Lungenatmer in Fischernetzen oder verenden an den Hunderttausenden von Köderhaken der Langleinenfischerei. Nester werden wegen der als Delikatesse oder Potenzmittel beliebten Eier geplündert.

Zusätzliche Gefahren lauern in der zunehmenden Verschmutzung der Ozeane. Meeresschildkröten vergiften sich in Ölteppichen. Sie verschlucken herumtreibende Plastiktüten, die sie irrtümlich für Quallen halten.

Andere wiederum werden durch Schiffsschrauben grausam verstümmelt. So im indischen Orissa, wo sich jedes Jahr fast 700.000 Meeresschildkröten den Strand hinaufschleppen. In einer Brutsaison finden hier schätzungsweise 20.000 verletzte Tiere den Tod. Orissa, der größte Nistplatz dieser Reptilien, ist heute zugleich ihr größter Friedhof.

Die Meeresreptilien scheinen aus der Zeit zu fallen …