Vaquita: Letzte Hoffnung

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Der Vaquita (Phocoena sinus), auch Kalifornischer Schweinswal bzw. Kalifornischer oder Pazifischer Hafenschweinswal genannt, ist nicht nur der seltenste Meeressäuger. Er beansprucht zudem den kleinsten Lebensraum aller Wal- und Delfinarten. Dass es die scheuen Schweinswale überhaupt noch gibt, grenzt an ein Wunder. Wissenschaftler aus den USA und Mexiko hatten für 2021 mit dem Aussterben der Art gerechnet. Zwar sank der Bestand der Vaquitas im Golf von Kalifornien (Baja California) letztes Jahr erneut und lag Mitte 2022 nach Angaben der Fischereiabteilung der Wetter- und Ozeanografiebehörde der Vereinigten Staaten (NOAA Fisheries) bei sieben bis acht erwachsenen Exemplaren. Doch selbst dieser Restbestand verblüfft die Fachwelt. Denn nach wie vor gibt es im winzigen Lebensraum der Vaquitas viel illegale Fischerei.

Überlebenskünstler Kalifornischer Schweinswal

Untersuchungen zeigen zudem, dass die verbliebenen Vaquitas gesund sind und sich weiterhin vermehren. Sowohl 2019 als auch 2021 wurden Kälber gesichtet. Wissenschaftler der NOAA sehen einen Hoffnungsschimmer, dass die Art überleben kann. Man vermutet, dass erwachsene Tiere gelernt haben könnten, Fischernetze zu meiden. Allerdings betonen die Forscher auch, dass der einzige Weg, um den Vaquita langfristig vor dem Artentod zu retten, darin besteht, dass keinerlei Stellnetze mehr im Lebensraum der kleinen Schweinswale ausgebracht werden.

Ein Vaquita (Kalifornischer Schweinswal) im Golf von Kalifornien.

Ein Vaquita (Kalifornischer Schweinswal) im Golf von Kalifornien. Foto: Paula Olson/NOAA

„Trotz aller Widrigkeiten haben wir noch eine letzte Chance, den Vaquita zu retten“, meint Barbara Taylor, Forscherin am Southwest Fisheries Science Center von NOAA Fisheries und Mitautorin der Studie More vaquita porpoises survive than expected. „Gib diesen Tieren eine Chance und sie können überleben!“

International Save the Vaquita Day am 20. August 2022

Mit dem International Save the Vaquita Day am 20. August machen weltweit Meeresschutzorganisationen auf die prekäre Situation des seltensten Meeressäugetiers aufmerksam und bieten zahlreiche Veranstaltungen an. Zudem rufen die Organisatoren dazu auf, die Petition Save Mexico’s Vaquita Porpoise from Imminent Extinction! auf change.org zu unterzeichnen. Über 311.000 Menschen haben bereits unterschrieben!

Petition auf change.org

Save Mexico’s Vaquita Porpoise from Imminent Extinction!

Artensteckbrief Vaquita

Wo leben Vaquitas?

Vaquitas gibt es ausschließlich im Nordzipfel des Golfs von Kalifornien. Sie haben den kleinsten Lebensraum aller Meeressäuger. Er entspricht etwa einem Viertel der Größe von Los Angeles. Entdeckt wurde die auch als Kalifornischer Schweinswal bzw. Kalifornischer oder Pazifischer Hafenschweinswal bezeichnete Art erst 1958.

Wie viele Vaquitas gibt es noch?

Seit der Jahrtausendwende nahm ihr Bestand rasant ab: Von 567 Tieren 1997 über 245 im Jahr 2008, bis im November 2016 noch rund 30 Vaquitas übrig waren. 2022 markiert mit sieben bis acht lebenden Exemplaren den bisherigen Tiefpunkt für die Art.

Warum ist der Vaquita vom Aussterben bedroht?

Ursache für das Aussterben der Vaquitas sind illegale Stellnetze. Diese können die kleine Schweinswalen nicht orten. Sie verfangen sich in den dünnen Netzen und sterben. Dabei sind Vaquitas nur Beifang. Denn die Fischer haben es nicht auf die Meeressäuger, sondern auf die Schwimmblasen von Totoabas (Totoaba macdonaldi) abgesehen. Der Totoaba ist ein über 2 m großer und über 100 kg schwerer Umberfisch. Auch er ist vom Aussterben bedroht. Seine große Schwimmblase wird ihm zum Verhängnis. Sie gilt als Heilmittel und Aphrodisiakum in der traditionellen chinesischen Medizin.

Bis zu 100.000 Dollar kostet 1 kg Totoaba-Schwimmblase auf dem chinesischen Schwarzmarkt. In das lukrative Geschäft sollen laut dem mexikanischen Nachrichtenportal Reporte Indigo inzwischen auch mexikanische Drogenbanden verwickelt sein. Daher bezeichnet man Totoaba-Schwimmblasen auch als „Kokain des Meeres“.

Wie sehen sie aus?

Vaquitas sind kräftige, mit maximal 1,5 m recht kleine Schweinswale mit kleinen, breiten Flippern und dreieckiger Finne. Charakteristisch sind die mit einem schwarzen Fleck umrandeten Augen. Dieser Gesichtszeichnung verdanken sie den Namen „Panda der Meere“.

Wie alt wird ein Vaquita?

Genau weiß man das nicht. Wahrscheinlich werden Vaquitas nicht viel älter als 20 Jahre.

Halbherzige Schutzbemühungen für Kalifornische Schweinswale

Obwohl erste Schutzbemühungen ins Jahr 1993 zurückreichen, scheiterten diese an mangelnder Umsetzung. Damals rief Mexiko den Lebensraum der beiden endemischen Arten Vaquita und Totoaba zum Biosphärenreservat aus. Drei Jahre später trat ein Rettungsplan in Kraft. 2005 dann örtlich begrenzte Fischereiverbote. 2014 ein zweijähriges Stellnetzverbot.

Vaquita oder Kalifornischer Schweinswal mit Stellnetzfischerbooten.

Keine Chance hat der kleine Vaquita (im Bild unten) gegen die Stellnetzfischer, die in seinem Lebensraum operieren. Foto: Paula Olson, NOAA, public domain

Gleichzeitig stellte die Regierung 74 Millionen US-Dollar als Ausgleichszahlungen an die Fischer bereit. Doch all das half nichts. Denn vielfach floss das Geld in neue Boote und Motoren. Folglich nahm der Fischereidruck weiter zu. Zwar ist die Stellnetzfischerei seit Juni 2017 endgültig verboten. Doch ohne konsequente Kontrollen und Strafen blieb dies weitgehend wirkungslos.

VaquitaCPR: Verzweifelte Rettungsaktion für die letzten Vaquitas

Im Herbst 2017 starteten über 90 internationale Wissenschaftler eine Rettungsaktion, um das Aussterben der Art zu verhindern. Unter Leitung des mexikanischen Umweltministeriums (SEMARNAT) und mit Unterstützung mehrerer Zoos und Aquarien, unter anderem SeaWorld und der Tiergarten Nürnberg, wurde das Projekt VaquitaCPR (Conservation Program Plan for Critically Endangered Vaquitas in the Upper Gulf of California) ins Leben gerufen. Ziel war es, die damals noch etwa 30 verblieben Kalifornischen Schweinswale mit Hilfe von Ortungsgeräten und vier Großen Tümmlern der US-Navy aus San Diego, die auf das Aufspüren von Meeressäugern dressiert sind, einzufangen und in ein Meeresgehege vor San Felipe umzusiedeln. Dort sollten Vaquiatas in Sicherheit leben und sich vermehren. Bis eines fernen Tages die Gefahren in ihrem natürlichen Lebensraum gebannt wären und sie wieder in die Freiheit entlassen werden könnten …

Trotz geballter wisschenschaftlicher Expertise endete VaquitaCPR in einem Desaster.

Vaquitaweibchen stirbt, Schicksal eines Jungtiers ungewiss

Eine Woche nach Beginn der Aktion am 12. Oktober 2017 gelang es, ein jungen, etwa sechs Monate alten weiblichen Kalifornischen Schweinswal einzufangen und in einen vorbereiteten Schwimmkäfig zu setzen. Jedoch geriet das junge Weibchen in extreme Panik. Sicherheitshalber ließ man sie wieder frei. Dennoch bejubelten die Forscher dies als geschichteschreibenden Erfolg. Denn erstmals war es gelungen, einen der scheuen Wale zu fangen. Ob der kleine Vaquita die Prozedur und die Trennung von der Mutter überlebt hat, ist unbekannt.

Beim zweiten Versuch kam es noch schlimmer. Das dabei eingefangene, geschlechtsreife Weibchen zeigte ebenfalls starke Stress-Symptome. Noch bevor man es wieder in die Freiheit entlassen konnte, starb es unter den Händen der Tierärzte. Drei Stunden lang versuchten sie, es zu reanimieren. Vergeblich. Daraufhin stellte VaquitaCPR weitere Fangoperationen ein.

Titelfoto: © Paula Olson/NOAA/public domain


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